Nah­rungs­mit­tel­her­stel­ler trot­zen der Kri­se

SCHWEIZ Be­grenz­ter Ein­fluss der Re­zes­si­on in Eu­ro­pa – Haus­auf­ga­ben sind weit­ge­hend ge­macht – Ge­schick­te Ak­qui­si­ti­ons­po­li­tik ent­schei­det

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG - WOLF­GANG GAM­MA

Aus Eu­ro­pa kom­men Si­gna­le, die für die eng da­mit ver­floch­te­ne Schwei­zer Wirt­schaft als Gan­zes we­nig Gu­tes ver­heis­sen. Je wei­ter die Re­zes­si­on um sich greift re­spek­ti­ve je län­ger sie dau­ert, um­so mehr Auf­merk­sam­keit und Al­ter­na­tiv­den­ken ist ge­fragt. Die Nah­rungs­mit­tel­bran­che kann sich die­sem Kon­text nicht ent­zie­hen – darf aber für sich den­noch ei­ne Son­der­stel­lung be­an­spru­chen.

De­fen­si­ve Wer­te, wie sie die Nah­rungs­mit­tel­ak­ti­en dar­stel­len – ge­mäss der ba­na­len Wahr­heit «ge­ges­sen wird im­mer» –, wer­den von An­le­gern in wirt­schafts­schwa­chen Zei­ten we­gen ih­rer re­la­ti­ven Ri­si­ko­ar­mut zu Recht ge­schätzt. Kop­pelt sich an die Va­lo­ren noch ei­ne gross­zü­gi­ge Aus­schüt­tung, ist ih­nen gar über­durch­schnitt­li­che Auf­merk­sam­keit ge­wiss.

Gros­se kön­nen aus­wei­chen

Die Schwei­zer Nah­rungs­mit­tel­pro­du­zen­ten kön­nen mit Blick auf ihr Aus­land­ex­po­sure in zwei grund­sätz­lich un­ter­schied­li­che Sek­to­ren un­ter­teilt wer­den. Glo­bal auf­ge­stell­ten gros­sen Un­ter­neh­men wie Nest­lé, Bar­ry Cal­le­baut, Lindt & Sprüng­li und Aryz­ta (vgl. Gra­fik un­ten rechts) ste­hen klei­ne­re Ver­tre­ter mit ins­ge­samt ge­rin­ge­rer Aus­land­ab­hän­gig­keit, aber aus­ge­präg­te­rem Eu­ro­pa-Fo­kus ge­gen­über. Bell, Em­mi, Hüg­li und Ori­or re­prä­sen­tie­ren die­sen Sek­tor (vgl. Gra­fik un­ten links).

Nest­lé und Co. ha­ben den Vor­teil, dass ih­re welt­wei­te Prä­senz Schwä­chen in der ei­nen Markt­re­gi­on durch Er­fol­ge in an­dern Län­dern zu­min­dest zu kom­pen­sie­ren ver­mag. Wachs­tums­star­ken Re­gio­nen ver­mehrt Auf­merk­sam­keit zu schen­ken, lohnt sich des­halb. Nest­lés jüngs­te Ak­qui­si­tio­nen ziel­ten klar auf ei­ne Ver­stär­kung in Chi­na ab. Dank dem Süss­wa­ren­her­stel­ler Hsu Fu Chi, dem Reis­brei­pro­du­zen­ten Yin­lu Foods und Pfi­zer Nut­ri­ti­on steigt Nest­lés Um­satz im be­völ­ke­rungs­reichs­ten Land der Er­de auf 5 Mrd. Fr. Chi­na wird so hin­ter den USA zum zweit­gröss­ten Ein­zel­markt des glo­ba­len Bran­chen­lea­ders. Er wird dank zwei­stel­li­gen Zu­wachs­ra­ten in den auf­stre­ben­den Län­dern in der La­ge sein, das Ziel von 5 bis 6% or­ga­ni­schem Wachs­tum auch 2012 zu er­rei­chen.

Auch die Scho­ko­la­de­her­stel­ler Lindt & Sprüng­li und Bar­ry Cal­le­baut so­wie der Back­wa­ren­kon­zern Aryz­ta sind um ei­ne aus­ge­wo­ge­ne Markt­prä­senz be­müht. Un­ter den drei­en hat Aryz­ta der­zeit das gröss­te Han­di­cap, in­dem das Ge­schäft im wich­ti­gen Ab­satz­markt Gross­bri­tan­ni­en nicht vom Fleck kommt. Bar­ry Cal­le­baut ver­ein­facht die Pro­duk­ti­ons­platt­form in Eu­ro­pa, was ab 2013 Ein­spa­run­gen bringt. Grös­se­re po­si­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf das Er­geb­nis hat der Rück­zug aus dem Ver­brau­cher­ge­schäft. Das hat 2011/12 letzt­mals die Rech­nung be­las­tet.

Markt­en­ge als Mo­tiv

Nicht Aben­teu­er­lust war es, was die Un­ter­neh­men der zwei­ten Rei­he ins Aus­land dräng­te, son­dern die Markt­en­ge des Heim­mark­tes. Der Milch­ver­ar­bei­ter Em­mi et­wa er­war­tet im In­land 3% Um­satz­rück­gang im lau­fen­den Jahr. In den letz­ten fünf Jah­ren ging der Um­satz in der Schweiz

Schwei­zer Nahrugs­mit­tel­pro­du­zen­ten 2,2% zu­rück, und dies trotz wach­sen­der Be­völ­ke­rung. Des­halb ent­schied sich das Ma­nage­ment be­reits früh zur Aus­land­of­fen­si­ve (vgl. Ta­bel­le «Ak­qui­si­tio­nen»).

Rich­tig in Fahrt kam die Aus­land­stra­te­gie un­ter CEO Urs Rie­de­ner mit dem Zu­kauf von Roth Kä­se, der Jo­ghurt­mar­ke On­ken und der Auf­sto­ckung des An­teils an Kai­ku. Bis­her ist auch die­ser Schritt trotz ris­kan­tem Markt­um­feld in Spa­ni­en ge­lun­gen. Em­mi konn­te zu­dem den kon­stan­ten Preis­druck in Deutsch­land bis­her gut auf­fan­gen, in Ita­li­en wa­ren je­doch Good­will­kor­rek­tu­ren not­wen­dig. Wie wich­tig das Aus­land­ge­schäft für Em­mi ist, un­ter­streicht Rie­de­ners Ein­schät­zung, dass in

Wich­tigs­te Ak­qui­si­tio­nen seit 2007 der Schweiz erst ab 2015 wie­der mit Wachs­tum zu rech­nen sei. Durch die Über­nah­me der Mehr­heit an Kai­ku ist die Ge­sell­schaft dem Ziel von 50% Aus­land­an­teil am Um­satz nä­her ge­rückt.

Erst spät hat der Fleisch­ver­ar­bei­ter Bell ins Aus­land ex­pan­diert. In Deutsch­land mehr als in Frank­reich stiess er da­bei auf ei­ne schwie­ri­ge Markt­si­tua­ti­on, die sich mit der Wirt­schafts­kri­se ver­schärf­te. Die Er­ho­lung setz­te nur zö­ger­lich ein (und könn­te nun bald er­sti­cken), was Bell zu um­fas­sen­den Auf­räum­ar­bei­ten zwang. Bis­her reich­te es erst zu «hell­ro­ten Zah­len», wie CEO Lo­renz Wyss im FuW-In­ter­view fest­hielt (vgl. FuW Nr. 94 vom 28. No­vem­ber). Er sieht aber gu­te Chan­cen, 2013 mit Bell im Aus­land Ge­winn zu er­zie­len.

Ost­eu­ro­pa-Pio­nier Hüg­li ge­riet in den letz­ten bei­den Jah­ren ins Stol­pern. Wech­sel­kurs­be­ding­te Ein­bus­sen in Tsche­chi­en und Po­len konn­ten nicht mehr wie zu­vor mit gu­ten Zah­len im wich­tigs­ten Ab­satz­markt Deutsch­land auf­ge­fan­gen wer­den. Da­zu kam, dass der Auf­bau der Po­si­tio­nen in Gross­bri­tan­ni­en und Ita­li­en Zeit und Geld ver­schlang. Mit dem Kauf des deut­schen Food-Ser­vice-An­bie­ters Vo­ge­ley wagt der Sup­pen- und Sau­cen­spe­zia­list wie­der ei­nen Schritt in die Of­fen­si­ve. Ein Zei­chen, dass die Kon­so­li­die­rungs­ar­bei­ten im ei­ge­nen Haus ab­ge­schlos­sen sind?

Agi­li­tät spricht für Em­mi

Die Ak­ti­en­kurs­ent­wick­lung bil­det das Ur­teil zu Em­mis Ex­pan­si­ons­stra­te­gie und zu Bells Ef­fi­zi­enz­be­mü­hun­gen gut ab. Bei­den ist zu­zu­trau­en, dass sie ih­re Aus­land­zie­le mit ei­ner ge­schick­ten Ein­kaufs­po­li­tik er­rei­chen. Auch an der fi­nan­zi­el­len Grund­la­ge fehlt es nicht. Denk­bar ist, dass durch die Re­zes­si­on in Eu­ro­pa ra­scher als er­war­tet Kauf­ob­jek­te auf den Tisch ge­lan­gen. Em­mi ist als agi­ler ein­zu­schät­zen als Bell. Die Ak­ti­en sind da­her zu fa­vo­ri­sie­ren.

Vor­sicht prägt die Ein­stu­fung von Hüg­li, weil die Er­ho­lung Zeit braucht, wie die Er­trags­pro­gno­sen zei­gen. In der un­ent­schlos­se­nen Hal­tung zu den in ei­nem Seit­wärts­trend ge­fan­ge­nen Ori­or kommt die man­geln­de Fan­ta­sie zum Aus­druck. Ex­pan­si­ons­plä­ne im In- und Aus­land ha­ben sich zer­schla­gen, als Stüt­ze wirkt die Aus­schüt­tungs­po­li­tik.

Mar­ken­qua­li­tät ist auch in kon­junk­tu­rell schwa­chen Zei­ten ein Ver­kaufs­ar­gu­ment. Kä­se aus der Kalt­bach-Höh­le von Em­mi ge­hört in die­se Ka­te­go­rie.

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