Staat­li­che Re­nais­sance in der Stahl­in­dus­trie

EU­RO­PA Die Aus­ein­an­der­set­zung um den Pro­duk­ti­ons­stand­ort Flo­r­an­ge in Frank­reich ist kein Ein­zel­fall – Ein tief­grei­fen­der Struk­tur­wan­del der Bran­che ist not­wen­dig

Finanz und Wirtschaft - - INDUSTRIE - UL­RICH SCHÄ­RER

Wei­te Be­rei­che der eu­ro­päi­schen Stahl­in­dus­trie pro­du­zie­ren tief­ro­te Zah­len. Die Nei­gung der Un­ter­neh­men, in die­sem Sek­tor Res­sour­cen zu bin­den, hat sich denn auch in der Kri­se der ver­gan­ge­nen Jah­re spür­bar ver­flüch­tigt. Die Bran­che steht vor ei­ner der gröss­ten Her­aus­for­de­run­gen der letz­ten Jahr­zehn­te. Für vie­le Stahl­ko­cher geht es dar­um, die An­ge­bots­pa­let­te mit mar­gen­stär­ke­ren «Spe­zia­li­tä­ten» zu be­rei­chern und die zum Teil be­trächt­li­chen Über­ka­pa­zi­tä­ten ab­zu­bau­en. Aus Sicht von Wolf­gang Eder, Vor­stands­vor­sit­zen­der des ös­ter­rei­chi­schen Kon­zerns Voe­st­al­pi­ne und seit 2009 Prä­si­dent der Ver­ei­ni­gung Euro­fer, wur­de in den ver­gan­ge­nen Jah­ren «50 bis 60 Mio. t un­ter den vor­han­de­nen Ka­pa­zi­tä­ten» von rund 200 Mio. t Roh­stahl pro­du­ziert – was per­ma­nen­ten Preis­druck be­deu­tet (vgl. FuW vom 8. Sep­tem­ber).

Der nö­ti­ge An­pas­sungs­pro­zess wird in­des al­les an­de­re als ein­fach sein, wie die in den ver­gan­ge­nen Ta­gen es­ka­lier­te Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Welt­markt­füh­rer Ar­celor­Mit­tal und den fran­zö­si­schen Be­hör­den zeigt: Die Re­gie­rung von Pre­mier­mi­nis­ter Je­an-Marc Ay­rault will die Aus­ser­be­trieb­nah­me der Hoch­öfen im loth­rin­gi­schen Flo­r­an­ge nicht ak­zep­tie­ren und droht dem Stahl­mul­ti un­miss­ver­ständ­lich mit ei­ner «vor­über­ge­hen­den Ver­staat­li­chung» des Pro­duk­ti­ons­stand­orts, bis ein Käu­fer ge­fun­den wer­de. Sie führt da­bei ins Feld, dass sich Mit­tal bei der Über­nah­me von Ar­celor ver­pflich­tet ha­be, die Be­schäf­ti­gung an den ein­zel­nen Stand­or­ten zu er­hal­ten, und sich nun nicht da­ran hal­te.

Mil­li­ar­den­ver­lus­te

Der Fall Flo­r­an­ge ist hoch­bri­sant, je­doch kein Ein­zel­fall. Das Un­ter­neh­men US Steel hat das un­ren­ta­ble Werk von Ze­le­za­ra Sme­dere­vo für die sym­bo­li­sche Sum­me von 1 $ an den ser­bi­schen Staat ver­kauft, der nun ei­nen Käu­fer sucht – bis­lang oh­ne Er­folg. Der­sel­be Kon­zern will auch sei­ne slo­wa­ki­schen Ka­pa­zi­tä­ten an die öf­fent­li­che Hand ver­äus­sern; die Be­hör­den stre­ben in­des ei­ne Lö­sung an, wo­nach sie den Ame­ri­ka­nern mit nicht nä­her de­fi­nier­ten In­cen­ti­ves ent­ge­gen­kom­men, um so Kon­ti­nui­tät für ei­nen der gröss­ten Ar­beit­ge­ber im Land zu schaf­fen. Auch im süd­ita­lie­ni­schen Ta­ran­to mischt der Staat mit: Re­gie­rung und Jus­tiz ma­chen ver­ständ­li­cher- wei­se Druck, dass an­ge­mes­se­ne Mass­nah­men zum Schutz der Um­welt er­grif­fen wer­den. Doch auch hier gibt es be­wah­ren­de Kräf­te un­ter Po­li­ti­kern und Ge­werk­schaf­ten, für die der Er­halt von Tau­sen­den von Ar­beits­plät­zen das Kern­the­ma ist.

Dass sich die Po­li­tik in ei­nem Um­feld mas­siv stei­gen­der Ar­beits­lo­sig­keit wie­der ver­mehrt ein­mischt, um Ar­beits­plät­ze zu er­hal­ten, ist an sich ver­ständ­lich. Doch ge­ra­de mit Blick auf Eu­ro­pas Stahl­in­dus­trie soll­te die Ver­gan­gen­heit zur Vor­sicht mah­nen: Die In­ter­ven­ti­ons­po­li­tik vie­ler Staa­ten hat­te für den ge­sam­ten Wirt­schafts­zweig ka­ta­stro­pha­le Aus­wir­kun­gen. In Eu­ro­pas Stahl­in­dus­trie wur­den in den Sieb­zi­ger- und Acht­zi­ger­jah­ren Mil­li­ar­den­ver­lus­te ge­schrie­ben.

Ver­hee­ren­de Er­fah­rung

Be­son­ders be­un­ru­hi­gend ist, dass sich die The­men von da­mals und heu­te glei­chen. Es geht um den Er­halt von Ar­beits­plät­zen (be­son­ders in struk­tur­schwa­chen Re­gio­nen). Da­bei sol­len be­ste­hen­de Ka­pa­zi­tä­ten wo im­mer mög­lich er­hal­ten wer­den. In die­ser po­li­ti­schen Sicht rü­cken ge­sun­de Bi­lanz­struk­tu­ren der Un­ter­neh­men und ei­ne ge­nü­gen­de

Chi­na do­mi­niert Stahl­pro­duk­ti­on Ren­ta­bi­li­tät des ein­ge­setz­ten Ka­pi­tals oft in den Hin­ter­grund. Grund­sätz­lich kann ge­sagt wer­den, dass die öf­fent­li­che Hand vor al­lem in­län­di­sche In­ter­es­sen ver­folgt und da­bei die in­ter­na­tio­na­len Ent­wick­lun­gen in ei­ner Bran­che we­nig be­ach­tet. Die Er­fah­run­gen mit staat­li­chen Ein­grif­fen wa­ren ge­ra­de in der Stahl­in­dus­trie der­art ver­hee­rend, dass sich die Po­li­tik letzt­lich aus der Bran­che zu­rück­zog und ih­re Be­tei­li­gun­gen weit­ge­hend an Pri­va­te ver­äus­ser­te.

Ar­celor­Mit­tal

An die­se Fehl­ent­wick­lun­gen soll­ten sich die Po­li­ti­ker heu­te er­in­nern. Sie wa­ren und sind auch ge­gen­wär­tig nicht in der La­ge, den nö­ti­gen Struk­tur­wan­del um­zu­set­zen. Hier ist un­ter­neh­me­ri­sches Han­deln ge­for­dert, das letzt­lich zu ei­ner sinn­vol­len Al­lo­ka­ti­on der Res­sour­cen führt. Das be­deu­tet nicht, dass der Staat den not­wen­di­gen Struk­tur­wan­del nicht be­glei­tet. Man kann sich bei­spiels­wei­se vor­stel­len, dass die öf­fent­li­che Hand Rah­men­be­din­gun­gen setzt, um For­schung und Ent­wick­lung in die­sem Sek­tor zu sti­mu­lie­ren. In­no­va­ti­ons­fort­schrit­te, die sich letzt­lich in ver­bes­ser­ten Ma­te­ria­li­en und leis­tungs­star­ken Pro­duk­ten nie­der­schla­gen, wer­den auch die Be­schäf­ti­gung be­güns­ti­gen. We­nig in­spi­rie­rend sind da­ge­gen die Dro­hun­gen der fran­zö­si­schen Re­gie­rung. Sie kön­nen höchs­tens be­wir­ken, dass ge­ra­de aus­län­di­sche Kon­zer­ne noch mehr Zu­rück­hal­tung in ih­rer In­ves­ti­ti­ons­tä­tig­keit zei­gen.

Wenn Voe­st­al­pi­ne-Chef Wolf­gang Eder un­ter­streicht, dass die eu­ro­päi­schen Pro­duk­ti­ons­stand­or­te im Com­mo­di­ty-Ge­schäft im­mer we­ni­ger wett­be­werbs­fä­hig sei­en ge­gen­über Wer­ken in Schwel­len­län­dern wie der Tür­kei oder Russ­land, dann be­deu­tet das, dass Eu­ro­pas Stahl­ko­cher den Weg zu Pro­duk­ten mit hö­he­rer Wert­schöp­fung viel schnel­ler durch­schrei­ten soll­ten, als sie das in der Ver­gan­gen­heit ge­tan ha­ben. Lei­der lässt sich der Bran­che in die­ser Be­zie­hung nicht das bes­te Zeug­nis aus­stel­len. Doch es gibt auch Bei­spie­le von er­folg­reich ge­ma­nag­ten Stahl­ver­ar­bei­tern wie Voe­st­al­pi­ne, die zei­gen, dass Eu­ro­pa auch künf­tig Ent­wick­lungs­po­ten­zi­al für die­se In­dus­trie birgt. Doch die Bran­che wird sich ge­gen­über Schwel­len­län­dern durch ei­nen we­sent­lich hö­he­ren Leis­tungs­stan­dard aus­zeich­nen müs­sen.

Die Zu­kunft des ita­lie­ni­schen Stahl­werks in Ta­ran­to weckt Be­fürch­tun­gen: Ar­beit­neh­mer de­mons­trie­ren vor dem Par­la­ment in Rom für den Er­halt der Ar­beits­plät­ze.

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