Us-ak­ti­en­hausse steht auf wack­li­gem Fun­da­ment

Ge­winn­ent­wick­lung trotz Ma­kro­sor­gen nicht aus den Au­gen las­sen – Un­si­cher­heit wächst

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - MI­SCHA STÜNZI

Un­ter­neh­mens­nach­rich­ten und Jah­res­ab­schlüs­se sind zur­zeit nur noch Rand­no­ti­zen an der Bör­se. Die Ak­ti­en­märk­te be­wegt an­de­res: Eu­ro­pas Schul­den­kri­se, Chi­nas Wirt­schaft und die Us-kon­junk­tur et­wa. Bes­tes Bei­spiel da­für ist die aus­lau­fen­de Be­richt­sai­son in Ame­ri­ka: Bis Mitte Ja­nu­ar hat­te nur die Hälf­te der pu­bli­zier­ten Ge­win­ne für das vier­te Quar­tal die Pro­gno­sen über­trof­fen – ei­ne lau­si­ge Quo­te, schla­gen doch im Durch­schnitt sonst 62% der S&P-500Ge­sell­schaf­ten die Hoch­rech­nun­gen der Ana­lys­ten. Da­von un­be­irrt ist der Us-leit­in­dex wei­ter ge­stie­gen.

Ing-an­la­ge­stra­te­ge Ad van Tig­ge­len schrieb jüngst in sei­ner Ko­lum­ne: «Die Zei­t­räu­me, in de­nen an­de­re Fak­to­ren als der Ge­winn die Markt­ent­wick­lung be­stim­men, wer­den im­mer grös­ser.» Und doch ist auf lan­ge Sicht das Pro­fit­wachs­tum mass­ge­bend da­für, wie die Ak­ti­en­kur­se ver­lau­fen. An­le­ger tun des­halb gut dar­an, die Ge­winn­ent­wick­lung nicht aus den Au­gen zu ver­lie­ren.

Bes­ser als be­fürch­tet

Die gu­te Nach­richt vor­weg: Ganz so schlecht, wie Mitte Ja­nu­ar be­fürch­tet, steht es um die Ab­schlüs­se zum vier­ten Quar­tal nicht. Bis letz­ten Frei­tag ha­ben 404 der 500 gröss­ten ko­tier­ten US­Kon­zer­ne ih­re Zah­len prä­sen­tiert. 64% der Ergebnisse la­gen über den Er­war­tun­gen (vgl. Gra­fik 1). Und der ag­gre­gier­te Pro­fit hat die Hoch­rech­nun­gen um 4% über­trof­fen. Bei­des kei­ne gran­dio­sen Wer­te zwar, aber ei­ne so­li­de Ba­sis für die jüngs­te Ral­ly am Ak­ti­en­markt. Doch die Bör­se blickt nicht zu­rück, son­dern nach vorn. Des­halb be­wegt der Aus­blick oft stär­ker als der Quar­tals­ab­schluss.

Die Pro­gno­sen für die kom­men­den zwei Jah­re sind durch­aus pas­sa­bel. So rech­nen Ana­lys­ten für die Us-gross-

Ab­schlüs­se über den Er­war­tun­gen kon­zer­ne mit ei­nem Ge­winn­wachs­tum von 10,4% im lau­fen­den Jahr und 12,7 im nächs­ten. Eu­pho­rie ist den­noch nicht an­ge­bracht. In­ner­halb von we­ni­gen Wo­chen wur­den die Pro­gno­sen mar­kant nach un­ten re­vi­diert. An­fang Jahr ha­ben die Ana­lys­ten für 2012 noch ein Plus von 12,2% vor­her­ge­sagt. Be­son­ders in den Sek­to­ren Ener­gie und Tele­com ha­ben sich die Aus­sich­ten ver­düs­tert. Ein­zig für die In­dus­trie und den Tech­no­lo­gie­sek­tor wur­den die Schät­zun­gen seit An­fang Ja­nu­ar nach oben re­vi­diert (vgl. Gra­fik 2).

We­nig über­ra­schend ha­ben die Ana­lys­ten in den letz­ten vier Wo­chen auch auf Stu­fe der ein­zel­nen Un­ter­neh­men mehr Ge­winn­pro­gno­sen zu­rück­ge­stuft als an­ge­ho­ben. Ge­mäss So­cié­té Gé­né­ra­le wa­ren le­dig­lich 46% der neu­en Hoch­rech­nun­gen po­si­tiv. Die Ten­denz war zu­letzt al­ler­dings stei­gend (vgl. Gra­fik 3). Zu­dem hält die Bank fest: «Der ak­tu­el­le Wert liegt über der wich­ti­gen Mar­ke von 42%, die his­to­risch die Gren­ze zwi­schen stei­gen­den und fal­len­den Ak­ti­en­kur­sen mar­kiert.»

Eben­so wich­tig wie die Meinung der Ana­lys­ten­gil­de sind die Ein­schät­zun­gen der Kon­zer­ne selbst. Als In­di­ka­tor da­für, wie zu­ver­sicht­lich oder pes­si­mis­tisch die Un­ter­neh­men in die Zu­kunft bli­cken, ver­wen­det Thom­son Reu­ters das NP-VER­hält­nis – al­so das Ver­hält­nis der Un­ter­neh­men, die neu ne­ga­ti­ver sind, zu de­nen, die sich op­ti­mis­ti­scher äus­sern. Der Da­ten­lie­fe­rant er­rech­net dar­aus für die S&p-500-kon­zer­ne ei­nen Wert von 2,6. Die­ser liegt zwar über dem his­to­ri­schen Durch­schnitt von 2,3 – was schlecht ist –, aber deut­lich un­ter dem des Vor­quar­tals.

Die Be­ra­tungs­ge­sell­schaft Bes­po­ke In­vest­ment Group misst die Selbst­ein­schät­zun­gen der Un­ter­neh­men da­ge­gen am Gui­dance Spre­ad. Er ent­spricht der Dif­fe­renz zwi­schen den Kon­zer­nen, de­ren Pro­gno­se sich auf­ge­hellt hat, und de­nen, die an Zu­ver­sicht ver­lo­ren ha­ben. Ein ne­ga­ti­ver Wert heisst, dass die Ge­sell­schaf­ten ih­ren Aus­blick mehr­heit­lich her­ab­ge-

Kor­rek­tur der Ge­winn­schät­zun­gen stuft ha­ben. Der­zeit steht der Gui­dance Spre­ad für den S&p-500-in­dex bei –3,3%. Aber auch hier gilt: Ten­denz stei­gend.

Ganz so si­cher sind sich die Un­ter­neh­men mit ih­ren Pro­gno­sen in­des nicht. Wie die «Fi­nan­ci­al Ti­mes» in ih­rer Mon­tags­aus­ga­be be­rich­tet, se­hen im­mer mehr Us-kon­zer­ne von Hoch­rech­nun­gen ab. Nur je­der fünf­te äus­se­re sich kon­kret zur Zu­kunft. «Die Un­ter­neh­men sind mit hand­fes­ten Zah­len sehr zu­rück­hal­tend. Wenn sie et­was zum lau­fen­den Jahr sa­gen, dann meist nur allgemein», stellt Chris­ti­ne Short von Ca­pi­tal IQ ge­gen­über der Zei­tung fest. Grund da­für sind vo­la­ti­le Wäh­run­gen und Roh­stoff­prei­se. Wen­dy Ni­chol­son, Ana­lys­tin bei Ci­ti­group, macht zu­dem die auf­stre­ben­den Märk­te für die Un­si­cher­heit ver­ant­wort­lich: «Das Ge­winn­wachs­tum kommt von den Emer­ging Mar­kets, die per se vo­la­ti­ler sind.»

Ak­ti­en im­mer noch güns­tig

Al­les in al­lem recht­fer­ti­gen die Aus­sich­ten das Ak­ti­en­kurs­plus der ver­gan­ge­nen Wo­chen nur be­dingt. Die Ge­winn­pro­gno­sen wur­den so­wohl von den Ana­lys­ten als auch von den Ge­sell­schaf­ten nach un­ten re­vi­diert. Im­mer­hin hat sich die­ser Trend zu­letzt ab­ge­schwächt. Des­halb ist in na­her Zu­kunft nicht mehr mit ei­ner gros­sen Kor­rek­tur der Schät­zun­gen zu rech­nen. Da­mit meint auch Ci­ti­group: «Welt­weit dürf­ten die Ge­winn­erwar­tun­gen kaum wei­ter nach un­ten re­vi­diert wer­den.»

Das sind will­kom­me­ne Neu­ig­kei­ten; be­son­ders für In­ves­to­ren, die ih­ren An­la­ge­ent­scheid auf das vor­aus­schau­en­de Kurs-ge­winn-ver­hält­nis (KGV) stüt­zen. Denn die­ses so­ge­nann­te For­ward-p/e ist nur so zu­ver­läs­sig wie die Pro­fit­pro­gno­sen selbst. Das KGV der S&p-500-un­ter­neh­men für die nächs­ten zwölf Mo­na­te ist mit 13 im­mer noch tief – trotz ge­senk­ter Ge­winn­aus­sich­ten und ei­nes sat­ten Kurs­plus. Das wie­der­um spricht für ei­ne Fort­set­zung der Hausse am Ak­ti­en­markt.

An­teil der po­si­ti­ve­ren Schät­zun­gen

Kurz no­tiert Ja­pan mit Han­dels­bi­lanz­de­fi­zit: Das Land der auf­ge­hen­den Son­ne weist im Ja­nu­ar mit 1,5 Bio. Yen das bis­her gröss­te Han­dels­bi­lanz­de­fi­zit auf. Ge­gen­über dem Vor­jahr hat sich der Fehl­be­trag ver­drei­facht, ge­gen­über dem vor­he­ri­gen Re­kord vom Ja­nu­ar 2009 um 52% er­höht. Der Sal­do er­rech­net sich aus Ex­port mi­nus Im­port. Grund des ja­pa­ni­schen De­fi­zits sind ei­ner­seits sai­so­na­le Fak­to­ren, u. a. das frü­he Neu­jahrs­fest in Chi­na. Gleich­zei­tig muss Nip­pon je­doch gros­se Ener­gie­men­gen im­por­tie­ren – von 54 Atom­kraft­wer­ken sind der­zeit le­dig­lich noch zwei am Netz. So­mit wer­den wohl auch in den kom­men­den Mo­na­ten die Ein­fuh­ren die Aus­fuh­ren über­stei­gen. Bu­ba hält Re­kord­for­de­run­gen: Die For­de­run­gen der Deut­schen Bun­des­bank (Bu­ba) ge­gen­über dem Eu­rosys­tem sind im Ja­nu­ar auf 511 Mrd. € ge­stie­gen, ein Re­kord. Die Er­hö­hung ist auf die wach­sen­den Tar­get-2-sal­den zu­rück­zu­füh­ren: Da deut­sche Ban­ken an­de­ren In­sti­tu­ten in wei­ten Tei­len der Eu­ro­zo­ne miss­trau­en, ist der grenz­über­schrei­ten­de pri­va­te Geld­fluss zum Er­lie­gen ge­kom­men und hat sich in das Zah­lungs­ver­kehrs­sys­tem der Zen­tral­ban­ken ( Tar­get 2) ver­la­gert. Is­land wie­der An­la­ge­qua­li­tät: Die Ra­ting­agen­tur Fitch hat die Bo­ni­tät Is­lands von BB+ auf BBB– er­höht. Die Aus­sich­ten sind sta­bil. Be­grün­det wird der Schritt mit den er­folg­rei­chen Re­for­men, wel­che die ma­kro­öko­no­mi­sche Sta­bi­li­tät wie­der­her­ge­stellt ha­ben. Da­durch ha­be sich die Kre­dit­qua­li­tät der Volks­wirt­schaft seit der Ban­ken- und Wäh­rungs­kri­se 2008 deut­lich ver­bes­sert. Zu­dem ha­be Is­land das Pro­gramm des In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds ver­las­sen und ha­be wie­der Zu­gang zum in­ter­na­tio­na­len Ka­pi­tal­markt. Thai­lands Wachs­tum ent­täu­schend: Es war klar, dass die Flut­ka­ta­stro­phe für Thai­lands In­dus­trie ver­hee­rend war. Doch die Aus­mas­se über­ra­schen: Das Brut­to­in­land­pro­dukt ist im vier­ten Quar­tal 2011 um 10,7% ein­ge­bro­chen, dop­pelt so stark wie von Ana­lys­ten ge­schätzt. Da­mit hat die Wirt­schaft 2011 mit 0,1% Wachs­tum sta­gniert. Die Re­gie­rung er­war­tet für die­ses Jahr ein Wachs­tum von bis zu 6,5%. SNB kauft süd­ko­rea­ni­sche Staats­an­lei­hen: Ge­mäss ei­ner Mel­dung des Nach­rich­ten­diens­tes Bloom­berg hat die Schwei­ze­ri­sche Na­tio­nal­bank SNB ver­gan­ge­ne Wo­che zum ers­ten Mal im lau­fen­den Mo­nat süd­ko­rea­ni­sche Staats­an­lei­hen er­wor­ben. Wei­te­re De­tails sind nicht be­kannt. Süd­ko­rea wird von Fitch mit A+ po­si­tiv, von Moo­dy’s mit A1 sta­bil und von Stan­dard & Poor’s mit dem Ra­ting A sta­bil be­no­tet. Gold: Das ed­le Me­tall kos­tet 1755.15 $ pro Un­ze, 12% mehr als An­fang Jahr. Am Di­ens­tag avan­cier­te Gold gut 1%, im Ein­klang mit an­de­ren Rohwaren, die in Er­war­tung ei­ner Bes­se­rung in der Eu­ro­zo­ne hö­her no­tier­ten. Gold stieg auch we­gen der zu­neh­men­den An­span­nung der La­ge im Na­hen Os­ten. Län­ger­fris­tig dürf­te Gold von hö­he­ren Zen­tral­bank­käu­fen pro­fi­tie­ren und von der Tat­sa­che, dass Chi­na der gröss­te Gold­markt der Welt wird.

In New York klet­tern die Ak­ti­en­kur­se – ob­wohl die Ge­win­ne teils ent­täuscht ha­ben und die Pro­gno­sen nach un­ten re­vi­diert wur­den.

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