Viet­nam – der noch hin­ken­de Ti­ger

Vor­züg­li­che Stand­ort­vor­tei­le – Leis­tungs­ori­en­tier­te Be­völ­ke­rung – Fehl­ge­lei­te­te Kon­junk­tur­po­li­tik – Schwa­che Wäh­rung mit ho­her In­fla­ti­on

Finanz und Wirtschaft - - SERIE ASIEN - ERNST HERB,

KIn­fla­ti­on lein­bau­er Do­an Van Vouan platz­te An­fang Jahr der Kra­gen. Das brach­te den seit über zwan­zig Jah­ren lau­fen­den wirt­schaft­li­chen Öff­nungs­pro­zess Viet­nams vi­el­leicht in ei­ne neue Pha­se. Do­an stand mit der Ver­wal­tung der Ha­fen­stadt Hai­phong im Streit über das von ihm be­acker­te Land. Als Si­cher­heits­kräf­te ihn von sei­nem An­we­sen ver­trei­ben woll­ten, wehr­te er sich mit Waf­fen und selbst­ge­mach­ten Mi­nen. Der Fall sorg­te lan­des­weit für Auf­se­hen. Wohl aus Angst, der «ara­bi­sche Früh­ling» könn­te ins au­to­ri­tär re­gier­te Viet­nam über­sprin­gen, schal­te­te sich Pre­mier­mi­nis­ter Nguyen Tab Dung per­sön­lich ein. «Der Ent­scheid steht nicht im Ein­klang mit dem Land­recht und war da­her il­le­gal», hiess es im Rüf­fel aus der Haupt­stadt Ha­noi.

Der Pre­mier leg­te da­mit den Fin­ger auf ei­nen der wun­den Punk­te des 1986 un­ter der Pa­ro­le «Doi Moi» – Er­neue­rung – in An­griff ge­nom­me­nen Um­baus Viet­nams von der Plan- zur Markt­wirt­schaft. Da­mit konn­te zwar Wirt­schafts­wachs­tum ge­ne- riert wer­den. Seit 2000 ist das Brut­to­in­land­pro­dukt um 7,2% jähr­lich ge­wach­sen. Doch wirk­ten sich die schwer­fäl­li­ge Bü­ro­kra­tie und en­de­mi­sche Kor­rup­ti­on ne­ga­tiv auf das In­ves­ti­ti­ons­kli­ma aus. Der Ge­walt­aus­bruch in Hai­phong ist nur die Spit­ze des Eis­bergs. In den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren führ­ten wil­de Streiks bei in­wie aus­län­di­schen Un­ter­neh­men zu Schä­den in Mil­li­ar­den­hö­he.

Re­for­men not­wen­dig

Wie in Chi­na muss das Wirt­schafts­wachs­tum in den nächs­ten Jah­ren auch in Viet­nam durch um­fas­sen­de po­li­ti­sche und wirt­schaft­li­che Re­for­men nach­hal­tig ge­si­chert wer­den. Al­ler­dings ge­schieht das in Viet­nam un­ter er­schwer­ten Be­din­gun­gen. Das stark ex­port­ori­en­tier­te Viet­nam be­kommt wie sei­ne Nach­barn die ab­schwä­chen­de glo­ba­le Kon­junk­tur zu spü­ren. Das ist aber nur ei­ner der Grün­de, war­um die Asia­ti­sche Ent­wick­lungs­bank (ADB) ih­re Wachs­tums­pro­gno­se für 2012 von 6,5 auf 5,8% ge­senkt hat. Ge­bremst wird das Wachs­tum vor al­lem durch ei­ne fehl­ge­lei- te­te Kon­junk­tur­po­li­tik. Um das Wachs­tum zu stüt­zen, ver­folg­te die No­ten­bank ab 2003 ei­ne ex­trem lo­cke­re Geld­po­li­tik. Die da­von aus­ge­lös­te Li­qui­di­täts­schwem­me führ­te En­de 2007, al­so noch vor Aus­bruch der glo­ba­len Fi­nanz­kri­se, zu ei­nem Kre­dit­wachs­tum von über 60%, fast drei­mal mehr als in Chi­na.

Die Wir­kung liess nicht auf sich war­ten. In dem mit 87 Mil­lio­nen Ein­woh­nern dritt­gröss­ten Land Süd­ost­asi­ens schos­sen der Pri­vat­kon­sum wie auch die Im­por­te in die Hö­he. Gleich­zei­tig boom­ten der Ak­ti­en- und der Im­mo­bi­li­en­markt. Die Bör­se Ho-chi-minh-stadt leg­te zwi­schen 2005 und An­fang 2007 er­staun­li­che 380% zu. Die Fest­stim­mung hielt al­ler­dings nur kur­ze Zeit. Der In­dex sack­te schnell 80% ab. In kei­nem an­de­ren asia­ti­schen Schwel­len­land ver­schlech­ter­ten sich gleich­zei­tig die ma­kro­öko­no­mi­schen Da­ten so kurz­fris­tig und dra­ma­tisch wie in Viet­nam.

Wäh­rend an­de­re Wäh­run­gen der Re­gi­on wie der in­do­ne­si­sche Ru­piah oder der thai­län­di­sche Baht dank Han­dels­bi­lanz­über­schüs­sen un­ter Auf­wer­tungs­druck stan­den, ver­lor der viet­na­me­si­sche Dong seit 2007 stark an Aus­sen­wert – al­lein 2011 fast 10%. Die In­fla­ti­on klet­ter­te nach 2007 trotz Brems­ma­nö­vern von No­ten­bank und Re­gie­rung zeit­wei­se auf über 27% und er­reich­te auch 2011 knapp 19%.

Al­ler­dings macht der Kampf ge­gen die In­fla­ti­on Fort­schrit­te. Tr­inh D Nguyen, die Süd­ost­asi­e­n­öko­no­min der HSBC, geht da­von aus, dass die Teue­rung bis En­de Jahr auf un­ter 10% fal­len wird. Dank der fal­len- den In­fla­ti­on dürf­te die No­ten­bank im Lau­fe des Jah­res auch zu ei­nem geld­po­li­tisch lo­cke­ren Kurs wech­seln.

Doch be­nö­tigt Viet­nam, des­sen ProKopf-ein­kom­men mit et­wa 1300 $ nur we­nig mehr als ein Vier­tel des chi­ne­si­schen be­trägt, weit mehr als bil­li­ge­res Geld. Dem Land feh­len ne­ben rechts­staat­li­chen Fun­da­men­ten vor al­lem ei­ne mo­der­ne In­fra­struk­tur und ei­ne ef­fi­zi­en­te Ver­wal­tung. Dies sorg­te da­für, dass nach dem Ein­tritt in die Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on 2007 weit we­ni­ger aus­län­di­sche Di­rekt­in­ves­ti­tio­nen als er­hofft ins Land ge­flos­sen sind.

Das In­ves­ti­ti­ons­kli­ma hat sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren trotz dem Auf­ruf der Re­gie­rung nach Re­for­men nicht ver­bes­sert, son­dern so­gar ver­schlech­tert. In dem von der Welt­bank er­stell­ten In­dex der Län­der mit den bes­ten Ge­schäfts­be­din­gun­gen stieg Viet­nam von ins­ge­samt 183 un­ter­such­ten Län­dern bin­nen Jah­res­frist vom neun­zigs­ten auf den un­rühm­li­chen acht­und­neun­zigs­ten Rang ab.

Nied­ri­ge Lohn­kos­ten

Da­bei ver­fügt Viet­nam über er­heb­li­che Stand­ort­vor­tei­le. Die Lohn­kos­ten wa­ren 2011 we­ni­ger als halb so gross wie in Chi­na. Die Be­völ­ke­rung ist mit ei­ner fast hun­dert­pro­zen­ti­gen Al­pha­be­ti­sie­rungs­ra­te gut aus­ge­bil­det und äus­serst leis­tungs­ori­en­tiert. Dank sei­nen er­heb­li­chen, nur teil­wei­se er­schlos­se­nen Erd­öl­vor­kom­men ver­fügt das Land zu­min­dest po­ten­zi­ell über äus­serst güns­ti­ge Ener­gie. Als dritt­gröss­ter Reis­ex­por­teur der Welt ge­hört Viet­nam auch zu den Ge­win­nern der glo­bal stei­gen­den Le­bens­mit­tel­prei­sen.

Die­se Vor­tei­le gilt es aber zu mo­bi­li­sie­ren. Das ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren teils ge­lun­gen. Ame­ri­ka­ni­sche, ja­pa­ni­sche und eu­ro­päi­sche Kon­zer­ne wie In­tel, Hon­da oder auch Hol­cim ha­ben Zehn­tau­sen­de von Jobs ge­schaf­fen. For­scher der Uni­ver­si­tät Ha­noi schät­zen die für 2011 an­ge­kün­dig­ten Di­rekt­in­ves­ti­tio­nen auf 11 Mrd. $. Im Fe­bru­ar gab der ja­pa­ni­sche Rei­fen­her­stel­ler Bridges­to­ne be­kannt, er wol­le 2012 für den Bau ei­nes neu­en Wer­kes 575 Mio. $ in­ves­tie­ren.

Doch gab es in der Ver­gan­gen­heit vie­le be­wil­lig­te, doch schluss­end­lich ver­spä­te­te oder nicht rea­li­sier­te Pro­jek­te. Das Vo­lu­men von amt­lich re­gis­trier­ten, aber bis­her nicht rea­li­sier­ten Di­rekt­in­ves­ti­tio­nen aus dem Aus­land be­läuft sich auf 108 Mrd. $. Vi­el­leicht hat Klein­bau­er Do­an sei­nen Bei­trag zu den nö­ti­gen Re­for­men ge­leis­tet, da­mit die­se In­ves­ti­tio­nen bald flies­sen.

Die So­zia­lis­ti­sche Re­pu­blik Viet­nam ent­wi­ckelt sich trotz kom­mu­nis­ti­scher Pro­pa­gan­da auf ei­nem ka­pi­ta­lis­ti­schen Pfad.

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