So­lar­markt ist nicht über den Berg

IN­TER­NA­TIO­NAL An­hal­ten­der Preis­zer­fall und Über­ka­pa­zi­tä­ten – Struk­tu­rel­le Pro­ble­me blei­ben ze­men­tiert – Nur Ri­si­ko­fä­hi­ge grei­fen zu

Finanz und Wirtschaft - - UNTERNEHMEN - DIETEGEN MÜL­LER,

Der Ab­sturz der So­larak­ti­en scheint seit ei­ni­gen Wo­chen ge­stoppt zu sein. In den USA wag­te sich gar ein So­lar­un­ter­neh­men an die Bör­se. Die Ti­tel des 2006 ge­grün­de­ten ka­li­for­ni­schen So­lar­in­stal­la­teurs So­lar Ci­ty ka­men ver­gan­ge­ne Wo­che zwar weit un­ter der ur­sprüng­li­chen Preis­span­ne an den Markt, ge­wan­nen aber am ers­ten Han­dels­tag 47,4% und hiel­ten ihr Ni­veau. Die de­fi­zi­tä­re Grup­pe wird der­zeit mit rund 900 Mio. $ be­wer­tet. Ist der Wen­de­punkt für die in tie­fer Kri­se ste­cken­de Bran­che nun er­reicht?

Die­se An­sicht ver­tritt die ja­pa­ni­sche Bank No­mu­ra, die ei­nen gu­ten Zeit­punkt für den Ein­stieg in So­lar­wer­te sieht, ob­wohl die Bran­che ge­mäss der Bank nächs­tes Jahr wei­ter Ver­lus­te schrei­ben soll. Für In­ves­to­ren ist die Ent­schei­dung schwie­rig, denn der fi­nan­zi­el­le Über­le­bens­kampf vie­ler Un­ter­neh­men dürf­te in den nächs­ten Mo­na­ten an­hal­ten.

Pro­tek­tio­nis­mus nimmt zu

Das liegt auch am po­li­ti­schen Ein­fluss im Sek­tor, der sich mehr und mehr als Wachs­tums­brem­se aus­wirkt. Oh­ne ge­setz­li­che För­de­rung wä­re die erst we­nig wett­be­werbs­fä­hi­ge Bran­che zwar nie den Kin­der­schu­hen ent­wach­sen. Nun nimmt aber der Pro­tek­tio­nis­mus zu: Eu­ro­pa und die USA lie­fern sich im Mo­dul­markt mit Chi­na ei­nen Han­dels­krieg. Auch der Markt für Si­li­zi­um – Roh­stoff für die So­lar­zel­len­her­stel­lung – könn­te bald be­trof­fen sein. Der Chef des Si­li­zi­um­her­stel­lers Wa­ckerChe­mie, Ru­dolf Stau­digl, warnt: Müs­se Geld für Straf­zöl­le aus­ge­ge­ben wer­den, feh­le es für For­schung und In­no­va­tio­nen.

Markt­teil­neh­mer er­war­ten be­reits ei­ne Re­gio­na­li­sie­rung der Bran­che. Glo­bal aus­ge­rich­te­te Ge­schäfts­mo­del­le, wie sie die meis­ten gros­sen Her­stel­ler ver­fol­gen, dürf­ten in Fra­ge ge­stellt wer­den. Skep­tisch ist der Markt vor al­lem ge­gen­über eu­ro­päi­schen An­bie­tern, die im Ver­drän­gungs­kampf den Kür­ze­ren zie­hen dürf­ten. Dies zeigt die Kurs­ent­wick­lung seit ei­nem Mo­nat. Die Ti­tel der chi­ne­si­schen So­lar­rie­sen Ying­li (+80%) und Tri­na So­lar (+90%) ge­wan­nen deut­lich mehr als die von So­larWorld (+20%), SMA So­lar Tech­no­lo­gy (+19%) oder Mey­er Burger (+30%).

Chi­na ver­dop­pelt Aus­bau­ziel

Der Grund ist plau­si­bel: Chi­ne­si­sche An­bie­ter er­hal­ten Rü­cken­de­ckung von ih­rer Re­gie­rung, die an­ge­kün­digt hat, wei­te­re 2 Mrd. $ Sub­ven­tio­nen in ih­re Mo­dul­her­stel­ler zu pum­pen. Auch soll das Aus­bau­ziel für So­lar­an­la­gen ver­dop­pelt wer­den. Dass die Bran­che an der Bör­se da­von ins­ge­samt be­flü­gelt wur­de, be­ruht ein­zig auf dem Prin­zip Hoff­nung, dank Ab­satz­wachs­tum sei ein Kri­se­n­en­de in Sicht.

Henning Scho­risch weiss, wie schwie­rig die La­ge ist. «Die Bran­che ist im Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess», sagt der In­sol­venz­spe­zia­list, der den Ver­kauf des in­sol­ven­ten deut­schen Zel­len­her­stel­lers Q-Cells an den süd­ko­rea­ni­schen Misch­kon­zern Hanw­ha die­sen Som­mer or­ches­trier­te. Der So­lar­markt sei nicht ra­tio­nal, die va­ria­blen Kos­ten wür­den nicht ein­mal ge­deckt; da­ran ha­be sich noch nicht viel ge­än­dert. Die Über­ka­pa­zi­tä­ten in der Pro­duk­ti­on wer­den ein­mal ab­ge­baut sein, meint Scho­risch. Bloss, rät­selt die Bran­che, wird dies 2013, 2014 oder erst 2016 sein? Trans­pa­ren­te Zah­len zu den pro­du­zier­ten Mo­dul-

Pho­to­vol­ta­ik­an­la­gen (Neu­in­stal­la­ti­on) men­gen wa­ren schon im­mer Man­gel­wa­re. Markt­be­ob­ach­ter schät­zen, dass ei­ner jähr­li­chen Mo­dul­nach­fra­ge von et­wa 50 GW ei­ne jähr­li­che Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tät von 70 GW ge­gen­über­steht. Der Bran­chen­ver­band Epia er­war­tet in sei­nem güns­ti­gen Sze­na­rio erst für 2016 über 70 GW Ab­satz (vgl. Gra­fik). Trifft dies zu, wä­re dies das Fa­nal für al­le Un­ter­neh­men, die nicht

Ying­li Gre­en Ener­gy auf staat­li­che Hil­fen zu­rück­grei­fen kön­nen – al­so vor al­lem west­li­che Her­stel­ler.

An­ge­sichts der an­dau­ern­den Über­ka­pa­zi­tä­ten, kom­bi­niert mit zu­neh­men­der Kri­tik an aus­ufern­den För­der­kos­ten und sin­ken­den Ein­spei­se­ver­gü­tun­gen, wird auch der Preis­zer­fall im Mo­dul­markt an­hal­ten. Der Markt­ana­lyst IHS iSupp­li er­war­tet wei­ter fal­len­de Prei­se, ob­wohl die Nach­fra­ge in Schwel­len­län­dern spür­bar an­zieht. Pro­jekt­ent­wick­ler ver­lan­gen, so iSupp­li, auch dort nied­ri­ge­re Prei­se, um bes­se­re Pro­jekt­ren­di­ten zu er­zie­len. Die güns­tigs­ten Mo­du­le kom­men der­zeit ge­mäss iSupp­li aus Chi­na (0.58 $/Watt). Noch Mit­te 2010 hat­ten die Prei­se auf rund 1.50 $/W ge­le­gen.

Schon längst wä­re ein mas­si­ver Ab­bau der Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten nö­tig. Doch die Staats­hil­fen an Pro­du­zen­ten in Chi­na ver­ei­teln dies bis­her. So dürf­te der Ka­pa­zi­täts­über­hang nur über In­sol­ven­zen oder Über­nah­men ver­rin­gert wer­den. Wer aber kä­me als Käu­fer in Fra­ge? Für Q-Cells, an der auch die Fa­mi­lie Bren­nink­mei­jer (C&A) be­tei­ligt war, gab es ei­ni­ge In­ter­es­sen­ten – auch aus Eu­ro­pa. Dass am En­de der Misch­kon­zern Hanw­ha zum Zu­ge kam, be­grün­det In­sol­venz­ver­wal­ter Scho­risch da­mit, nur ein fi­nanz­kräf­ti­ger Kon­zern kön­ne sich auf ein sol­ches Wag­nis ein­las­sen. Mit der Fi­nanz­spar­te ha­be Hanw­ha die Ka­pa­zi­tät, neue So­lar­pro­jek­te zu fi­nan­zie­ren, sagt Scho­risch, der Q-Cells in Gän­ze als As­set Deal ver­kau­fen konn­te.

As­sets güns­tig zu ha­ben

Der An­walt lässt durch­bli­cken, dass es im Sek­tor der­zeit güns­tig sei, an As­sets zu kom­men, und ver­weist dar­auf, Tech­no­lo­gie und In­no­va­ti­on sei­en für die Zu­kunft der Bran­che ent­schei­dend. Dies dürf­ten Zu­lie­fe­rer wie Mey­er Burger gern hö­ren, die an­ge­wie­sen sind, dass ih­re neu­en Ma­schi­nen für ef­fi­zi­en­te­re Zel­len ge­kauft wer­den. Ein Wer­muts­trop­fen ist, dass auch chi­ne­si­sche Ma­schi­nen­bau­er Fort­schrit­te ma­chen und in ei­ner Bran­chen­kon­so­li­die­rung die Zahl der Kun­den sinkt.

Ei­ni­ge Mo­dul- und Zell­her­stel­ler su­chen nun Hil­fe von Drit­ten: So­lar­Worl­dChef As­beck hat Fan­ta­sie ge­weckt, als er ei­ne stra­te­gi­sche Part­ner­schaft als ei­ne von vie­len Op­tio­nen be­zeich­ne­te. Auch der nor­we­gi­sche So­lar­kon­zern Re­ne­wa­ble Ener­gy Corp. sieht sich als Über­nah­me­ziel (vgl. FuW Nr. 98 vom 12. De­zem­ber). Sehr ri­si­ko­fä­hi­ge In­ves­to­ren wet­ten dar­auf, brau­chen aber Ge­duld und gros­se fi­nan­zi­el­le Res­sour­cen. Der Wen­de­punkt in der Bran­che ist noch nicht er­reicht. Da­zu be­darf es erst et­wa in den USA ei­ner Ver­län­ge­rung der Steu­er­gut­schrift für So­lar­pro­jek­te. An­ge­sichts des Kon­so­li­die­rungs­drucks in west­li­chen Staats­haus­hal­ten sind die Chan­cen für mehr För­de­rung ge­ring. Der So­lar­markt wächst zwar nun in Re­gio­nen wie Asi­en-Pa­zi­fik und Afri­ka ra­sant. Bis die Über­ka­pa­zi­tä­ten ab­ge­baut sind, wird es aber noch län­ger dau­ern.

Die So­lar­mo­dul­nach­fra­ge steigt – aber zu we­nig, um der Bran­che aus der Kri­se zu hel­fen.

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