«Für 2013 über­wie­gen die Chan­cen»

JIM O’NEILL UND AN­NA STUP­NYTS­KA Der Chair­man und die Stra­te­gin von Gold­man Sachs As­set Ma­nage­ment set­zen auf güns­ti­ge Ak­ti­en­märk­te und Schwel­len­land­an­lei­hen

Finanz und Wirtschaft - - PRAKTIKUS/PORTRÄT - FORT­SET­ZUNG AUF SEI­TE 20

Die vier Buch­sta­ben ha­ben Jim O’Neill welt­be­kannt ge­macht: Bric. In ei­ner im No­vem­ber 2001 ver­öf­fent­lich­ten Stu­die hob der da­ma­li­ge Chef­öko­nom der US-In­vest­ment­bank Gold­man Sachs die zu­neh­men­de wirt­schaft­li­che Be­deu­tung der Wachs­tums­län­der Bra­si­li­en, Russ­land, In­di­en und Chi­na her­vor – das Akro­nym Bric war ge­bo­ren. Der be­geis­ter­te An­hän­ger von Man­ches­ter Uni­ted – heu­te Chair­man von Gold­man Sachs As­set Ma­nage­ment – und die Stra­te­gin An­na Stup­nyts­ka spra­chen mit «Fi­nanz und Wirt­schaft» über den Aus­blick 2013. Herr O’Neill, Frau Stup­nyts­ka, in Ih­rem kon­junk­tu­rel­len Ba­sis­sze­na­rio ge­hen Sie für 2013 von ei­nem leich­ten An­zie­hen des glo­ba­len Wachs­tums aus. Über­wie­gen die Chan­cen oder die Ri­si­ken? O’Neill: Seit kur­zem über­wie­gen die Chan­cen. Das Bild hellt sich in vie­len Re­gio­nen auf – so­gar in Eu­ro­pa. Es scheint, als hät­ten die Un­ter­neh­men die La­ger so vor­sich­tig ver­wal­tet, dass sie schon bald wie­der auf­sto­cken müs­sen, so­fern sich die Nach­fra­ge nicht wei­ter ab­schwächt. Was gibt Ih­nen die­se Zu­ver­sicht? O’Neill: Die kürz­lich ver­öf­fent­lich­ten Kon­junk­tur­da­ten für No­vem­ber ha­ben sich durchs Band ver­bes­sert. So sind die ko­rea­ni­schen Ex­por­te zum zwei­ten Mal in Fol­ge ge­stie­gen. Da Ko­rea nicht mit dem Pla­ne­ten Ju­pi­ter han­delt, son­dern mit dem Rest der Er­de, deu­ten die Ex­port­da­ten auf ei­ne Sta­bi­li­sie­rung der glo­ba­len Kon­junk­tur. Der Ein­kaufs­ma­na­ger­index für die Eu­ro­zo­ne war eben­falls stär­ker, die Erst­an­trä­ge auf Ar­beits­lo­sen­un­ter­stüt­zung in den USA fie­len trotz dro­hen­der Fis­kal­k­lip­pe auf das Ni­veau vor Hur­ri­kan «San­dy», und auch in Chi­na ver­bes­sert sich das Ge­schäfts­kli­ma seit zwei Mo­na­ten. Eben­falls po­si­tiv stimmt mich die Dy­na­mik in den zu­künf­ti­gen Wachs­tums­re­gio­nen.

Chi­na pro­du­ziert al­le drei Mo­na­te ein neu­es Grie­chen­land und al­le zwölf Mo­na­te ein neu­es Spa­ni­en.

An­lei­hen aus den eu­ro­päi­schen Pe­ri­phe­rie­län­dern ab­ge­schnit­ten. Wer hät­te dies An­fang Jahr ge­dacht? Dann schät­zen vie­le An­le­ger den grund­le­gen­den welt­wirt­schaft­li­chen Wan­del nicht rich­tig ein. Chi­na pro­du­ziert al­le drei Mo­na­te ein neu­es Grie­chen­land und al­le zwölf Mo­na­te ein neu­es Spa­ni­en. Ja, in Eu­ro­pa exis­tie­ren Pro­ble­me zu­hauf, doch das treibt die Welt­wirt­schaft nicht. Zieht die ho­he Ver­schul­dung die Welt­wirt­schaft nicht nach un­ten? O’Neill: Die Kri­se wur­de nicht von der Schul­den­last, son­dern von den glo­ba­len Un­gleich­ge­wich­ten ver­ur­sacht. Die USA, Spa­ni­en, Grie­chen­land, Ir­land und an­de­re kon­su­mier­ten zu viel und pro­du­zier­ten zu we­nig, in Chi­na und Deutsch­land war es um­ge­kehrt. Nun gibt es aber An­zei­chen ei­ner Trend­um­kehr und da­mit ei­ner Ver­rin­ge­rung der Un­gleich­ge­wich­te. In der Tat liegt der Kon­sen­sus oft falsch. Ge­ra­de für den US-Markt schei­nen die Be­wer­tun­gen ei­ne ge­wis­se Sorg­lo­sig­keit zu im­pli­zie­ren. O’Neill: Wachs­tum und An­la­ge­emp­feh­lun­gen sind be­kannt­lich oft zwei ver­schie­de­ne Paar Schu­he. Nach dem gu­ten Ab­schnei­den der US-Bör­se dürf­ten 2013 an­de­re Märk­te im Vor­der­grund ste­hen. Eu­ro­pa und die Schwel­len­län­der? O’Neill: Ja, be­son­ders die eu­ro­päi­schen Märk­te ha­ben in den letz­ten Mo­na­ten bes­ser ab­ge­schnit­ten als die US-Bör­se. Da ver­sucht Ame­ri­ka Eu­ro­pa schul­meis­ter­lich zu be­leh­ren, wie man ei­ne Schul­den­kri­se löst, im ei­ge­nen Land droht je­doch der Sturz über die Fis­kal­k­lip­pe. Die In­ves­to­ren fra­gen sich, ob Ame­ri­ka die ei­ge­ne La­ge so viel bes­ser un­ter Kon­trol­le hat, und wen­den sich vom dor­ti­gen Markt ab. Aber auch Chi­na zeigt Le­bens­zei­chen. Für Chi­nas Wachs­tums­aus­sich­ten sind Sie ge­gen­über dem Kon­sen­sus eher vor­sich­tig ge­stimmt, trotz­dem mö­gen Sie den chi­ne­si­schen Ak­ti­en­markt. Wes­halb? Stup­nyts­ka: Ei­ner­seits er­war­ten wir ein An­zie­hen des Wachs­tums in Chi­na. An­der­seits ist mit den Wah­len die Un­si­cher­heit ver­schwun­den, die auf dem lo­ka­len Markt las­te­te. Nun er­war­ten wir ei­nen Re- form­schub mit po­si­ti­ver Wir­kung. Da­zu ist der viel ge­prie­se­ne Über­gang zu ei­nem nach­hal­ti­ge­ren Wachs­tums­mo­dell mit tie­fe­ren Wachs­tums­ra­ten – weg von den In­ves­ti­tio­nen, hin zum Kon­sum – ei­ne Tat­sa­che. Die Her­aus­for­de­rung für nächs­tes Jahr liegt im Aus­ba­lan­cie­ren der ge­gen­läu­fi­gen Kräf­te aus zy­kli­scher Er­ho­lung und struk­tu­rel­ler Ver­lang­sa­mung. O’Neill: Per­sön­lich den­ke ich, Chi­na könn­te schnel­ler wach­sen, als wir pro­gnos­ti­zie­ren, doch an­de­re Ana­lys­ten aus un­se­rem Haus hal­ten mich zu­rück. Es ist schlicht fan­tas­tisch, wie Chi­na mit sei­nen Her­aus­for­de­run­gen um­geht. Wenn es Man­ches­ter Uni­ted nicht gä­be, wür­de ich in Chi­na-Shirts her­um­lau­fen. Und trotz­dem lie­fert der chi­ne­si­sche Ak­ti­en­markt seit drei Jah­ren ein Trau­er­spiel. Was läuft falsch?

Nach dem gu­ten Ab­schnei­den der US-Bör­se dürf­ten 2013 an­de­re Märk­te im Vor­der­grund ste­hen.

O’Neill: Ich weiss es nicht. Teil­wei­se liegt es mei­ner An­sicht nach am Sen­ti­ment. Es gibt vie­le – wohl zu vie­le – Bör­sen­gän­ge. Viel­leicht soll­te man an­ge­sichts des dra­ma­ti­schen Wan­dels die Ge­win­ner nicht in Chi­na selbst su­chen, son­dern an­ders­wo, weil die Zu­kunft nicht den ver­gan­ge­nen Ge­win­nern ge­hört, die den lo­ka­len Ak­ti­en­markt do­mi­nie­ren. Es kann na­tür­lich auch sein, dass wir ei­ne wirk­lich be­sorg­nis­er­re­gen­de Ent­wick­lung über­se­hen, auch wenn ich das nicht glau­be. Wie soll man dann in Chi­na in­ves­tie­ren? O’Neill: Am bes­ten über west­li­che Kon­sum­ti­tel mit star­kem Ge­schäfts­auf­kom­men in Chi­na. Sie mö­gen auch den rus­si­schen Ak­ti­en­markt, ob­wohl Sie ei­nen schwä­che­ren Öl­preis er­war­ten. Wie geht das zu­sam­men? O’Neill: Russ­land ist ein rei­nes Va­lue-In­vest­ment, weil der Markt so güns­tig ist. Ist er das nicht schon lan­ge? O’Neill: Si­cher seit 2007. Was ist dann der Aus­lö­ser für ei­ne Avan­ce? O’Neill: Gu­te Fra­ge. Die meis­ten west­li­chen In­ves­to­ren schei­nen ei­ne fest­ge­fah­re­ne ne­ga­ti­ve Sicht auf den Markt zu ha­ben, weil sie Pu­tins Po­li­tik nicht mö­gen. Vie­le In­si­der sa­gen mir aber, Pu­tin wer­de künf­tig po­si­tiv über­ra­schen. Das mag stimmen oder auch nicht, doch der Markt ist so güns­tig, dass schon die kleins­te Wahr­schein­lich­keit ei­ner po­si­ti­ven Über­ra­schung et­was wert ist. Zu­dem hat Russ­land die­ses Jahr als ein­zi­ges Bric-Land hö­he­re Wachs­tums­ra­ten aus­ge­wie­sen als er­war­tet, ob­wohl der Öl­preis leicht ge­sun­ken ist. Soll­te sich Russ­land nächs­tes Jahr wie­der ei­ni­ger­mas­sen an­spre­chend ent­wi­ckeln, sind hö­he­re Kur­se mög­lich. Soll ich Russ­land oh­ne Ölak­ti­en kau­fen? O’Neill: Nein, nicht un­be­dingt. Un­se­re Ana­lys­ten sa­gen mir, rus­si­sche Ener­gie­ak­ti­en sei­en im Ver­gleich zum Öl­preis ex­trem güns­tig. So­fern die­se Un­ter­neh­men künf­tig bes­ser ge­führt wer­den, liegt durch­aus ei­ne Be­wer­tungs­ex­pan­si­on drin. Ein wei­te­rer güns­ti­ger Markt, den Sie mö­gen, ist Ita­li­en. O’Neill: Ita­li­ens Pro­blem ist nicht fis­ka­li­scher Na­tur, son­dern die Wachs­tums­schwä­che. Zy­klisch ad­jus­tiert weist das Land ei­nes der so­li­des­ten Bud­gets auf. Und trotz­dem wird Ita­li­en fast wie Grie- chen­land be­han­delt. Im Ge­gen­satz zu Russ­land dürf­te es Ita­li­en leicht­fal­len, po­si­tiv zu über­ra­schen. Mei­ne Er­fah­rung lehrt mich zu­dem, dass Län­der, die un­ter den Druck der Fi­nanz­märk­te ge­ra­ten, in­ner­halb zwei­er Jah­re ge­stärkt aus der Kri­se her­vor­ge­hen. Das dürf­te auch für Ita­li­en gel­ten, auch wenn noch vie­le Re­for­men nö­tig sind, um die Wett­be­werbs­fä­hig­keit wie­der­zu­er­lan­gen. Ne­ga­tiv über­ra­schen könn­te hin­ge­gen Frank­reich. O’Neill: Frank­reich macht uns wirk­lich Sor­gen. Wenn wir nächs­tes Jahr in Eu­ro­pa ein Pro­blem ha­ben, dann ist es we­gen Frank­reich. Das Land hat zu den wirt­schaft­li­chen Her­aus­for­de­run­gen ein men­ta­les Pro­blem, weil die Gran­de Na­ti­on im­mer noch meint, sie re­gie­re Eu­ro­pa. In wel­che An­la­ge­klas­sen sol­len An­le­ger ihr Geld in­ves­tie­ren? Stup­nyts­ka: Im Ver­gleich zu den meis­ten Al­ter­na­ti­ven sind Ak­ti­en güns­tig. Die Geld­po­li­tik in den In­dus­trie­län­dern wird noch bis min­des­tens 2015 ex­pan­siv sein, die Zin­sen blei­ben so­mit tief, was zu­sam­men mit der Wachs­tums­er­ho­lung für wei­te­re Avan­cen spricht. Es wer­den aber nicht al­le Märk­te glei­cher­mas­sen zu­le­gen. Der US-Markt eher we­ni­ger? Stup­nyts­ka: Die ame­ri­ka­ni­sche Bör­se dürf­te eben­falls stei­gen. Ei­ner­seits hilft die er­war­te­te Stim­mungs­ver­bes­se­rung, so­bald die Fis­kal­k­lip­pe An­fang Jahr – hof­fent­lich – um­schifft wird, an­der­seits pro­fi­tie­ren auch US-Un­ter­neh­men vom Wachs­tum in den Schwel­len­län­dern. Zu­dem wird der Häu­ser­markt nächs­tes Jahr zu ei­ner wich­ti­gen Stüt­ze der US-Wirt­schaft. Der Schie­fer­gas­boom hält die Ener­gie­prei­se tief, was eben­falls wachs­tums­för­der­lich ist. In die­sem Um­feld soll­te sich die ge­gen­wär­tig re­kord­ho­he Ri­si­ko­prä­mie von fast 6% dem his­to­ri­schen Mit­tel von 3 bis 4% an­nä­hern, was hö­he­re Kur­se mit sich brin­gen wür­de, be­son­ders weil die Ren­di­ten auf Staats­an­lei­hen kaum stei­gen. Der S&P 500 dürf­te nächs­tes Jahr in den Be­reich zwi­schen 1500 und 1600 vor­stos­sen. Der­zeit no­tiert er bei 1430. Wel­che Märk­te wür­den Sie mei­den? Stup­nyts­ka: Me­xi­ko ist hoch be­wer­tet, aber auch an­de­re Märk­te, die die­ses Jahr kräf­tig ge­stie­gen sind, wür­den wir eher mei­den. Da­zu ge­hört die Tür­kei, die zwar noch güns­tig be­wer­tet, aber über­kauft ist. In­ner­halb der Bric hat der in­di­sche Markt trotz holp­ri­gem Wachs­tum sehr gut ab­ge-

«Es gibt so vie­le Län­der mit ei­ner po­si­ti­ven Dy­na­mik.

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