«Grie­chen­land wird die Eu­ro­zo­ne ver­las­sen»

WIL­LEM BUI­TER Der Chef­öko­nom von Ci­ti­group er­klärt, der Auf­bau der Ban­ken­uni­on wer­de von Berlin sa­bo­tiert – Die Schwei­ze­ri­sche Na­tio­nal­bank agie­re ver­nünf­tig

Finanz und Wirtschaft - - PRAKTIKUS/PORTRÄT -

Die Geld­ge­ber ver­lang­ten all­zu har­sche Spar­mass­nah­men, Grie­chen­land wer­de der Eu­ro­zo­ne den Rü­cken keh­ren. Das pro­phe­zeit Wil­lem Bui­ter, Ci­ti­group-Chef­öko­nom und Pro­fes­sor an der Lon­don School of Eco­no­mics. In der ge­sam­ten Pe­ri­phe­rie müss­ten Ban­ken und der Staat um­schul­den. Herr Bui­ter, die Fi­nanz­märk­te ha­ben sich in den letz­ten Mo­na­ten ent­spannt. Ist die Ru­he be­rech­tigt, oder droht ein Sturm? Der Aus­tritt Grie­chen­lands aus der Eu­ro­zo­ne fin­det in den nächs­ten zwölf bis acht­zehn Mo­na­ten statt. Das Land wird al­ler­dings nicht hin­aus­ge­wor­fen, son­dern es ver­lässt die Wäh­rungs­uni­on. Noch mehr Spar­mass­nah­men sind po­li­tisch nicht to­le­rier­bar, die Gren­ze ist er­reicht. Grie­chen­land er­lei­det ei­nen Rück­gang der Wirt­schafts­leis­tung von ins­ge­samt 35%, das ist kei­ne Re­zes­si­on, son­dern ei­ne De­pres­si­on. Die Re­gie­rung kann je­der­zeit auf­ge­löst wer­den, ex­tre­me po­li­ti­sche Par­tei­en ha­ben Zu­lauf. Die Lei­dens­fä­hig­keit Grie­chen­lands wird über­schätzt. Deutsch­land wirft Grie­chen­land vor, das Aus­te­ri­täts­pro­gramm sei zu we­nig streng. Das ist völ­li­ger Un­sinn. Noch nie in der Ge­schich­te des In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds hat ein Land die Staats­aus­ga­ben so dras­tisch ge­kürzt. Die Aus­te­ri­täts­mass­nah­men ent­spre­chen mehr als 9% des BIP. Den­noch ver­fehlt Grie­chen­land die fis­ka­li­schen Zie­le – weil die Vor­ga­ben idio­tisch sind, nicht we­gen man­geln­der An­stren­gung.

Noch nie in der Ge­schich­te des IWF hat ein Land die Staats­aus­ga­ben so dras­tisch ge­kürzt wie Grie­chen­land.

Es droht wei­ter­hin An­ste­ckungs­ge­fahr. Das Aus­mass ist jetzt aber klei­ner. Zu­erst wur­de um die Ban­ken ei­ne Brand­mau­er er­rich­tet, mit den LTRO-Li­qui­di­täts­sprit­zen der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank ab No­vem­ber 2011. Und seit Sep­tem­ber wer­den die Län­der ge­schützt, ge­mäss der An­kün­di­gung des OMT-Pro­gramms zum Kauf von Staats­an­lei­hen durch die EZB. Das schafft ein Ex­trem­ri­si­ko aus der Welt: Ein Staat kann nicht durch das Ab­seits­ste­hen pri­va­ter Gläu­bi­ger aus Eu­ro­land hin­aus­ge­wor­fen wer­den. Des­halb ist die An­ste­ckungs­ge­fahr deut­lich we­ni­ger akut und wür­de nicht so lan­ge an­hal­ten wie zu­vor. Eu­ro­pa hat das In­stru­men­ta­ri­um be­reit­ge­stellt, um ein De­sas­ter zu ver­hin­dern. Hat sich so­mit die La­ge für die an­de­ren Pe­ri­phe­rie­län­der ent­spannt? Nein, Um­schul­dun­gen sind un­er­läss­lich: für Staa­ten, Ban­ken und teil­wei­se für Pri­vat­haus­hal­te. Die Wirt­schaft wächst nicht, und die not­wen­di­ge Aus­te­ri­tät für die Be­die­nung sämt­li­cher Schul­den der Staa­ten und der Ban­ken ist po­li­tisch nicht durch­führ­bar. Grie­chen­land hat mit dem An­lei­hen­rück­kauf so­eben die zwei­te Um­schul­dung durch­lau­fen und wird nach den Wah­len in Deutsch­land im kom­men­den Herbst zum drit­ten Mal Schul­den ab­schrei­ben. Dann folgt wohl Por­tu­gal, wo auch die pri­va­ten Schuld­ner in ei­ner pre­kä­ren La­ge sind.

Wes­halb sind die Pri­va­ten wich­tig? tio­nen von Ban­ken be­sitzt, wird ab­schrei­ben müs­sen. Das ist sinn­voll, weil da­mit die Ga­ran­tie durch die Steu­er­zah­ler und so­mit die im­pli­zi­te Sub­ven­tio­nie­rung für die Ban­ken ver­schwin­det. Dann wird Ri­si­ko am Markt fai­rer und ef­fi­zi­en­ter be­wer­tet und ver­teilt. Wie steht es um Frank­reich? Das Land ge­hört bes­ten­falls zum wei­chen Kern Eu­ro­pas. Es müss­te mehr spa­ren, der Aus­blick ist zu op­ti­mis­tisch. Was die Re­gie­rung tut, hängt von den Fi­nanz­märk­ten ab, und die­se sind flat­ter­haft. Könn­ten die Märk­te ihr Ur­teil än­dern? Sie schau­en nicht auf die Fun­da­men­tal­da­ten, son­dern sie sind süch­tig nach Li­qui­di­tät. Sie sprin­gen so­gar an, wenn le­dig­lich be­ding­te Li­qui­di­tät ver­spro­chen wird, so wie von EZB-Chef Ma­rio Draghi. Es ist un­glaub­lich, wie die Märk­te ent­span­nen, wenn sie ei­nen neu­en Schuss Li­qui­di­tät er­hal­ten, das ist das klas­si­sche Ver­hal­ten ei­nes Süch­ti­gen. Frank­reichs fun­da­men­ta­les Pro­blem liegt in dem welt­weit am meis­ten auf­ge­bläh­ten Wohl­fahrts­staat, er ist mit 57% des BIP noch grös­ser als in Schwe­den. Zu­dem re­gu­liert sich das Land in ei­nen chro­ni­schen Ab­bau von Wett­be­werbs­fä­hig­keit. Frank­reich geht in die fal­sche Rich­tung. Wel­che Schrit­te wä­ren not­wen­dig, um Eu­ro­pas Kri­se in den Griff zu be­kom­men? Ein se­pa­ra­ter ESM-Ret­tungs­schirm für die Län­der – oh­ne Ban­ken – mit 1,5 Bio. € und stren­gen Be­din­gun­gen. Da­zu kommt ein Um­schul­dungs­me­cha­nis­mus. Das klingt, als ob die Re­struk­tu­rie­rung von Staats­schul­den künf­tig an der Ta­ges­ord­nung wä­re. Trotz der bes­ten Ab­sich­ten mit dem Sta­bi­li­täts- und Wachs­tums­pakt, dem Fis-

«In der Wäh­rungs­uni­on droht wei­ter­hin An­ste­ckungs­ge­fahr. Sie ist aber we­ni­ger akut und wür­de nicht so lan­ge an­hal­ten wie zu­vor.»

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