Un­garn schlin­gert wei­ter

Das Land der Pusz­ta wur­de wei­ter her­ab­ge­stuft – Russ­lands lo­ka­ler Bond­markt öff­net sich

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - PE­TER ROH­NER UND ALEX­AN­DER TRENTIN

Emer­ging Eu­ro­pe – auf­stre­ben­des Eu­ro­pa – ist ein Sam­mel­be­cken ganz un­ter­schied­li­cher Län­der mit spe­zi­fi­schen Her­aus­for­de­run­gen. Als Ak­ti­en­märk­te sind vor al­lem Russ­land, Po­len und die Tür­kei re­le­vant. Auf dem Bond­markt ha­ben aber auch Un­garn, die Ukrai­ne und Ru­mä­ni­en gros­ses Ge­wicht.

Für Un­garn wird es je­doch brenz­lig. Die oft als au­to­ri­tär und un­be­re­chen­bar be­zeich­ne­te Po­li­tik der Re­gie­rung von Pre­mier Vik­tor Or­bán hat auch In­ves­to­ren ver­schreckt. Vor ei­ner Wo­che er­reich­te die An­le­ger wie­der ei­ne schlech­te Nach­richt: Das Ra­ting wur­de von Stan­dard & Poor’s we­gen der wachs­tums­feind­li­chen Fis­kal­po­li­tik um ei­ne Stu­fe auf BB ge­senkt. Knack­punkt ist ei­ne Son­der­steu­er auf Ban­ken. Die Rück­kehr der An­lei­hen zu In­vest­ment Gra­de – ho­her An­la­ge­qua­li­tät – ist da­mit in noch wei­te­re Fer­ne ge­rückt.

«Un­garn hat sehr pro­fi­tiert von den Mass­nah­men der EZB», er­klärt Chris­ti­an Kel­ler von Bar­clays der «Fi­nanz und Wirt­schaft». Doch die ho­hen Schul­den ver­lie­hen dem Land viel Ge­wicht in den

Ren­di­ten Ost­eu­ro­pa Schwel­len­län­der­indi­zes – das per­ver­se Prin­zip der markt­ge­wich­te­ten In­di­zes schlug zu, er­klärt Kel­ler: «Als es gut lief, muss­ten al­le, die un­ter­ge­wich­tet wa­ren, nach­kau­fen.» Aber das war kei­ne gu­te An­la­ge: «Für Un­garn könn­te es ein wei­te­res Jahr sehr schwer wer­den, wenn die Ex­port­nach­fra­ge nicht an­zieht. Ich glau­be, wir ha­ben das Bes­te ge­se­hen, was die An­lei­hen an­geht.» 2013 dro­he ein wei­te­res Jahr mit Null­wachs­tum und ho­hen Schul­den.

Kel­ler war Re­prä­sen­tant des In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds (IWF) in der Tür­kei und ist nun bei Bar­clays Re­se­arch-Chef für die Re­gi­on Emer­ging Eu­ro­pe, Na­her Os­ten und Süd­afri­ka. Für ihn ist der Pro­zess der Ent­schul­dung das gröss­te Pro­blem Un­garns: «Die Haus­hal­te ha­ben schon ei­nen Teil ab­ge­baut, der Staat ist wei­ter­hin hoch ver­schul­det – und die Hälf­te ist in Fremd­wäh­rung.» Un­ge­müt­lich wird es, da Un­garn kei­ne neu­en Eu­ro­bonds plat­zie­ren konn­te: Nun müs­sen die Kre­di­te von EU und IWF durch De­vi­sen­re­ser­ven zu­rück­ge­zahlt wer­den.

Statt Un­garn be­vor­zugt Kel­ler Po­len und die Tür­kei: «Po­len bleibt mit­tel- bis lang­fris­tig ein sehr in­ter­es­san­tes Land. Es

Wirt­schaft Ost­eu­ro­pa ist so­li­de ge­führt, ver­fügt über ei­ne gros­se hei­mi­sche Nach­fra­ge und hat kei­ne über­schul­de­ten Haus­hal­te.»

«Kei­ne Kri­se in Po­len»

An­le­ger müss­ten aber ler­nen, warnt Kel­ler, dass Po­len kei­ne Ga­ran­tie auf 3 bis 4% Wachs­tum ha­be. «Jetzt sind wir in ei­ner Pha­se, in der der Kon­sum schwä­cher wird. Die Ban­ken sind vor­sich­ti­ger, das Kre­dit­vo­lu­men sinkt, auch die Ar­beits­lo­sig­keit steigt et­was.» Der Staat will De­fi­zit­zie­le durch tie­fe­re Aus­ga­ben er­rei­chen. Das drückt das Wachs­tum wei­ter: «Wir ha­ben die Wachs­tums­pro­gno­se 2013 auf 1,5% ge­senkt. Das ist kei­ne Kri­se, son­dern ein kon­junk­tur­zy­kli­scher Pro­zess.» Dass Po­len mit der Kon­junk­tur kämpft, zei­gen die neus­ten Zah­len: Im drit­ten Quar­tal be­trug das Wachs­tum 1,4% zum Vor­jahr, der Markt hat­te viel mehr, näm­lich 1,8%, er­war­tet. Das Kon­sum­wachs­tum ist mit 0,1% so tief wie seit 2003 nicht mehr.

Zur Stüt­zung der Kon­junk­tur hat die Zen­tral­bank Zin­sen ge­senkt: «Für An­lei­hen ist das nicht so schlecht, denn mit fal­len­den Zin­sen steigt ihr Wert. Der Zlo­ty dürf­te et­was lei­den, aber un­ter dem Strich sind pol­ni­sche An­lei­hen at­trak­tiv.»

Im Ge­gen­satz zu Un­garn wird die Tür­kei von den Ra­ting­agen­tu­ren her­auf­ge­stuft, zu­letzt von Fitch auf An­la­ge­qua­li­tät. Die­ser Schritt sei kaum über­ra­schend, meint Kel­ler: «Der Markt hat die Tür­kei schon lan­ge wie ei­nen In­vest­ment-Gra­de-Schuld­ner be­han­delt.» Die Ri­si­ko­prä­mie sei ähn­lich nied­rig wie die für Russ­land, das be­reits mit An­la­ge­qua­li­tät be­no­tet wur­de.

Tür­ki­sche Schul­den sta­bil

Doch der nächs­te Nach­fra­ge­schub kom­me erst, wenn zwei der drei gros­sen Ra­ting­agen­tu­ren das Prä­di­kat für die Tür­kei ver­ge­ben: «Die­sen Ef­fekt ha­ben wir auch bei In­do­ne­si­en und Süd­afri­ka ge­se­hen», sagt Kel­ler. Tür­ki­sche Un­ter­neh­mens­an­lei­hen wür­den eben­falls pro­fi­tie­ren. An­lei­hen in der tür­ki­schen Li­ra blei­ben für Kel­ler ei­ne gu­te Wahl: «Die Dy­na­mik der öf­fent­li­chen Schul­den der Tür­kei ist sehr sta­bil.» Aber die Li­ra wer­de wei­ter un­ter Risk-off-Wel­len lei­den – trotz­dem ist der Bar­clays-Ex­per­te op­ti­mis­tisch: «Die Li­ra ist sta­bi­ler ge­wor­den, das macht sie für Car­ry Tra­des sehr in­ter­es­sant.»

Gu­te Aus­sich­ten sieht Chris­ti­an Kel­ler auch für rus­si­sche Staats­an­lei­hen in Ru­bel (OFZ, vgl. Text links): «Lo­ka­le Staats­an­lei­hen sind sehr at­trak­tiv. Die Öff­nung des Mark­tes für aus­län­di­sche In­ves­to­ren wird ei­nen Nach­fra­ge­schub aus­lö­sen.» In ei­ner Stu­die er­war­tet Bar­clays, dass die Ren­di­te von OFZ in Jah­res­frist durch den Zuf­luss aus­län­di­scher Mit­tel um 80 Ba­sis­punk­te sinkt und der Ru­bel sich auf­wer­tet. Die An­la­ge­emp­feh­lung der bri­ti­schen Bank: Ru­bel­an­lei­hen mit zehn bis fünf­zehn Jah­ren Lauf­zeit, oh­ne die Wäh­rung ab­zu­si­chern.

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