Re­nault nutzt Kos­ten­vor­tei­le

FRANK­REICH Neu­es Werk in Ma­rok­ko il­lus­triert Struk­tur­wan­del der Bran­che – Mar­ke Da­cia ver­bucht im Tief­preis­seg­ment Er­fol­ge

Finanz und Wirtschaft - - INDUSTRIE - UL­RICH SCHÄ­RER,

NS­tra­te­gi­sche Be­deu­tung

ahe der ma­rok­ka­ni­schen Ha­fen­stadt Tan­ger – und da­mit vor den To­ren Eu­ro­pas – hat der Re­naul­tKon­zern ein Werk hoch­ge­zo­gen, das Bei­spiel­cha­rak­ter für die Ent­wick­lung der Au­to­mo­bil­in­dus­trie hat. Seit län­ge­rem tun sich Mas­sen­her­stel­ler wie Fi­at und eben Re­nault schwer, in den rei­fen Märk­ten Eu­ro­pas ei­ne an­ge­mes­se­ne Ren­ta­bi­li­tät zu er­zie­len. Ent­spre­chend ist die Nei­gung ge­stie­gen, ei­nen be­trächt­li­chen Teil der Res­sour­cen in die Er­schlies­sung von Schwel­len­märk­ten zu in­ves­tie­ren und Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten aus­ser­halb We­st­eu­ro­pas auf­zu­bau­en. Be­mer­kens­wert ist, dass in den von Au­to­mo­bil­tra­di­ti­on ge­präg­ten Kern­lan­den Eu­ro­pas in den letz­ten zwei Jahr­zehn­ten kein grös­se­res neu­es Werk mehr ent­stan­den ist.

Der Re­nault-Kon­zern hat sei­ne in­ter­na­tio­na­le Ex­pan­si­ons­stra­te­gie in der zwei­ten Hälf­te der Neun­zi­ger­jah­re neu lan­ciert. Ein Mei­len­stein da­bei war die Über­nah­me von 43,4% der Ak­ti­en des ja­pa­ni­schen Her­stel­lers Nis­san, der auf wich­ti­gen Märk­ten aus­ser­halb der Reich­wei­te von Re­nault prä­sent war und wei­ter­hin ist. Da­ne­ben hat die fran­zö­si­sche Grup­pe Be­reit­schaft ge­zeigt, grös­se­re In­ves­ti­tio­nen für Ka­pa­zi­tä­ten in Emer­ging Mar­kets zu schul­tern. Zu nen­nen sind die Wer­ke Cu­ri­ti­ba (Bra­si­li­en), To­gliat­ti (Russ­land), Chen­nai (In­di­en) und nun auch in Tan­ger. Dem Werk in Nord­afri­ka kommt in viel­fa­cher Be­zie­hung stra­te­gi­sche Re­le­vanz zu, wie auf ei­ner Pres­se­rei­se nach Tan­ger auf Ein­la­dung von Re­nault mehr­fach un­ter­stri­chen wur­de. In den neu­en Stand­ort hat die Al­li­anz Re­nault-Nis­san gut 1 Mrd. € in­ves­tiert. Das Werk wird, wenn die zwei­te Pro­jekt­pha­se um­ge­setzt ist, auf ei­ne Ka­pa-

Re­nault ha­ben sich nicht mehr rich­tig er­holt zi­tät von 400 000 Fahr­zeu­gen p. a. kom­men. Das Gros des Aus­stos­ses ist für den Ex­port be­stimmt, denn in Ma­rok­ko wer­den 2012 ge­ra­de mal 125 000 Wa­gen ver­kauft. In die­sem Markt hält Re­nault zu­sam­men mit der kon­zern­ei­ge­nen Low­Cost-Mar­ke Da­cia ei­nen An­teil von 37%.

Im Ex­port wer­den auch die Län­der Eu­ro­pas ins Vi­sier ge­nom­men, denn die Re­nault-Toch­ter Da­cia hat nicht nur in Schwel­len­län­dern gros­sen Er­folg. In Eu­ro­pa fällt sie seit 2004 als schnell wach­sen­de Mar­ke auf: Da­cia kommt in den wett­be­werbs­in­ten­si­ven Märk­ten Eu­ro­pas mitt­ler­wei­le ein ho­her Stel­len­wert zu, wie Car­los Ta­va­res, COO von Re­nault, am dies­jäh­ri­gen Au­to­mo­bil­sa­lon von Genf un­ter­stri­chen hat (vgl. FuW vom 14. März).

Die auf ei­ner nied­ri­gen Kos­ten­ba­sis pro­du­zier­ten Mo­del­le Lo­gan, San­de­ro und Dus­ter er­zie­len Mar­gen von über 6,5% und stel­len da­mit das ren­ta­bels­te Pro­dukt­seg­ment der Re­nault-Grup­pe dar. Von sol­chen Mar­gen kön­nen die meis­ten Mas­sen­her­stel­ler nur träu­men. Die Kon­zern­füh­rung hofft, dass Re­nault und Da­cia die­ses Jahr welt­weit rund 1 Mio. Fahr­zeu­ge in die­sem mit En­try be­zeich­ne­ten Tief­preis­seg­ment ab­set­zen; Da­cia al­lein hat in den EU- und Efta-Län­dern bis En­de No­vem­ber 220 000 Ein­hei­ten ver­kauft.

Im Re­nault-Nis­san-Werk Mell­ous­sa bei Tan­ger wer­den der Fa­mi­li­envan Da­cia Lod­gy und der Hoch­dachkom­bi Da­cia Dok­ker ge­fer­tigt. 2013 wird dann die Pro­duk­ti­on des Klein­wa­gens San­de­ro auf­ge­nom­men. Da­ne­ben ver­fügt Re­nault in Cas­ablan­ca über ein klei­ne­res Werk, das letz­tes Jahr auf ei­nen Aus­stoss von 57 000 Wa­gen kam, da­von 41 000 der Mar­ke Da­cia.

Har­ter Stand­ort­wett­be­werb

Das am­bi­tio­nier­te Ma­rok­ko­pro­jekt be­zeugt un­miss­ver­ständ­lich den Wil­len der Au­to­mo­bil­in­dus­trie, in Sa­chen Kos­ten­re­duk­ti­on wei­ter vor­an­zu­kom­men. Das äus­sert sich et­wa dar­in, dass Re­nault für ei­nen An­ge­stell­ten in Nord­afri­ka mit Lohn­kos­ten von 280 € im Mo­nat rech­net, wäh­rend im ru­mä­ni­schen Pi­tes­ti, dem Stamm­werk von Da­cia, 400 € ein­ge­setzt wer­den. Sol­che Sa­lä­re sind weit weg von dem, was sich in We­st­eu­ro­pa durch­set­zen lies­se. Die nied­ri­gen Lohn­kos­ten er­lau­ben es auch, die Au­to­ma­ti­sie­rung und Ro­bo­ti­sie­rung im Werk Mell­ous­sa auf ei­nem ver­gleichs­wei­se nied­ri­gen Ni­veau zu hal­ten.

Er­leich­tert wur­de die Stand­ort­wahl auch durch an­de­re Fak­to­ren. So be­fin­det sich das Werk Mell­ous­sa in ei­ner steu­er­be­güns­tig­ten Zo­ne, wo Re­nault wäh­rend der ers­ten fünf Jah­re kei­ne Un­ter­neh­mens­steu­ern zu ent­rich­ten hat. Da­nach wird für wei­te­re zwan­zig Jah­re ein re­du­zier­ter Un­ter­neh­mens­steu­er­satz von 8,75% (statt nor­mal 35%) an­ge­wen­det. In die­sem Stand­ort­wett­be­werb dürf­ten auch an­de­re Län­der an der Pe­ri­phe­rie Eu­ro­pas gu­te Kar­ten für die An­sied­lung von Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten zu ha­ben. Be­reits we­ni­ger scheint sich da­ge­gen das Au­gen­merk auf die Staa­ten in Mit­tel­eu­ro­pa zu rich­ten, die in ei­ner ers­ten Pha­se nach dem Fall des Ei­ser­nen Vor­hangs von ho­hen In­ves­ti­tio­nen pro­fi­tier­ten.

Als gros­ser Vor­teil ist auch zu se­hen, dass Mell­ous­sa über den mo­der­nen Ha­fen Tan­ger Med gut mit den Ab­satz­märk­ten ver­bun­den ist. Tan­ger Med könn­te den Ab­trans­port von bis zu 1 Mio. Fahr­zeu­gen pro Jahr be­wäl­ti­gen. Die ma­rok­ka­ni­schen Be­hör­den he­gen die Hoff­nung, dass wei­te­re Au­to­bau­er dem Bei­spiel Re­naults fol­gen wer­den. Der Ha­fen ist of­fen­kun­dig ein In­stru­ment für die wei­te­re wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung des Lan­des.

Die Glo­ba­li­sie­rung der Au­to­mo­bil­pro­duk­ti­on setzt die In­dus­trie­län­der – in de­nen oh­ne­hin be­trächt­li­che Über­ka­pa­zi­tät be­steht – ei­nem nicht zu un­ter­schät­zen­den An­pas­sungs­druck aus. Na­tür­lich wird vor­läu­fig die Pro­duk­ti­on von Low-Cost-Mo­del­len und Klein­wa­gen an die Pe­ri­phe­rie aus­ge­la­gert. Doch der ge­sam­te Pro­zess deu­tet weit in die Zu­kunft. Eu­ro­pa ist ge­for­dert, güns­ti­ge­re und fle­xi­ble­re Rah­men­be­din­gun­gen für den Au­to­mo­bil­sek­tor zu fin­den, da sonst ei­ne wei­te­re Ab­wan­de­rung droht. Be­mer­kens­wert ist, dass in die­sem Wett­be­werb ein Stand­ort wie Tan­ger, der über kei­ne nen­nens­wer­te Tra­di­ti­on im Au­to­mo­bil­bau ver­fügt, gu­te Kar­ten hat.

Im Werk Mell­ous­sa, 30 km von Tan­ger ent­fernt, sol­len der­einst mit 6000 Mit­ar­bei­tern jähr­lich bis zu 400 000 Fahr­zeu­ge der ru­mä­ni­schen Re­nault-Toch­ter Da­cia her­ge­stellt wer­den.

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