Zur Per­son

Finanz und Wirtschaft - - PRAKTIKUS/PORTRÄT - BEG FORT­SET­ZUNG AUF SEI­TE 22

Wil­lem Bui­ter ist be­kannt für un­ge­schmink­te Äus­se­run­gen. Als Pro­fes­sor für po­li­ti­sche Öko­no­mie an der Lon­don School of Eco­no­mics so­wie da­vor an den Uni­ver­si­tä­ten Yale und Cam­bridge ist er seit Be­ginn der Fi­nanz­kri­se ei­ner der weit­sich­tigs­ten Be­ob­ach­ter des Ge­sche­hens ge­we­sen. An­fang 2010 wech­sel­te er über­ra­schend als Chef­öko­nom zu Ci­ti­group. Die Be­fürch­tung, er wer­de da­durch zahm, hat sich nicht be­wahr­hei­tet. Von 2005 bis 2010 fun­gier­te Bui­ter zu­dem als Be­ra­ter für Gold­man Sachs, da­vor am­tier­te er als Chef­öko­nom der Eu­ro­päi­schen Bank für Wie­der­auf­bau und Ent­wick­lung (EBRD). Von 1997 bis 2000 war er ex­ter­nes Mit­glied des geld­po­li­ti­schen Ko­mi­tees der Bank of En­g­land. Er be­riet den Welt­wäh­rungs­fonds IWF, die Welt­bank und die Eu­ro­päi­sche Kom­mis­si­on. In Spa­ni­en hat die Re­gie­rung ein neu­es Ge­setz über Zwangs­voll­stre­ckun­gen er­las­sen, da­mit 600 000 Fa­mi­li­en in ih­ren Häu­sern blei­ben kön­nen, oh­ne ih­re Hy­po­the­ken zu be­die­nen. Da­ge­gen ist aus so­zi­al­po­li­ti­scher Sicht nichts ein­zu­wen­den, aber es be­las­tet die Ban­ken, de­ren Pro­ble­me letzt­lich beim Staat lan­den. Wir müs­sen die gros­se Mi­gra­ti­on ein­kal­ku­lie­ren: Ma­ro­de Gut­ha­ben wan­dern vom pri­va­ten in den öf­fent­li­chen Sek­tor. Rei­chen dem­nach all die Spar­mass­nah­men der spa­ni­schen Re­gie­rung nicht? Nein, es braucht viel wei­ter ge­hen­de Re­for­men. Ein Land mit Ar­beits­lo­sen­quo­ten von 25% ins­ge­samt und 52% für Ju­gend­li­che muss den Ar­beits­markt re­for­mie­ren. Ist es für Un­ter­neh­men teu­er, Mit­ar­bei­ter zu ent­las­sen, dis­kri­mi­niert das die Stel­len­su­chen­den. Spa­ni­en hat zwar gros­se Fort­schrit­te ge­macht, aus­ge­hend von enor­mer In­ef­fi­zi­enz. Doch auch wenn ho­he Ab­fin­dun­gen und ad­mi­nis­tra­ti­ve Kos­ten in an­de­ren Län­dern wie Frank­reich eben­falls üb­lich sind, be­deu­ten sie ei­ne rie­si­ge Be­hin­de­rung für die Schaf­fung neu­er Ar­beits­plät­ze. Spa­ni­en sei nicht mehr wett­be­werbs­fä­hig und müs­se in­tern ab­wer­ten, wird kri­ti­siert. Wie weit ist das Land? Das ist schwie­rig zu be­ur­tei­len. Letzt­lich müs­sen die Ex­por­teu­re am Markt tes­ten, wel­ches Ni­veau der Re­al­löh­ne und der Pro­duk­ti­vi­tät er­for­der­lich ist – und da­mit der Lohn­stück­kos­ten. Die­se muss Spa­ni­en im Ver­gleich zu sei­nen Kon­kur­ren­ten wohl noch min­des­tens 15% sen­ken. Und Wett­be­werbs­fä­hig­keit lässt sich nicht ein für al­le­mal er­rei­chen. Sie ist wie ei­ne Tu­gend, der täg­lich nach­ge­lebt wer­den will. 15% tie­fe­re Lohn­stück­kos­ten, das ist be­trächt­lich. Ja, des­halb wird es Jah­re dau­ern, die Wirt­schaft wächst nicht, und es ist kaum mög­lich, die Gläu­bi­ger des Staa­tes und der Ban­ken schad­los zu hal­ten. Auch wer vor­ran­gi­ge und da­mit die si­chers­ten Ob­li­ga-

«Wir müs­sen die gros­se Mi­gra­ti­on ein­kal­ku­lie­ren: Ma­ro­de Gut­ha­ben wan­dern von Pri­va­ten zum Staat.»

kal­pakt, der Bud­ge­tauf­sicht ge­mäss Two Pack und Six Pack – so­wie den glor­rei­chen sie­ben, oder wie auch im­mer sie al­le heis­sen – wird es auch künf­tig Pan­nen ge­ben. Wir müs­sen Staa­ten um­schul­den kön­nen, be­vor sie un­ter den Ret­tungs­schirm ge­hen und wir ih­nen Geld ge­ben. Braucht es kei­ne Fis­kal­uni­on? Der ESM hat ei­ne fis­ka­li­sche Di­men­si­on. Doch Trans­fers oder ein Um­ver­tei­lungs­me­cha­nis­mus sind nicht er­for­der­lich, da­mit die Wäh­rungs­uni­on funk­tio­niert.

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