Mil­li­ar­den für neue Mo­den lie­gen ge­las­sen

IN­TER­NA­TIO­NAL Der Aus­bruch der Ver­si­che­rer aus Tra­di­tio­nen hat den Ak­tio­nä­ren schwer ge­scha­det

Finanz und Wirtschaft - - FINANZ - THO­MAS HENGARTNER TH

Das Aus­stel­len von Ver­si­che­rungs­de­ckung ist ein si­che­res Ge­schäft, so­lan­ge es mit Se­rio­si­tät und Vor­sicht be­trie­ben wird. Der US-Mil­li­ar­där War­ren Buf­fett hat die vie­len Vor- und we­ni­gen Nach­tei­le des Ver­si­che­rungs­ge­schäfts gut für die Zwe­cke «sei­ner» Hol­ding Berk­shire Hat­ha­way zu nut­zen ge­wusst. Die As­se­ku­ranz­kon­zer­ne AIG, Swiss Li­fe, Swiss Re und Zu­rich In­suran­ce sind je­doch zu­min­dest zeit­wei­se vom vor­ge­zeich­ne­ten Er­folgs­pfad ab­ge­kom­men.

Dass die Ak­tio­nä­re schwe­ren Scha­den zu tra­gen hat­ten, zeigt sich am Kurs der Ak­ti­en. Die Pa­pie­re der drei Schwei­zer Kon­zer­ne lie­gen 60% oder mehr un­ter dem Aus­gangs­wert des Jah­res 2000, wäh­rend der Stan­dard­wert­e­in­dex SMI im glei­chen Zei­t­raum nur knapp 10% ein­ge­büsst hat. Wer Zu­rich-Ak­ti­en En­de der Neun­zi­ger­jah­re auf ad­jus­tiert über 600 Fr. ge­kauft hat oder zu Kur­sen von 150 Fr. in Swiss Re ein­ge­stie­gen ist, nagt wei­ter­hin an ei­nem mas­si­ven Buch­ver­lust.

Viel ge­wagt, we­nig er­reicht

Die Auf­hol­chan­cen sind lei­der mi­nim, da Ver­mö­gen als Fol­ge ge­wag­ter Di­ver­si­fi­ka­ti­ons­schrit­te un­wie­der­bring­lich ver­nich­tet wor­den sind. Gleich­zei­tig muss fai­rer­wei­se an­ge­merkt wer­den, dass zu­vor Bör­sen­ge­win­ne und die Auf­wer­tung von Ver­mö­gens­an­la­gen wäh­rend der Haus­se­jah­re En­de des zu­rück­lie­gen­den Jahr­hun­derts die Ver­si­che­rer­ak­ti­en auf Höchst­prei­se ge­trie­ben hat­ten.

Der Zu­rich-Kon­zern hat­te da­mals un­ter der Füh­rung von Rolf Hüp­pi zu in­ter­na­tio­nal be­deu­ten­der Sta­tur ge­fun- den. Ba­sis da­zu war die ge­schickt ein­ge­fä­del­te Fu­si­on mit dem Ver­si­che­rungs- und Fi­nanz­teil der BAT Bri­tish Ame­ri­can To­bac­co. Als je­doch auf um­fang­rei­chen Haft­pflicht­kon­trak­ten (u. a. we­gen ste­tig teu­rer wer­den­den Be­hand­lun­gen von As­best­ge­schä­dig­ten) sub­stan­zi­el­le Zu­satz­rück­stel­lun­gen ge­bil­det wer­den muss­ten, ver­wei­ger­ten die An­le­ger das Ver­trau­en. Hüp­pi muss­te sei­ne Funk­tio­nen 2002 ab­ge­ben. Un­ab­ding­bar wur­de ei­ne not­fall­mäs­si­ge Ka­pi­tal­er­hö­hung zu re­kord­tie­fen Wer­ten, zu­sätz­lich zur Ve­räus­se­rung we­sent­li­cher Kon­zern­ak­ti­vi­tä­ten.

Der Zu­rich-Kon­zern und al­le an­de­ren Ver­si­che­rer wur­den zu­dem von der Ak­ti­en­markt­baisse 2001/02 in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen. Das trifft auch auf die aus der Ren­ten­an­stalt-Ge­nos­sen­schaft her­vor­ge­gan­ge­ne Swiss Li­fe zu. Der Le­bens­ver­si­che­rer stand zu­dem we­gen ei­ner In­vest­ment­ge­sell­schaft in den Schlag­zei­len, die ei­ni­ge der da­ma­li­gen Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glie­der zur Er­zie­lung per­sön­li­cher fi­nan­zi­el­ler Vor­tei­le fir­men­in­tern auf­ge­baut hat­ten. 2007 kam da­zu, dass ein aus dem Ver­kauf von Toch­ter­ge­sell­schaf­ten stam­men­der Mil­li­ar­den­ge­winn für den Er­werb der deut­schen Ver­triebs­ge­sell­schaft AWD ein­ge­setzt wur­de.

Was von den ver­ant­wort­li­chen Ma­na­gern Rolf Dö­rig und Bru­no Pfis­ter als Di­ver­si­fi­ka­ti­ons­schritt be­zeich­net wur­de, ist von den An­le­gern nie rich­tig ak­zep­tiert wor­den. Die Ak­ti­en glit­ten so weit un­ter den Buch­wert, dass die vor Mo­nats­frist an­ge­kün­dig­te teil­wei­se Ab­schrei­bung des für AWD be­zahl­ten Good­wills kei­ne ne­ga­ti­ve Kurs­re­ak­ti­on mehr aus­lös­te. Viel­mehr hat das Ma­na­ger-Ein­ge­ständ­nis, die Chan­cen zu op­ti­mis­tisch be­ur­teilt zu ha­ben, die An­la­ge­per­spek­ti­ven ge­öff­net.

KVer­si­che­rer­ak­ti­en no­tie­ren weit un­ter Höchst

Für Swiss Re ist eben­falls ei­ne als Di­ver­si­fi­ka­ti­on ge­mein­te Stra­te­gie­er­gän­zung 2008/09 zum De­ba­kel ge­wor­den. Wal­ter Kiel­holz und Jac­ques Ai­grain ma­nö­vrier­ten mit der Ab­si­che­rung von Kre­dit­ri­si­ken die tra­di­ti­ons­rei­che Schwei­zer Rück in ei­ne neue, we­nig er­forsch­te Ge­schäfts­spar­te hin­ein. Als der Markt für Kre­dit­ri­si­ko­trans­fers – so­ge­nann­te Cre­dit De­fault Swaps – il­li­quid wur­de und die Kur­se zu­sam­men­sack­ten, lies­sen die In­ves­to­ren auch die Swiss-Re-Ak­ti­en fal­len. Die zeit­wei­se chao­ti­sche Si­tua­ti­on be­ru­hig­te sich erst, als War­ren Buf­fett über sei­ne Hol­ding Berk­shire Hat­ha­way ein – zwar über­aus teu­res – Not­wan­del­dar­le­hen ein­schoss.

Noch schlim­mer traf es die Ak­tio­nä­re des US-Ver­si­che­rungs­gi­gan­ten AIG, der er­gän­zend zum Stamm­ge­schäft Mit­te des ver­gan­ge­nen Jahr­zehnts um­fang­reich in De­ri­vat­po­si­tio­nen zu in­ves­tie­ren be­gann. Das an­fäng­lich lu­kra­ti­ve Zu­satz­ge­schäft brach dem Kon­zern al­ler­dings bei­na­he das Ge­nick, als nach dem Aus­fall der In­vest­ment­bank Leh­man Bro­thers mas­si­ve Wert­be­rich­ti­gun­gen zu tra­gen wa­ren. Der Ein­schuss von US-Staats­gel­dern führ­te prak­tisch zur Ent­eig­nung der Ak­tio­nä­re, de­ren Pa­pie­re auf noch le­dig­lich ei­nem Bruch­teil des frü­he­ren Prei­ses no­tie­ren.

Markt­per­spek­ti­ven gut

Die­ses Jahr al­ler­dings ist der As­se­ku­ranz­sek­tor dem Ge­samt­markt weit vor­aus. AIG ha­ben bei­na­he 50% avan­ciert, und Swiss Re zo­gen mehr als 30% an. Die In­ves­to­ren ha­ben mit zu­neh­men­der Dau­er des Jah­res rea­li­siert, dass das Aus­mass ver­si­cher­ter Schä­den aus schwe­ren Na­tur­ka­ta­stro­phen weit un­ter dem Mehr­jah­res­schnitt aus­fal­len wird. Die Per­spek­ti­ven für die Ver­si­che­rer­ak­ti­en sind ganz or­dent­lich. Die Swiss-Re-Öko­no­men er­war­ten ein zwar le­dig­lich ge­rin­ges Markt­wachs­tum, aber den­noch bes­se­re Ta­ri­fe in ei­ni­gen Markt­seg­men­ten und Re­gio­nen.

Be­las­tend ist die an­hal­ten­de Nied­rig­zins­la­ge, denn sie drückt den Er­trag der mil­li­ar­den­ho­hen Ver­mö­gen der As­se­ku­ranz. Die­ser Ero­si­on wird durch vor­sich­ti­ge Ver­trags­se­lek­ti­on und Be­ach­tung ge­nü­gen­der Mar­ge ent­ge­gen­ge­wirkt, wie aus den Vor­ga­ben we­sent­li­cher An­bie­ter her­vor­geht. Die Un­ter­neh­men sind aus­rei­chend ka­pi­ta­li­siert und zah­len ei­ne meist ho­he Di­vi­den­de. Kri­tisch wird es für sie wohl erst, falls der Fi­nanz­markt er­neut de­sta­bi­li­siert wird. Wirt­schafts­pro­fes­so­rin Ann-Kris­tin Achleit­ner – Gat­tin von Deut­sche-Bank-Prä­si­dent Paul Achleit­ner – kan­di­diert für den frei wer­den­den Sitz im Auf­sichts­rat der Mün­che­ner Rück. Die Achleit­ners wer­den so­mit künf­tig gleich in acht welt­weit be­deu­ten­den Un­ter­neh­men auf obers­ten Po­si­tio­nen prä­sent sein.

Die 46-jäh­ri­ge Ju­ris­tin und Öko­no­min ist Di­rek­to­rin des For­schungs­in­sti­tuts der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Mün­chen. Sie wirkt zu­dem in den Gre­mi­en von Me­tro, Lin­de, GdF Su­ez und der Bank Von­to­bel. Ihr 56-jäh­ri­ger Mann Paul sitzt zu­sätz­lich zum Deut­sche-Bank-Man­dat im Auf­sichts­rat von Bay­er, Daim­ler und RWE.

Von­to­bel-Man­dat fällt raus

Die zu­sam­men zwei Man­da­te in in­ter­na­tio­nal ak­ti­ven Bank­in­sti­tu­ten sind je­doch nicht schick­lich, denn es droht der Vor­wurf ei­nes In­ter­es­sen­kon­flikts. Frau Achleit­ner wer­de sich «aus fa­mi­liä­ren Grün­den» nächs­ten Früh­ling nach Ablauf von vier Man­dats­jah­ren nicht mehr zur Wie­der­wahl in den Von­to­bel-Ver­wal­tungs­rat stel­len, teil­te die Bank am Frei­tag mit.

Im Wort­sinn na­he­lie­gen­der – und mit mehr Re­nom­mee ver­bun­den – ist für das in Mün­chen le­ben­de Paar der Ein­tritt Frau Achleit­ners in den Auf­sichts­rat der Mün­che­ner Rück. Die Uni­pro­fes­so­rin ist seit die­sem Jahr zu­dem Mit­glied der Re­gie­rungs­kom­mis­si­on Deut­scher Cor­po­ra­te Go­ver­nan­ce Ko­dex. In die­ser Funk­ti­on ist sie mit der Er­ar­bei­tung von Stan­des­re­geln des gu­ten un­ter­neh­me­ri­schen Ver­hal­tens und der wir­kungs­vol­len Or­ga­ni­sa­ti­on von Füh­rung und Kon­trol­le be­auf­tragt.

Die Mün­che­ner Rück nimmt auf Ja­nu­ar zu­dem die Neu­be­set­zung des Auf­sichts­rats­prä­si­di­ums vor. Den Vor­sitz des 20-köp­fi­gen Lei­tungs­gre­mi­ums über- nimmt der ehe­ma­li­ge BMW- und VWChef Bernd Pi­sche­ts­rie­der, seit 2002 Rats­mit­glied. Er löst Hans-Jür­gen Schinz­ler ab, der sich mit 72 Jah­ren plan­mäs­sig von Amt und Wür­de trennt.

Von Al­li­anz zur Gross­bank

In Fra­gen der Ver­si­che­rungs­wirt­schaft wird sich Ann-Kris­tin Achleit­ner pro­fund mit ih­rem Mann be­ra­ten kön­nen. Er war bis Mai die­ses Jah­res – als die Deut­sche Bank ihn zum Prä­si­den­ten be­ru­fen hat – zwölf Jah­re lang Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied des Al­li­anz-Kon­zerns ge­we­sen. Im gröss­ten deut­schen Ver­si­che­rer ver­ant­wor­te­te er zu­letzt den Be­reich Fi­nan­zen und Be­tei­li­gun­gen.

In der Rück­ver­si­cherer­bran­che lie­fern sich die Mün­che­ner und die Schwei­zer Rück seit Jahr­zehn­ten ei­nen Kampf um Ein­fluss und In­no­va­ti­on. In mo­ne­tä­rer Mo­ti­va­ti­on ist der Schwei­zer Kon­zern weit vor­aus. Die ge­samt­haft an den Ver­wal­tungs­rat be­zahl­te Ver­gü­tung er­reich­te 2011 um­ge­rech­net 9 Mio. €. Die Mün­che­ner Rück gönnt ih­ren Auf­sichts­rä­ten «le­dig­lich» die Sum­me von 1,5 Mio. €.

Rück­ver­si­che­rer

Ann-Kris­tin und Paul Achleit­ner

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