Ei­ne Pil­le für Wall­s­treet

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - STM

Är­gern Sie sich, wenn die Kur­se Ih­rer Ak­ti­en pur­zeln? Oder wenn der Schuld­ner Ih­rer Ob­li­ga­tio­nen Kon­kurs an­mel­det? «Na­tür­lich», den­ken Sie, «blö­de Fra­ge.» Dann ist mit Ih­rem No­re­pi­ne­phrin­spie­gel al­les in Ord­nung – denn, so ha­ben For­scher der Uni­ver­si­tät Kyo­to her­aus­ge­fun­den, zwi­schen dem che­mi­schen Bo­ten­stoff und der Ri­si­ko­aver­si­on be­steht ein Zu­sam­men­hang.

An­ders sieht es bei krank­haf­ten Spie­lern aus. Ihr No­re­pi­ne­phrin­le­vel ist er­höht – die Ri­si­ko­freu­de auch. Glei­ches gel­te wohl auch bei ei­ni­gen Händ­lern an Wall­s­treet und in der Lon­do­ner Ci­ty, sag­te Ju­lio Li­ci­nio, Ver­le­ger der neu­en Stu­die, ge­gen­über der Nach­rich­ten­agen­tur Reu­ters: «Krank­haf­tes Glücks­spiel gibt es nicht nur in Spiel­ka­si­nos. Ich den­ke, es fin­det auch in den Ka­si­nos der Wall­s­treet und der Lon­do­ner Ci­ty statt.»

Die Mär vom frei­en Wil­len

Nor­ma­ler­wei­se wer­ten Per­so­nen Ver­lus­te hö­her als gleich gros­se Ge­win­ne. Wer hun­dert Fran­ken ver­liert, er­lebt ei­ne stär­ke­re emo­tio­na­le Re­ak­ti­on als wer hun­dert Fran­ken ge­winnt. Das be­le­gen ver­schie­de­ne Stu­di­en. «Ein durch­schnitt­li­cher Pro­band ak­zep­tiert ei­ne 50-50-Wet­te nur, wenn der mög­li­che Ge­winn dop­pelt so hoch ist, wie sein po­ten­zi­el­ler Ver­lust», er­klä­ren die ja­pa­ni­schen For­scher. «Die Sen­si­ti­vi­tät ge­gen­über Ein­bus­sen nennt man Ver­lusta­ver­si­on.» In ei­nem Ver­such mit neun­zehn Test­per­so­nen ha­ben sie ge­zeigt, dass die Aver­si­on ab­nimmt, wenn der No­re­pi­ne­phrin­spie­gel hoch ist. Mit an­de­ren Wor­ten: Die be­trof­fe­nen Men­schen lässt es kalt, wenn sie Geld ver­lie­ren.

«Wir möch­ten ger­ne glau­ben, dass wir al­le un­se­re Ent­schei­de nach frei­em Wil­len tref­fen kön­nen. Die Re­sul­ta­te der Stu­die zei­gen aber, dass das nicht im­mer so ein­fach ist», kom­men­tiert Li­ci­nio. «Es gibt Per­so­nen, die of­fen­sicht­lich ei­ne Prä­dis­po­si­ti­on für ge­wis­se Ent­schei­de ha­ben.»

Ap­pe­tit­züg­ler für Tra­der?

Den For­schern ist es aber nicht ge­nug, den Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Neu­ro­trans­mit­ter und krank­haf­tem Spie­len nur zu er­klä­ren. Sie schrei­ben: «Wenn wir die mo­le­ku­la­ren Mecha­nis­men der ex­tre­men Ent­schei­de von Pa­ti­en­ten mit neu­ro­psych­ia­tri­schen Stö­run­gen, wie bei­spiels­wei­se Spiel­sucht, ver­ste­hen, kön­nen wir zur Ent­wick­lung neu­er The­ra­pi­en ge­gen sol­che Fehl­funk­tio­nen bei­tra­gen.» Kurz: Ziel der For­schung ist ei­ne Pil­le für krank­haf­te Spie­ler. Me­di­zin­pro­fes­sor De­rek Hill er­läu­tert im Ge­spräch mit Reu­ters, die Ergebnisse könn­ten Me­di­ka­men­te ge­gen ex­zes­si­ves Ri­si­ko­ver­hal­ten er­mög­li­chen.

Bit­ten al­so Ban­ken ih­re Wall­s­treet-tra­der und Ci­ty Boys schon bald zur Ri­si­ko­imp­fung? Und ver­schrei­ben Ap­pe­tit­züg­ler ge­gen zu viel Ri­si­ko­hun­ger?

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