Bra­si­li­en steht und fällt mit Chi­na

Finanz und Wirtschaft - - PRAKTIKUS/PORTRÄT - BU,

Die bra­si­lia­ni­sche Prä­si­den­tin Dil­ma Rousseff nimmt ei­ne Bran­che nach der an­de­ren in die Zan­ge: Erst schrieb sie dem staat­li­chen Öl­kon­zern Pe­tro­bras vor, was er für sei­ne Treib­stof­fe an den Tank­stel­len ver­lan­gen darf – näm­lich we­ni­ger als auf dem Welt­markt. Dann be­schimpf­te sie die Ban­ken, «per­vers viel» zu ver­die­nen, und ver­don­ner­te sie, die Zin­sen und Ge­büh­ren zu sen­ken. Jetzt sol­len die Strom­kon­zer­ne ih­re Ta­ri­fe um ein Fünf­tel re­du­zie­ren – oder sie be­kom­men ih­re Kon­zes­sio­nen nicht ver­län­gert.

Seit ih­rem Amts­an­tritt vor zwei Jah­ren hat sich Rousseff an der Bör­se we­nig Freun­de ge­macht. In­dex­schwer­ge­wich­te wie Pe­tro­bras, Ele­tro­bras oder die Gross­bank ItaúU­ni­ban­co ver­lo­ren mas­siv an Wert. Da die Bran­chen Öl, Strom, Ban­ken und Tele­com ein ho­hes Bör­sen­ge­wicht ver­sam­meln und auch die meis­ten Roh­stoff­kon­zer­ne un­ter der ab­ge­kühl­ten Kon­junk­tur Chi­nas lei­den, hat der Bo­ve­s­pa-In­dex im ab­ge­lau­fe­nen Jahr nur ma­ge­re 6% ge­won­nen. Ent­spre­chend kri­tisch fal­len die Kom­men­ta­re der In­ves­to­ren über die In­ter­ven­ti­ons­po­li­tik der bra­si­lia­ni­schen Prä­si­den­tin aus. Es sei be­sorg­nis­er­re­gend, wie die Re­gie­rung sich in die Ge­schäf­te ko­tier­ter Kon­zer­ne ein­mi­sche, sagt et­wa Mark Mo­bi­us von der In­vest­ment­ge­sell­schaft Fran­klin Temp­le­ton, die rund 5 Mrd. $ in Bra­si­li­en in­ves­tiert hat. Für Ru­chir Shar­ma, Emer­ging-Mar­ket-Di­rek­tor von Mor­gan St­an­ley, nä­hert sich Bra­si­li­ens Re­gie­rung be­reits Ar­gen­ti­ni­en und Ve­ne­zue­la an mit ih­rer «lang­fris­tig ne­ga­ti­ven Po­li­tik».

Doch trotz die­ser ne­ga­ti­ven Ein­schät­zun­gen schrei­ben die In­vest­ment­ban­ken Bra­si­li­en nicht ab – im Ge­gen­teil: Im Schnitt rech­nen die Ana­lys­ten für 2013 mit ei­nem Kur­s­po­ten­zi­al von 20%. Die Un­ter­neh­mens­ge­win­ne sol­len dem­nach gut 30% stei­gen, wäh­rend die bra­si­lia­ni­sche Wirt­schaft im kom­men­den Jahr rund 4% zu­le­gen soll. Mit ei­nem Kurs-Ge­winn-Ver­hält­nis von 10,7 ist der Bo­ve­s­pa ba­sie­rend auf die­sen Wachs­tums­an­nah­men nicht teu­er (vgl. Text oben). Auch die­ses Jahr zeigt sich, dass der ent­täu­schen­de In­dex­ver­lauf nicht gleich­be­deu­tend ist mit ei­nem ge­ne­rell schlech­ten Ab­schnei­den al­ler Ak­ti­en: Von den 150 meist­ge­han­del­ten Ti­tel an der Bör­se São Pau­lo ha­ben zwei Drit­tel den In­dex ge­schla­gen. Die Hälf­te hat gar um 20% bes­ser ab­ge­schnit­ten als der In­dex. Ge­bremst hat in ers­ter Li­nie das In­dex­schwer­ge­wicht Pe­tro­bras (–9,8% im Jah­res­ver­lauf), wäh­rend Va­le (+7%) nur ge­ra­de mit dem In­dex Schritt hal­ten konn­te. Pro­fi­tiert von der wach­sen­den Kauf­kraft, sin­ken­den Zin­sen und Voll­be­schäf­ti­gung im In­land ha­ben vor al­lem Kon­sum­ak­ti­en, Ti­tel von Uni­ver­si­tä­ten und Schu­len, Ge­trän­ke- und Le­bens­mit­tel­pro­du­zen­ten so­wie Kran­ken­haus­ket­ten. Doch die sind im In­dex noch we­nig ver­tre­ten: Von den zehn Ak­ti­en, die die­ses Jahr am bes­ten ab­schlos­sen, wer­den nur zwei – der In­ter­net-An­bie­ter B2W so­wie der Kon­sum­ar­ti­kel­her­stel­ler Hy­per­m­ar­cas – im Bo­ve­s­pa-In­dex be­rück­sich­tigt. Es sind die in ei­nem Jahr fast hal­bier­ten Leit­zin­sen auf 7,25%, die ei­nen Wachs­tums­schub in Bra­si­li­en aus­lö­sen könn­ten: Re­al­zin­sen von et­wa 2% könn­ten für Ban­ken, Bau­kon­zer­ne und Pro­du­zen­ten hö­her­wer­ti­ger Kon­sum­gü­ter so­wie pri­va­te Di­enst­leis­ter in Ge­sund­heit und Bil­dung neue Ge­schäfts­fel­der er­öff­nen. Zu­dem be­grüsst et­wa die In­dus­trie durch­aus die in­ter­ven­tio­nis­ti­schen Mass­nah­men der Re­gie­rung: Die Bran­chen­ver­bän­de kri­ti­sie­ren seit lan­gem die ho­hen Kre­dit­kos­ten, so­wie Strom- und Treib­stoff­prei­se in Bra­si­li­en. Auch der schwä­che­re Re­al er­freut die Un­ter­neh­men.

Für An­le­ger ist die Ent­schei­dung, in bra­si­lia­ni­sche Ak­ti­en zu in­ves­tie­ren, nicht ein­fach: Die Be­wer­tung bra­si­lia­ni­scher Kon­sum­ak­ti­en liegt für 2013 be­reits deut­lich über dem Durch­schnitt an­de­rer Emer­ging Mar­kets. Da­ge­gen ist das KGV des Roh­stoff­sek­tors so­wie der Bran­chen, die von der staat­li­chen Re­gle­men­tie­rung be­trof­fen sind (Strom, Ban­ken, Öl & Gas) im welt­wei­ten Ver­gleich nied­rig. In­ves­to­ren, die auf ei­ne Er­ho­lung des Roh­stoff­hun­gers in Chi­na set­zen, fin­den im bra­si­lia­ni­schen Roh­stoff­sek­tor – mit Va­le an der Spit­ze – die idea­le An­la­ge.

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