ABB sucht Mar­ge – um je­den Preis

SCHWEIZ Un­ren­ta­ble Ener­gie­tech­nik­pro­jek­te sol­len be­en­det wer­den – Ho­he Kos­ten für den Aus­stieg – Ti­tel nur mit­tel­fris­tig reiz­voll

Finanz und Wirtschaft - - UNTERNEHMEN - THORS­TEN RIEDL

Der CEO des In­dus­trie­kon­zerns ABB greift durch. Joe Ho­gan krem­pelt die Spar­te Ener­gie­tech­nik­sys­te­me um. Un­ren­ta­ble und ris­kan­te Pro­jek­te wer­den be­en­det. ABB ha­be in den letz­ten drei Jah­ren viel in­ves­tiert, er­klär­te Ho­gan. «Den­noch konn­te die Di­vi­si­on kei­ne kon­stan­ten Er­trä­ge er­zie­len», sag­te er. «Das ist nicht ak­zep­ta­bel.» Der Um­bau hat weit­rei­chen­de Fol­gen für die Or­ga­ni­sa­ti­on. «Nie­mand hier ist dar­über glück­lich», führ­te Ho­gan in ei­ner Te­le­fon­kon­fe­renz aus. Noch die­ses Quar­tal schmä­lert die Re­struk­tu­rie­rung den Be­triebs­ge­winn vor Zin­sen und Steu­ern (Ebit) um 350 Mio. $. Mit­tel­fris­tig soll­ten Ak­tio­nä­re pro­fi­tie­ren.

We­gen schar­fer Kon­kur­renz vor al­lem aus Asi­en und Ver­zö­ge­run­gen beim Bau von Wind­parks im of­fe­nen Meer ist ABB un­ter Druck ge­ra­ten. Das Er­geb­nis in den Spar­ten Ener­gie­tech­nik­sys­te­me und -pro­duk­te hat un­ter dem Preis­kampf in der Bran­che ge­lit­ten und das Er­geb­nis be­las­tet (vgl. Gra­fik). Zu­letzt bei Be­kannt­ga­be der Quar­tals­bi­lanz im Ok­to­ber hat sich Ho­gan un­zu­frie­den mit der Ent­wick­lung ge­zeigt, ins­be­son­de­re mit der Ge­winn­span­ne bei den Ener­gie­tech­nik­sys­te­men. An­fang De­zem­ber hat er bei ei­ner Road­show in Lon­don vor Ana­lys­ten ers­te Hin­wei­se auf ei­nen Um­bau ge­ge­ben.

Kampf­prei­se der Ri­va­len

Be­trof­fen von der Re­struk­tu­rie­rung ist nun vor al­lem das im Jar­gon der In­ge­nieu­re als EPC (En­gi­nee­ring, Pro­cu­re­ment, Con­struc­tion) be­kann­te Ge­schäft.

ABB und Ri­va­len Hier­bei tritt ABB als Ge­ne­ral­un­ter­neh­mer für den Bau gan­zer Ener­gie­an­la­gen auf. Wie hart der Wett­be­werb hier ist, zeigt ein Bei­spiel, mit dem Lon­do­ner Ana­lys­ten Ho­gan zi­tie­ren. So hat Al­st­om im Au­gust den Auf­trag für ei­ne Gleich­strom­an­la­ge in In­di­en er­gat­tert. ABB und Sie­mens hät­ten den Bau für die­se mo­der­ne, be­son­ders ver­lust­freie Über­tra­gungs­tech­nik für Ener­gie auch ger­ne über­nom­men – al­lein ih­re Ge­bo­te la­gen 30% über den 400 Mio. €, mit de­nen die fran­zö­si­sche Ri­va­lin den Bie­ter­kampf letzt­lich ge­won­nen hat, ha­be Ho­gan im klei­nen Kreis er­klärt.

An­ge­feu­ert wird der Preis­wett­be­werb un­ter den Eu­ro­pä­ern noch von asia­ti­schen Kon­kur­ren­ten. Nick Webs­ter, Ana­lyst bei Bar­clays, rech­net von die­ser Sei­te her zwar mit ei­ner ge­wis­sen Ent­span­nung für ABB nach ei­ni­gen An­ti-Dum­ping-Ver­fah­ren ge­gen die Ri­va­len. Den­noch lässt Ho­gan das Port­fo­lio jetzt nach un­rentab-

Prei­s­e­in­fluss auf ABB-Er­geb­nis len oder ris­kan­ten Pro­jek­ten durch­fors­ten. In zehn Län­dern will sich ABB ganz oder teil­wei­se aus dem EPC-Be­reich zu­rück­zie­hen. Wäh­rend der Te­le­fon­kon­fe­renz nann­te der Vor­sit­zen­de der Kon­zern­lei­tung In­di­en und Sau­di-Ara­bi­en als Bei­spie­le, gab aber kei­ne voll­stän­di­ge Über­sicht. Eben­so liess er Fra­gen zur Zahl der be­trof­fe­nen Mit­ar­bei­ter und zum Um­bau im mitt­le­ren Ma­nage­ment nach der Re­struk­tu­rie­rung un­be­ant­wor­tet.

350 Mio. $ zum Ab­schied

Ganz be­en­den will ABB die EPC-Ak­ti­vi­tä­ten nicht. In Ver­gan­gen­heit ha­be der Kon­zern auf die fal­schen Be­rei­che ge­setzt, sag­te Ho­gan. Künf­tig sol­len Pro­duk­te, Sys­te­me, Ser­vices und Soft­ware im Fo­kus ste­hen, die hö­he­re Mar­gen auf­wei­sen. Von den Kos­ten für den Um­bau wer­den laut Fi­nanz­chef Mi­chel De­ma­ré 100 Mio. $ di- rekt für die Re­struk­tu­rie­rung an­fal­len, die üb­ri­gen 250 Mio. $ ent­ste­hen durch den vor­zei­ti­gen Aus­stieg aus Pro­jek­ten. Bei­des sei nicht im ope­ra­ti­ven Ebit­da ent­hal­ten. Die Mar­ge der Di­vi­si­on Ener­gie­tech­nik­sys­te­me wer­de in der Pla­nungs­pha­se von 2011 bis 2015 durch den Um­bau von bis­her 7 bis 11 auf 9 bis 12% stei­gen, pro­gnos­ti­zier­te das ABB-Ma­nage­ment. Im sel­ben Zei­t­raum sin­ke das durch­schnitt­li­che Um­satz­wachs­tum pro Jahr von den bis­lang ge­plan­ten 10 bis 14 auf 7 bis 11%.

Im ver­gan­ge­nen Jahr steu­er­te die Di­vi­si­on Ener­gie­tech­nik­sys­te­me ein Fünf­tel des Kon­zern­um­sat­zes von 38 Mrd. $ bei. Un­ter­pro­por­tio­nal war die Er­trags­kraft: Der Bei­trag zum Brut­to­be­triebs­ge­winn (Ebit­da) be­schränk­te sich auf 12%, der nied­rigs­te der fünf Kon­zern­be­rei­che.

Ana­lys­ten be­grüss­ten trotz der ho­hen Kos­ten den Schritt, den Ri­va­lin Sie­mens auch schon ein­ge­lei­tet hat. Die Münch­ner su­chen Käu­fer für ihr ver­lust­träch­ti­ges So­lar­ge­schäft und die er­trags­schwa­che Aus­rüs­tung von Was­ser­wer­ken. «Un­si­cher­hei­ten, wie sie in der Ver­gan­gen­heit im­mer wie­der bei Pro­jek­ten, in de­nen ABB als Ge­ne­ral­un­ter­neh­mer auf­ge­tre­ten ist, auf­ge­taucht sind, soll­ten in Zu­kunft weg­fal­len», er­klär­ten et­wa Ana­lys­ten der ZKB.

Die Ak­ti­en von ABB fie­len am Frei­tag in ei­ner ers­ten Re­ak­ti­on, no­tier­ten dann im Plus, um wie­der Ge­winn ab­zu­ge­ben. In die­sem Jahr war der Leis­tungs­aus­weis der ABB-Ti­tel ei­ner der schlech­tes­ten in der Bran­che. Da­bei hat Ho­gan die rich­ti­gen The­men vor­ge­ge­ben: Ur­ba­ni­sie­rung, Di­gi­ta­li­sie­rung, Elek­tri­fi­zie­rung. In­ves­to­ren nut­zen Rück­schlä­ge, um sich mit mit­tel­fris­ti­gem Ho­ri­zont zu po­si­tio­nie­ren.

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