Ak­ti­en­bro­ker stram­peln

SCHWEIZ Kei­ne ech­te Markt­be­rei­ni­gung trotz Um­satz­flau­te – Hel­vea ver­kauft sich

Finanz und Wirtschaft - - FINANZ - MO­NI­CA HEGG­LIN

Zwar stei­gen der­zeit die Bör­sen­kur­se, aber der Um­satz im Ak­ti­en­han­del ist ein­ge­bro­chen. Zwi­schen 2007 und 2011 hat er sich hal­biert. 2012 dürf­te der Rück­gang aber­mals gut 25% be­tra­gen. Die Schwei­zer Bro­ker müs­sen sich an­pas­sen. Zu­dem stel­len sich grund­sätz­li­che Fra­gen zum Ge­schäfts­mo­dell.

«Kun­den schät­zen ei­ne ver­läss­li­che, pro­fes­sio­nel­le und nach­hal­ti­ge Be­treu­ung», ant­wor­tet die Zürcher Kan­to­nal­bank auf die Fra­ge nach dem Er­folgs­re­zept im Ak­ti­en­bro­ker­a­ge. Wenn es so ein­fach wä­re, hät­te sich Hel­vea nicht ver­kau­fen müs­sen – und da­für lan­ge ei­nen Käu­fer ge­sucht. Das ur­sprüng­lich von der Gen­fer Pri­vat­bank Pic­tet ge­grün­de­te Ak­ti­en­re­se­arch- und Han­dels­haus stand zu 100% im Be­sitz der Mit­ar­bei­ten­den und ge­hör­te zu den an­ge­se­hens­ten Markt­teil­neh­mern. In der dies­jäh­ri­gen Um­fra­ge von Thom­son Reu­ters wur­de Hel­vea hin­ter Von­to­bel und UBS zum dritt­bes­ten Schwei­zer Ak­ti­en­bro­ker ge­wählt.

Um­satz und Prei­se sin­ken

Doch was nützt die Eh­re? Der Um­satz in Schwei­zer Ak­ti­en ist an der SIX im bis­he­ri­gen Jah­res­ver­lauf noch­mals um 30% ein­ge­bro­chen (vgl. Gra­fik). So ge­se­hen hat Hel­vea wohl den schwie­rigs­ten Mo­ment für ei­nen Ver­kauf er­wischt.

Was die seit Jah­ren rück­läu­fi­gen Han­dels­vo­lu­men an­rich­ten, zei­gen die Zah­len der Bel­le­vue Bank. Sie ist die ein­zi­ge ko­tier­te und spe­zia­li­sier­te Schwei­zer Ak­ti­en­händ­le­rin. Der Ge­schäfts­er­trag der Bank nahm im ers­ten Halb­jahr um 23% ab. Mit­tels Per­so­nal­ab­bau konn­te die Auf­wand­sei­te 15% ent­las­tet wer­den, was ei­nen Halb­jah­res­ge­winn von 2 Mio. Fr. er­mög­lich­te. Dass die Bank, die in ih­ren bes­ten Zei­ten über 60 Mio. Fr. Ge­winn er­wirt­schaf­te­te, stolz auf die­ses mick­ri­ge Re­sul­tat hin­wies, zeigt, wie dra­ma­tisch die La­ge in der Bran­che sein muss. Bei et­li­chen Bro­kern dürf­te die Rech­nung nur auf­ge­hen, weil da­ne­ben noch ein Ka­pi­tal­markt­ge­schäft läuft. «Für je­den ist die La­ge ver­schie­den», sagt ein Ken­ner.

Stra­te­gi­scher Aus­stieg

Das Pro­blem ist nicht nur, dass we­ni­ger Ak­ti­en an der Bör­se ge­han­delt wer­den. Gleich­zei­tig wer­den die Trans­ak­tio­nen heu­te zu deut­lich nied­ri­ge­ren Ge­büh­ren ab­ge­wi­ckelt als noch vor ei­ni­gen Jah­ren. In ganz Eu­ro­pa herrscht das­sel­be Bild. Die Pro­vi­si­ons­ein­nah­men eu­ro­päi­scher Ak­ti­en­bro­ker sind 2012 um 29% zu­rück­ge­gan­gen, schrieb das Fi­nanz­markt­for­schungs­un­ter­neh­men Tabb kürz­lich in ei­ner Stu­die.

Ver­schie­de­ne Schwei­zer Markt­teil­neh­mer ha­ben sich in den letz­ten Jah­ren aus

Um­satz Schwei­zer Ak­ti­en dem Ge­schäft zu­rück­ge­zo­gen. Zu nen­nen wä­ren et­wa Ju­li­us Bär, Lom­bard Odier ( Ver­kauf an Von­to­bel) und Val­ar­tis. 2011 warf die Neue Zürcher Bank das Hand­tuch; die Bro­ker­a­ge-Mit­ar­bei­ter fan­den Un­ter­schlupf bei Main­first. Bis En­de Jahr soll­te die Über­nah­me des Bro­ker­hau­ses Cheu­vreux an Ke­p­ler über die Büh­ne ge­hen, die bei­de auch über ein Schwei­zer Ge­schäft ver­fü­gen. Der Ver­kauf von Che­v­reux wird für die fran­zö­si­sche Mut­ter Cré­dit Ag­ri­co­le zum Ver­lust­ge­schäft.

Ver­gan­ge­ne Wo­che hat die Münch­ner auf Han­del spe­zia­li­sier­te Baa­der Bank die Über­nah­me von Hel­vea be­kannt ge­ge­ben, oh­ne An­ga­ben zum Preis.

SocGen in­di­rekt be­trof­fen

Die 1993 ge­grün­de­te Baa­der Bank, be­fin­det sich mehr­heit­lich in Fa­mi­li­en­be­sitz und be­schäf­tigt 420 Per­so­nen. Mit Hel­vea soll das Bro­ker­ge­schäft von Deutsch­land und Ös­ter­reich auf die Schweiz aus­ge­wei­tet wer­den. Es fin­det al­so kei­ne Markt­be­rei­ni­gung, son­dern ei­ne Ab­lö­sung statt. Ob Hel­vea dem­nächst um­fir­miert wird oder ob an­de­re Ve­rän­de­run­gen an­ste­hen, steht noch nicht fest. Zu ver­mu­ten ist aber, dass Baa­der zu­min­dest die – teu­ren – Aus­land­stand­or­te von Hel­vea ana­ly­sie­ren wird. Hel­vea hat sich, so ein Bran­chen­ken­ner, in ein Kos­ten­pro­blem hin­ein­ma­nö­vriert.

Schmerz­lich wird die Hel­vea-Trans­ak­ti­on mög­li­cher­wei­se für So­cié­té Gé­né­ra­le. Die fran­zö­si­sche Gross­bank ist Out­sour­cing-Part­ner der Hel­vea. So­cié­té Gé­né­ra­le Se­cu­ri­ties Ser­vices Swit­z­er­land bie­tet bis­her für Hel­vea die gan­ze nach­ge­la­ger­te Wert­schöp­fung (Auf­trags­aus­füh­rung, Clea­ring, Set­t­le­ment und Cus­to­dy), in­klu­si­ve das Back­of­fice. Wie es hier wei­ter­geht, woll­ten Ver­tre­ter der be­tei­lig­ten Un­ter­neh­men ge­gen­über FuW nicht kom­men­tie­ren.

Al­ler­dings schrieb Baa­der in der Me­di­en­mit­tei­lung: «Schliess­lich er­ge­ben sich durch die Nut­zung der tech­ni­schen Han­dels­in­fra­struk­tur der Baa­der Bank at­trak­ti­ve Sy­ner­gie­ef­fek­te.» In die­sem Aspekt könn­te denn auch der fi­nan­zi­el­le Vor­teil des Zu­sam­men­schlus­ses lie­gen. Denn ein Per­so­nal­ab­bau wur­de (vor­erst) nicht an­ge­kün­digt. Die Über­nah­me soll zum En­de des ers­ten Quar­tals 2013 ab­ge­schlos­sen wer­den und muss noch von den schwei­ze­ri­schen und den bri­ti­schen Auf­sichts­be­hör­den ge­neh­migt wer­den.

Die ver­än­der­ten Rah­men­be­din­gun­gen le­gen na­he, dass ein Über­an­ge­bot an Bro­kern herrscht. Die meis­ten Rück­zü­ge er­folg­ten aber aus stra­te­gi­schen Über­le­gun­gen. Vie­le An­bie­ter ha­ben sich auch ein­fach an­ge­passt. «Es ist er­staun­lich, wie vie­le noch da sind», sagt ein Bran­chen­ken­ner. Die Fi­nanz­kri­se hat zwar schmerz­haf­ten An­pas­sungs­druck aus­ge­löst. Aber der Markt ist ziem­lich sta­bil, auch wenn die Fir­men­na­men viel­leicht än­der­ten.

Auch Gros­se un­ter Druck

Das An­ge­bot an Re­se­arch wur­de we­nig ab­ge­baut, hier sieht man Chan­cen, sich ge­gen­über der Kon­kur­renz zu pro­fi­lie­ren. So sagt bei­spiels­wei­se die ZKB: «Wir ha­ben das Re­se­arch-Uni­ver­sum kon­ti­nu­ier­lich aus­ge­wei­tet. Da­bei wur­de ei­ne un­ver­än­dert ho­he Fo­kus­sie­rung auf Schwei­zer Ak­ti­en bei­be­hal­ten.» Mas­siv re­struk­tu­riert wur­den je­doch prak­tisch über­all die Sa­lesTeams, auch wenn das ge­gen aus­sen kaum kom­mu­ni­ziert wur­de.

Um sich von der Um­satz­flau­te nicht rui­nie­ren zu las­sen, las­sen sich mehr und mehr Bro­ker für den Re­se­arch se­pa­rat ent­schä­di­gen. Tabb schreibt von ei­ner «Schei­dung zwi­schen Re­se­arch und Aus­füh­rung», die Bro­ker spre­chen von «Un­bund­ling». Ge­mäss Tabb be­nut­zen 70% der Gross­in­ves­to­ren in Eu­ro­pa so­ge­nann­te Com­mis­si­on Sha­ring Agree­ments, um für den Ak­ti­en­re­se­arch und den Bro­ker se­pa­rat zu be­zah­len. Für die Spe­zia­lis­ten in schwei­ze­ri­schen Small und Mid Caps – et­wa Von­to­bel, Main­first, Bel­le­vue – er­ge­ben sich zu­sätz­li­che Her­aus­for­de­run­gen. Weil die In­ves­to­ren we­ni­ger ak­tiv sind und Kos­ten spa­ren wol­len, be­schrän­ken sie die Zu­sam­men­ar­beit auf we­ni­ge Bro­ker. Gros­se Häu­ser, die auch in schwie­ri­gen Märk­ten und in klei­nen Ti­teln Li­qui­di­tät be­reit­stel­len kön­nen, sind des­halb ten­den­zi­ell im Vor­teil. Im Ein­zel­fall muss das aber nichts heis­sen, zu­mal ein gros­ser rein Schwei­zer In­ves­tor sich im­mer noch von 5 bis 10 Bro­kern be­die­nen lässt.

Die Vor­lie­be für Blue Chips, den die In­ves­to­ren im letz­ten Jahr ent­wi­ckel­ten, spiel­te eben­falls zu­guns­ten der gros­sen Bro­ker­häu­ser. Doch auch sie sind nicht au­to­ma­tisch auf der si­che­ren Sei­te. Ste­tig sinkt ge­mäss Tabb der An­teil der Auf­trä­ge, den In­ves­to­ren her­kömm­lich über die Han­dels­desks der Bro­ker ab­wi­ckeln. Sie han­deln statt­des­sen ver­mehrt über Com­pu­ter-Al­go­ryth­men, al­so im au­to­ma­ti­schen Han­del durch Com­pu­ter­pro­gram­me.

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