Re­gio­nal­po­li­ti­sche Ver­su­chun­gen

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG - PE­TER MORF

Die Mehr­wert­steu­er droht zu ei­nem Selbst­be­die­nungs­la­den zu wer­den. Die so­li­de fi­nan­zi­el­le Si­tua­ti­on des Bun­des ist nicht in Stein ge­hau­en. Das ha­ben bei­de Rä­te in der ers­ten Ses­si­ons­wo­che be­wie­sen. Der Na­tio­nal­rat hat das vom Bun­des­rat vor­ge­schla­ge­ne Bud­get­de­fi­zit um 100 Mio. Fr. auf knapp 500 Mio. Fr. er­höht. Grund sind Mehr­aus­ga­ben be­son­ders für die Land­wirt­schaft und den Tou­ris­mus. Im­mer­hin: Das De­fi­zit bleibt re­la­tiv ge­ring, die Schul­den­brem­se ist ein­ge­hal­ten (vgl. Sei­te 17).

Wäh­rend der Na­tio­nal­rat nur ge­kle­ckert hat, hat der Stän­de­rat ge­klotzt. Er hat die vom Bun­des­rat vor­ge­se­he­nen Aus­ga­ben für den Aus­bau der Bahn­in­fra­struk­tur bis 2025 von 3,5 auf 6,4 Mrd. Fr. fast ver­dop­pelt. Da­bei hat er sich von re­gio­nal­po­li­ti­schen Son­der­in­ter­es­sen lei­ten las­sen – die Fra­ge der Fi­nan­zie­rung ist in den Hin­ter­grund ge­rutscht. Wenn kei­ne Ide­en vor­han­den sind, wird rasch die Mehr­wert­steu­er an­ge­ru­fen: Sie soll be­fris­tet ab 2018 um 0,1% er­höht wer­den. Der Stän­de­rat, der sich ger­ne als «cham­bre de réfle­xi­on» be­zeich­net, ist zur we­nig re­flek­tie­ren­den «cham­bre de gé­né­ro­sité» mu­tiert.

Ge­gen den Aus­bau des öf­fent­li­chen Ver­kehrs ist an sich we­nig ein­zu­wen­den. Al­ler­dings hat er zu­nächst ver­kehrs­po­li­ti­schen Prio­ri­tä­ten zu ge­nü­gen – und nicht re­gio­nal­po­li­ti­schen Be­find­lich­kei­ten. Der stän­de­rät­li­che Be­schluss gleicht ei­ner Aus­wahl­sen­dung, in der fast je­de Re­gi­on ihr Zü­cker­chen er­hält. Nur: Die viel­leicht wich­tigs­te Lü­cke in der Bahn­in­fra­struk­tur bleibt. Die Fort­set­zung der Neat süd­lich von Lu­ga­no mit der not- wen­di­gen neu­en Que­rung des Lu­ga­ner­sees ist kein The­ma. Die Neat Gott­hard wird in Lu­ga­no zur Sack­gas­se. Zu­dem ist ein Aus­bau der Bahn­in­fra­struk­tur teu­er, die Fi­nan­zie­rung muss klar sein. An ers­ter Stel­le müss­te das Ver­ur­sa­cher­prin­zip ste­hen: Der Be­nut­zer ist zur Kas­se zu bit­ten. Die­sen Mut hat­te der Stän­de­rat nicht, es ist ein­fa­cher, sich bei der Mehr­wert­steu­er zu be­die­nen. Da gilt es zu­nächst an die Bun­des­ver­fas­sung zu er­in­nern. Sie sieht vor, dass die Mehr­wert­steu­er bei­ge­zo­gen wer­den kann, wenn die Fi­nan­zie­rung der Al­ters­vor­sor­ge we­gen der Al­te­rung der Be­völ­ke­rung nicht mehr ge­si­chert ist. Soll­te die Mehr­wert­steu­er für die Fi­nan­zie­rung der Bahn­in­fra­struk­tur ein­ge­setzt wer­den, kä­me das ei­nem Damm­bruch gleich. Der Be­gehr­lich­kei­ten wür­den im­mer mehr, die Aus­ga­ben­dis­zi­plin des Par­la­ments wür­de auf­ge­weicht. Zu­dem wür­de sich der Mehr­wert­steu­er­satz der Schweiz, der weit un­ter dem der EU liegt, die­sem lang­sam an­nä­hern. Ein Wett­be­werbs­vor­teil gin­ge ver­lo­ren.

Es ist zu be­fürch­ten, dass auch der Na­tio­nal­rat der re­gio­nal­po­li­ti­schen Ver­su­chung er­liegt und mit der gros­sen Kel­le an­rich­tet. Ei­ne Si­che­rung ist im­mer­hin ein­ge­baut: Der Mehr­wert­steu­er­satz ist in der Ver­fas­sung ver­an­kert, ei­ne Än­de­rung be­darf ei­ner Volks­ab­stim­mung. Und wenn das Volk rea­li­siert, dass die­se In­ves­ti­tio­nen enor­me Kos­ten für Be­trieb und Un­ter­halt nach sich zie­hen, könn­te die Skep­sis ob­sie­gen.

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