Noch kei­ne Eu­pho­rie

Sen­ti­ment­in­di­ka­to­ren und die Krux mit der In­ter­pre­ta­ti­on

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - PE­TER ROHNER

Die der­zei­ti­ge Ak­ti­en­ral­ly kann sich se­hen las­sen: Mehr als 20% sind die Wel­t­ak­ti­en­märk­te ge­mes­sen am MSCI World seit dem Er­rei­chen des Tiefs im Ok­to­ber letz­ten Jah­res ge­stie­gen. Die­je­ni­gen Märk­te und Bran­chen, die im Herbst be­son­ders ge­lit­ten ha­ben, sind wie­der ge­fragt.

Da er­staunt es nicht, dass sich auch die Stim­mung der vor kur­zem noch sehr pes­si­mis­ti­schen An­le­ger ver­bes­sert hat. Sind die In­ves­to­ren be­reits zu op­ti­mis­tisch, und wä­re es sinn­vol­ler, wie­der et­was mehr Vor­sicht wal­ten zu las­sen?

Von Bul­len und Bä­ren

Zur Be­ant­wor­tung sol­cher Fra­gen kön­nen Sen­ti­ment­in­di­ka­to­ren hilf­reich sein. Sie sind wich­ti­ge In­stru­men­te zur Er­fas­sung der Stim­mung am Markt und die­nen vor al­lem da­zu, Si­tua­tio­nen mit Über­trei­bun­gen zu er­ken­nen. Vie­le die­ser In­di­ka­to­ren ba­sie­ren auf Um­fra­gen un­ter in­sti­tu­tio­nel­len und pri­va­ten In­ves­to­ren oder auf der Aus­wer­tung von Bör­sen­brie­fen. Zu den be­deu­tends­ten ge­hö­ren in den USA die wö­chent­li­chen Bull-ra­ti­os von AAII (Ame­ri­can As­so­cia­ti­on of In­di­vi­du­al In­ves­tors) und In­ves­tors In­tel­li­gence so­wie die Fonds­ma­na­gerum­fra­ge von Mer­rill Lynch, die mo­nat­lich statt­fin­det. In Deutsch­land wird der Sen­tix-be­fra­gung gros­se Be­ach­tung ge­schenkt. Ge­mäss den Um­fra­ge­er­geb­nis­sen der AAII sind der­zeit 44% der be­frag­ten An­le­ger in den USA bul­lish: Sie er­war­ten über die kom­men­den sechs Mo­na­te stei­gen­de Ak­ti­en­kur­se. Der Wert liegt über dem lang­jäh­ri­gen Durch­schnitt, ist aber nicht mehr auf dem alar­mie­rend ho­hen Ni­veau wie vor zwei Wo­chen (vgl. Gra­fik).

Statt auf Um­fra­ge­er­geb­nis­se zu war­ten, emp­fiehlt sich der Blick auf Sen­ti­ment-

Aaii-us-an­le­ger­sen­ti­ment in­di­ka­to­ren, die auf Markt­da­ten be­ru­hen. Vie­len In­ves­to­ren ist der Chi­ca­go Bo­ard Op­ti­ons Ex­ch­an­ge Mar­ket Vo­la­ti­li­ty In­dex, kurz Vix, ei­ne wich­ti­ge Ent­schei­dungs­hil­fe. Er ist auch als Angst­in­di­ka­tor be­kannt und dient als Mass der im­pli­zi­ten Vo­la­ti­li­tät der Op­tio­nen im S&P 500. Ex­trem ho­he Wer­te des Vix sind da­her ein Zei­chen der Pa­nik, mu­ti­ge An­le­ger nut­zen sol­che Spit­zen als Ein­stiegs­punkt für ris­kan­te­re An­la­gen. Oft wird ei­ne ho­her Vix aber auch als Warn­si­gnal ver­stan­den, nicht zu viel Ri­si­ko ein­zu­ge­hen. Das zeigt, wie gross der In­ter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum bei sol­chen In­di­ka­to­ren sein kann. Der Vix hat sich seit den hef­ti­gen Aus­schlä­gen im Herbst 2011 zwar deut­lich auf 16,8 zu­rück­ge­bil­det, ge­gen­über der His­to­rie ist er aber nicht ex­trem tief, son­dern auf ei­nem «neu­tra­len» Ni­veau.

Die Op­tio­nen­bör­se Chi­ca­go (CBOE) pu­bli­ziert auch das Ver­hält­nis von ge­han­del­ten Put- zu Call-op­tio­nen, und dies im Halb­stun­den­takt. Die CBOE Put-call Ra­tio gilt eben­falls als wich­ti­ger In­di­ka­tor. Über­wie­gen die Put-op­tio­nen, deu­tet dies auf ei­ne ne­ga­ti­ve Markt­stim­mung hin. Die Pu­tCall Ra­tio schwankt täg­lich sehr stark, des­halb wer­den zur In­ter­pre­ta­ti­on glei­ten­de Mit­tel­wer­te über be­stimm­te Zei­t­räu­me be­rech­net und mit dem his­to­ri­schen Durch­schnitts­wert ver­g­li­chen. Die­ser ist üb­ri­gens nicht 1, son­dern viel tie­fer (0,65 seit 2003), da sys­te­ma­tisch mehr Call-op­tio­nen ge­schrie­ben wer­den. In den letz­ten Wo­chen lag die Put-call Ra­tio un­ter dem lang­fris­ti­gen Dur­schnitt, von ei­ner ex­tre­men Si­tua­ti­on – ei­ner Art Ver­blen­dung – konn­te und kann aber nicht die Re­de sein.

Nicht oh­ne Fun­da­men­tals

Ei­ner der we­ni­gen Ba­ro­me­ter, die der­zeit zur Vor­sicht mah­nen, ist der NY­SE Hig­hLow-in­dex. Die­ser In­di­ka­tor spie­gelt die Markt­brei­te. Zur Be­rech­nung des NY­SE High-low-in­dex wird die An­zahl der an der NY­SE ge­han­del­ten Ti­tel, die auf ein 52-Wo­chen-hoch ge­klet­tert sind, de­nen ge­gen­über­ge­stellt, die auf ei­nem 52-Wo­chen-tief sind.

Das Pro­blem der Sen­ti­ment­in­di­ka­to­ren bleibt ih­re In­ter­pre­ta­ti­on. Gut zu wis­sen, dass al­le bul­lish oder be­a­rish sind. Sol­len In­ves­to­ren nun dem Trend fol­gen oder sich da­ge­gen­stel­len? Sen­ti­ment­in­di­ka­to­ren soll­ten im­mer in ih­rer Ge­samt­heit und zu­sam­men mit den Fun­da­men­tal­da­ten be­trach­te­tet wer­den. Erst wenn die Mehr­heit der Warn­si­gna­le auf­leuch­tet, emp­fiehlt es sich, die Po­si­tio­nie­rung zu über­prü­fen und den fun­da­men­ta­len Ein­schät­zun­gen ge­gen­über­zu­stel­len.

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