Chi­nas Nach­fra­ge nach Gold wird stei­gen

Seit die Re­gie­rung die Im­mo­bi­li­en­prei­se re­gu­liert, fliesst mehr Geld in Edel­me­tal­le – In­ves­to­ren kau­fen phy­si­sches Gold und un­ter­hal­ten Han­dels­kon­ti auf Pa­pi­er­gold

Finanz und Wirtschaft - - PRAKTIKUS/PORTRÄT - ELI­SA­BETH TES­TER,

Steigt der Gold­preis, wird so­gleich Chi­nas Nach­fra­ge in die Dis­kus­si­on ge­bracht: Was die Chi­ne­sen kau­fen, wird teu­rer, was sie ab­stos­sen, wird güns­ti­ger – das gilt selbst­re­dend auch für an­de­re Roh­wa­ren. Den chi­ne­si­schen Gold­markt mit all sei­nen Fa­cet­ten kennt Liu Xiaoyang, er ist stell­ver­tre­ten­der Lei­ter der Han­dels- und Fi­nan­zie­rungs­ab­tei­lung des Edel­me­tall­de­par­te­ments der In­dus­tri­al and Com­mer­ci­al Bank of Chi­na – ICBC ist ei­ne der vier gros­sen Ban­ken in Staats­be­sitz und der gröss­te Play­er am chi­ne­si­schen Gold­markt. Liu er­läu­tert im Ex­klu­siv­ge­spräch mit «Fi­nanz und Wirt­schaft» in Schang­hai ei­ne dif­fe­ren­zier­te­re Sicht der Nach­fra­ge.

In Chi­na gibt es zwei Ar­ten von Gold­kon­ten: Die ers­te ent­spricht dem Gol­dkon­to, das west­li­che Ban­ken ih­ren Pri­vat­kun­den of­fe­rie­ren, die phy­si­sches Gold kau­fen wol­len – die Bank hält das Gold für den Kun­den. In Chi­na weit­aus am po­pu­lärs­ten ist je­doch das Han­dels­kon­to für Pa­pi­er­gold. Liu: «Wir ver­kau­fen un­se­ren Re­tail­kun­den Pa­pi­er­gold. Von die­sen Kon­ten kann der Kun­de kein phy­si­sches Gold ab­zie­hen, aber er kann den Gold­preis han­deln. Das Prin­zip ent­spricht dem­je­ni­gen ei­nes Gold­ind­ex­pro­dukts.»

Auf die Fra­ge nach ih­rem Gold­be­sitz ant­wor­te­ten vie­le Chi­ne­sen, sie be­säs­sen ein Gol­dkon­to, aber in Wirk­lich­keit hand­le es sich um Han­dels­kon­ten auf den Gold­preis, führt Liu aus. «In Chi­na sind die meis­ten Leu­te nur auf den Gold­preis fo­kus­siert. Sie sind sich zu­dem ge­wohnt, mit Bar­geld Gold­mün­zen von den Ge­schäfts­ban­ken so­wie Schmuck zu kau­fen.»

Peking hat li­be­ra­li­siert

Im Jahr 2001 hat die chi­ne­si­sche Re­gie­rung die Re­strik­tio­nen am Gold­markt ge­lo­ckert. Da­mit be­gann der Auf­stieg der ICBC zum wich­tigs­ten Ak­teur, ab 2005 konn­ten die Re­tail­kun­den Pa­pi­er­gold- resp. Han­dels­kon­ten er­öff­nen. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren durch­lie­fen Chi­nas Ge­schäfts­ban­ken ei­ne neue Re­form- und Ent­wick­lungs­run­de. Vie­le su­chen nach neu­en Wachs­tums­trei­bern und Mög­lich­kei­ten zur Ex­pan­si­on nach Über­see. Ei­nen gu­ten Ein­stiegs­punkt bie­tet das Edel­me­tall­ge­schäft, da die­ser Markt glo­ba­li­siert und reif ist.

In Schang­hai hat ICBC im Sep­tem­ber 2009 ei­ne spe­zia­li­sier­te Ab­tei­lung für das Edel­me­tall­ge­schäft ge­grün­det. Kun­den kön­nen phy­si­sche Gold­kon­ten er­öff­nen so­wie Pro­duk­te kau­fen, die auf phy­si­schem Gold ba­sie­ren, wie zum Bei­spiel das Gold Ac­cu­mu­la­ti­on Pro­gram GAP. Da­zu kom­men Fi­nanz­pro­duk­te und Di­enst­leis­tun­gen für die Gold­in­dus­trie.

«Das GAP ist ein neu­es Gold­fi­nanz­in­stru­ment, das als ers­tes der­ar­ti­ges Pro­dukt von ICBC in Chi­na ein­ge­führt wur­de. Es ba­siert auf dem Kon­zept ei­nes Spar­plans», er­klärt Liu. Der Kun­de zahlt je­den Mo­nat ei­nen klei­nen Geld­be­trag ein, zum Bei­spiel 100 Yuan. Die­ser wird durch die An­zahl Han­dels­ta­ge des Mo­nats ge­teilt, und täg­lich kauft die Bank ei­ne klei­ne Men­ge Gold für den Kun­den. Für ei­nen län­ger­fris­ti­gen An­la­ge­ho­ri­zont ist das ein gu­ter Weg, Gold zu er­wer­ben: Der Kun­de er­hält den Durch­schnitts­preis des Mo­nats und muss sich so­mit we­ni­ger um das Ti­ming und die Vo­la­ti­li­tät des Gold­prei­ses küm­mern. Weil der In­ves­ti­ti­ons­be­trag gleich­mäs­sig auf­ge­teilt wird, kauft der Kun­de zu­dem mehr Gold, wenn der Preis tief ist, und we­ni­ger, wenn er hö­her ist. Wer sein Kon­to sal­die­ren will, kann zwi­schen Bar­aus­gleich und phy­si­scher Lie­fe­rung des Gol­des wäh­len.

Auf die Fra­ge, wer in das GAP in­ves­tie­re, ant­wor­tet Liu: «Das Pro­dukt ist sehr si­cher. Es ist für je­der­mann ge­eig­net, vie­le Leu­te nut­zen es, um Ka­pi­tal für die Pen­sio­nie­rung an­zu­sam­meln.» Für west­li­che Be­ob­ach­ter sieht die Zahl von 2,5 Mio. Kun­den, die am GAP teil­neh­men, nach viel aus. Doch im Ver­gleich zur ICBCKun­den­ba­sis von mehr als 200 Mio. Per­so­nen – oder be­son­ders auch zur Be­völ­ke­rungs­zahl Chi­nas – steht die Ent­wick­lung noch am An­fang. Liu ist denn auch da­von über­zeugt, dass in den nächs­ten zehn bis zwan­zig Jah­ren noch viel mehr Re­tail­kun­den ein Gol­dkon­to er­öff­nen wer­den: «Wir wer­den uns mit die­sem Pro­dukt sehr gut ent­wi­ckeln kön­nen.»

Wie im Wes­ten ist auch in Chi­na das In­ter­es­se der In­ves­to­ren an Gold in den letz­ten Jah­ren ge­stie­gen. Da­für gibt es drei Haupt­grün­de. Ers­tens hat Chi­na ei­ne Gold­tra­di­ti­on von Tau­sen­den von Jah­ren, Gold und Sil­ber ha­ben schon im­mer ei­ne wich­ti­ge Rol­le ge­spielt.

Zwei­tens durch­litt das Land vor der Grün­dung des neu­en Chi­nas ei­ne ho­he In­fla­ti­on. Ge­mäss Liu er­in­nern sich im­mer noch vie­le al­te Leu­te da­ran. Gold wer­de als gu­te Mög­lich­keit zur Ver­mö­gens­er­hal­tung be­trach­tet und als ein­zi­ge An­la­ge welt­weit und von je­der­mann als wert­voll an­er­kannt – be­son­ders im Um­feld der un­si­che­ren Welt­wirt­schaft.

Tra­di­ti­on und In­fla­ti­on

Drit­tens sind die Chi­ne­sen in den letz­ten Jah­ren re­la­tiv wohl­ha­bend ge­wor­den. Sie wol­len ihr Geld in rea­le Ver­mö­gens­wer­te wie Im­mo­bi­li­en und Edel­me­tal­le in­ves­tie­ren. Liu er­gänzt: «Seit die Re­gie­rung die Prei­se am Im­mo­bi­li­en­markt kon­trol­liert, fliesst viel Geld in Gold und Sil­ber. Viel Ver­mö­gen sucht nach An­la­ge­mög­lich­kei­ten.» Zu­dem sei­en die Chi­ne­sen «Her­den­tie­re» – sie folg­ten ger­ne ei­nem Trend: «Sie kau­fen, wenn et­was nach oben geht, und ver­kau­fen, wenn die Prei­se sin­ken. In den letz­ten zehn Jah­ren stieg der Gold­preis kon­ti­nu­ier­lich, und die Chi­ne­sen stürz­ten sich auf Gold.»

Doch auch im ver­gan­ge­nen Jahr, als der Gold­preis vor­über­ge­hend deut­lich sank, ha­ben sich die Chi­ne­sen nicht vom ed­len Me­tall ab­ge­wandt, im Ge­gen­teil. Vie­le Kun­den hät­ten den tie­fe­ren Preis als Ge­le­gen­heit ge­nutzt, noch mehr Gold zu kau­fen. «In­zwi­schen glau­ben vie­le un­se­rer Kun­den, dass der Gold­preis noch wei­ter stei­gen wird – auf ein deut­lich hö­he­res Ni­veau.» Auch Liu er­war­tet we­gen der Auf­blä­hung der No­ten­bank­bi­lan­zen lang­fris­tig deut­lich hö­he­re No­tie­run­gen. Er pro­gnos­ti­ziert, die Leu­te wür­den wei­ter­hin Gold kau­fen, was zu ei­nem lang­sa­men, aber sta­bi­len Auf­wärts­trend füh­re. Und in der kur­zen Frist? In sechs bis zwölf Mo­na­ten dürf­te der Gold­preis na­he 2000 $ pro Un­ze no­tie­ren, doch die Vo­la­ti­li­tät kön­ne be­trächt­lich sein. Oba­ma ste­he für vier wei­te­re Jah­re mo­ne­tä­rer Lo­cke­rung, was den Gold­preis stüt­zen soll­te.

Ein Ar­gu­ment für ei­nen wei­ter stei­gen­den Gold­preis, das im Wes­ten ger­ne ver­wen­det wird, sind die Käu­fe der Zen­tral­ban­ken. In Be­zug auf Chi­na bit­tet Liu um ei­ne Dif­fe­ren­zie­rung: In Chi­na wer­de Gold als stra­te­gi­scher Ver­mö­gens­wert be­trach­tet, des­halb pu­bli­zie­re die Peop­le’s Bank of Chi­na (PBoC) ih­re Ak­ti­vi­tä­ten nicht re­gel­mäs­sig. Zah­len, die im Wes­ten her­um­ge­reicht wür­den, sei­en mit Vor­sicht zu ge­nies­sen.

In Chi­na noch be­lieb­ter als Gold sei Sil­ber, sagt Liu. We­gen des tie­fen Prei­ses kön­ne fast je­der­mann Sil­ber han­deln. Phy­si­sches Sil­ber war zu­dem in Chi­na seit dem Al­ter­tum das Haupt­zah­lungs­mit­tel, und je­der Chi­ne­se er­ken­ne den Wert und die Schön­heit von Sil­ber. Ein Sil­ver Ac­cu­mu­la­ti­on Pro­gram ist in Pla­nung. Sei­ne

Gold und Sil­ber Ent­wick­lung ist ziem­lich kom­plex, da der Kauf und Ver­kauf von Sil­ber der Mehr­wert­steu­er un­ter­liegt. Bis­lang bie­tet ICBC den Kun­den phy­si­sche Sil­ber­kon­ten und ein Han­dels­kon­to an.

Mehr Re­tail-In­ves­to­ren

Das Edel­me­tall­de­par­te­ment der Gross­bank hat noch an­de­re Plä­ne. Das GAP soll mit E-Ban­king für Kun­den aus­län­di­scher Nie­der­las­sun­gen und Fi­lia­len zu­gäng­lich wer­den. Ma­cao wur­de so­eben ans Sys­tem an­ge­schlos­sen. Zu­dem will ICBC künf­tig an den in­ter­na­tio­na­len Roh­stoff­märk­ten ei­ne wich­ti­ge Rol­le spie­len und den Fo­kus vom Re­tail­ge­schäft auf in­sti­tu­tio­nel­le In­ves­to­ren aus­wei­ten.

Der chi­ne­si­sche Gold­markt sei grund­le­gend an­ders als die west­li­chen Märk­te, stellt Liu fest. In Chi­na ge­be es viel mehr Re­gu­lie­rung in Be­zug auf die Mehr­wert­steu­er und an­de­re Ab­ga­ben. In der Tat: Wer Gold von ei­ner Ge­schäfts­bank kauft, muss 17% Mehr­wert­steu­er be­zah­len. Al­ler­dings trifft das für Han­dels­ak­ti­vi­tä­ten oh­ne phy­si­sche Lie­fe­rung nicht zu.

Der Haupt­un­ter­schied zum Wes­ten sei je­doch die Zahl der Re­tail-Gol­din­ves­to­ren: «In der Schweiz, den USA oder Gross­bri­tan­ni­en ist der Pro­zent­satz der Be­völ­ke­rung, der in Gold in­ves­tiert, sehr klein – ob­wohl er in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ge­stie­gen ist. In Chi­na kau­fen an­teils­mäs­sig mehr Leu­te Gold, und die­ser An­teil wird im­mer mehr zu­neh­men.»

Ge­wis­se Edel­me­tall­kon­ten in Chi­na ba­sie­ren auf phy­si­schem Gold: Bar­ren in der Aus­la­ge ei­nes Ge­schäfts in Peking.

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