«Stockt der Schul­den­ab­bau, wird die AHV ge­fähr­det»

BÄR­NER APÉ­RO NA­TIO­NAL­RÄ­TIN RUTH HUM­BEL (CVP/AG) Zur 6. Re­vi­si­on der In­va­li­den­ver­si­che­rung

Finanz und Wirtschaft - - UNTERNEHMEN - IN­TER­VIEW: PE­TER MORF

Frau Hum­bel, der Na­tio­nal­rat will im zwei­ten Teil der 6. Re­vi­si­on der In­va­li­den­ver­si­che­rung IV nichts mehr vom Spa­ren wis­sen. Was heisst das für die Sa­nie­rung der Ver­si­che­rung? Der Ent­scheid des Na­tio­nal­rats ist höchst un­er­freu­lich. Die letz­te Stu­fe der Sa­nie­rung kann so nicht voll­zo­gen wer­den. Ich hof­fe, dass der Stän­de­rat dar­auf zu­rück­kommt, zu­mal wir im Ab­stim­mungs­kampf zur Zu­satz­fi­nan­zie­rung der IV da­mals klar fest­ge­hal­ten ha­ben, dass noch ei­ne Spar­vor­la­ge not­wen­dig sein wird, die so­zi­al­ver­träg­lich in zwei Schrit­te auf­ge­teilt wer­den soll­te. Der Bun­des­rat war ur­sprüng­lich da­von aus­ge­gan­gen, dass ein Spar­vo­lu­men von 720 Mio. Fr. not­wen­dig sein wür­de. In sei­ner Bot­schaft war dann noch von 325 Mio. Fr. die Re­de. Der Stän­de­rat ging auf 245 Mio. Fr. zu­rück. Der Na­tio­nal­rat will nun prak­tisch gar nicht mehr spa­ren. Zu­dem darf nicht ver­ges­sen wer­den, dass die IV 15 Mrd. Fr. Schul­den hat und im lau­fen­den Jahr oh­ne Zu­satz­fi­nan­zie­rung rund 500 Mio. Fr. De­fi­zit er­wirt­schaf­ten wür­de. Es ist Au­gen­wi­sche­rei zu mei­nen, oh­ne Spar­mass­nah­men sei ab 2018 ei­ne aus­ge­gli­che­ne Rech­nung er­reich­bar und zu­gleich Schul­den­ab­bau mög­lich. Spar­mass­nah­men wur­den of­fi­zi­ell auf­ge­scho­ben, fak­tisch sind sie auf­ge­ho­ben. Ja, das trifft zu. Wenn die­ser Ent­scheid so durch­geht, müs­sen wir ab­war­ten und schau­en, was bis 2018 ge­schieht. Ich ge­he je­doch da­von aus, dass der Stän­de­rat zu­min­dest ei­ni­ge Spar­mass­nah­men wie auch den In­ter­ven­ti­ons­me­cha­nis­mus, ent­spre­chend ei­ner Schul­den­brem­se, wie- sche Fehl­leis­tung. Zu­mal auch noch die Re­vi­si­on der Al­ters­vor­sor­ge an­steht. Woll­te In­nen­mi­nis­ter Alain Ber­set Good­will ein­ho­len für sei­ne um­strit­te­ne Re­vi­si­on der Al­ters­vor­sor­ge? Höchs­tens bei sei­nen ei­ge­nen Leu­ten. In der De­bat­te ist aus­ge­blen­det wor­den, dass seit der Ein­füh­rung der IV 1960 die So­zi­al­leis­tun­gen ge­ne­rell we­sent­lich ver­bes­sert wor­den sind. Hin­zu­ge­kom­men sind die Leis­tun­gen der be­ruf­li­chen Vor­sor­ge, die Er­gän­zungs­leis­tun­gen oder die Fa­mi­li­en­zu­la­gen. Es sind so­gar Fäl­le ent­stan­den, die mit der Ren­te mehr ver­die­nen, als wenn sie ar­bei­ten wür­den. Bun­des­rat Ber­set hat fest­ge­hal­ten, dass es mit der Vor­la­ge des Na­tio­nal­rats ab 2018, wenn die Zu­satz­fi­nan­zie­rung aus­läuft, kei­ne De­fi­zi­te mehr ge­be. Trau­en Sie die­ser Aus­sa­ge? Nein, das wird kaum so ein­tre­ten. Es war in der De­bat­te stets die Re­de von neu­en Zah­len, die ich aber nie ge­se­hen ha­be. In die­sem Jahr kann in der IV mit ei­nem Über­schuss von gut 450 Mio. Fr. statt der in der Bot­schaft bud­ge­tier­ten 350 Mio. Fr. ge­rech­net wer­den, aber nur we­gen der Zu­satz­fi­nan­zie­rung. Oh­ne sie er­gä­be sich ein wei­te­res De­fi­zit von rund 500 Mio. Fr. Dar­in ver­mag ich nichts Neu­es zu er­ken­nen. Zu­dem sind die Aus­wer­tun­gen zu den Wir­kun­gen der 5. IV-Re­vi­si­on nicht über Er­war­ten po­si­tiv aus­ge­fal­len. Es bleibt noch viel zu tun, bis die Mass­nah­men wirk­lich grei­fen. Zu­dem ge­hen die Zin­sen für die IV-Schuld, die der­zeit der Bund trägt, ab 2018 auf die IV über. Zum Schul­den­ab­bau reicht ei­ne aus­ge­gli­che­ne Rech­nung oh­ne­hin nicht, da braucht es Über­schüs­se. Ist der Schul­den­ab­bau mit die­ser Lö­sung ge­fähr­det? Ja, das ist ganz klar. Die Pro­gno­se, der Ab­bau wer­de um drei Jah­re bis ge­gen 2030 hin­aus­ge­zö­gert, ist in ei­nem der­art lan­gen Zeit­ho­ri­zont un­halt­bar, da­zu gibt es zu vie­le Un­be­kann­te. Stockt der Schul­den­ab­bau, wird letzt­lich die AHV ge­fähr­det. Im Vor­feld der Ab­stim­mung über die Zu­satz­fi­nan­zie­rung mit der tem­po­rä­ren Er­hö­hung der Mehr­wert­steu­er wur­de ver­spro­chen, es wer­de dann ei­ne Spar­vor­la­ge fol­gen. Der Na­tio­nal­rat will da­von nun nichts mehr wis­sen. Das ist un­red­li­che Po­li­tik. Die schritt­wei­se Sa­nie­rung der IV, mit der 5. Re­vi­si­on, der Zu­satz­fi­nan­zie­rung und dann der 6. Re­vi­si­on, war ein gu­tes Ge­samt­kon­zept. Nun soll die­ser letz­te Schritt plötz­lich nicht mehr nö­tig sein. Das ist in der Tat un­red­lich. Ich ha­be kei­ne Angst vor ei­ner Volks­ab­stim­mung. Und wenn das Volk den Sa­nie­rungs­weg nicht will, muss es ein­fach mehr be­zah­len. Ist der Ent­scheid des Na­tio­nal­rats al­len­falls ein schlech­tes Omen für die ge­plan­te Re­vi­si­on der Al­ters­vor­sor­ge? Sie möch­ten sie ja zu­sam­men mit ei­ner bür­ger­li­chen Al­li­anz be­schleu­ni­gen. Er könn­te auch po­si­tiv auf­zei­gen, in wel­cher Pro­ble­ma­tik wir ste­cken. Die IV-Re­vi­si­on de­mons­triert, dass es bes­ser ist, schritt­wei­se vor­zu­ge­hen und nicht in Ge­samt­pa­ke­ten, wie dies Bun­des­rat Ber­set in der Al­ters­vor­sor­ge will. Die IV-Re­vi­si­on wä­re als Ge­samt­pa­ket wohl ge­schei­tert. Es ist ver­nünf­tig, in der Al­ters­vor­sor­ge ge­wis­se Tei­le vor­zu­zie­hen.

Wenn das Volk den Sa­nie­rungs­weg der IV in ei­ner Ab­stim­mung ab­lehnt, muss es ein­fach mehr be­zah­len.

Die Al­li­anz der bür­ger­li­chen Par­tei­en ver­langt, dass die Schul­den­brem­se und das Ren­ten­al­ter 65 für bei­de Ge­schlech­ter vor­ge­zo­gen wer­den. Wir dür­fen si­cher nicht ei­nen Mecha­nis­mus vor­zie­hen, der Mehr­ein­nah­men bringt, dann ist je­der wei­te­re Re­vi­si­ons­druck wie­der weg. Wir müs­sen auf der Leis­tungs­sei­te an­set­zen. Die­se Mass­nah­men be­tref­fen vor al­lem die AHV. Die Pro­ble­me sind in der be­ruf­li­chen Vor­sor­ge zeit­lich noch drän­gen­der. Da ha­ben Sie nichts vor­ge­schla­gen. In der be­ruf­li­chen Vor­sor­ge er­ach­te ich es als hei­kel, so kurz nach­dem ei­ne Sen­kung des Um­wand­lungs­sat­zes in der Volks­ab­stim­mung ge­schei­tert ist, wie­der mit dem­sel­ben The­ma zu kom­men. Da müss­ten ge­wis­se kom­pen­sie­ren­de Mass­nah­men er­grif­fen wer­den, et­wa die frü­he­re Ein­zah­lung in die Ver­si­che­rung. Da­zu braucht es je­doch noch mehr Ab­klä­run­gen und In­for­ma­tio­nen. Das gilt auch für die Fra­ge der Trans­pa­renz. Da­ran ar­bei­ten wir. Was ge­schieht Ih­re An­sicht nach, wenn die IV-Re­vi­si­on schei­tert und die Re­vi­si­on der Al­ters­vor­sor­ge zu spät kommt oder auch schei­tert? Wenn wir in der IV den letz­ten Schritt nicht tun, wer­den wir er­heb­li­che Pro­ble­me ha­ben, die nur über dras­ti­sche Mass­nah­men, wohl Ren­ten­sen­kun­gen, auf­ge­fan­gen wer­den könn­ten. Das möch­te ich ver­hin­dern. In der Al­ters­vor­sor­ge bin ich et­was zu­ver­sicht­li­cher, denn je­der wird ein­mal alt und ist da­mit letzt­lich an ei­ner Lö­sung in­ter­es­siert. Aber auch da wird es noch vie­le Aus­ein­an­der­set­zun­gen ge­ben.

Na­tio­nal­rä­tin Ruth Hum­bel spricht Kl­ar­text zum Nein des Na­tio­nal­rats zu Spar­mass­nah­men in der IV: «Das ist un­red­li­che Po­li­tik.»

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