Die Avant­gar­de kommt in die Jah­re

Auk­tio­nen mit Ge­gen­warts- und Nach­kriegs­kunst in London – So­li­de, aber sen­sa­ti­ons­lo­se Ergebnisse – Rich­ter statt War­hol

Finanz und Wirtschaft - - KUNSTMARKT - CHRIS­TI­AN VON FA­BER- CA­S­TELL

Für den ers­ten Blick zeich­nen die Lon­do­ner Früh­sai­son­auk­tio­nen mit Ge­gen­warts- und Nach­kriegs­kunst ein ähn­lich ge­sun­des, sen­sa­ti­ons­ar­mes Markt­bild wie ei­ne Wo­che da­vor die Mo­der­ne- und Im­pres­sio­nis­ten­ver­stei­ge­run­gen (vgl. FUW Nr. 14 vom 18. Fe­bru­ar). An ih­ren drei Abend­ver­stei­ge­run­gen vom 14. bis 16. Fe­bru­ar ver­kauf­ten Chris­tie’s, Sothe­by’s und Phil­lips de Pu­ry & Com­pa­ny zu­sam­men 138 Ge­mäl­de, Skulp­tu­ren und In­stal­la­tio­nen im Ge­samt­wert von 137 Mio. £ (215 Mio. $). Ge­gen­über den Vor­jah­res­ver­stei­ge­run­gen ent­spricht dies ei­ner Um­satz­stei­ge­rung um 20%.

Sie sagt al­ler­dings we­nig über die Markt­si­tua­ti­on aus, weil der Lon­do­ner Um­satz da­von ab­hängt, wie vie­le ih­rer Spit­zen­lo­se die drei Auk­ti­ons­häu­ser für ih­rer New Yor­ker Ge­gen­warts­kunst­auk­tio­nen im Mai zu­rück­hal­ten. Be­ru­hi­gend sind die in al­len drei Ver­stei­ge­run­gen ho­hen Ver­kaufs­quo­ten zwi­schen 85 und 91% der aus­ge­ru­fe­nen Lo­se. Mit ei­nem Durch­schnitts­preis von 1,56 Mio. $ pro ver­stei­ger­tes Werk nä­hern sich die Lon­do­ner Ge­gen­warts­kunst­auk­tio­nen zu­dem im­mer mehr dem Durch­schnitts­preis von 2,9 Mio. $ der dor­ti­gen Im­pres­sio­nis­ten­und Mo­der­ne­auk­tio­nen.

Deut­scher Gross­meis­ter

In den obers­ten Preis­rän­gen der Ver­stei­ge­run­gen von Chris­tie’s und Sothe­by’s fällt die­ses Jahr die Ab­we­sen­heit po­pu­lä­rer Su­per­stars wie An­dy War­hol, Jeff Koons und Da­mi­en Hirst auf. Über de­ren Markt­si­tua­ti­on sagt dies aber ge­nau­so we­nig aus wie et­wa das Feh­len von Pi­cas­so un­ter den Top­wer­ken der ent­spre­chen­den Im­pres­sio­nis­ten- und Mo­der­ne­auk­tio­nen ei­ne Wo­che zu­vor. Le­dig­lich in der Phil­lip­sVer­stei­ge­rung schaff­ten es Ar­bei­ten von War­hol und Hirst un­ter die zehn teu­ers­ten Wer­ke, al­ler­dings mit Prei­sen un­ter­halb ei­ner hal­ben Mil­li­on Pfund.

Eher zu­fäl­lig war auch der ge­ball­te Auf­tritt des acht­zig­jäh­ri­gen Dresd­ners Ger­hard Rich­ter bei Chris­tie’s und Sothe­by’s. Die­ser längst mu­se­um­se­ta­blier­te Gross­meis­ter der deut­schen Kunst des 20. Jh. stell­te al­lein fünf der zehn teu­ers­ten Wer­ke ih­rer bei­den Auk­tio­nen, an­ge­führt von sei­nem 1994 ge­schaf­fe­nen Gross­for­mat «Abs­trak­tes Ge­mäl­de» (Öl auf Lein­wand, si­gniert und da­tiert, 250,2×200 cm), das Chris­tie’s für 9,9 Mio. £ (15,5 Mio. $) ver­kauf­te. Über neue­re Markt­ent­wick­lun­gen oder gar über ei­nen Preis­sprung für die Wer­ke die­ses durch­aus rüs­ti­gen Künst­lers sa­gen die­se Ergebnisse al­ler­dings we­nig aus, weil sie durch­weg in­ner­halb oder mass­voll ober­halb der von den Auk­ti­ons­häu­sern vor­ge­schla­ge­nen Schätz­preis­span­nen lie­gen.

Samm­lern und Händ­lern von Avant­gar­de­kunst lie­fern die­se Lon­do­ner Ver­stei­ge­run­gen erst recht kei­ne Hin­wei­se auf die Markt­ent­wick­lung ih­res Sam­mel­be­reichs. Da­zu sind die hier ver­kauf­ten Kunst­wer­ke längst viel zu fest am Markt eta­bliert und zum Teil so­gar schlicht zu alt. Das teu­ers­te Bild die­ser Auk­tio­nen, Fran­cis Ba­cons 1963 ge­mal­tes «Por­trait of Hen­ri­et­ta Mo­ra­es», das Chris­tie’s für 21,3 Mio. £ (33,5 Mio. $) ver­stei­ger­te, ist bei­spiels­wei­se gleich alt wie Hen­ry Moo­res Bron­ze­skulp­tur «Th­ree Pie­ce Re­cli­ning Fi­gu­re no.2: Bridge-prop» (Län­ge 251,5 cm, num­me­riert 3/6), für die Sothe­by’s in der Im­pres­sio­nis­ten- und Mo­der­ne­auk­ti­on am 8. Fe­bru­ar 3,3 Mio. £ (5,2 Mio. $) er­zielt hat­te. Ein­zel­ne füh­ren­de Künst­ler der Lon­do­ner Ge­gen­warts- und Nach­kriegs­kunst­auk­tio­nen wie Ni­co­las de Sta­el (1914 bis 1955), Pie­ro Man­zo­ni (1933 bis 1963) oder Yves Klein (1928 bis 1962) wa­ren bei­spiels­wei­se schon ge­stor­ben, be­vor ih­re heu­ti­gen Käu­fer das Licht der Welt er­blick­ten.

Dies er­in­nert dar­an, dass sich die markt­üb­li­che Auk­ti­ons­be­zeich­nung «zeit­ge­nös­si­sche Kunst und Nach­kriegs­kunst» eben nicht auf den heu­ti­gen glo­ba­len Samm­lern nä­her lie­gen­den Viet­nam­krieg oder gar auf die Irak­krie­ge be­zieht, son­dern im­mer noch auf den be­reits his­to­ri­schen Zwei­ten Welt­krieg.

Fo­to­gra­fie wird Kunst

Le­dig­lich die Auk­ti­on zeit­ge­nös­si­scher Kunst von Phil­lips de Pu­ry & Com­pa­ny war auch dies­mal wie­der et­was jün­ger, wenn auch kaum we­ni­ger pro­mi­nent und eta­bliert be­stückt als die der bei­den Auk­ti­ons­mul­tis. Zu ih­ren in­ter­es­san­tes­ten Er­geb­nis­sen zählt der un­er­war­tet ho­he Preis von 433 250 £ (682 672 $) für die Farb­fo­to­gra­fie «Un­tit­led, #410» (141×101,5 cm) der 58-jäh­ri­gen ame­ri­ka­ni­schen Fo­to­gra­fin Cin­dy Sher­man. Die­ses 2003 in sechs Ex­em­pla­ren ver­grös­ser­te Selbst­bild­nis als Clown il­lus­triert ein­mal mehr das Ein­drin­gen klas­si­scher Fo­to­gra­fie in den um ein Viel­fa­ches teu­re­ren Kunst­markt­be­reich der zeit­ge­nös­si­schen Kunst.

Zu den Ku­rio­si­tä­ten die­ser Auk­ti­on ge­hör­te da­ge­gen die Ver­stei­ge­rung ei­ner ge­schlitz­ten Lein­wand von Lu­cio Fon­ta­na, die einst kei­nem Ge­rin­ge­ren als An­dy War­hol ge­hört hat­te. Fon­ta­nas «Con­cet­to spa­zia­le, At­te­se» ( Was­ser­far­be auf Lein­wand, 93×138 cm) von 1960 er­ziel­te da­bei mit 1,05 Mio. £ (1,65 Mio. $) gut das Dop­pel­te des fünf Lo­se da­vor für 457 250 £ (720 489 $) ver­stei­ger­ten Mao-por­träts (Kunst­harz- und Sieb­druck­far­be auf Lein­wand, si­gniert und da­tiert, 30,5×25,7 cm) von An­dy War­hol selbst. Na­tür­lich ha­ben sol­che Ver­glei­che mehr Cock­tail­un­ter­hal­tungs­wert als ech­te Aus­sa­ge­kraft über den Kunst­markt.

Ger­hard Rich­ter, «Eis», 1981, Öl auf Lein­wand, si­gniert und da­tiert, 70×100 cm, Schätz­preis: 2 bis 3 Mio. £, Zu­schlags­preis: 4,3 Mio. £/6,8 Mio. $ (Sothe­by’s, London, 15. Fe­bru­ar, an Pri­vat, Eu­ro­pa)

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