«Das De­fi­zit bleibt er­träg­lich»

BÄR­NER APÉ­RO NA­TIO­NAL­RAT URS GA­SCHE (BDP/BE) Zum Bun­des­bud­get und zur Be­deu­tung der Steu­er­hin­ter­zie­hung

Finanz und Wirtschaft - - FINANZ - IN­TER­VIEW: PE­TER MORF

Herr Ga­sche, der Na­tio­nal­rat hat das Bud­get 2013 dis­ku­tiert. Es schliesst mit ei­nem klei­nen De­fi­zit. Ist das ein gu­tes Bud­get? Ja, es ist ein gu­tes Bud­get, zu­mal das Um­feld schwie­rig ist. Die Schul­den­brem­se wird ein­ge­hal­ten, das ist zen­tral. Ge­mäss den bun­des­rät­li­chen Zie­len für 2013 steht an ers­ter Stel­le ein aus­ge­gli­che­ner Haus­halt. Wird das Bud­get dem ge­recht? An sich stört das De­fi­zit schon, Aus­ga­ben und Ein­nah­men müss­ten im Gleich­ge­wicht sein. In der ge­ge­be­nen Si­tua­ti­on lässt sich al­ler­dings zu­min­dest ein Teil des Fehl­be­trags er­klä­ren. Im Be­reich der Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit muss­ten wir kon­se­quent blei­ben, und die Mehr­aus­ga­ben im Bil­dungs­be­reich sind gut be­grün­det. Der Fehl­be­trag bleibt er­träg­lich. Im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich ist die Schweiz ein Uni­kat – der Haus­halt ist aus­ge­gli­chen, und die Schul­den sind re­la­tiv ge­ring. War­um ist die Schweiz so gut? Es gibt ei­ne Rei­he von Ur­sa­chen. Zu­nächst ist es auch ei­ne Fra­ge der Men­ta­li­tät. Über­dies geht es der Schweiz wirt­schaft­lich bes­ser als dem un­mit­tel­ba­ren Um­feld, und die Schul­den­brem­se er­weist sich als sehr se­gens­rei­ches In­stru­ment. Das Par­la­ment hält sich da­ran und ist sich be­wusst, dass ih­re Ver­let­zung ne­ga­ti­ve Fol­gen hät­te. Könn­ten Sie die spe­zi­el­le Men­ta­li­tät et­was prä­zi­sie­ren? In der Schweiz exis­tiert von links bis rechts ein ho­hes Be­wusst­sein da­für, dass der Staat nicht über sei­ne Ver­hält­nis­se le­ben darf. Da be­steht ein Kon­sens. Wie trag­fä­hig ist die­ser Kon­sens? In der De­bat­te hat die SVP mehr Ein­spa­run­gen ver­langt und die SP mehr Aus­ga­ben. Der SVP war es wohl nicht so ernst mit ih­ren Spar­an­trä­gen. In der Land­wirt­schaft hat sie so­gar An­trä­ge für hö­he­re Aus­ga­ben ge­stellt. Sie will wohl pri­mär den Ein­druck er­we­cken, sie wol­le mehr spa­ren. Es geht Ab­schlüs­se der ver­gan­ge­nen Jah­re stets bes­ser als bud­ge­tiert aus­ge­fal­len sind? Es ist wich­tig, dass nicht ein­fach von der Ver­gan­gen­heit auf die Zu­kunft ge­schlos­sen wird. Im Um­feld zeich­nen sich zu­dem Pro­ble­me ab. Den­ken Sie an die Schwä­chen in den Nach­bar­län­dern und die dar­aus re­sul­tie­ren­den Fol­gen im Ex­port oder im Tou­ris­mus. Auch Bin­nen­bran­chen be­gin­nen die Pro­ble­me, zu de­nen na­tür­lich der star­ke Fran­ken ge­hört, zu spü­ren. Vor die­sem Hin­ter­grund tei­le ich die Skep­sis der Fi­nanz­mi­nis­te­rin, auch wenn die Ab­schwä­chung viel­leicht et­was län­ger auf sich war­ten lässt, als ur­sprüng­lich be­fürch­tet wor­den ist. Ich ge­he da­von aus, dass wir im Haus­halt schwie­ri­ge­re Zei­ten vor uns ha­ben und wir uns aus­ga­ben­sei­tig dar­auf ein­stel­len müs­sen. Lei­der re­agiert die Po­li­tik auf Pro­ble­me häu­fig erst, wenn sie schon vi­ru­lent ge­wor­den sind. Wo se­hen Sie die gröss­ten bud­get­po­li­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen? Das gros­se The­ma wer­den die Ein­nah­men sein, zu­rück­zu­füh­ren auf die Wirt­schafts­ent­wick­lung und die Steu­er­re­for­men. Aus­ga­ben­sei­tig fal­len die Er­hö­hung des Ar­mee­bud­gets und die Kos­ten der so­zia­len Wohl­fahrt so­wie der Asyl­be­reich ins Ge­wicht. Wir ver­su­chen Ge­gen­steu­er zu ge­ben, aber ich rech­ne mit Mehr­aus­ga­ben. Und in der Bil­dung sind wir ge­zwun­gen, das Ni­veau min­des­tens zu hal­ten. Ein­nah­men­sei­tig wur­de ei­ni­ges über Steu­er­re­vi­sio­nen schon be­schlos­sen. Ja, das sind ge­woll­te Ve­rän­de­run­gen. Zu­sätz­lich wird der Bund kaum dar­um her­um­kom­men, sich im Be­reich der steu­er­li­chen Spe­zi­al­re­gimes, der Hol­ding­be­steue­rung in den Kan­to­nen, am Aus­fall, der we­gen der An­pas­sung an EU-Stan­dards ent­ste­hen wird, zu be­tei­li­gen. Da muss ein Gleich­ge­wicht zwi­schen Kan­to­nen und Bund ge­sucht wer­den. Wie kann oder soll der Bund die­sen Her­aus­for­de­run­gen be­geg­nen? Sehr wich­tig ist zu­nächst, dass das Rech­nungs­mo­dell des Bun­des auf die «neue wir­kungs­ori­en­tier­te Ver­wal­tungs­füh­rung» um­ge­stellt wird und da­mit trans­pa­ren­ter wird. Es muss klar er­sicht­lich wer­den, wel­che Leis­tung wie viel Geld kos­tet. Ich ha­be als Fi­nanz­di­rek­tor des Kan­tons Bern ge­se­hen, wie wich­tig die­se Trans­pa­renz ist. Sie ist letzt­lich die Ba­sis für ei­ne zweck­mäs­si­ge Auf­ga­ben­über­prü­fung und den all­fäl­li­gen Ab­bau ge­wis­ser Leis­tun­gen. Al­so letzt­lich Spar­pa­ke­te. Das wird der Ef­fekt sein. Das steht aber nicht im Vor­der­grund, weil es dar­um ge­hen muss, zu über­prü­fen, ob sich nicht Auf­ga­ben an­ge­sam­melt ha­ben, die an sich nicht (mehr) Sa­che des Bun­des sind. Be­steht die Ge­fahr, wie­der in ei­ne Schul­den­wirt­schaft ab­zu­rut­schen? Die Ge­fahr ist grund­sätz­lich im­mer vor­han­den, ich schät­ze sie der­zeit aber nicht als akut ein. Es sei denn, die Wirt­schaft wird auf brei­ter Front von ei­ner tie­fen Re- zes­si­on er­schüt­tert, was aber eher nicht der Fall sein dürf­te. Ich ge­he da­von aus, dass wir aus der ge­ge­be­nen Aus­gangs­la­ge und mit den ver­füg­ba­ren In­stru­men­ten in der La­ge sind, zu ver­hin­dern, dass die Schweiz in ei­ne Schul­den­spi­ra­le ge­rät. Die Steu­er­hin­ter­zie­hung war in jüngs­ter Zeit we­gen des Ab­gel­tungs­steu­er­ab­kom­mens mit Deutsch­land über­all prä­sent. Im Na­tio­nal­rat war ei­ne Mo­ti­on der SP zu die­ser The­ma­tik trak­tan­diert. Wie gross ist die Steu­er­hin­ter­zie­hung in der Schweiz? Das weiss nie­mand ge­nau, die Steu­er­hin­ter­zie­hung ist von der Na­tur der Sa­che her schwer zu er­fas­sen. Es wä­re blau­äu­gig zu mei­nen, das Phä­no­men exis­tie­re in der Schweiz nicht. Es wä­re aber auch den Teu­fel an die Wand ge­malt, zu be­haup­ten, es ge­be sie im gros­sen Stil. Die Steu­er­ver­wal­tun­gen ver­su­chen je­weils, aus den auf­ge­flo­ge­nen Fäl­len auf die Ge­samt­heit hoch­zu­rech­nen. Da­bei zeigt sich, dass es vo­lu­men­mäs­sig kein re­le­van­tes The­ma ist. Aber es ist klar, es gibt auch hier Steu­er­hin­ter­zie­hung, und man muss da­ge­gen ge­wapp­net sein. Kon­trol­len sind al­so nö­tig. Ei­ne ge­wis­se Auf­sto­ckung der Steu­er­ver­wal­tung für die­sen Zweck er­schie­ne mir sinn­voll. Der Kampf ge­gen die Steu­er­hin­ter­zie­hung ist ei­ne Dau­er­auf­ga­be. Es wä­re aber falsch, ei­nen Steu­er­po­li­zei­staat auf­zu­bau­en. Das bes­te Mit­tel ge­gen Steu­er­hin­ter­zie­hung ist ei­ne mo­de­ra­te Steu­er­be­las­tung. Ja, das ist so. Die Schweiz hat ins­ge­samt ei­ne Steu­er­be­las­tung, die für den Ein­zel­nen er­träg­lich ist. Deutsch­land hät­te vie­le Pro­ble­me nicht, wenn es sein Steu­er­sub­strat nicht über­nut­zen wür­de. Ei­ne an-

Deutsch­land hät­te vie­le Pro­ble­me nicht, wenn es sein Steu­er­sub­strat nicht über­nut­zen wür­de.

ge­mes­se­ne Steu­er­be­las­tung ist der bes­te Schutz da­vor, dass Steu­er­hin­ter­zie­hung zu ei­nem Mas­sen­phä­no­men wird. In Län­dern mit ex­or­bi­tan­ter Be­las­tung ent­steht gar ei­ne So­li­da­ri­sie­rung im Kampf ge­gen den Fis­kus. Das ist in der Schweiz nicht der Fall. Es wird je­doch nie ge­lin­gen, je­den Miss­brauch zu un­ter­bin­den. Nein, das wird nicht ge­lin­gen. Es geht in ers­ter Li­nie dar­um, dass wir die schwe­ren Fäl­le mit ei­ner ho­hen Si­cher­heit iden­ti­fi­zie­ren und sank­tio­nie­ren kön­nen. Ei­ne ge­wis­se Grau­zo­ne ist al­ler­dings nicht zu ver­mei­den. Un­ser Sys­tem er­trägt sie aber pro­blem­los.

«Ich ge­he da­von aus, dass wir im Bun­des­haus­halt schwie­ri­ge­re Zei­ten vor uns ha­ben.»

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