Zu we­nig Strom für den Sprung nach vor­ne

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - WD,

Jef­frey Sachs glaubt an Ni­ge­ria. Das Land be­fin­de sich auf dem Sprung nach ganz vor­ne, meint der Har­vard-ent­wick­lungs­öko­nom. Un­ter­stüt­zung gibt ihm Gold­man Sachs, die den Öl­staat 2030 gar un­ter den zwölf gröss­ten Volks­wirt­schaf­ten der Welt wähnt. Die po­si­ti­ven Sze­na­ri­en dürf­ten zum Teil er­klä­ren, war­um Ni­ge­ria zu ei­nem der Fa­vo­ri­ten der In­vest­ment­häu­ser mu­tiert. Laut­stark wird mo­niert, dass Eu­ro­pas Un­ter­neh­men Ni­ge­ria nicht als Stand­ort be­trach­te­ten – und am En­de war­ten wür­den, bis es für In­ves­ti­tio­nen zu spät sei.

Doch gibt es gu­te Grün­de für Vor­sicht. Gros­se Vi­sio­nen kennt Ni­ge­ria zur Ge­nü­ge: Be­reits 1979 ver­kün­de­te das da­ma­li­ge Re­gime, das Land wer­de zur Jahr­tau­send­wen­de zu den zehn füh­ren­den Na­tio­nen der Welt ge­hö­ren. Tat­säch­lich spielt es bis heu­te in der Ab­stiegs­zo­ne. An­ge­sichts der öko­no­mi­schen Rea­li­tä­ten mu­tet der An­spruch Ni­ge­ri­as als Im­puls­ge­ber für ganz Afri­ka ge­ra­de­zu wie Hy­bris an.

Die letz­ten Wo­chen zei­gen, wie schwer es Prä­si­dent Good­luck Jo­na­than ha­ben wird, das seit der Un­ab­hän­gig­keit eth­nisch wie re­li­gi­ös ge­spal­te­ne Land zu­sam­men­zu­füh­ren. Die is­la­mis­ti­sche Ter­ror­grup­pe Bo­ko Ha­ram hat ih­re Atta­cken aus­ge­wei­tet. Im Ja­nu­ar sind bei An­schlä­gen in Ka­no rund 200 Men­schen ge­stor­ben. Die Grup­pe, die sich «ni­ge­ria­ni­sche Ta­li­ban» nennt, ver­langt, die im Nor­den gel­ten­den is­la­mi­schen Scha­ria-ge­set­ze auf ganz Ni­ge­ria aus­zu­deh­nen.

Gleich­zei­tig ist es der Re­gie­rung al­len­falls in An­sät­zen ge­lun­gen, Re­for­men um­zu­set­zen. Der Ab­bau der Ben­zinsub­ven­tio­nen, mit dem man aus­län­di­sche In­ves­to­ren an­zu­lo­cken hoff­te, lös­te nach ei­ner Ver­dop­pe­lung der Ben­zin­prei­se lan­des­wei­te Streiks aus – dar­auf­hin führ­te die Re­gie­rung die Sub­ven­tio­nen wie­der ein. Vor al­lem das po­li­ti­sche Ri­si­ko lässt um den Zu­sam­men­halt und die Sta­bi­li­tät des Lan­des fürch­ten.

Auch wirt­schaft­lich ist der Auf­hol­be­darf nach den ver­schenk­ten Jahr­zehn­ten rie­sig. Be­sorg­nis­er­re­gend ist vor al­lem die de­sas­trö­se Strom­ver­sor­gung, das Le­bens­blut ei­ner mo­der­nen Wirt­schaft. Für sei­ne fast 160 Mio. Ein­woh­ner er­zeugt Ni­ge­ria kaum 4000 Me­ga­watt Strom im Jahr – we­nig mehr als Gross­städ­te wie Berlin oder Paris. Ni­ge­ri­as In­dus­trie­ver­band macht die chao­ti­sche Strom­ver­sor­gung und die jah­re­lang aus­ge­blie­be­nen In­ves­ti­tio­nen für die sin­ken­de In­dus­trie­pro­duk­ti­on ver­ant­wort­lich. Ei­ne Wen­de ist nicht in Sicht: An­geb­lich sol­len die Strom­ta­ri­fe im April zwi­schen 25 und 88% stei­gen. Trotz al­ler gu­ten Ab­sich­ten sta­gniert der Aus­bau der Strom­ver­sor­gung seit Jah­ren. Um­so skep­ti­scher wer­den Re­gie­rungs­plä­ne be­trach­tet, in den nächs­ten zehn Jah­ren 35 Mrd. $ in die gi­gan­ti­sche Pri­va­ti­sie­rung des Strom­sek­tors zu ste­cken. Un­klar bleibt, wie die Re­gie­rung die Strom­pro­duk­ti­on bis 2016 ver­vier­fa­chen will. Gut vor­be­rei­te­te In­ves­ti­tio­nen kön­nen durch­aus lu­kra­tiv sein, blei­ben aber schon we­gen der im­mer noch ho­hen Kor­rup­ti­on sehr ris­kant.

Auch der nied­ri­ge Schul­den­stand ent­puppt sich als Au­gen­wi­sche­rei: Die schein­bar nied­ri­gen Ver­bind­lich­kei­ten be­ru­hen nicht et­wa auf ei­ner so­li­den Haus­halts­po­li­tik, son­dern ei­nem um­fas­sen­den Schul­den­mo­ra­to­ri­um der Ge­ber.

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