Für Gold braucht es gu­te Ner­ven

Nicht west­li­che In­ves­to­ren, son­dern die Schwel­len­märk­te trei­ben den Gold­preis in die Hö­he – Zen­tral­ban­ken kau­fen auch – Hausse ist in­takt

Finanz und Wirtschaft - - PRAKTIKUS/PORTRÄT - ELI­SA­BETH TES­TER

GZen­tral­ban­ken

elingt dem Gold­preis er­neut der Sprung über die Mar­ke von 1800 $? Dar­an schei­den sich die Geis­ter – was nicht wei­ter ver­wun­der­lich ist, da für kei­ne an­de­re An­la­ge­klas­se die Pro­gno­sen so weit aus­ein­an­der­klaf­fen wie für Gold. Am Frei­tag kos­te­te ei­ne Un­ze 1780 $, so viel wie seit Mitte No­vem­ber nicht mehr (vgl. Sei­te 37).

Über den in­trin­si­schen Wert von Gold lässt sich strei­ten. Wer es als Ver­si­che­rung ge­gen Kri­sen al­ler Art kauft, ist be­reit, ei­nen Preis da­für zu be­zah­len, der we­nig mit den Pro­duk­ti­ons­kos­ten zu tun hat. Die Ge­winn­schwel­le der Gold­för­de­rer – oh­ne Ren­di­te für die In­ves­to­ren – liegt um et­wa 900 $. Es gibt für den Gold­preis viel Spiel­raum nach un­ten, bis sich das An­ge­bot durch den Weg­fall von Un­ter­neh­men mit teu­ren Kos­ten­struk­tu­ren ver­knappt. Aber trotz der Ver­fünf­fa­chung des Gold­prei­ses ist das An­ge­bot in den letz­ten zehn Jah­ren zu­rück­ge­gan­gen. Ja­mie So­kals­ky, Fi­nanz­chef von Bar­rick Gold, dem mit ei­nem Markt­an­teil von 9% gröss­ten Gold­för­de­rer der Welt, er­klärt im Ge­spräch mit «Fi­nanz und Wirt­schaft»: «Erst seit zwei Jah­ren hat sich die Pro­duk­ti­on leicht aus­ge­wei­tet, was aber tem­po­rä­rer Na­tur ist. Trotz stei­gen­der No­tie­run­gen wird kaum Gold ge­fun­den, und für die we­ni­gen Fun­de ist die För­de­rung auf­wen­dig. Im bes­ten Fall wird das An­ge­bot auf dem heu­ti­gen Ni­veau ver­har­ren, wir rech­nen je­doch da­mit, dass es län­ger­fris­tig sinkt.»

Dem Gold­an­ge­bot eben­falls nicht för­der­lich ist die Tat­sa­che, dass die Zen­tral­ban­ken in den letz­ten Jah­ren net­to von Ver­käu­fern zu Käu­fern mu­tiert sind (vgl. Gra­fik). 2011 kauf­ten sie 440 Ton­nen, nach 77 Ton­nen im Jahr 2010. Noch von 2004 bis 2009 ver­kauf­ten sie im Durch­schnitt 380 Ton­nen pro Jahr. Der Kauf­trend dürf­te sich in den nächs­ten Jah­ren fort­set­zen: Die No­ten­ban­ken welt­weit möch­ten ih­re Wäh­rungs­re­ser­ven di­ver­si­fi­zie­ren.

Aber nicht nur die Zen­tral­ban­ken kau­fen Gold, son­dern auch die In­ves­to­ren. Sie sind nach der Schmuck­bran­che der zweit-

Gold­be­stand Zen­tral­ban­ken

Gold­re­ser­ven aus­ge­wähl­ter No­ten­ban­ken gröss­te Gold­ab­neh­mer (vgl. Ta­bel­le). Auf der Su­che nach Schutz vor Wäh­rungs­ab­wer­tung und Sys­tem­kri­se kau­fen sie Mün­zen, Bar­ren und phy­sisch hin­ter­leg­te Gold­fonds. In der Schweiz zeugt der enor­me Er­folg der ko­tier­ten Fonds von ZKB, Ju­li­us Bär und wei­te­ren da­von. Sie zie­hen zwar nicht mehr so viel Geld an wie 2009/10, sind aber nach wie vor be­gehrt. Pio­nie­rin ZKB ver­wal­tet in ih­ren Gold­fonds in­zwi­schen ein Ver­mö­gen von mehr als 11 Mrd. Fr. oder 222 Ton­nen.

Ex­per­ten wie der Wall­s­treet-tra­der Vic­tor Spe­ran­deo sind da­von über­zeugt, dass 5% Gold im Port­fo­lio aus­rei­chen, um das Ver­mö­gen ge­gen Ex­trem­ri­si­ken ( Tail Risks) ab­zu­si­chern. Er weist auf die Ge­fahr ei­ner Hy­per­in­fla­ti­on hin, die durch die jah­re­lan­ge glo­ba­le Geld­schwem­me ent­ste­hen könn­te. Auch In­ves­to­ren, die nicht an ein sol­ches Ex­tremsze­na­rio glau­ben, kau­fen Gold als In­fla­ti­ons­schutz.

Kon­sum­nach­fra­ge 20111

Aber schützt Gold über­haupt vor In­fla­ti­on? Die Da­ten­la­ge ist ent­ge­gen der gän­gi­gen Meinung nicht ein­deu­tig. Bis zum Jahr 2000 kor­re­lier­ten die Us-in­fla­ti­on und der Gold­preis. 2000 ist die­ser Zu­sam­men­hang aus­ein­an­der­ge­bro­chen (vgl. Gra­fik). Der Gold­preis ex­plo­dier­te, die In­fla­ti­on – auch die er­war­te­te – be­trug 0 bis 5%. Der Ver­mö­gens­ver­wal­ter GMO zeigt in ei­ner Stu­die, dass nicht die Ab­si­che­rung ge­gen ei­ne Dol­lar­schwä­che, son­dern die Schwel­len­märk­te für den Gold­boom der letz­ten Jah­re ver­ant­wort­lich sind.

Chi­na vor In­di­en

1999 frag­te Asi­en 40% des glo­ba­len Gold­be­darfs nach. 2010 wa­ren es 57%, der An­teil steigt wei­ter. Ge­mäss World Gold Coun­cil wird der his­to­risch gröss­te Gold­markt In­di­en in die­sem Jahr von Chi­na über­holt – wie das im vier­ten Quar­tal 2011

Gold­be­stand in ETF schon der Fall war. Grund da­für wa­ren der Rück­gang der in­di­schen Nach­fra­ge we­gen der schwa­chen Ru­pie und die stei­gen­de chi­ne­si­sche Nach­fra­ge. Seit 2007 ist der Gold­be­darf Chi­nas 140% ge­stie­gen, ge­trie­ben vom Man­gel an An­la­ge­al­ter­na­ti­ven und von der Li­be­ra­li­sie­rung des Mark­tes.

Mit Blick auf das be­grenz­te An­ge­bot, Asi­en und die Zen­tral­ban­ken über­zeugt die Hausse von Gold wei­ter­hin, ob­schon die jet­zi­ge Gold­ral­ly die längs­te der jün­ge­ren Ge­schich­te ist. Die In­ves­ti­ti­ons­nach­fra­ge in Eu­ro­pa und den USA dürf­te hin­ge­gen wan­kel­haf­ter sein. Wird der Dol­lar fes­ter oder dre­hen die rea­len Zin­sen ins Po­si­ti­ve, stei­gen die Op­por­tu­ni­täts­kos­ten des Hal­tens von Gold. Auch in Stress­pha­sen kann Gold ent­täu­schen: Weil es die ein­zig li­qui­de An­la­ge­klas­se bleibt, wird es ver­kauft, um an­de­re Ver­pflich­tun­gen zu er­fül­len. Der An­le­ger braucht trotz lang­fris­tig gol­de­ner Aus­sich­ten gu­te Ner­ven.

Gold­preis und In­fla­ti­on

USA

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