Ma­lay­sia wird ein In­dus­trie­staat

Re­gie­rung treibt Mo­der­ni­sie­rungs­pro­gramm vor­an – Be­schleu­nig­te In­ves­ti­ti­ons­tä­tig­keit – Un­ter­neh­men drän­gen an die Bör­se

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - ERNST HERB,

DIn­tak­te Aus­sich­ten

er 5,3 Mil­lio­nen Ein­woh­ner zäh­len­de Stadt­staat Singapur, der flä­chen­mäs­sig vier­zig­mal klei­ner ist als die Schweiz, platzt aus al­len Näh­ten. We­ni­ger als zwei Ki­lo­me­ter ent­fernt liegt auf der an­de­ren Sei­te ei­ner Meer­enge die dünn be­sie­del­te, un­ter­ent­wi­ckel­te ma­lay­si­sche Pro­vinz Johor.

Doch das än­dert sich jetzt schnell. Weit­ge­hend un­be­merkt von der Öf­fent­lich­keit wur­de hier vor fünf Jah­ren ei­ne mit Steu­er- und Zoll­prä­fe­ren­zen ge­för­der­te In­dus­trie- und Wohn­zo­ne er­öff­net, die mit ei­ner Flä­che von 2100 km² drei­mal so gross ist wie Singapur. In Iskan­dar, wo Land nur ein Bruch­teil so viel kos­tet wie in Singapur, wach­sen zwei wäh­rend Jahr­zehn­ten durch tief­ge­hen­de na­tio­na­le Ri­va­li­tä­ten ge­trenn­te Län­der zu­sam­men. Aus der gan­zen Welt stam­men­des Ka­pi­tal und aus der gan­zen Re­gi­on zu­ge­wan­der­te Ar­beits­kräf­te ha­ben da­bei ein ähn­li­ches Wirt­schafts­wun­der in Gang ge­setzt, wie es vor dreis­sig Jah­ren in der an Hong­kong gren­zen­den chi­ne­si­schen Son­der­ver­wal­tungs­zo­ne Shen­zhen los­ge­tre­ten wor­den ist.

Ma­lay­sia, die dritt­gröss­te Volks­wirt­schaft Süd­ost­asi­ens, ist da­bei, ein hoch­in­dus­tri­el­les Land zu wer­den – dank ei­nem in den ver­gan­ge­nen drei Jahr­zehn­ten rea­li­sier­ten jähr­li­chen Wirt­schafts­wachs­tum von rund 7%. Die ex­port­las­ti­ge Volks­wirt­schaft hat die schlep­pen­de Nach­fra­ge aus Eu­ro­pa und den USA in letz­ter Zeit eben­falls zu spü­ren be­kom­men. Die schwa­chen Aus­fuh­ren sind denn auch ein Haupt­grund da­für, dass das Wachs­tum nach Schät­zun­gen des ja­pa­ni­schen Fi­nanz­hau­ses No­mu­ra im kom­men­den Jahr erst­mals seit 2009 wie­der leicht un­ter 5% fal­len wird.

Als zu­min­dest kurz­fris­tig wachs­tums­stüt­zend ha­ben sich hö­he­re Löh­ne für Staats­an­ge­stell­te und Di­rekt­zah­lun­gen an ar­me Fa­mi­li­en er­wie­sen, die von der Re­gie­rung im Vor­feld der spä­tes­tens im April an­ste­hen­den Wah­len be­schlos­sen wor­den sind (vgl. Text links). Doch blei­ben nach Mei­nung der Asia­ti­schen Ent­wick­lungs­bank (ADB) die Aus­sich­ten auch jen­seits sol­cher Wahl­ge­schen­ke in­takt. Dem ist nicht zu­letzt des­halb so, weil das 28 Mil- lio­nen Ein­woh­ner zäh­len­de Land mit sei­nen rei­chen Erd­gas­vor­kom­men und rie­si­gen Palm­öl­plan­ta­gen ein be­deu­ten­der Roh­stoff­pro­du­zent ist.

Vor al­lem aber ist Iskan­dar nicht die ein­zi­ge Gross­bau­stel­le des Lan­des. Wenn es nach dem Wil­len von Pre­mier­mi­nis­ter Na­guib Raz­ak geht, wird Ma­lay­sia im Rah­men des vor zwei Jah­ren lan­cier­ten «Wirt­schaft­li­chen Trans­for­ma­ti­ons­pro­gramms» (ETP) be­reits 2020 kein Schwel­len­land mehr sein, son­dern ein ent­wi­ckel­ter In­dus­trie­staat. Die Gren­ze da­zu liegt ge­mäss der Welt­bank bei ei­nem jähr­li­chen ProKopf-Ein­kom­men von 15 000 $. 2012 dürf­te erst­mals die Schwel­le von 10 000 $ über­schrit­ten wer­den.

Asia­ti­sche In­te­gra­ti­on

Im Rah­men des ETP-Pro­gramms lan­ciert die Re­gie­rung ei­ne gan­ze Rei­he von gros­sen In­fra­struk­tur­pro­jek­ten, so et­wa den Bau ei­ner Un­ter­grund­bahn in der Haupt­stadt Kua­la Lum­pur. In ei­ner spä­te­ren Pha­se soll auch ei­ne Schnell­bahn­ver­bin­dung zwi­schen Kua­la Lum­pur und Sin­ga- pur ge­baut wer­den, die an ein bis nach Chi­na rei­chen­des, mo­der­nes Eisenbahnnetz an­ge­bun­den wer­den soll.

Von noch deut­lich grös­se­rer Be­deu­tung dürf­te die lau­fen­de Re­form des Ver­wal­tungs­ap­pa­ra­tes sein, durch die bü­ro­kra­ti­sche Hür­de ab­ge­baut wor­den sind. Un­ter an­de­rem des­halb sind die Pri­vat­in­ves­ti­tio­nen vom zwei­ten zum drit­ten Quar­tal die­ses Jah­res um 20% an­ge­stie­gen. Dank die­sen Li­be­ra­li­sie­rungs­schrit­ten ist Ma­lay­sia in der von der Welt­bank er­stell­ten Lis­te der un­ter­neh­mens­freund­lichs­ten Län­der in­ner­halb ei­nes Jah­res vom 23. auf den 15. Rang vor­ge­rückt.

Das ver­dankt das Land auch der zu­neh­men­den wirt­schaft­li­chen In­te­gra­ti­on Süd­ost­asi­ens. Denn Ma­lay­sia pro­fi­tiert nicht nur von der Nä­he zu Singapur son­dern auch von der Dy­na­mik der ge­sam­ten asia­ti­schen Re­gi­on. Im Rah­men des Ver­bands Süd­ost­asia­ti­scher Na­tio­nen (Ase­an) soll ab 2015 ein 600 Mil­lio­nen Men­schen um­fas­sen­der ge­mein­sa­mer Wirt­schafts­raum ent­ste­hen. Das ist ein Haupt­grund da­für, war­um die Re­gi­on in den zwölf Mo­na­ten vor Sep­tem­ber die­ses Jah­res rund 120 Mrd. $ aus­län­di­sche Di­rekt­in­ves­ti­tio­nen an­ge­zo­gen hat – mehr als Chi­na mit sei­ner vier­mal grös­se­ren Volks­wirt­schaft.

Rechts­sys­tem funk­tio­niert

Ma­lay­sia pro­fi­tiert zu­dem von sei­ner zen­tra­len geo­gra­fi­schen La­ge, der im Ver­gleich zu In­do­ne­si­en oder Viet­nam gut ent­wi­ckel­ten In­fra­struk­tur so­wie be­son­ders vom mo­der­nen Rechts­sys­tem. Da­von zeugt die rei­che lo­ka­le Un­ter­neh­mens­land­schaft wie auch der an Be­deu­tung ge­win­nen­de Fi­nanz­platz Kua­la Lum­pur.

Aira­sia et­wa ist die er­folg­reichs­te Bud­get­flug­li­nie Asi­ens. IHH He­alt­ca­re Bhd ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zu ei­nem in­ter­na­tio­na­len Spi­tal­be­trei­ber her­an­ge­wach­sen, und Axi­ata ist mit sei­nen 236 Mil­lio­nen Abon­nen­ten zum zweit­gröss­ten Tele­com­kon­zern der Re­gi­on auf­ge­stie­gen. Al­le die­se Un­ter­neh­men sind an der Bör­se Kua­la Lum­pur ko­tiert, die 2012 mit ei­nem kom­bi­nier­ten Bör­sen­gang-Vo­lu­men von 6,8 Mrd. $ die­ses Jahr bis­her er­folg­rei­cher war als Hong­kong, die welt­wei­te Num­mer Eins in punk­to Bör­sen­gän­gen des Vor­jahrs.

In der ma­lay­si­schen Ha­fen­stadt Johor Bahru ent­steht ei­ne mit Steu­er- und Zoll­ver­güns­ti­gun­gen ge­för­der­te In­dus­trie­zo­ne.

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