Der Li­bor-skan­dal um die UBS spitzt sich zu

SCHWEIZ Die Gross­bank UBS will die Af­fä­re um die Ma­ni­pu­la­ti­on des Li­bor-re­fe­renz­zin­ses rasch hin­ter sich brin­gen – Sechs Fra­gen und Ant­wor­ten zum Fi­nanz­skan­dal

Finanz und Wirtschaft - - FINANZ - JAN BAU­MANN

Was ist der Li­bor? Das Kür­zel Li­bor steht für Lon­don In­ter­bank Of­fe­red Ra­te. Das ist der Zins, zu dem sich Ban­ken un­ter­ein­an­der – oh­ne Hin­ter­la­ge von Si­cher­hei­ten – Geld aus­lei­hen (In­ter­ban­ken­ge­schäft). Der Satz wird ein­mal pro Ar­beits­tag in Lon­don fi­xiert und gilt welt­weit als Re­fe­renz­grös­se für un­zäh­li­ge Geld­trans­ak­tio­nen.

Fi­nanz­wer­te für über 300 000 Mrd. $ sind an den Li­bor ge­kop­pelt. Die Ve­rän­de­rung des Sat­zes kann sich auf die Hö­he der Zin­sen für Bank­pro­duk­te al­ler Art, zum Bei­spiel Spar­kon­ten und Hy­po­the­kark­re- Die Af­fä­re um die Ma­ni­pu­la­ti­on des welt­weit wich­tigs­ten Re­fe­renz­zin­ses, Li­bor, spitzt sich zu. Im Mit­tel­punkt der Auf­merk­sam­keit steht der­zeit die Schwei­zer Gross­bank UBS. Sie ver­han­delt dem Ver­neh­men nach auf Hoch­tou­ren mit den Be­hör­den in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten und Gross­bri­tan­ni­en über ei­nen Ver­gleich so­wie die Zah­lung ei­ner saf­ti­gen Bus­se.

Wenn die In­for­ma­tio­nen der bri­ti­schen Fi­nanz­zei­tung «Fi­nan­ci­al Ti­mes» und meh­re­rer Nach­rich­ten­agen­tu­ren zu­tref­fen, könn­te sich die Ver­gleichs­zah­lung auf mehr als 1 Mrd. $ sum­mie­ren. Es wird er­war­tet, dass die Ver­hand­lun­gen über das Wo­che­n­en­de zum Ab­schluss kom­men und die Bank im Lau­fe der kom­men­den Wo­che in­for­miert. We­der die Be­hör­den noch die UBS woll­ten sich zu den jüngs­ten Ge­rüch­ten äus­sern. Die Sa­che ist hei­kel und äus­serst kom­plex. Fol­gen­de Fra­gen und Ant­wor­ten be­leuch­ten die Hin­ter­grün­de: di­te, aus­wir­ken. Der Wert vie­ler Fi­nanz­de­ri­va­te ist eben­falls da­von ab­hän­gig. Zen­tral­ban­ken, dar­un­ter die Schwei­ze­ri­sche Na­tio­nal­bank (SNB), set­zen ih­re Geld­po­li­tik durch Vor­ga­ben für den Li­bor um. So be­stimmt die SNB ein Li­bor-Ziel­band für drei­mo­na­ti­ge Fran­ken­an­la­gen, um das Zins­ni­veau zu be­ein­flus­sen. Wie wird der Li­bor be­stimmt? Un­ter der Ägi­de der Bri­tish Ban­kers’ As­so­cia­ti­on (BBA) er­mit­telt ein Pa­nel füh­ren­der Ge­schäfts­ban­ken den Li­bor für zehn Wäh­run­gen und fünf­zehn Lauf­zei­ten. Das Lauf­zeit­s­pek­trum reicht da­bei von Über­nacht­dar­le­hen bis zu ein­jäh­ri­gen Kre­di­ten. Die Pa­nel-Ban­ken mel­den bör­sen­täg­lich bis elf Uhr ih­re Zin­sen an den Nach­rich­ten­dienst Thom­son Reu­ters. Er be­rech­nen dar­aus die mass­ge­ben­den Durch­schnitts­sät­ze, wo­bei die höchs­ten und die tiefs­ten Wer­te un­be­rück­sich­tigt blei­ben (ge­trimm­tes arith­me­ti­sches Mit­tel). An­schlies­send wer­den zur Mit­tags­zeit die Li­bor-Sät­ze ver­öf­fent­licht.

Für je­de wich­ti­ge Wäh­rung gibt es ein ei­ge­nes Li­bor-Ko­mi­tee (Pa­nel) aus sechs bis acht­zehn Ban­ken. Seit Mai die­ses Jah­res be­steht das Fran­ken-Pa­nel aus fol­gen­den elf In­sti­tu­ten: Bank of To­kyo-Mitsu­bi­shi UFJ, Bar­clays, Ci­ti­group, Cre­dit Suis­se (CS), Deut­sche Bank, HSBC, J. P. Mor­gan Cha­se, Lloyds Ban­king Group, So­cié­té Gé­né­ra­le, Roy­al Bank of Scot­land und UBS. Die Schwei­zer Gross­ban­ken UBS und CS sind bei­de auch im Ko­mi­tee für den Dol­lar- und den Eu­ro-Li­bor ver­tre­ten.

Un­ab­hän­gig vom Li­bor exis­tie­ren In­ter­ban­ken­sät­ze auf wei­te­ren Fi­nanz­plät­zen. So sind zum Bei­spiel zwei Bran­chen­or­ga­ni­sa­tio­nen in Brüssel ge­mein­sam für die Er­mitt­lung des Eu­ri­bor zu­stän­dig. Gut vier­zig Ban­ken be­tei­li­gen sich an sei­ner Fest­set­zung. Da­ne­ben gibt es in Ja­pan den Ti­bor ( To­kyo In­ter­bank Of­fe­red Ra­te). Aus Singapur kommt täg­lich der Si­bor (Sin­ga­po­re In­ter­bank Of­fe­red Ra­te) und aus Hong­kong der Hi­bor. Ist der Re­fe­renz­zins ma­ni­pu­lier­bar? Die Fra­ge der Ma­ni­pu­lier­bar­keit ist um­strit­ten. Nach­for­schun­gen der Fi­nanz­auf­sichts­be­hör­den ha­ben er­ge­ben, dass es bei der bri­ti­schen Gross­bank Bar­clays von 2005 bis 2009 wie­der­holt zu Ma­ni­pu­la­ti­ons­ver­su­chen kam. Im ver­gan­ge­nen Ju­ni er­hielt Bar­clays da­für um­ge­rech­net rund 450 Mio. $ Bus­se auf­ge­brummt. Ver­wal­tungs­rats­prä­si­dent Mar­cus Agius und Kon­zern­chef Bob Dia­mond muss­ten den Hut neh­men.

Mit Blick auf die Zins­ma­ni­pu­la­ti­on sind grund­sätz­lich zwei Pha­sen zu un­ter­schei­den. Zu­nächst kam es of­fen­bar un­ter ein­zel­nen Mit­ar­bei­tern von Li­bor-Ban­ken zu Ab­spra­chen über die täg­li­chen Zins­ein­ga­ben mit dem Ziel, Pro­fit dar­aus zu schla­gen. Da­bei wur­de der Satz zwar nur ge­ring­fü­gig ver­fälscht. Doch mit Zins­de­ri­va­ten war es mög­lich, schon auf der Ba­sis sehr klei­ner Ab­wei­chun­gen des Sat­zes gros­se Han­dels­ge­win­ne zu er­zie­len. In ei­ner zwei­ten Pha­se, wäh­rend der in­ter­na-

Der Li­bor-Zins­satz tio­na­len Fi­nanz­kri­se von 2007 bis 2009, gin­gen Bar­clays-Händ­ler da­zu über, die Li­bor-Ein­ga­ben be­wusst nach un­ten zu trim­men. Der Hin­ter­grund: Zu­vor war der ame­ri­ka­ni­schen und der bri­ti­schen No­ten­bank auf­ge­fal­len, dass Bar­clays un­ge­wöhn­lich ho­he Wer­te ge­mel­det hat­te, was kri­ti­sche Fra­gen auf­warf. Da da­mals die Sta­bi­li­tät des Fi­nanz­sys­tems in Ge­fahr war, gal­ten ho­he An­ga­ben ei­ner ein­zel­nen Bank als Zei­chen der Schwä­che. Tat­säch­lich stand in der Kri­se zeit­wei­se zur Dis­kus­si­on, ob in Gross­bri­tan­ni­en ne­ben den zwei Gross­ban­ken RBS und Lloyds Ban­king Group auch Bar­clays vom Staat ge­stützt wer­den müs­se. War­um ist die UBS so stark be­trof­fen? Die UBS setz­te im Fe­bru­ar die­ses Jah­res die Schwei­zer Wett­be­werbs­kom­mis­si­on We­ko über Abre­den un­ter Li­bor-Ban­ken in Kennt­nis, an de­nen Ex-Mit­ar­bei­ter der Bank be­tei­ligt ge­we­sen sein sol­len. Auf­grund des­sen hat die We­ko ei­ne Un­ter­su­chung ge­gen die UBS und die Cre­dit Suis­se so­wie ein Dut­zend aus­län­di­scher Ban­ken we­gen des Ver­dachts auf Zins­ma­ni­pu­la­ti­on ge­star­tet. Da die UBS von sich aus als Kron­zeu­gin ak­tiv wur­de, hat die We­ko ihr be­ding­te Straf­mil­de­rung zu­ge­sagt. Ei­ne ähn­li­che Zu­sa­ge er­hielt die UBS un­ter an­de­rem von der An­ti­trust­be­hör­de in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten.

Par­al­lel zur We­ko führt hier­zu­lan­de die Fi­nanz­markt­auf­sicht Fin­ma Un­ter­su­chun­gen durch. Wäh­rend die We­ko er­mit­telt, ob die UBS und an­de­re Ban­ken ge­gen das Wett­be­werbs­recht ver­stos­sen ha­ben, prüft die Fin­ma, ob schwei­ze­ri­sches Auf­sichts­recht ver­letzt wur­de. Die Be­hör­den ste­hen da­bei in re­gem Kon­takt mit den aus­län­di­schen In­stan­zen. Dass die Fin­ma – wie un­längst im Fall des ehe­ma­li­gen Lon­do­ner UBS-Händ­lers Kwe­ku Ado­bo­li – gleich­zei­tig mit der bri­ti­schen Fi­nan­ci­al Ser­vices Aut­ho­ri­ty (FSA) ih­re Un­ter­su­chun­gen ab­schliesst, ist denk­bar, aber kei­nes­falls si­cher. Auf An­fra­ge von FuW hielt sich Fin­ma-Me­dien­spre­cher To­bi­as Lux am Frei­tag dies­be­züg­lich be­deckt. Wer ist Tho­mas Hayes? Be­reits 2011 ha­ben ja­pa­ni­sche Be­hör­den Sank­tio­nen ge­gen die UBS we­gen der Ma­ni­pu­la­ti­on des Yen-Li­bor und des Eu­royen-Ti­bor er­grif­fen. Wie sich aus Pres­se­be­rich­ten schlies­sen lässt, spiel­te der eins­ti­ge UBS-Händ­ler Tho­mas Hayes in der An­ge­le­gen­heit ei­ne wich­ti­ge Rol­le. Er ar­bei­te­te von et­wa 2006 bis 2009 für ei­nen UBS-Ab­le­ger in To­kio, be­vor er zur USKon­kur­ren­tin Ci­ti­group wech­sel­te (die ihn mitt­ler­wei­le ent­las­sen hat). Hayes ist bri­ti­scher Staats­bür­ger und gilt als Draht­zie­her in ei­nem Ring von Händ­lern, die wie­der­holt den Li­bor ma­ni­pu­liert ha­ben sol­len. Ei­ne Son­der­ein­heit der Po­li­zei in Lon­don hat ihn – zu­sam­men mit zwei wei­te­ren, na­ment­lich nicht be­kann­ten Ban­kern – ver­haf­tet und ver­hört. Was hat es mit den Zi­vil­kla­gen auf sich? In den USA ha­ben ver­schie­de­ne Kun­den von Li­bor-Ban­ken zi­vi­le Sam­mel­kla­gen ein­ge­reicht. Die­se Kla­gen sind ein zwei­tes, wich­ti­ges Ka­pi­tel – zu­sätz­lich zu den Un­ter­su­chun­gen der Auf­sichts­in­stan­zen so­wie der Straf- und der Wett­be­werbs­be­hör­den. Die Klä­ger ma­chen gel­tend, durch die Zins­ma­ni­pu­la­tio­nen der Ban­ken ei­nen fi­nan­zi­el­len Scha­den er­lit­ten zu ha­ben. Selbst wenn die UBS und an­de­re Li­borBan­ken in den kom­men­den Wo­chen und Mo­na­ten ei­nen Ver­gleich mit den staat­li­chen Be­hör­den ab­schlies­sen, bleibt die zi­vil­recht­li­che Flan­ke of­fen. Al­le Fi­nanz­da­ten zu UBS im On­li­ne-Ak­ti­en­füh­rer: fuw.ch/UBSN

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