Die Us-schul­den­bom­be tickt

Staats­ver­schul­dung stösst an die ge­setz­li­che Gren­ze – Po­li­ti­ker po­kern bis zur letz­ten Mi­nu­te

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - CHRIS­TOPH GISIGER

Der Bud­get­streit in den USA er­reicht die nächs­te Es­ka­la­ti­ons­stu­fe. Am Sil­ves­ter­tag steigt die Staats­ver­schul­dung auf die ge­setz­lich fest­ge­leg­te Li­mi­te, wo­mit sich die US-Re­gie­rung ab dem 1. Ja­nu­ar mit Not­fi­nan­zie­run­gen über Was­ser hal­ten muss. Im Ka­pi­tol hat das Par­la­ment der­weil ei­ne Son­der­sit­zung an­be­raumt, da­mit es noch in letz­ter Mi­nu­te über ei­ne all­fäl­li­ge Kom­pro­miss­vor­la­ge zum künf­ti­gen Haus­halt­setat ab­stim­men kann.

Im US-Schatz­amt ist ein­mal mehr das Krea­tiv­team ge­for­dert. Am Mon­tag steigt die Ver­schul­dung des ame­ri­ka­ni­schen Staa­tes auf 16 394 Mrd. $ und er­reicht da­mit die ge­setz­lich zu­läs­si­ge Gren­ze (vgl. Gra­fik). Um ih­ren fi­nan­zi­el­len Ver­pflich­tun­gen nach­zu­kom­men, muss sich die US-Re­gie­rung ab dann mit buch­hal­te­ri­schen Knif­fen über die Run­den hel­fen. Das hat Fi­nanz­mi­nis­ter Ti­mo­thy Geith­ner die­se Wo­che dem Par­la­ment mit­ge­teilt. Zu den Tricks des Tre­a­su­ry zählt u. a. das An­zap­fen von Pen­si­ons­kas­sen, Staats­fonds und an­de­ren Li­qui­di­täts­re­ser­ven – ei­ne Prak­tik, die im Pri­vat­sek­tor üb­li­cher­wei­se als Ge­set­zes­ver­stoss ge­ahn­det wird.

Zwei Mo­na­te bis zum De­fault

«Die­se aus­ser­ge­wöhn­li­chen Mass­nah­men ver­schaf­fen uns rund 200 Mrd. $ an zu­sätz­li­chem Spiel­raum», hielt Geith­ner fest. Das wür­de der US-Re­gie­rung un­ter nor­ma­len Um­stän­den noch rund zwei Mo­na­te Zeit bis zum Zah­lungs­aus­fall ver­schaf­fen. «We­gen der er­heb­li­chen Un­si­cher­heit mit Blick auf die of­fe­nen Fra­gen zur Steu­er- und Aus­ga­ben­po­li­tik im kom­men­den Jahr ist es je­doch nicht mög­lich zu sa­gen, wie viel Zeit ef­fek­tiv bleibt», räum­te der US-Schatz­meis­ter ein.

US-Schul­den­gren­ze

Der nun schon seit Wo­chen lau­fen­de Dis­put um das Staats­bud­get ist da­mit eng mit dem Pro­blem der Schul­den­gren­ze ver­knüpft. Seit den Prä­si­dent­schafts­wah­len von An­fang No­vem­ber rin­gen De­mo­kra­ten und Re­pu­bli­ka­ner um Aus­ga­ben­kür­zun­gen und aus­lau­fen­de Steu­er­ver­güns­ti­gun­gen. Ins­ge­samt auch als Fis­cal Cliff be­zeich­net, könn­ten die­se Ve­rän­de­run­gen im Haus­halts­bud­get die Kon­junk­tur­er­ho­lung im kom­men­den Jahr ab­wür­gen.

Um­so wich­ti­ger ist es vor die­sem Hin­ter­grund, dass in Washington bald ei­ne Lö­sung ge­fun­den wird. Prä­si­dent Oba­ma hat sei­nen Fa­mi­li­en­ur­laub in Ha­waii am Mitt­woch früh­zei­tig ab­ge­bro­chen und sich am Frei­tag mit Vor­ste­hern aus bei­den par­la­men­ta­ri­schen Kam­mern ge­trof­fen. Zu­dem ist im Re­prä­sen­tan­ten­haus für Sonn­tag­abend ei­ne aus­ser­or­dent­li­che Sit­zung an­ge­ord­net wor­den, um ei­ne neue Ge­set­zes­vor­la­ge zum Bud­get noch in letz­ter Mi­nu­te durch­win­ken zu kön­nen.

Ob sich die po­li­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­ger noch vor dem Jah­res­wech­sel zu­sam­men­rau­fen kön­nen und es tat­säch­lich schaf­fen, die Si­tua­ti­on zu ent­schär­fen, lässt sich kaum ab­schät­zen. Tat­sa­che ist aber, dass die Schul­den­gren­ze für ei­nen Kom­pro­miss ei­ne zen­tra­le Rol­le spie­len wird. Bis­lang nur ei­ne Fuss­no­te in der USBud­get­po­li­tik, wur­de sie in der Ver­gan­gen­heit je­weils oh­ne gros­ses Auf­he­ben vom Par­la­ment er­höht. Das hat sich im Som­mer 2011 ge­än­dert, als die Re­pu­bli­ka­ner sie als Waf­fe nutz­ten, um Druck auf die Re­gie­rung Oba­ma aus­zu­üben.

Nach zä­hem Rin­gen wur­de die Schul­den­gren­ze da­mals zwar auf den letz­ten Drü­cker An­fang Au­gust er­höht. Das po­li­ti­sche Kräf­te­mes­sen führ­te je­doch letzt­lich da­zu, dass Ame­ri­ka erst­mals in sei­ner Ge­schich­te das Triple-A-Ra­ting als Topschuld­ner ver­lor. In den fol­gen­den Ta­gen kam es an den glo­ba­len Fi­nanz­märk­ten zu hef­ti­gen Kurs­schwan­kun­gen.

Ru­hig Blut be­wah­ren

An­le­ger soll­ten den­noch ru­hig Blut be­wah­ren. Frei­lich ist die La­ge um Ame­ri­kas Staats­fi­nan­zen auf mitt­le­re bis lan­ge Sicht ernst. Die US-Wirt­schaft wird je­doch nicht am 1. Ja­nu­ar ab­rupt über ei­ne Klip­pe stür­zen. In wel­chen Ein­zel­be­rei­chen und wann ge­nau bei­spiels­wei­se die vor­ge­se­he­nen Aus­ga­ben­kür­zun­gen an­fal­len wer­den, liegt im Er­mes­sens­spiel­raum der je­wei­li­gen Be­hör­den und Äm­ter. Sie ha­ben mit der Um­set­zung noch min­des­tens bis Herbst 2013 Zeit.

Auch auf der Sei­te der Ein­nah­men kann das Schatz­amt Steu­er­er­hö­hun­gen ver­zö­gern, falls es mit ei­ner rück­wir­ken­den Lö­sung rech­net. So­lan­ge kein Kom­pro­miss zur Fis­cal Cliff ge­fun­den wird, bleibt der US-Re­gie­rung iro­ni­scher­wei­se so­gar noch et­was mehr Zeit bis zum Zah­lungs­aus­fall. Das, weil die Spar­mass­nah­men und die Steu­er­er­hö­hun­gen – wie ja ei­gent­lich vor­ge­se­hen – die Staats­kas­se scho­nen wer­den.

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