«Der Markt macht Ar­me rei­cher»

MATT RID­LEY Der Best­sel­ler­au­tor über die Vor­zü­ge des frei­en Markts, des­sen Schwä­chen und die Räu­ber­lo­gik

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - IN­TER­VIEW: RE­NÉ SCHEU

DKon­kre­ter, bit­te. Wenn ich an der Stras­sen­ecke für ei­nen Dol­lar ei­nen Ham­bur­ger kau­fe, dann ma­chen so­wohl ich als auch der Ver­käu­fer ein gu­tes Ge­schäft. Ver­glei­chen wir das mit dem heu­ti­gen Im­mo­bi­li­en­markt, gilt hier nicht mehr das ein­fa­che Prin­zip: Ver­kauf mir dein Haus, ich will dar­in le­ben. Son­dern: Ver­kauf mir dein Haus, denn es wird be­stimmt wert­vol­ler, und ich kann es dann gut wei­ter­ver­kau­fen. Und der, der es kauft, will es eben­falls bloss wei­ter­ver­kau­fen. So ent­ste­hen Bla­sen. ie Räu­ber­lo­gik ist ein­fach: Wer hat, der hat es an­de­ren ge­nom­men. Matt Rid­ley, Au­tor des Best­sel­lers «The Ra­tio­nal Op­ti­mist: How Pro­spe­ri­ty Evol­ves» und ehe­ma­li­ger Vor­stand der Bank Nort­hern Rock, er­klärt, wie die Welt wirk­lich funk­tio­niert. Und war­um wir im­mer rei­cher wer­den, oh­ne es zu mer­ken. Herr Rid­ley, war­um fürch­ten sich vie­le Men­schen vor dem glo­ba­len Markt? Märk­te für Gü­ter, für Ham­bur­ger und Fri­su­ren, funk­tio­nie­ren wun­der­bar. Sie funk­tio­nie­ren nach dem Prin­zip des Markt­plat­zes – es wird kom­mu­ni­ziert, ge­tauscht, ge­lacht, auf der Ba­sis der Frei­wil­lig­keit. Nur gibt es da ei­ne ver­flix­te Aus­nah­me. Ei­nen Markt, der nicht wie ein Markt funk­tio­niert? Ge­nau, den Pseu­domarkt. Mein Kol­le­ge Ver­non Smith hat in Ver­su­chen nach­ge­wie­sen, dass ein gros­ser Un­ter­schied be­steht zwi­schen ei­nem Markt­platz, auf dem man Ge­mü­se kauft, und den Ver­mö­gens­märk­ten. Auf die­sen Märk­ten wer­den Er­war­tun­gen ge­han­delt, nicht Wa­ren. Bla­sen und Crashs sind un­ver­meid­lich. Auf ech­ten Gü­ter- und Di­enst­leis­tungs­märk­ten kommt es hin­ge­gen zu kei­nen Bla­sen. Auch auf Fi­nanz­märk­ten fin­det im Prin­zip ein­fa­cher Han­del statt. Wor­in be­steht der Un­ter­schied zum Ge­mü­se­markt?

Matt Rid­ley Ist es ei­ne Art Angst vor dem Räu­ber, die sich uns ein­ge­prägt hat? Der Mensch ist ein vor­sich­ti­ges We­sen, stets dar­auf be­dacht, dass ihm nichts zu­stösst. Den Räu­ber schät­zen wir als Ge­fahr ein, die über­all lau­ert. Ob­wohl wir so­zia­le We­sen sind, die gern tei­len, hat sich un­se­re Psy­che eben viel lang­sa­mer ent­wi­ckelt als un­ser Wohl­stand. Es fällt uns schwer, zu er­klä­ren, wie es mög­lich ist, dass sie­ben Mil­li­ar­den den Pla­ne­ten be­völ­kern und der durch­schnitt­li­che Reich­tum ein x-fa­ches von dem ist, was die paar tau­send Men­schen frü­her hat­ten. Die po­li­tisch kor­rek­te Ant­wort dar­auf wä­re: Sie den­ken eli­tär, denn nicht al­le pro­fi­tie­ren von Ih­rer Art zu den­ken. Das wä­re ge­gen­über un­se­ren Vor­fah­ren zy­nisch. Wir sind heu­te so reich wie noch nie. Und der Wohl­stand wächst wei­ter – be­son­ders in Afri­ka, in Asi­en und in Süd­ame­ri­ka. Die Zahl der Men­schen, die von we­ni­ger als ei­nem Dol­lar pro Tag le­ben, ist seit 1950 trotz Ver­dop­pe­lung der Welt­be­völ­ke­rung um mehr als die Hälf­te ge­sun­ken. Gleich­zei­tig hat sich das Ein­kom­men durch­schnitt­lich ver­drei­facht. In Eu­ro­pa sind wir ge­ra­de­zu gleich­gül­tig ge­gen­über der Fra­ge nach dem Ur­sprung un­se­res Wohl­stands. Ich se­he das po­si­tiv: Es muss ei­nem schon ziem­lich gut­ge­hen, bis man es müs­sig fin­det, sich mit der Fra­ge zu be­fas­sen. In Eu­ro­pa wid­men wir uns lie­ber den Ein­kom­mens- und Reich­tums­un­ter­schie­den in­ner­halb der Ge­sell­schaf­ten. Die, die so­zia­le Un­gleich­hei­ten be­kla­gen, ha­ben in Eu­ro­pa ge­ra­de Rü­cken­wind. Ich weiss. Und ich kann Ih­nen lei­der nicht sa­gen, wor­an es liegt, dass man sich an­ge­sichts un­se­res er­reich­ten Wohl­stands nicht sagt: «Gut, ich ver­ste­he das Sys­tem nicht voll­stän­dig – aber of­fen­bar funk­tio­niert es.» In ar­men Län­dern mag man den Markt nicht, weil man denkt, er ma­che nur die Rei­chen rei­cher. In rei­chen Län­dern mag man den Markt nicht, weil man ein schlech­tes Ge­wis­sen hat – man sieht sich selbst als Räu­ber. In Wirk­lich­keit hilft der Markt den Ar­men, rei­cher zu wer­den. Wie wür­den Sie ei­nem Kind die Ar­beits­tei­lung er­klä­ren? Ganz ein­fach: Un­se­re Vor­fah­ren be­gan­nen ir­gend­wann, Werk­zeu­ge zu fa­bri­zie­ren. Vor­fah­re A braucht vier St­un­den, um ei­nen Speer her­zu­stel­len, drei St­un­den für ei­ne Axt. Vor­fah­re B ist ge­schick­ter. Er braucht ei­ne St­un­de für ei­nen Speer und zwei St­un­den für ei­ne Axt. Ob­wohl B bei­de Ge­rä­te schnel­ler her­stellt, lohnt sich für ihn die Ar­beits­tei­lung. War­um? Ins­ge­samt ar­bei­tet A fünf St­un­den und B drei. Wenn nun A in sechs St­un­den zwei Äx­te und B in zwei St­un­den zwei Spee­re pro­du­ziert und bei­de ih­re Ge­rä­te tau­schen, ha­ben bei­de ei­ne St­un­de we­ni­ger ar­bei­ten müs­sen. Und Zeit ist Geld. Ja. Bei­de ha­ben vom Tausch pro­fi­tiert. Und sie pro­fi­tie­ren je län­ger, des­to mehr, wenn sie sich wei­ter spe­zia­li­sie­ren. Das gilt nicht nur für un­se­re Vor­fah­ren, es gilt auch heu­te. Wenn wir für­ein­an­der ar­bei­ten – Han­del ist nichts an­de­res –, kön­nen wir in we­ni­ger Zeit mehr er­rei­chen. Und trotz­dem schlies­sen wir, wenn wir ei­nen Men­schen se­hen, der reich ist: Er muss sei­nen Reich­tum je­man­dem weg­ge­nom­men ha­ben. Da­bei ist es um­ge­kehrt. Wer als Händ­ler und Un­ter­neh­mer reich ge­wor­den ist, hat be­son­ders vie­le Mit­men­schen glück­lich ge­macht, nur des­halb ha­ben sie ihm ja frei­wil­lig Geld ge­ge­ben. Ethik und Moral sind Be­grif­fe, die hoch im Kurs ste­hen. Wie ethisch ist Ih­rer An­sicht nach der Markt? Es gibt kei­nen Zwei­fel: Tausch und Han­del ha­ben viel da­zu bei­ge­tra­gen, dass un­ser Zu­sam­men­le­ben «mensch­li­cher» ge­wor­den ist. Die Men­schen wur­den von der Geis­sel der Ar­mut be­freit, und das Wohl­stands­ge-

Der Han­del hat un­ser Zu­sam­men­le­ben mensch­li­cher ge­macht.

fäl­le hat sich zum Bes­se­ren ver­än­dert. Heu­te be­steht die Chan­ce zum Auf­stieg, die Mil­lio­nen Men­schen nut­zen kön­nen. Han­del löst Krie­ge ab, er löst al­te, über­kom­me­ne Denk­mus­ter ab. Welt­wei­ter Han­del sorgt so­gar da­für, dass wir Vor­ur­tei­le ge­gen­über an­de­ren re­vi­die­ren, weil wir die Han­dels­part­ner bes­ser ken­nen­ler­nen. Men­schen, die sich kürz­lich noch um­brin­gen woll­ten, sit­zen nun im sel­ben Boot? Kein So­zi­al­ar­bei­ter der Welt hät­te sie zu­sam­men­ge­bracht, der Markt schon. Ich be­haup­te, al­le so­eben auf­ge­zähl­ten Leis­tun­gen des Markts ha­ben das Prä­di­kat «ethisch» ver­dient. Die Idee, Markt­wirt­schaft pro­du­zie­re Ego­is­mus und Rück­sichts­lo­sig­keit, ist schlicht falsch. Der Schwei­zer von heu­te ist nicht ego­is­ti­scher als der im Mit­tel­al­ter. Das gilt für je­des Land der Welt. Die Ein­kom­mens­un­ter­schie­de neh­men glo­bal dank des Wachs­tums in Chi­na und In­di­en ab, nicht zu. Aber im Wes­ten wach­sen die obe­ren Ein­kom­men schnel­ler als die un­te­ren. Rich­tig. Der Grund da­für liegt aber nicht im Frei­han­del. Die Ein­kom­mens­un­ter­schie­de neh­men zu, weil wir es hier mit dem so­ge­nann­ten Cro­ny-ka­pi­ta­lis­mus zu tun ha­ben – ei­nem eng ver­floch­te­nen Netz zwi­schen pri­va­ten Un­ter­neh­men und dem Staat. Sub­ven­tio­nen, Schutz­zöl­le, Lob­by­grup­pen. Die ei­nen pro­fi­tie­ren, die an­de­ren be­zah­len. Sie ken­nen das. Das heisst, wir schies­sen am Schul­di­gen vor­bei, wenn wir auf den Markt zie­len? Be­stimmt. Aber blei­ben wir prä­zis: Es ist nicht Auf­ga­be des Markts, ethi­sches Han­deln be­reit­zu­stel­len. Re­spekt für das Ge­gen­über ist ein «Ne­ben­pro­dukt» des Markts. Beim Um­gang mit Frem­den er­zielt man ei­nen Vor­teil, wenn man ih­nen freund­lich be­geg­net. Schon Adam Smith wuss­te: Wer den Men­schen mensch­li­cher ma­chen will, ap­pel­liert bes­ser an sein Selbst­in­ter­es­se als an sei­ne Idea­le.

Der Finanzmarkt sei ein Pseu­domarkt, ist sich si­cher. Dort wür­den kei­ne Gü­ter ge­han­delt, son­dern Er­war­tun­gen.

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