Angst vor ho­hem Öl­preis und vor Is­ra­el geht um

Iran re­agiert auf Sank­tio­nen und stellt Öl­lie­fe­run­gen nach Frank­reich und Gross­bri­tan­ni­en ein – Te­he­ran sucht neue Ab­neh­mer – La­ge ist sehr an­ge­spannt

Finanz und Wirtschaft - - DERIVATE - ELI­SA­BETH TES­TER

Roh­öl der eu­ro­päi­schen Sor­te Brent kos­tet 120.22 $ je Fass, die Us-sor­te WTI no­tiert 105.35 $. Das ist nur un­we­sent­lich we­ni­ger als am ver­gan­ge­nen Frei­tag, als Brent mit 120.70 $ ein Acht­mo­nats­hoch er­reich­te. Die Iran­prä­mie las­tet wei­ter­hin auf dem Preis – der Streit um das ira­ni­sche Atom­pro­gramm und das von der Eu­ro­päi­schen Uni­on (EU) per 1. Ju­li ver­häng­te Ölem­bar­go dau­ert an (vgl. FUW vom Sams­tag).

Am Mon­tag mach­te Te­he­ran sei­ne Dro­hung wahr, dem Kauf­stopp Eu­ro­pas zu­vor­zu­kom­men. Das Re­gime sis­tier­te Öl­so­wie Gas­lie­fe­run­gen nach Frank­reich und Gross­bri­tan­ni­en. Die­se dras­ti­sche Hand­lung ist al­ler­dings zu re­la­ti­vie­ren: Ge­mäss An­ga­ben der In­ter­na­tio­na­len Ener­gie­agen­tur IEA ha­ben ver­schie­de­ne eu­ro­päi­sche Ab­neh­mer – dar­un­ter die bri­tisch-nie­der­län­di­sche Roy­al Dutch Shell und die fran­zö­si­sche To­tal – ih­re Käu­fe be­reits deut­lich re­du­ziert oder gar ein­ge­stellt. Sie sol­len sich nach an­de­ren Lie­fe- ran­ten um­schau­en. Die gröss­ten Im­por­teu­re ira­ni­schen Öls in die EU sind je­doch Spa­ni­en und Ita­li­en.

Der Iran ist nun auf der Su­che nach Ab­neh­mern für ge­schätz­te 500 000 Fass pro Tag oder ein Fünf­tel der Pro­duk­ti­on. Te­he­ran gab be­kannt, be­reits neue Kun­den als Er­satz für die bri­ti­schen und die fran­zö­si-

Roh­öl Brent schen Un­ter­neh­men ge­fun­den zu ha­ben, nann­te je­doch kei­ne De­tails. Auf der Web­sei­te des Mi­nis­te­ri­ums Sha­na.ir wird Öl­mi­nis­ter Rost­am Quas­emi zi­tiert: Te­he­ran wer­de kei­ner­lei Pro­ble­me ha­ben, das Öl zu ver­kau­fen. Auf­hor­chen lässt je­doch Quas­emis Auf­for­de­rung an den pri­va­ten Sek­tor, al­le Ira­ner könn­ten be­hilf­lich sein,

Stra­te­gi­sche Öl­re­ser­ven Chi­na das Öl des Lan­des zu ver­kau­fen. Pri­va­te ira­ni­sche Un­ter­neh­men sind für ein Fünf­tel der Öl­ex­por­te ver­ant­wort­lich. Ob wohl doch nicht al­les so rund läuft?

Als wil­li­ge Ab­neh­mer wer­den Chi­na und In­di­en ge­han­delt. Bei­de Län­der möch­ten ih­re stra­te­gi­schen Re­ser­ven mas­siv er­hö­hen, um in­ter­na­tio­na­le An­ge­bots­eng­päs­se aus­glei­chen zu kön­nen. Ge­mäss Ana­ly­se der Deut­schen Bank will Chi­na bis En­de des Jahr­zehnts ein La­ger für hun­dert Ta­ge auf­ge­baut ha­ben (vgl. Gra­fik). Zu­dem müs­sen In­di­en und in noch viel grös­se­rem Aus­mass Chi­na ih­ren rie­si­gen und stei­gen­den Öl­be­darf durch neue Im­port­quel­len stil­len. Chi­na ver­sucht auf der gan­zen Welt Zu­gang zur knap­pen Res­sour­ce zu er­hal­ten – mit zu­wei­len zwei­fel­haf­ten Me­tho­den, wie das Vor­ge­hen in di­ver­sen afri­ka­ni­schen Län­dern ge­zeigt hat.

Ver­schie­de­ne Me­di­en wie­sen am Di­ens­tag auf Te­he­rans Pro­ble­me hin, neue Käu­fer zu fin­den. Das mag für die kur­ze Frist gel­ten, der Iran sucht ja per so­fort Ab­neh­mer. Aber län­ger­fris­tig dürf­te sich Pe- king die Mög­lich­keit nicht ent­ge­hen las­sen und mit dem Iran wei­te­re lang­fris­ti­ge Ab­nah­me­ver­trä­ge ab­schlies­sen. Chi­na kauft be­reits jetzt fast ein Vier­tel der ge­sam­ten Öl­ex­por­te des Irans.

Das Eu-em­bar­go stellt Te­he­ran vor die Her­aus­for­de­rung, rasch neue Ab­neh­mer zu fin­den, Eu­ro­pa muss das ira­ni­sche Öl ir­gend­wie er­set­zen, und die ge­sam­te Welt hat mit dem ge­fähr­lich ho­hen Öl­preis zu kämp­fen. Der Zeit­punkt da­für ist denk­bar schlecht. In Eu­ro­pa ist noch kein dau­er­haf­ter Aus­weg aus Schul­den­kri­se und Re­zes­si­on in Sicht, der Auf­schwung in den USA ist noch nicht ro­bust, und Asi­en lei­det un­ter der Mi­se­re des Westens.

Ei­ne Ent­span­nung an den Öl­märk­ten wä­re drin­gend an­ge­bracht, doch sie ist lei­der nicht in Sicht – im Ge­gen­teil. Ein prä­ven­ti­ver Mi­li­tär­an­schlag Is­ra­els auf ira­ni­sche Atom­an­la­gen könn­te den gan­zen Na­hen Os­ten ins Cha­os stür­zen und den Öl­preis in un­ge­ahn­te Hö­hen ka­ta­pul­tie­ren. Die Fol­gen für die Welt­wirt­schaft wä­ren ver­hee­rend.

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