«Ex­per­ten­grup­pe kann nicht funk­tio­nie­ren»

PATRICK ODIER Der Ban­ken­prä­si­dent for­dert, ne­ben der Steu­er­kon­for­mi­tät müs­se die Wett­be­werbs­fä­hig­keit ein zen­tra­ler Punkt der Fi­nanz­platz­stra­te­gie sein

Finanz und Wirtschaft - - FINANZ - IN­TER­VIEW: MO­NI­CA HEGG­LIN

Der Prä­si­dent der Ban­kier­ver­ei­ni­gung, Patrick Odier, sieht im Nein aus Deutsch­land nicht das En­de für die Ab­gel­tungs­steu­er. Er be­für­wor­tet Neu­ver­hand­lun­gen mit Berlin und Re­geln ge­gen Schwarz­geld. Dass die neue Ex­per­ten­grup­pe des Fi­nanz­de­par­te­ments oh­ne Ein­be­zug von Prak­ti­kern die Zu­kunft des Fi­nanz­plat­zes er­ar­bei­ten soll, kri­ti­siert Odier. Das kön­ne nicht funk­tio­nie­ren. Herr Odier, der Bun­des­rat will nächs­te Wo­che sei­ne Ge­samt­schau zur Fi­nanz­platz­stra­te­gie vor­le­gen. Was er­war­ten Sie? Wir kön­nen un­se­ren Fi­nanz­platz nur dann im Sin­ne der gan­zen Schwei­zer Be­völ­ke­rung stär­ken, wenn auch die Po­li­tik die Ver­bes­se­rung der Wett­be­werbs­fä­hig­keit als Ziel de­fi­niert. Ne­ben dem Ziel, ein steu­er­kon­for­mer Fi­nanz­platz zu sein, muss das ein zen­tra­ler Punkt in der Fi­nanz­platz­stra­te­gie sein. Das Fi­nanz­de­par­te­ment will ei­ne Ex­per­ten­grup­pe ein­set­zen, die Grund­la­gen für die Fi­nanz­markt­stra­te­gie er­ar­bei­ten soll. Sind Sie ent­täuscht, dass Pro­fes­so­ren und Re­gu­la­to­ren da­bei sind, aber nie­mand von den Ban­ken? Wir er­war­ten, dass die Ex­per­ten­grup­pe nicht bei null an­fängt und wir eng in de­ren Ar­bei­ten ein­be­zo­gen wer­den. Ei­ne Ex­per­ten­grup­pe, die sich mit der Zu­kunft des Fi­nanz­plat­zes be­schäf­tigt, oh­ne Ein­be­zug der Prak­ti­ker, kann nicht funk­tio­nie­ren. zum In­for­ma­ti­ons­aus­tausch. Wer­den die Schwei­zer Ban­ken den Fran­zo­sen mehr bie­ten als den Deut­schen? Ich ha­be das an­ders ver­stan­den. Prä­si­dent Hol­lan­de hat die Tür für Ge­sprä­che ge­öff­net. Er hat The­men, und wir ha­ben The­men. Für Frank­reich hat das The­ma Erb­schafts­steu­er Prio­ri­tät. Wir sind be­reit, dar­über zu dis­ku­tie­ren. Die bis­he­ri­ge Si­tua­ti­on war vor­teil­haft für die Schweiz, der fran­zö­si­sche Vor­schlag ist es gar nicht. Hier müs­sen wir ei­nen Aus­gleich fin­den und da­bei un­ser In­ter­es­se, näm­lich die Re­gu­la­ri­sie­rung der Alt­gel­der, ein­brin­gen. Auch ist es ver­nünf­tig, das The­ma Amts­hil­fe zu dis­ku­tie­ren, denn of­fen­bar gibt es hier Ge­sprächs­be­darf. Zu Ita­li­en: Es ist doch il­lu­so­risch, ein Ab­kom­men zu er­war­ten; Ita­li­en hat kei­ne hand­lungs­fä­hi­ge Re­gie­rung. Wir ha­ben ei­ne lang­fris­ti­ge Stra­te­gie und kön­nen uns er­lau­ben, noch ein paar Mo­na­te zu war­ten, wenn das aus in­nen­po­li­ti­schen Grün­den nö­tig ist. Mit Ita­li­en kön­nen wir trotz­dem frü­her zu ei­nem Ab­kom­men kom­men als mit Frank­reich. Die Ab­gel­tungs­steu­er mit Deutsch­land, dem wich­tigs­ten Aus­land­markt der Schweiz, ist ge­schei­tert. Wie soll die Ver­gan­gen­heit – das Pro­blem des Schwarz­geld­be­stands – be­rei­nigt wer­den? Da wur­de ei­ne fan­tas­ti­sche Mög­lich­keit ver­passt. Die Kun­den, die an­onym ih­re Steu­ern be­zah­len woll­ten, sind na­tür­lich ent­täuscht. Viel­leicht wäh­len sie jetzt die Selbst­an­zei­ge. Die Kun­den sind frei zu tun, was sie möch­ten. Und ein neu­es Ab­kom­men mit Deutsch­land? Es wird kei­ne Nach­ver­hand­lun­gen des Ab­kom­mens ge­ben. Aber wir wol­len mit Deutsch­land im Ge­spräch blei­ben. Die Ban­ken hat­ten sich mit Blick auf die Ab­gel­tungs­steu­er ver­pflich­tet, al­les zu un­ter­las­sen, was das «Ab­schlei­chen» der deut­schen Steu­er­pflich­ti­gen er­mög­licht hät­te. Fällt mit dem Nein aus Deutsch­land die­se Ver­pflich­tung nun weg? Die Ban­ken ha­ben kein In­ter­es­se, die Pro­ble­ma­tik der Ver­gan­gen­heit in die Zu­kunft zu tra­gen. Wir wer­den den Kun­den wei­ter­hin nicht emp­feh­len, auf an­de­re Fi­nanz­plät­ze aus­zu­wei­chen. Die Ban­ken lan­cie­ren als Al­ter­na­ti­ve zur Ab­gel­tungs­steu­er ei­nen ei­ge­nen Ent­wurf zu Weiss­geld­stra­te­gie. Mit wel­chem Ziel? Die Weiss­geld­stra­te­gie er­gänzt die Ab­gel­tungs­steu­er­ab­kom­men, die ja nie mit al­len Län­dern ab­ge­schlos­sen wer­den kön­nen. Es geht dar­um, wie in Zu­kunft un­ver­steu­er­te Ver­mö­gen von der Schweiz fern­ge­hal­ten wer­den kön­nen. Die Kun­den sind für ih­re Steu­ern ver­ant­wort­lich. Aber die Ban­ken müs­sen auf der Ba­sis kon­kre­ter po­si­ti­ver oder ne­ga­ti­ver In­di­zi­en und ri­si­ko­ba­siert die rich­ti­gen Fra­gen stel­len, wenn sie Neu­gel­der und Neu­kun­den ak­zep­tie­ren. Bei ei­nem Ver­dacht auf Steue­run­ehr­lich­keit leh­nen sie Kun­den­be­zie­hun­gen ab. Was soll für Schwei­zer Kun­den gel­ten? Die ri­si­ko­ba­sier­ten Ver­hal­tens­re­geln müss­ten auf sämt­li­che Bank­kun­den an­ge­wandt wer­den, auch auf Schwei­zer Steu­er­pflich­ti­ge. Wie wol­len denn die Ban­ken bei Ver­dacht auf Steu­er­ver­ge­hen kon­kret vor­ge­hen? Wird der Kun­de hin­aus­kom­pli­men­tiert? Wenn ein Kun­de zu uns kommt, der die Steu­er of­fen­bar hin­ter­zie­hen will, dann sa­gen wir klar Nein.

Wir wol­len die Steu­er­kon­for­mi­tät so rasch wie mög­lich um­set­zen und nicht auf die lan­ge Bank schie­ben.

Ei­ne Mel­dung er­stat­ten Sie nicht? Da­zu be­steht kei­ne Grund­la­ge. Zur Mel­dung wer­den wir im Fall von Geld­wä­sche­rei­ver­dacht ver­pflich­tet, wo es ei­nen qua­li­fi­zier­ten Straf­tat­be­stand gibt, aber nicht im Fall von Steu­er­hin­ter­zie­hung. Die­se zwei Fra­gen sind klar von­ein­an­der zu tren­nen. Der qua­li­fi­zier­te Straf­tat­be­stand bei Steu­er­ver­ge­hen muss noch von un­se­ren Be­hör­den und ent­lang der FATFVor­ga­ben ge­neh­migt wer­den. Die Weiss­geld­stra­te­gie schiebt dem Zuf­luss un­ver­steu­er­ter Ver­mö­gen ei­nen Rie­gel. In ma­chen Her­kunfts­län­dern wie et­wa Russ­land ist die Steu­er­kon­for­mi­tät aber ein dehn­ba­rer Be­griff. Ver­bau­en Sie sich mit der Weiss­geld­stra­te­gie nicht den Zu­gang zu den Ver­mö­gen aus sol­chen Län­dern? Die Stra­te­gie, nur noch ver­steu­er­te Ver­mö­gen ent­ge­gen­zu­neh­men, gilt für al­le Län­der. Wir wol­len ei­ne ver­nünf­ti­ge Selbst­re­gu­lie­rung ein­füh­ren. Es soll­te mög­lich sein, sie als in­ter­na­tio­na­len Stan­dard zu ver­an­kern. Das klingt gut. Man hat aber den Ein­druck, man­chen Ban­ken wä­re ein recht­li­cher Schwe­be­zu­stand durch­aus an­ge­nehm. Die Gel­der könn­ten vor­läu­fig hier blei­ben, und es ent­stün­de kein Auf­wand für die Um­set­zung neu­er Ab­kom­men. Das se­he ich nicht so. Auch bei be­ste­hen­den Kun­den kann es Ver­hal­ten ge­ben, das auf Steue­run­ehr­lich­keit hin­weist. Dann gel­ten die glei­chen Be­stim­mun­gen. Die Stoss­rich­tung ist klar: Wir wol­len die Steu­er­kon­for­mi­tät so rasch wie mög­lich um­set­zen und nicht auf die lan­ge Bank schie­ben. Wie ge­nau? Die In­stru­men­te sind ers­tens die OECDKon­ven­tio­nen zur in­ter­na­tio­na­len Amts­hil­fe, zwei­tens die Dop­pel­be­steue­rungs­ab­kom­men, drit­tens die Ab­gel­tungs­steu­er­ver­ein­ba­run­gen mit ein­zel­nen Län­dern, vier­tens die Ver­jäh­rung und fünf­tens die Weiss­geld­stra­te­gie mit den be­schrie­be­nen Sorg­falts­pflich­ten.

In nächs­ter Zu­kunft wer­de die Schweiz höchst­wahr­schein­lich wei­te­re Ab­gel­tungs­steu­er

sagt Patrick Odier.

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