Iran­kon­flikt treibt den Öl­preis

Roh­öl­preis in ge­fähr­li­che Hö­hen – An­ge­bots­ri­si­ken auch in an­de­ren Län­dern – Nur De­mand De­struc­tion kann Prei­sen Ein­halt ge­bie­ten

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - ELI­SA­BETH TES­TER

ARohr­kre­pie­rer

m Frei­tag kos­te­te ein Fass Roh­öl der eu­ro­päi­schen Sor­te Brent 120 $, so viel wie seit sechs Mo­na­ten nicht mehr. Ver­ant­wort­lich da­für ist der Iran­kon­flikt: Am Mitt­woch ver­kün­de­te ein ira­ni­scher Fern­seh­sen­der, Te­he­ran ha­be Frank­reich, Ita­li­en, Spa­ni­en, die Nie­der­lan­de, Grie­chen­land und Por­tu­gal vor die Wahl ge­stellt, lang­fris­ti­ge Ab­nah­me­ver­trä­ge zu un­ter­schrei­ben oder so­fort von den Öl­lie­fe­run­gen ab­ge­schnit­ten zu wer­den. Das ira­ni­sche Öl­mi­nis­te­ri­um de­men­tier­te kurz dar­auf, aber die Märk­te be­ru­hig­ten sich nicht.

Nach­dem das Em­bar­go-hick­hack mit dem Iran lan­ge Zeit mit Gleich­gül­tig­keit quit­tiert wur­de – die Ri­si­ko­prä­mie schien in den be­reits ho­hen Kur­sen ein­ge­preist zu sein –, sind die Markt­teil­neh­mer nun der Meinung, dass ein von Te­he­ran in­du­zier­ter Stopp der Ex­por­te nach Eu­ro­pa schlim­me­re Fol­gen ha­ben könn­te. Der Ent­scheid der Eu­ro­päi­schen Uni­on (EU), ab dem 1. Ju­li die Ein­fuhr von Roh­öl aus dem Iran zu ver­bie­ten, ent­wi­ckelt sich zum Rohr­kre­pie­rer. Ers­tens ist es frag­lich, wie sinn­voll Em­bar­gos sind. Noch sel­ten wur­de da­durch ein Re­gime zum Um­den­ken ge­zwun­gen. Zwei­tens trifft es für die­ses Em­bar­go im Spe­zi­el­len zu, dass vor al­lem die Län­der, die die Sank­tio­nen ver­hän­gen, lei­den – und nicht das Zi­el­land. Und drit­tens kon­tert der Iran seit dem Em­bar­go­ent­scheid En­de Ja­nu­ar mit der Dro­hung, sei­ne Ex­por­te so­fort ein­zu­stel­len und al­len­falls die Stras­se von Hor­mus zu blo­ckie­ren (vgl. FUW Nr. 5 vom 18. Ja­nu­ar).

Ei­ne sol­che Blo­cka­de hät­te gra­vie­ren­de wirt­schaft­li­che und po­li­ti­sche Fol­gen – auch für den Iran selbst –, wes­halb sie nicht wahr­schein­lich ist. 32% des welt­weit auf dem See­weg ver­schiff­ten Öls so­wie 30% des Flüs­si­gerd­ga­ses pas­sie­ren die Meer­enge. Aber al­lein die Ge­fahr ei­nes Stör­ma­nö­vers des Irans rückt die geo­po­li­ti­schen Ri­si­ken über­deut­lich in den Vor­der­grund. Der Iran ist mit rund 2,4 Mio. Fass pro Tag der dritt­gröss­te Öl­ex­por­teur der Welt. 18% da­von flies­sen nach Eu­ro­pa. In Chi­na fän­de das Land rasch ei­nen wil­li­gen Käu­fer da­für. Ita­li­en und Spa­ni­en, die 13% ih­res Öl­be­darfs aus dem Iran be­zie­hen, so­wie Grie­chen­land mit 30% kön­nen je­doch nicht oh­ne wei­te­res Er­satz auf­trei­ben (vgl. FUW Nr. 12 vom 11. Fe­bru­ar). Die Re­ser­veka­pa­zi­tä­ten sind be­grenzt auf Sau­di-ara­bi­en, und auch wenn Ri­ad sich nicht von Te­he­ran ein­schüch­tern lässt und für den Aus­fall des ira­ni­schen Öls ein­springt, wird sich die La­ge nicht ent­span­nen.

Sau­di-ara­bi­ens freie För­der­ka­pa­zi­tä­ten wer­den auf 2,5 Mio. Fass pro Tag ge­schätzt. Zieht man die 600 000 Fass für Eu­ro­pa ab, wä­ren es noch knapp 2 Mio. Das ent­spricht 2% der Welt­pro­duk­ti­on. Die­se Si­cher­heits­mar­ge ist zu eng, auch wenn die In­ter­na­tio­na­le Ener­gie­agen­tur IEA und das Öl­kar­tell Opec die Pro­gno­sen für das Nach­fra­ge­wachs­tum 2012 we­gen Eu­ro­kri­se und schwa­cher Welt­wirt­schaft er­neut nach un­ten re­vi­diert ha­ben.

Die For­ward-kur­ve von Brent zeigt je­doch, dass der Markt mit sin­ken­den Prei­sen rech­net – sie ist in Back­war­da­ti­on. Der län­ger lau­fen­de Kontrakt ist güns­ti­ger als der kür­ze­re. Die an­ge­spann­te Si­tua­ti­on am phy­si­schen Markt und die Tat­sa­che, dass sich die meis­ten spe­ku­la­ti­ven Lon­gPo­si­tio­nen auf kurz lau­fen­de Kon­trak­te be­zie­hen, lies­sen die Kur­ve kip­pen. Der

Roh­öl Brent Spot-preis ist im letz­ten Mo­nat mar­kant ge­stie­gen, am lan­gen En­de der Kur­ve hat sich kaum et­was ver­än­dert.

So­ckel­ri­si­ko

«Die For­ward-kur­ve gibt in ers­ter Li­nie Aus­kunft über die un­mit­tel­ba­re An­ge­bots­und Nach­fra­gesi­tua­ti­on. Das zeigt sich auch im Ver­gleich zwi­schen Brent und der Us-sor­te WTI», kon­kre­ti­siert Ole Han­sen, Roh­stof­fex­per­te von Sa­xo Bank. In der län­ge­ren Frist sind bei­de in Back­war­da­ti­on, aber das kur­ze En­de der Kur­ve spie­gelt zwei un­ter­schied­li­che An­ge­bots­si­tua­tio­nen (vgl. Gra­fik). In WTI herrscht ein An­ge­bots­über­hang am Um­schlag­platz Cus- hing in Okla­ho­ma; das auf dem See­weg trans­por­tier­te Brent zeigt den Lie­fer­eng­pass am phy­si­schen Markt. Lang­fris­tig rech­net Han­sen mit ei­nem hö­he­ren An­ge­bot von Nicht-opec-län­dern, we­gen der stei­gen­den För­der­ef­fi­zi­enz und der Öl­sand­re­vo­lu­ti­on.

Der Preis des schwar­zen Gol­des dürf­te je­doch hoch blei­ben. Frü­he­re Ver­wer­fun­gen und Kri­sen führ­ten stets zu ei­nem an­hal­tend hö­he­rem Ni­veau der No­tie­run­gen. Sie fie­len nicht mehr auf das Vor­kri­sen­ni­veau zu­rück (vgl. Gra­fik), ein So­ckel­ri­si­ko blieb am Preis haf­ten. Die Welt muss sich auf (sehr) teu­res Öl ein­stel­len. Die ein­zi­ge Hoff­nung auf sin­ken­de Prei­se ist die De­mand De­struc­tion: Wird Roh­öl pro­hi­bi­tiv teu­er, lei­det die Welt­wirt­schaft, und die Nach­fra­ge wird ab­ge­würgt. Wie hoch ge­nau der Preis ist, der das Wirt­schafts­wachs­tum nicht ge­fähr­det und dem Ein­nah­men­be­darf der öl­ex­por­tie­ren­den Län­der ge­nügt, ist nicht so klar. Vor zwei Jah­ren sprach sich die Opec noch für 80 $ aus, heu­te ist so­gar das er­klär­te Preis­ziel der Sau­dis 100 $. Die­ses dürf­te die un­te­re Gren­ze der Vor­stel­lun­gen der Opec-staa­ten dar­stel­len.

Die Öl­märk­te ha­ben die Macht, die Welt das Fürch­ten zu leh­ren. Nicht nur der Iran­kon­flikt schwelt, auch in Ni­ge­ria, Li­by­en, Sy­ri­en und dem Su­dan steigt das Ri­si­ko von An­ge­bots­stö­run­gen. Das welt­wei­te Wirt­schafts­wachs­tum ist ge­fähr­det.

Aus Kri­sen re­sul­tie­ren­de An­ge­bots­stö­run­gen an den in­ter­na­tio­na­len Roh­öl­märk­ten ha­ben auch lang­fris­ti­ge Fol­gen. Die Prei­se keh­ren nicht mehr auf ihr Ur­sprungs­ni­veau zu­rück, auch wenn die In­fra­struk­tur wie­der in­stand ge­setzt ist.

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