Wir­bel um Schwei­zer Strom­bör­se

SCHWEIZ Elek­tri­zi­täts­bran­che vor Wei­chen­stel­lung – Ei­ge­ne Lö­sung oder Auf­trag an eu­ro­päi­schen An­bie­ter – Ho­heits­ver­lust be­fürch­tet

Finanz und Wirtschaft - - ENERGIE/TECHNOLOGIE - CLAU­DIA CARL

Plä­ne zur Grün­dung ei­ner Schwei­zer Strom­bör­se sor­gen in der Bran­che für Auf­re­gung. Ei­ner­seits ver­su­chen eu­ro­päi­sche An­bie­ter, sich auf dem Markt zu po­si­tio­nie­ren. An­der­seits fürch­ten Ver­tre­ter aus dem In­land, Schwei­zer In­ter­es­sen könn­ten oh­ne ei­ne ei­ge­ne Bör­sen­ge­sell­schaft zu kurz kom­men. Denn der­zeit hat die Schweiz noch kei­nen no­mi­nier­ten Han­dels­platz, über den sie an ei­ner stär­ke­ren Kopp­lung der Strom­märk­te in der EU teil­ha­ben könn­te.

Dort sol­len die Elek­tri­zi­täts­märk­te bis 2014/15 kom­plett in­te­griert sein. Vom Mar­ket Cou­pling (vgl. Glos­sar) ver­spricht sich die EU bes­se­re Zu­tei­lungs­pro­zes­se für Ka­pa­zi­tä­ten auch über Län­der­gren­zen hin­weg durch ei­ne ko­or­di­nier­te Preis­fin­dung über die Bör­se. Vor­erst fehlt aber nicht nur ei­ne for­mal-recht­li­che Strom­bör­se in der Schweiz, son­dern auch ein Ener­gie­ab­kom­men mit der EU, was bis­her Be­din­gung für ei­ne Teil­nah­me der Schweiz am eu­ro­päi­schen Markt ist. Die Ver­hand­lun­gen ha­ken; in der Zwi­schen­zeit ver­su­chen die Ak­teu­re, Fak­ten zu schaf­fen.

So kün­dig­te der Bör­sen­be­trei­ber Epex Spot mit Sitz in Paris, der im Kurz­frist­markt in Zen­tral- und We­st­eu­ro­pa ak­tiv ist, Mit­te No­vem­ber die Ein­füh­rung ei­nes in­te­grier­ten Schwei­zer In­tra­day-Mark­tes für das zwei­te Quar­tal 2013 an. Epex Spot ist ein Jo­int Ven­ture der Strom­bör­sen EEX aus Deutsch­land und Po­wernext aus Frank­reich. Da­bei be­tont Epex Spot, die na­tio­na­len Re­gu­la­to­ren – auch aus der Schweiz – un­ter­stütz­ten das Pro­jekt.

Meh­re­re An­bie­ter im Ren­nen

We­ni­ge Ta­ge spä­ter star­te­ten das Bun­des­amt für Ener­gie (BFE) und die Elek­tri­zi­täts­kom­mis­si­on (El­Com) ei­ne Kon­sul­ta­ti­on über die Fra­ge ei­ner Strom­bör­se. Sie läuft noch bis Frei­tag. Ver­sor­ger und Han­dels­ge­sell­schaf­ten aus dem In- und Aus­land sol­len vor al­lem zu zwei Va­ri­an­ten Stel­lung neh­men: zu ei­ner ei­ge­nen Schwei­zer Strom­bör­se und ei­ner Ver­trags­lö­sung, in der ein ex­ter­ner, auch aus­län­di­scher, Di­enst­leis­ter die Auf­ga­be über­nimmt. Ge­mäss El­Com müss­te es sich um ei­ne eu­ro­päi­sche Spot­markt­bör­se mit Er­fah­rung im Mar­ket Cou­pling han­deln.

Das be­deu­tet: Ne­ben Epex Spot kä­men auch die bri­tisch-nie­der­län­di­sche APXEn­dex und Nord Pool aus Skan­di­na­vi­en in Fra­ge. Für den Re­gu­la­tor ist es ei­ne vor­be­rei­ten­de Mass­nah­me. «Wir möch­ten von Schwei­zer Sei­te al­le tech­ni­schen Fra­gen bis zu dem Zeit­punkt ge­klärt ha­ben, ab dem ein Mar­ket Cou­pling mög­lich ist. Dies hängt ins­be­son­de­re vom Fort­schrei­ten der Markt­in­te­gra­ti­on in­ner­halb der EU ab», sagt El­Com-Ge­schäfts­füh­rer Re­na­to Ta­mi zu «Fi­nanz und Wirt­schaft».

Im In­land geht der­weil die Sor­ge um, dass ein aus­län­di­scher Bör­sen­be­trei­ber Schwei­zer In­ter­es­sen nicht aus­rei­chend ver­tre­ten wür­de. Fle­xi­ble Pro­duk­ti­on aus Pump­spei­cher­kraft­wer­ken könn­te un­ge­nü­gend ab­ge­gol­ten wer­den, so die Be­fürch­tung. Der Ver­band Schwei­ze­ri­scher Elek­tri­zi­täts­un­ter­neh­men ( VSE) sieht in­des grund­sätz­lich Vor­tei­le. Je kurz­fris­ti­ger der Markt, um­so bes­ser sei dies für die Ver­mark­tung der Pump­spei­cher­kraft, heisst es auf An­fra­ge. Für an­de­re Stimmen ist der OTC-Han­del bes­ser ge­eig­net, wo Ver­trä­ge in­di­vi­du­ell ge­schlos­sen wer­den.

Sitz im In­land nö­tig?

Auch über For­ma­li­en ge­hen die Mei­nun­gen aus­ein­an­der. Nach Ein­schät­zung der El­Com müss­te ei­ne aus­län­di­sche Strom­bör­se ei­ne Ge­sell­schaft in der Schweiz grün­den, «für ei­ne rechts­wirk­sa­me Über- wa­chung» müss­te die Da­ten­ho­heit ge­währ­leis­tet so­wie ein Ser­ver in der Schweiz vor­han­den sein. Epex Spot schätzt dies an­ders ein (vgl. In­ter­view).

Un­ab­hän­gig da­von, wel­che Va­ri­an­te zum Tra­gen kommt, ist ein schritt­wei­ses Vor­ge­hen für die Ein­füh­rung ei­ner Schwei­zer Strom­bör­se wahr­schein­lich. Das Strom­ver­sor­gungs­ge­setz bie­tet für ei­ne Bör­se im en­ge­ren tech­ni­schen Sinn Hand­ha­be, um Mar­ket Cou­pling zu er­mög­li­chen. Soll aber auch der län­ger­fris­ti­ge Ter­min­markt ein­be­zo­gen wer­den, müss­te ei­ne ex­pli­zi­te­re recht­li­che Grund­la­ge ge­schaf­fen wer­den. Ge­mäss Bör­sen- und Ef­fek­ten-Han­dels­ge­setz hat der Bun­des­rat die Kom­pe­tenz, Be­stim­mun­gen über den Han­del von Elek­tri­zi­tät an ei­ner Bör­se zu er­las­sen. Er kann dies in vor­wie­gend tech­ni­schen Fra­gen an die Fi­nanz­markt­auf­sicht (Fin­ma) de­le­gie­ren, die dann im Ein­ver­neh­men mit der El­Com agie­ren soll.

Für die Schweiz als Strom­tran­sit­land in Eu­ro­pa wä­re ei­ne In­te­gra­ti­on in das Mar­ket Cou­pling von Vor­teil, aber auch für die EU selbst. Viel hängt von der Rea­li­sie­rung des Ener­gie­ab­kom­mens ab, das 2013 in die nächs­te Ver­hand­lungs­run­de geht.

In der EU sind meh­re­re Bör­sen­be­trei­ber im Strom­han­del ak­tiv. Ei­ner von ih­nen könn­te auch den Zu­schlag für die Schweiz er­hal­ten.

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