Die Gros­sen sind nun die Güns­ti­gen

Bric-bör­sen in Bra­si­li­en, Russ­land, In­di­en und Chi­na sind at­trak­tiv be­wer­tet – Ge­winn­aus­sich­ten va­ri­ie­ren aber deut­lich – Auch Süd­ko­rea und die Tür­kei mit gu­ten Kar­ten

Finanz und Wirtschaft - - PRAKTIKUS/PORTRÄT - PE­TER ROH­NER

Ne­ben grie­chi­schen und por­tu­gie­si­schen An­lei­hen gab es 2012 noch ei­ne an­de­re Über­ra­schung: tür­ki­sche Ak­ti­en. Ge­mes­sen am Leit­in­dex ISE 200 war die Tür­kei mit ei­nem Plus von 53% der bes­te Ak­ti­en­markt 2012, lässt man die il­li­qui­de Bör­se in Ve­ne­zue­la aus­ser Acht. Die gröss­te Ent­täu­schung war 2012 für aus­län­di­sche In­ves­to­ren Bra­si­li­en (vgl. Ta­bel­le). Dem Bo­ve­s­pa mach­ten der Re­gu­lie­rungs­ei­fer der Re­gie­rung Rousseff und die wirt­schaft­li­che Ab­küh­lung in Chi­na zu schaf­fen (vgl. Text un­ten).

Das Wun­der am Bo­spo­rus war ei­nem Phä­no­men zu ver­dan­ken, das im­mer wie­der für Kurs­sprün­ge sorgt: Es kam we­ni­ger schlimm als be­fürch­tet. Vor Jah­res­frist war die Stim­mung am Bo­den, als die No­ten­bank die Li­ra vor dem Zer­fall ret­ten muss­te und das boo­men­de und von aus­län­di­schen Kre­di­ten ab­hän­gi­ge Land ge­gen die Wand zu fah­ren droh­te. Dann gin­gen In­ves­to­ren wie­der mehr Ri­si­ko ein – EZBPrä­si­dent Ma­rio Draghi sei Dank –, und die Ka­pi­tal­strö­me ver­sieg­ten nicht. Oh­ne Schock­erleb­nis konn­te die Wirt­schaft sanft zur Lan­dung an­set­zen.

Die har­te Lan­dung trat auch in Chi­na nicht ein. Den­noch ran­gie­ren chi­ne­si­sche Ak­ti­en am un­te­ren En­de der Jah­res­hit­pa­ra­de (vgl. Ta­bel­le). Das hat aber mit dem Ver­hal­ten der lo­ka­len In­ves­to­ren zu tun. Für sie ist der Ak­ti­en­markt seit dem Crash 2008 ta­bu. Aus­län­der sind we­ni­ger skep­tisch. Da­von zeugt die bes­se­re Per­for­mance der Chinaak­ti­en, die in Hong­kong ko­tiert sind, wo die Kur­se 15% stie­gen.

Die De­fen­si­ven sind teu­er

Ein Blick auf die Be­wer­tun­gen und die Ge­winn­aus­sich­ten legt na­he, dass im kom­men­den Jahr die Hier­ar­chie wohl nicht fort­be­ste­hen wird. Ge­wis­se Bör­sen, die in den ver­gan­ge­nen drei Jah­ren äus­serst gut ge­lau­fen sind, sind für ein wei­te­res Er­folgs­jahr schlicht zu stolz be­wer­tet. Da­zu zäh­len meist die­je­ni­gen, die für ih­re de­fen­si­ve Markt­struk­tur be­kannt sind. Ge­mes­sen am Kurs-Ge­winn-Ver­hält­nis auf Ba­sis der ge­schätz­ten Ge­win­ne für 2013 sind Me­xi­ko, Tai­wan, Ma­lay­sia und In­di­en am teu­ers­ten. Wer­den die Ge­win­ne über die ver­gan­ge­nen zehn Jah­re be­rück­sich-

Schwel­len­län­der­ak­ti­en seit 2010 tigt, fal­len zu­dem die ho­hen Be­wer­tun­gen in In­do­ne­si­en und Chile auf (vgl. Gra­fik rechts). In­do­ne­si­en ist auch der teu­ers­te Markt, wenn das Kurs-Buch­wert-Ver­hält­nis als Mass­stab ver­wen­det wird (vgl. Gra­fik 2). Am un­te­ren En­de – in der Wühl­kis­te mit re­du­zier­ten Prei­sen – tau­chen im­mer wie­der die glei­chen Na­men auf: Russ­land, Süd­ko­rea und Bra­si­li­en.

Die sek­to­ra­le Zu­sam­men­set­zung der Märk­te be­stimmt zu ei­nem Gross­teil die Be­wer­tung. Ak­ti­en von Un­ter­neh­men, die sich auf den täg­li­chen Kon­sum aus­rich­ten, sind in un­si­che­ren Zei­ten be­liebt und ent­spre­chend be­wer­tet. In­di­en ist des­halb nicht so güns­tig wie et­wa Russ­land, wo Ener­gie­wer­te den Lö­wen­an­teil der Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung aus­ma­chen. Um den struk­tu­rel­len Un­ter­schie­den Rech­nung zu tra­gen, ist es sinn­voll, die ak­tu­el­len Kenn­zah­len in den Ver­gleich mit der His­to­rie zu set­zen. In­di­en fällt dann aus der Lis­te der

Schwel­len­län­der: Top und Flop 2012

Kur­sbuch­wert Emer­ging Mar­kets teue­ren Märk­te. In Me­xi­ko, Ma­lay­sia, den Phil­ip­pi­nen, Thai­land, In­do­ne­si­en, Chile und Ko­lum­bi­en wer­den die Ak­ti­en je­doch zu Kurs-Buch­wert-Ver­hält­nis­sen ge­han­delt, die über dem lang­jäh­ri­gen Mit­tel lie­gen. Ne­ben In­di­en sind auch die an­de­ren Bric-Staa­ten Bra­si­li­en, Russ­land und Chi­na nach die­ser Me­tho­de als güns­tig zu be­zeich­nen (vgl. Gra­fik 2).

Wenn güns­tig bil­lig be­deu­tet

Nicht al­les, was güns­tig ist, ist auch zwin­gend at­trak­tiv. Rus­si­sche Ak­ti­en gibt es zwar fast gra­tis, doch wer­den dort ge­mäss Schät­zung der Ana­lys­ten die Ge­win­ne nächs­tes Jahr kaum zu­neh­men. In Chi­na gibt es zwar An­zei­chen ei­ner kon­junk­tu­rel­len Sta­bi­li­sie­rung, die für das kom­men­de Jahr er­war­te­ten Ge­win­ne der Ge­sell­schaf­ten wur­den je­doch in jüngs­ter Zeit ste­tig nach un­ten re­vi­diert. Auch der zu­neh­men­de Ver­schul­dungs­grad der Un­ter­neh­men mahnt zur Vor­sicht. Bes­ser ist die Ge­winn­ent­wick­lung in Süd­ko­rea und Bra­si­li­en (vgl. Text un­ten), wo die Pro­gno­sen lau­fend nach oben re­vi­diert wer­den.

Und was ist mit dem Über­ra­schungs­sie­ger von 2012? Trotz der Avan­ce sind tür­ki­sche Ak­ti­en noch im­mer güns­tig bis fair be­wer­tet. Das ho­he Leis­tungs­bi­lanz­de­fi­zit – die Achil­les­fer­se der Tür­kei – ist zwar nur we­nig ge­schrumpft. So­lan­ge es je­doch nicht zu ei­ner Ak­zen­tu­ie­rung der Eu­ro­kri­se kommt, geht da­von kei­ne Ge­fahr aus. Die Kur­se wer­den nicht mehr 50% stei­gen, doch zwei­stel­li­ge Ren­di­ten wä­ren dies­mal kei­ne Über­ra­schung.

Bra­si­lia­ni­sche Ak­ti­en sind un­be­liebt, das macht sie güns­tig: Cor­co­va­do in Rio de Janei­ro.

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