Cé­zan­ne statt Bonds

2012 war ein er­folg­rei­ches Auk­ti­ons­jahr – Ver­hal­te­ne Ent­wick­lung im Ga­le­ri­en­han­del

Finanz und Wirtschaft - - KUNSTMARKT - CHRIS­TI­AN VON FA­BER- CA­S­TELL

Es er­scheint als Iro­nie des Schick­sals, dass das an­geb­lich teu­ers­te Ge­mäl­de des jün­ge­ren Kunst­mark­tes aus der Samm­lung ei­nes in der Schweiz le­ben­den und 2011 ver­stor­be­nen grie­chi­schen Gross­ree­ders stammt. Un­be­stä­tig­ten Ge­rüch­ten zu­fol­ge soll Paul Cé­zan­nes um 1892 bis 1893 ge­mal­tes Kar­ten­spie­ler­bild «Les Jou­eurs de Car­tes» (vgl. FuW Nr. 12 vom 11. Fe­bru­ar) aus dem Nach­lass von Ge­or­ge Em­bi­ri­cos für 250 Mio. $ den Be­sit­zer ge­wech­selt ha­ben.

Dass die­ses Mu­se­ums­werk über­dies an das Öl­scheich­tum Ka­tar ging, könn­te aus dem Dreh­buch ei­nes schlech­ten Films über den Nie­der­gang des Abend­lan­des und den Auf­stieg des Ori­ents stam­men. Zu top­pen wä­re die­ses Kli­schee höchs­tens durch ei­nen Käu­fer aus Chi­na. Die Er­ben des in Joux­tens bei Lau­sanne nie­der­ge­las­se­nen Gross­samm­lers dürf­ten an sei­ner Kun­st­in­ves­ti­ti­on je­den­falls mehr Freu­de ha­ben als an grie­chi­schen Staats­an­lei­hen in sei­nem Nach­lass­ver­mö­gen.

Sym­bo­li­scher Schrei

Auch der die­ses Jahr auf­ge­stell­te neue Re­kord für das teu­ers­te je ver­stei­ger­te Bild der Auk­ti­ons­ge­schich­te, Ed­vard Munchs Pa­s­tell «Der Schrei», von 1895 hat sym­bo­li­sche Kraft. Es wur­de am Abend des 2. Mai bei Sothe­by’s in New York zum Re­kord­preis von 119,9 Mio. $ an ei­nen vor­erst an­ony­men Bie­ter ver­kauft. Dass er sich spä­ter als der New Yor­ker Gross­fi­nan­cier Le­on Black zu er­ken­nen gab, er­in­nert le­dig­lich da­ran, wo sich heu­te die gröss­te Kunst­kauf­kraft ver­eint, näm­lich im Fi­nan­zund Im­mo­bi­li­en­busi­ness. Wich­ti­ger ist da­bei, dass Munchs «Schrei» heu­te in sei­ner welt­wei­ten Wie­der­er­kenn­bar­keit ge­nau­so ein Kunst­mar­ken­ar­ti­kel ist wie ein ty­pi­scher Van Gogh, Pi­cas­so oder War­hol.

Bei­den Re­kord­bil­dern ist üb­ri­gens ge­mein­sam, dass sie in meh­re­ren – die «Kar­ten­spie­ler» in fünf und der «Schrei» in drei – Ver­sio­nen exis­tie­ren. Dass es sich bei ih­nen je­weils um das letz­te Bild han­del­te, das noch nicht in Mu­se­ums­be­sitz war, stei­ger­te ih­ren Tro­phä­en­reiz zu­sätz­lich.

Doch un­ge­ach­tet ih­rer sym­bo­li­schen Kraft sa­gen sol­che Sen­sa­ti­ons­prei­se we­nig über die ak­tu­el­le Kunst­markt­si­tua­ti­on aus. Ab­seits und un­ter­halb der Gross­kunst­jagd auf sol­che Tro­phä­en­wer­ke sieht die Kunst­markt­wirk­lich­keit nicht so ro­sig aus.

Am schwers­ten tun sich der­zeit Ga­le­ri­en und La­den­ge­schäf­te mit ho­hen Re­prä­sen­ta­ti­ons­kos­ten. Auk­tio­nen lie­fen da­ge­gen weit­her­um zu­frie­den­stel­lend. Die Zahl der Ein­lie­fe­rer, de­ren Kunst­ge­gen­stän­de in der Ver­stei­ge­rung kei­nen Käu­fer fan­den, ist zwar vie­len­orts ge­wach­sen. Aber ih­re Ent­täu­schung oder Är­ger hat am Kunst­markt kei­ne Stim­me.

Er­nüch­te­rung im Mit­tel­feld

Vor al­lem im tie­fe­ren bis mitt­le­ren Prei­sund Qua­li­täts­be­reich wur­de der Auk­ti­ons­um­satz noch da­durch ge­stützt, dass in den letz­ten zwei Jah­ren vie­les nicht ganz frei­wil­lig ver­stei­gert wur­de. Wer aber Kunst zur Li­qui­di­täts­be­schaf­fung ver­kau­fen muss, kann ge­gen­über dem Auk­ti­ons­haus nicht auf ho­hen Min­dest- oder Li­mi­te­prei­sen be­ste­hen. Tie­fe Li­mi­te­prei­se wie­der­um be­le­ben die Ver­stei­ge­run­gen, was die zum Teil so­gar im Mit­tel­feld er­freu­li­chen Auk­ti­ons­er­geb­nis­se er­klärt.

Die Ve­r­un­si­che­rung und Zu­rück­hal­tung selbst der pri­va­ten Kunst­käu­fer­krei­se, die kei­ne Li­qui­di­täts­schwie­rig­kei­ten ha­ben, spü­ren vor al­lem tra­di­tio­nel­le Ga­le­ri­en, An­ti­qui­tä­ten­ge­schäf­te und Mes­sen. Vie­le die­ser nun dar­ben­den Ge­schäf­te ha­ben es in bes­se­ren Markt­zei­ten ver­säumt, ih­re Kun­den ehr­lich über den wah­ren Ka­pi­tal­an­la­ge­cha­rak­ter ih­rer Kunst­käu­fe auf­zu­klä­ren. Das rächt sich jetzt.

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