Deutsch­lands Stär­ken lie­gen im In­land

BIP schrumpft, aber Ifo-in­dex steigt – Ar­beits­markt stützt Bin­nen­kon­junk­tur – Vo­la­ti­le Ex­por­te

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - ANDRE­AS NEIN­HAUS

Noch be­steht Hoff­nung, dass Deutsch­land die­ses Jahr an ei­ner Re­zes­si­on vor­bei­schrammt. Der wich­tigs­te kon­junk­tu­rel­le Früh­in­di­ka­tor, das Ifo-ge­schäfts­kli­ma der ge­werb­li­chen Wirt­schaft, ist im Fe­bru­ar er­neut ge­stie­gen. Die ein­zel­nen Kom­po­nen­ten ver­sprü­hen Zu­ver­sicht, wie man sie an­ge­sichts der Ne­ga­tiv­schlag­zei­len rund um die Eu­ro-staats­schul­den­kri­se nicht mehr ge­wohnt ist. So set­zen In­dus­trie­fir­men auf den Ex­port und be­ab­sich­ti­gen, die Zahl der Be­schäf­tig­ten wei­ter zu er­hö­hen. Im Bau­ge­wer­be hat sich das Ge­schäfts­kli­ma wei­ter be­trächt­lich auf­ge­hellt, und selbst die De­tail- und die Gross­händ­ler be­rich­ten von ei­ner Bes­se­rung.

Die­se Ergebnisse deu­ten dar­auf hin, dass die in­län­di­sche Nach­fra­ge die deut­sche Wirt­schaft stützt und ge­gen die re­zes­si­ven Ten­den­zen im eu­ro­päi­schen Aus­land ab­schirmt. Der al­te Vor­wurf, Deutsch­land fo­kus­sie­re sich zu ein­sei­tig auf das Ex­port­ge­schäft, gr­a­be den eu­ro­päi­schen Part­ner­län­dern da­mit Ex­port- und Wachs­tums­chan­cen ab und ver­nach­läs­si­ge die ei­ge­ne in­län­di­sche Kauf­kraft, wird durch die ak­tu­el­len Zah­len wi­der­legt.

Deutsch­lands bin­nen­wirt­schaft­li­che Stär­ken sind un­über­seh­bar. So pro­fi­tie­ren die Pri­vat­haus­hal­te von der aus­ge­zeich­ne­ten La­ge am Ar­beits­markt. Die Ar­beits­lo­sen­ra­te ist mar­kant ge­sun­ken. Sie be­fin­det sich auf ei­nem im his­to­ri­schen Ver­gleich sehr tie­fen Ni­veau. Deutsch­land ge­lang dies, als sich in den meis­ten an­de­ren In­dus­trie­staa­ten die Ar­beits­lo­sig­keit sub­stan­zi­ell er­höh­te (vgl. Gra­fik).

Die ein­zi­ge ech­te Re­form

Die OECD hat kürz­lich nach­ge­rech­net, dass die 2002 ein­ge­lei­te­ten Ar­beits­markt­re­for­men we­sent­lich zu die­ser Ver­bes­se­rung bei­ge­tra­gen ha­ben. Es sei­en die ein­zi­gen wirt­schafts­po­li­ti­schen Neue­run­gen in der OECD der letz­ten Jah­re ge­we­sen, die die­sen Na­men ver­dien­ten. Zi­tiert wer­den neue Kon­zep­te wie die Hartz-re­for­men, mit de­nen neue An­rei­ze ge­schaf­fen wur­den, um Ar­beits­plät­ze zu schaf­fen, oder die Be­gren­zung von Früh­pen­sio­nie­run­gen. Dank ih­nen sei die struk­tu­rel­le Ar­beits­lo­sig­keit in Deutsch­land ge­sun­ken.

Kon­jun­tur Deutsch­land Hin­zu kom­men die mo­de­ra­te Lohn­po­li­tik und fle­xi­ble­re Ar­beits­mo­del­le.

Der­zeit pro­fi­tiert das Land zu­dem von der Hoch­kon­junk­tur im Bau­ge­wer­be, das tra­di­tio­nell ar­beits­in­ten­siv ist. Die Prei­se für Wohn­im­mo­bi­li­en sind letz­tes Jahr 5,5% ge­stie­gen, 2010 hat­ten sie be­reits mit 2,5% spür­bar zu­ge­legt. Die Tief­zins­po­li­tik der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank facht die Nach­fra­ge im Bau­sek­tor an, zu­mal Deutsch­land lang­fris­tig für die Wohn­raum­nach­fra­ge un­güns­ti­ge de­mo­gra­fi­sche Eck­wer­te auf­weist. Ge­gen­wär­tig bremst der Bau­boom die kon­junk­tu­rel­le Ab­wärts­ten­denz durch die Eu­ro­kri­se: Im vier­ten Quar­tal 2011 ist das Brut­to­in­land­pro­dukt (BIP) 0,2% zum Vor­quar­tal ge­sun­ken, die Bau­in­ves­ti­tio­nen la­gen in­des im sel­ben Zei­t­raum 1,9% hö­her. Die Wert­schöp­fung des Bau­sek­tors nahm re­al 5,6% im Ver­gleich zum Vor­jahr zu.

Zwar ha­ben die Kon­sum­aus­ga­ben zum Jah­res­en­de et­was nach­ge­ge­ben. Tie­fe Ar­beits­lo­sen­ra­ten, sta­bi­le Lohn­aus­sich­ten, pri­va­te Wohl­stands­ge­win­ne und die tie­fen Zin­sen wer­den nach Meinung vie­ler Öko­no­men die Nach­fra­ge der Pri­vat­haus­hal­te die­ses Jahr aber för­dern. Die Kon­su­men­ten­stim­mung ist her­vor­ra­gend, wie die Gfk-um­fra­ge er­ge­ben hat.

Die gröss­te Un­be­kann­te der deut­schen Kon­junk­tur bleibt aus­ge­rech­net das Ex­port­ge­schäft. Die Ifo-um­fra­ge spür­te Zu­ver­sicht aus den Un­ter­neh­men her­aus, die letz­ten Be­fra­gun­gen der Ein­kaufs­ma­na­ger leg­ten hin­ge­gen Auf­trags­schwie­rig­kei­ten of­fen. Be­son­ders die Be­stel­lun­gen aus Eu­ro­pa sto­cken. Im vier­ten Qu­ar- Ar­beits­lo­sig­keit BDUN%TOTQ tal sind die Ex­por­te ge­gen­über dem drit­ten re­al 0,8% ge­sun­ken.

Das Pols­ter bleibt aber dick: Im Ver­gleich zum Vor­jahr hat die Wachs­tums­ra­te der deut­schen Ex­por­te von rund 8% im zwei­ten und drit­ten Vier­tel­jahr auf «nur» 5,7% im vier­ten ab­ge­nom­men. Die Eu­ro­päi­sche Kom­mis­si­on rech­net mit ei­ner Re­zes­si­on im ers­ten Halb­jahr in der Eu­ro­zo­ne. Für Deutsch­land kommt es nun dar­auf an, die ab­seh­ba­ren Ab­satz­ein­bus­sen im na­hen Aus­land durch bes­se­re Ver­kaufs­zah­len in Ame­ri­ka und Asi­en aus­zu­glei­chen.

Steu­er­ein­nah­men sto­cken

An­ge­sichts ei­nes durch­schnitt­li­chen Wirt­schafts­wachs­tums von 3% 2011 er­staunt we­nig, dass das Staats­de­fi­zit von 106 Mrd. € (2010) auf 25,8 Mrd. € oder 1% des BIP ab­ge­nom­men hat. Die Kon­junk­tur­flau­te hat je­doch im Ja­nu­ar zu ei­ner schar­fen Kor­rek­tur ge­führt. Der Trend der mo­nat­lich stei­gen­den Ein­nah­men wur­de ge­bro­chen. Das Mi­nus im Ver­gleich zum An­fang des ver­gan­ge­nen Jah­res be­trug um Son­der­ef­fek­te be­rei­nigt 0,4%. Die Um­satz­steu­er nahm nur noch be­schei­den zu.

Die Fol­gen die­ser Ent­wick­lung rei­chen über die deut­sche In­nen­po­li­tik hin­aus: Kommt es nicht bald zu ei­ner neu­er­li­chen Trend­um­kehr, wird der ab­neh­men­de Steu­er­se­gen da­für sor­gen, dass die Kri­tik an den Fi­nanz­hil­fen für Eu­rostaa­ten wie Grie­chen­land in Deutsch­land noch grös­ser wird. Im äus­sers­ten Fall mün­det dies gar in ein Ve­to ge­gen wei­te­re Mil­li­ar­den­ak­tio­nen zur Eu­roret­tung.

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