Ener­gie­bör­se schluckt Wall­s­treet

IN­TER­NA­TIO­NAL ICE bie­tet 8,2 Mrd. $ für NY­SE Eu­ronext – Deal hat gu­te Aus­sich­ten – Wett­be­werbs­druck sorgt für wei­te­re M&a-fan­ta­sie

Finanz und Wirtschaft - - FINANZ - DIETEGEN MÜL­LER,

Der Be­trei­ber von Wall­s­treet, NY­SE Eu­ronext, zieht Kon­se­quen­zen aus der ei­ge­nen Er­trags­schwä­che und dem har­ten Wett­be­werbs­um­feld. Er ver­kauft sich an die in At­lan­ta (USA) do­mi­zi­lier­te Ener­gie- und Roh­stoff­bör­se In­ter­con­ti­nen­talEx­ch­an­ge (ICE). Die im Jahr 2000 ge­grün­de­te ICE bie­tet für den Bör­sen­be­trei­ber, der auch die Märk­te in Paris, Brüssel, Ams­ter­dam und Lis­s­a­bon so­wie die Ter­min­bör­se Lif­fe (Lon­don) be­treibt, 33.12 $ je Ak­tie oder rund 8,2 Mrd. $. Das ent­spricht ei­ner Prä­mie von 37,7% auf den Schluss­kurs vom Mitt­woch (24.05 $). Rund ein Drit­tel da­von soll in bar, zwei Drit­tel in Ak­ti­en be­zahlt wer­den.

Ge­lingt der Deal wie ge­plant bis zum zwei­ten Halb­jahr 2013, wer­den die NY­SE­Eu­ronext-Ak­tio­nä­re 36% an der neu­en Ge­sell­schaft hal­ten. Wenn es die «Markt­be­din­gun­gen» zu­las­sen, er­wägt ICE den Bör­sen­gang «ei­nes Teils des eu­ro­päi­schen Foot­prints» von Eu­ronext, der «un­ter­be­wer­tet» sei.

IPO von Eu­ronext ge­plant

Dun­can Nie­der­au­er, CEO der NY­SE Eu­ronext, be­ton­te, ge­mein­sam lies­sen sich Ska­len­ef­fek­te he­ben, doch zielt dies vor al­lem auf das wachs­tums­star­ke De­ri­vat­ge­schäft – und we­ni­ger den Ak­ti­en­han­del (NY­SE/Eu­ronext). Ab dem ers­ten Jahr nach dem Clo­sing wird ei­ne Ge­winn­meh­rung und ab dem zwei­ten Jahr ei­ne Ein­spa­rung von 450 Mio. $ jähr­lich er­war­tet. Am Markt kam dies gut an: Die Ti­tel von NY­SE Eu­ronext avan­cier­ten am Don­ners­tag zeit­wei­se auf 33.90 $, fie­len

NY­SE Eu­ronext da­nach aber un­ter den An­ge­bots­preis. Die Va­lo­ren ICE rück­ten leicht vor. Schon im April 2011 hat­ten die ICE und die Tech­no­lo­gie­bör­se Nas­daq OMX ver­sucht, mit ei­ner gut 11 Mrd. $ schwe­ren Of­fer­te die Fu­si­ons­plä­ne der Deut­schen Bör­se mit NY­SE Eu­ronext zu durch­kreu­zen.

Am En­de ist die Fu­si­on von Deut­scher Bör­se mit NY­SE Eu­ronext an kar­tell­recht­li­chen Be­den­ken der EU und des US-Re­gu­la­tors ge­schei­tert. Dies dürf­te sich dies­mal nicht wie­der­ho­len. ICE und NY­SE Eu­ronext er­gän­zen sich, ha­ben in kaum ei­nem Be­reich ge­mein­sam ei­ne do­mi­nan­te Markt­po­si­ti­on. In ei­nem Ge­spräch mit Auf­se­hern in Lon­don ka­men ge­mäss dem Ma­nage­ment auch zu­stim­men­de Si­gna­le.

Stra­te­gisch macht der Schritt Sinn: Da Bör­sen­be­trei­ber im Prin­zip IT-Di­enst­leis­ter sind, die von Ska­len­ef­fek­ten und ei­ner mög­lichst gu­ten Ver­net­zung mit Markt­teil­neh­mern rund um den Glo­bus le­ben, ist der Zu­sam­men­schluss wert­meh­rend. Da die Bran­che ge­ne­rell un­ter stei­gen­dem Wett­be­werbs­druck lei­det, ist dies wich­tig.

Viel­ver­spre­chend ist die brei­te Di­ver­si­fi­zie­rung – Kri­ti­ker spre­chen vom «Su­per­markt»-An­satz. Kom­bi­niert bie­ten NY­SE Eu­ronext und ICE Kas­sa- und Ter­min­märk­te für An­lei­hen und Ak­ti­en so­wie Roh­stoff­bör­sen und Over-the-Coun­ter(OTC-)Di­ens­te an. Die ICE ist auch im Clea­ring von Kre­dit­aus­fall­ver­si­che­run­gen (CDS) ein füh­ren­der An­bie­ter. Dank re­gu­la­to­ri­scher Vor­ga­ben, die ver­lan­gen, dass Zins­pro­duk­te nicht mehr OTC, son­dern auf re­gu­lier­ten Platt­for­men ge­han­delt wer­den, er­hof­fen sich die Bör­sen­be­trei­ber im Nach­han­dels­ge­schäft mehr Ein­nah­men. Zu­gleich wird dort der Wett­be­werb – auch re­gu­la­to­risch ge­wollt – här­ter. Las­sen sich Kräf­te bün­deln, dürf­te dies hel­fen, die bis­her ho­he Pro­fi­ta­bi­li­tät in die­sem Seg­ment bes­ser zu schüt­zen.

Für den frü­he­ren Chair­man der USBör­sen­auf­sicht SEC, Har­vey Pitt, ist der Schritt von NY­SE Eu­ronext, sich an die ICE zu ver­kau­fen, auch ein Zei­chen, dass der Ak­ti­en­han­del in Zu­kunft kei­ne ho­he Pro­fi­ta­bi­li­tät brin­gen wird. Der Ak­ti­en-Kas­sa­markt eta­blier­ter Bör­sen steht in den USA und in Eu­ro­pa un­ter er­heb­li­chem Wett­be­werbs­druck von al­ter­na­ti­ven Han­dels­platt­for­men so­wie Dark Pools, wo gros­se Trans­ak­tio­nen ab­ge­wi­ckelt wer­den kön­nen, oh­ne dass sie vor­ab im Or­der­buch er­schei­nen. Auch hat die New York Stock Ex­ch­an­ge ko­tier­te Un­ter­neh­men an die Tech­no­lo­gie­bör­se Nas­daq ver­lo­ren.

Wer kommt als Nächs­tes?

Der Vor­stoss von ICE facht neue Kon­so­li­die­rungs­fan­ta­sie im gan­zen Sek­tor an. In Frankfurt zo­gen die Ti­tel Deut­sche Bör­se an. Der Frank­fur­ter Bör­sen­be­trei­ber ist breit di­ver­si­fi­ziert und hat über die Ter­min­bör­se Eur­ex auch die Mehr­heit an der eu­ro­päi­schen Ener­gie­bör­se EEX. Doch die Deut­sche Bör­se ist bis­her un­frei­wil­lig al­lein ge­blie­ben und im Ran­king der gröss­ten Bör­sen­be­trei­ber von ih­rer eins­ti­gen Spit­zen­po­si­ti­on weit zu­rück­ge­fal­len (vgl. Ta­bel­le).

Das Ge­spann NY­SE Eu­ronext und ICE könn­te nun den Wett­be­werbs­druck auf die Deut­sche Bör­se ver­grös­sern, auch im Ener­gie­han­del. Für die ICE wä­re ein er­folg­rei­cher Deal mit NY­SE Eu­ronext zu­dem die Chan­ce, ge­gen­über dem grös­se­ren Wett­be­wer­ber aus Chi­ca­go, der CME Group, an Sta­tur zu ge­win­nen. Am Markt wird nicht aus­ge­schlos­sen, dass sich auch die CME in die neue Kon­so­li­die­rungs­run­de ein­mischt. Po­ten­zi­el­le Über­nah­me­zie­le sind ab­ge­se­hen von Deut­sche Bör­se auch klei­ne­re Be­trei­ber wie Sin­ga­po­re Ex­ch­an­ge, Bol­sas y Mer­ca­dos Españo­les, Hel­le­nic Ex­ch­an­ges oder Ce­tip.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.