Va­li­ant: Jetzt muss Jürg Bu­cher lie­fern

SCHWEIZ Kein Über­neh­mer in Sicht – Bank muss zu­rück­buch­sta­bie­ren – Er­geb­nis­se jah­re­lang ge­schönt – Ka­pi­tal­knapp­heit schränkt Be­we­gungs­frei­heit ein

Finanz und Wirtschaft - - FINANZ - MO­NI­CA HEGG­LIN

Seit Mai sucht Va­li­ant of­fi­zi­ell nach ei­nem stra­te­gi­schen Part­ner. Sie­ben Mo­na­te spä­ter hat der Ver­wal­tungs­rat der Re­gio­nal­bank nichts vor­zu­wei­sen als die Pein­lich­keit um die ge­schei­ter­ten Fu­si­ons­plä­ne mit der Ber­ner Kan­to­nal­bank (BEKB). Der Kurs der Va­li­ant-Ak­ti­en ist am Mon­tag 7% ein­ge­bro­chen. Die gröss­te Re­gio­nal­bank der Schweiz steckt in ei­nem stra­te­gi­schen Va­ku­um.

Ver­wal­tungs­rats­prä­si­dent Kurt Streit wird sein Amt «be­reits per An­fang 2013 an Jürg Bu­cher über­ge­ben», schrieb die Bank am Sonn­tag. Es mag an der star­ken Per­sön­lich­keit von Streit lie­gen, dass es Vi­ze­prä­si­dent Bu­cher noch im­mer nicht ge­schafft hat, sei­nen Freund Streit «aus dem Ver­kehr zu zie­hen». Ein Rück­tritt per so­fort wä­re an­ge­mes­sen ge­we­sen. Bu­cher, der ehe­ma­li­ge Lei­ter der Pos­tFi­nan­ce, wur­de im Mai als de­si­gnier­ter Prä­si­dent in den Ver­wal­tungs­rat von Va­li­ant ge­wählt. Dem hoch an­ge­se­he­nen Bu­cher fehlt al­ler­dings die Er­fah­rung mit ko­tier­ten Un­ter­neh­men. Der Ver­wal­tungs­rat wer­de sich bis zur Bi­lanz­me­di­en­kon­fe­renz vom 6. März 2013 zur stra­te­gi­schen Aus­rich­tung von Va­li­ant äus­sern, hiess ne­bu­lös es in der Mit­tei­lung. So lan­ge Zeit soll­te sich Bu­cher nicht ge­ben.

Ak­tio­när und Ma­na­ger rat­los

Der neus­te Schach­zug der Va­li­ant-Lei­tung sorg­te je­den­falls für Kopf­schüt­teln. «Das Vor­ge­hen ist di­let­tan­tisch», ur­teilt der eme­ri­tier­te Pro­fes­sor Max Bo­em­le, ein Ken­ner der Re­gio­nal­ban­ken­sze­ne. Nach der aus­ser­or­dent­li­chen Ver­wal­tungs­rats­sit­zung teil­te Va­li­ant am Sonn­tag mit, das Pro­jekt ei­nes Zu­sam­men­schlus­ses mit der BEKB wer­de nicht wei­ter­ver­folgt. Recht­li­che Ab­klä­run­gen hät­ten er­ge­ben, dass die­se Lö­sung «nicht in ei­nem an­ge­mes­se­nen Zei­t­raum zu rea­li­sie­ren» wä­re.

Die Be­grün­dung sei nicht nach­voll­zieh­bar, kri­ti­siert Bo­em­le. Dass die Über­nah­me durch die BEKB, für die ei­ne kan­to­na­le Volks­ab­stim­mung nö­tig wä­re, ein zeit­in­ten­si­ves Un­ter­fan­gen wer­den wür­de, muss den Ver­ant­wort­li­chen von Va­li­ant und BEKB von vorn­her­ein klar ge­we­sen sein. Auch der po­li­ti­sche Wi­der­stand ge­gen Re­struk­tu­rie­run­gen von Fi­lia­len, der sich im Kan­ton Bern for­mier­te, konn­te nicht wirk­lich über­ra­schen.

Kom­mu­ni­ka­tiv wurs­teln die Ber­ner wei­ter und las­sen Ak­tio­nä­re, Kun­den und Mit­ar­bei­ter rat­los. Die BEKB gab gar kei­ne Mit­tei­lung her­aus. BEKB-Sprech- er­in Ca- the­ri­ne Dutt­wei­ler sprach auf An­fra­ge der FuW von ei­ner Be­en­di­gung der Ge­sprä­che «im ge­gen­sei­ti­gen Ein­ver­neh­men». So muss of­fen blei­ben, ob die BEKB-Füh­rung sich ein­zig aus po­li­ti­schen Über­le­gun­gen vom Deal dis­tan­zier­te und ob sie ihn für not­wen­dig und wün­schens­wert hielt. Die BEKB-Ak­tie blieb je­den­falls un­ver­än­dert.

Über­nah­me­kan­di­dat

Die Ent­täu­schung über die feh­len­de Per­spek­ti­ve der Va­li­ant spie­gelt sich im Ak­ti­en­kurs, der nur 75 % des Buch­werts be­trägt. Die Re­gio­nal­bank ist ei­gent­lich ein Über­nah­me­kan­di­dat. Aber es wä­re toll­kühn, als In­ves­tor auf ei­ne Über­nah­me und ent­spre­chen­de Kurs­stei­ge­run­gen zu set­zen.

Zwar ist heu­te die Be­wer­tung so tief, dass selbst ei­ne teu­re Re­struk­tu­rie­rung des Fi­li­al­net­zes der Va­li­ant sich für ei­nen Über­neh­mer loh­nen könn­te. Trotz­dem ist of­fen­bar kein In­ter­es­sent aus­zu­ma­chen.

Raiff­ei­sen winkt ab, was ver­ständ­lich ist, hat die St. Gal­ler Ban­ken­grup­pe mit der Füh­rung von No­ten­stein und dem Streit mit Von­to­bel ge­nug am Hals. Die Gross­ban­ken sind mit ih­ren ei­ge­nen Ab­bau­pro­gram­men be­schäf­tigt. Die Zürcher Kan­to­nal­bank scheint lie­ber in Ös­ter­reich (im Pri­va­te Ban­king) zu ex­pan­die­ren als in Bern, wo­bei die Ber­ner Kund­schaft an den Zürcher Ban­kern wohl kei­ne Freu­de hät­te. «Ei­ne Kon­kur­ren­zie­rung ei­ner Kan­to­nal­bank mit ei­ner (teu­ren) phy­si­schen Prä­senz macht im Re­tail Ban­king we­nig Sinn», schreibt die ZKB auf An­fra­ge. Im Ju­ni 2011 ha­ben die ZKB und Va­li­ant ei­ne Ver­triebs­ko­ope­ra­ti­on in den Be­rei­chen Han­del, An­la­ge­instru­men­te, Re­se­arch und In­ves­ti­ti­ons­gü­ter­lea­sing ver­ein­bart. Da­mals kauf­te die ZKB 3,01% des Ak­ti­en­ka­pi­tals der Va­li­ant. «Ei­ne wei­te­re Er­hö­hung die­ser Be­tei­li­gung ist nicht ge­plant», heisst es wei­ter. Mit bloss 3% stellt die ZKB nicht den An­ker­ak­tio­när dar, den sich die Va­li­ant wün­schen dürf­te.

Die ZKB wie auch an­de­re po­ten­zi­ell in­ter­es­sier­te Kan­to­nal­ban­ken be­fin­den sich in ei­nem po­li­ti­schen Um­feld, das Es­ka­pa­den über die Kan­tons­gren­zen hin­aus skep­tisch be­ur­teilt. Im Aar­gau ist ei­ne ent­spre­chen­de Mo­ti­on hän­gig, Und die Bas­ler Kan­to­nal­bank ist durch ih­ren CEOWech­sel und die US-Steu­er­af­fä­re prak­tisch aus­ser Ge­fecht ge­setzt.

Es sieht al­so ganz da­nach aus, als müss­te Va­li­ant die not­wen­di­ge Re­struk­tu­rie­rung selbst vor­neh­men und kön­ne sie nicht an ei­ner Über­neh­mer de­le­gie­ren. «Va­li­ant muss zu­rück­buch­sta­bie- ren», ist Bo­em­le über­zeugt. Die Wachs­tums­stra­te­gie sei an­fangs er­folg­reich, in den letz­ten drei Jah­ren aber selbst­herr­lich und falsch ge­we­sen. Im letz­ten Jahr hat Va­li­ant be­reits zehn klei­ne­re Fi­lia­len ge­schlos­sen. Nun könn­te es die teu­ren Nie­der­las­sun­gen in Ba­sel, Zug, Lau­sanne tref­fen, die Va­li­ant selbst er­öff­ne­te. Denk­bar ist der Ver­kauf des Ge­schäfts in ein­zel­nen Re­gio­nen. Auch die Ver­mö­gens­ver­wal­tungs­toch­ter könn­te ver­sil­bert wer­den.

Ver­steck­tes Kos­ten­pro­blem

Das güns­ti­gen Kos­ten-Er­trags-Ver­hält­nis­ses von knapp 60% über­deckt ein Kos­ten­pro­blem. Va­li­ant hat ihr Ta­fel­sil­ber ver­kauft und da­mit die Er­folgs­rech­nung ge­schönt. 2011 wur­den Re­ser­ven für all­ge­mei­ne Ban­k­ri­si­ken von über 18 Mio. Fr. auf­ge­löst, aus­ser­dem Lie­gen­schaf­ten ver­äus­sert und ei­ne Rück­er­stat­tung des Re­gio­nal­ban­ken­ver­ban­des RBA von 7,5 Mio. Fr. er­folgs­wirk­sam ver­bucht. In Wirk­lich­keit ist der Kon­zern­ge­winn 2011 um ei­nen zwei­stel­li­gen Pro­zent­satz ein­ge­bro­chen und nicht ge­stie­gen. 2012 ver­kauf­te Va­li­ant ih­re Au­to­lea­sing­töch­ter Re­vi-Lea­sing und Fi­nanz. Zum ers­ten Halb­jahr stie­gen der aus­ser­or­dent­li­che Er­trag von 7,7 auf 21 Mio. Fr. Des­halb muss­te nur ein leich­ter Ge­winn­rück­gang aus­ge­wie­sen wer­den. Fa­zit: Va­li­ant ver­fügt nach dem Ver­kauf des Ta­fel­sil­bers ver­mut­lich nur noch über we­nig Re­ser­ven, ist ge­schwächt und ka­pi­tal­knapp mit ei­nem mi­ni­ma­len Ei­gen­ka­pi­tal-De­ckungs­grad von 150%. Mit an­de­ren Wor­ten: Der Spiel­raum des Un­ter­neh­mens ist eng. Ein grös­se­rer Kre­dit­fall oder ei­ne Im­mo­bi­li­en­re­zes­si­on wür­de die Bank in ernst­haf­te Schwie­rig­kei­ten brin­gen. Dies zeigt klar auf, dass die Wachs­tums­stra­te­gie der Va­li­ant zur «schwei­ze­ri­schen Re­gio­nal­bank» ge­schei­tert ist.

Va­li­ant be­zeich­ne­te sich am Sonn­tag als «so­lid auf­ge­stellt». Dass für Bu­cher ei­ne «Stär­kung des Ei­gen­ka­pi­tals höchs­te Prio­ri­tät» hat, wie er dem «Bund» er­klär­te, spricht je­doch Bän­de. Ob er da­für ei­nen star­ken In­ves­tor fin­det, der fri­sche Ak­ti­en zeich­net, ist nicht aus­ge­schlos­sen. Viel­leicht rei­chen auch der for­cier­te Bi­lanz­ab­bau und Teil­ver­käu­fe. Mög­li­cher­wei­se muss Va­li­ant aber die frei­en In­ves­to­ren um fri­sches Ka­pi­tal bit­ten. In die­sem Zu­sam­men­hang darf man nicht aus­schlies­sen, dass zur Scho­nung der Ei­gen­ka­pi­tal­aus­stat­tung ei­ne Re­duk­ti­on der – seit Jah­ren sta­bi­len – Di­vi­den­de er­wo­gen wird.

Va­li­ant N

Va­li­ant-Schil­der an zu vie­len Or­ten: Die Re­gio­nal­ban­ken­grup­pe wird ei­ni­ge ih­rer Ex­pan­si­ons­schrit­te rück­gän­gig ma­chen müs­sen.

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