Bra­si­li­en ver­liert an Glanz

Prä­si­den­tin Rousseff stellt die wirt­schafts­po­li­ti­schen Wei­chen falsch. Als Pro­duk­ti­ons­stand­ort taugt das Land nicht. Die Wachs­tums­ra­ten sin­ken, die In­fla­ti­on zieht an.

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG -

Lan­ge Zeit hat Bra­si­li­ens Wirt­schaft mit ih­rer Sta­bi­li­tät in­mit­ten der kri­seln­den Welt­wirt­schaft über­rascht. Et­wa 2010, als sie knapp 8% wuchs. Doch das ist vor­bei. Bra­si­li­en über­rascht zu­neh­mend un­er­freu­lich. Die Qua­li­tät sei­ner wirt­schaft­li­chen Fun­da­men­te ver­schlech­tert sich ste­tig. Seit nun zwei­ein­halb Jah­ren wächst die Wirt­schaft kaum noch. Gleich­zei­tig ist die In­fla­ti­on über 6% ge­stie­gen – und kann nur müh­se­lig am wei­te­ren An­stieg ge­hin­dert wer­den. Nun ver­grös­sern sich auch noch die De­fi­zi­te in der Leis­tungs­bi­lanz und im Haus­halt ra­sant, denn Bra­si­li­en ex­por­tiert im­mer we­ni­ger, aber im­por­tiert im­mer mehr.

Bra­si­li­ens Roh­stof­fe wer­den auf den Welt­märk­ten we­ni­ger nach­ge­fragt, und sei­ne In­dus­trie­pro­duk­te ha­ben we­gen der ho­hen Her­stell­kos­ten kaum Aus­fuhr­chan­cen. Die Re­gie­rung wen­det die im­mer glei­chen Re­zep­te ge­gen die lah­men­de Kon­junk­tur und die In­ves­ti­ti­ons­un­lust der Un­ter­neh­mer an: Sie streicht Steu­ern auf Kon­sum­pro­duk­te, ver­teilt öf­fent­li­che Kre­di­te und ver­sucht, staat­li­che In­ves­ti­ti­ons­pro­jek­te an­zu­stos­sen. Die Fol­ge: Das Staatsdefizit wird im­mer grös­ser – und die Wirt­schaft wächst trotz­dem kaum.

Mo­dell zu kon­sum­las­tig

Al­les halb so schlimm, be­ru­higt die Re­gie­rung: Die aus­län­di­schen In­ves­to­ren ström­ten ja wei­ter­hin mit vol­ler Kraft nach Bra­si­li­en. Als Pe­tro­bras vor kur­zem ei­ne An­lei­he auf den Markt ge­bracht hat, mel­de­ten sich Kauf­in­ter­es­sen­ten für ins­ge­samt 40 Mrd. $. Die staat­li­che Ban­co do Bra­sil kas­sier­te in der Pu­bli­kums­öff­nung ih­rer Ver­si­che­rungs­toch­ter mehr als 5 Mrd. $. Nach Chi­na ist Bra­si­li­en das Land mit den höchs­ten aus­län­di­schen Di­rekt­in­ves­ti­tio­nen welt­weit. Das al­les stimmt – doch die in­ves­tie­ren­den Un­ter­neh­men bie­ten in der gros­sen Mehr­heit Pro­duk­te oder Di­enst­leis­tun­gen für den lo­ka­len Kon­sum an. Kaum je­mand in­ves­tiert noch in Bra­si­li­en, um von dort zu ex­por­tie­ren oder ei­ne Wert­schöp­fungs­ket­te auf­zu­bau­en. Da­zu ist der Stand­ort viel zu teu­er.

Aus­ser­dem schi­cken die heu­te in­ves­tie­ren­den Mul­tis in der Zu­kunft Ge­win­ne an ih­re Mut­ter­häu­ser – und ver­grös­sern da­mit das De­fi­zit in der Leis­tungs­bi­lanz. Die Rück­über­wei­sun­gen be­las­ten die Ka­pi­tal­bi­lanz be­reits jetzt zu­neh­mend. Auch die ho­he Nach­fra­ge nach bra­si­lia­ni­schen Bonds und ein­zel­nen Ak­ti­en er­klärt sich der­zeit eher mit der Li­qui­di­tät und dem Feh­len von In­ves­ti­ti­ons­mög­lich­kei­ten der An­le­ger welt­weit als mit der At­trak­ti­vi­tät Bra­si­li­ens. Fi­nanz­in­ves­to­ren zie­hen zu­dem ihr Ka­pi­tal schnell ab, wenn die Rah­men­be­din­gun­gen nicht mehr stim­men.

Kein Zwei­fel: We­gen sei­nes wach­sen­den Leis­tungs­bi­lanz­de­fi­zits und der stei­gen­den Staats­aus­ga­ben wird Bra­si­li­en ab­hän­gi­ger von aus­län­di­schen Kre­di­ten wer­den. Auch das ist kein Pro­blem, heisst es in Bra­si­lia: Mit 375 Mrd. $ in der De­vi­sen­kas­se ist Bra­si­li­en Net­to­gläu­bi­ger, denn die ge­sam­ten staat­li­chen Aus­sen­schul­den sind nied­ri­ger als die Ein­la­gen. Aus­ser­dem sei die Ver­schul­dungs­ra­te der öf­fent­li­chen Hand mit 35% der Wirt­schafts­leis­tung im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich nied­rig.

Die Ar­gu­men­te sind teil­wei­se rich­tig, doch sie ver­de­cken den Ernst der La­ge, denn der­zeit op­fert Bra­si­li­en ei­nen sei­ner wert­vol­len Sta­bi­li­täts­an­ker nach dem an­de­ren – um ein biss­chen Wachs­tum zu er­rei­chen, das dann doch nicht kommt. Die Re­gie­rung wirft Er­run­gen­schaf­ten über Bord, wel­che die Bra­si­lia­ner ab Mit­te der Neun­zi­ger­jah­re müh­se­lig wie­der er­obert hat­ten, nach zwei Kri­sen­jahr­zehn­ten, et­wa die Un­ab­hän­gig­keit ih­rer Zen­tral­bank. Die In­fla­ti­ons­be­kämp­fung ist nicht mehr Kon­sens der Re­gie­rung, wie wäh­rend der ver­gan­ge­nen zwei De­ka­den. Heu­te er­höht der Geld­hü­ter we­gen der stei­gen­den In­fla­ti­ons­ra­ten erst­mals wie­der die Leit­zin­sen, doch gleich­zei­tig dreht der Fi­nanz­mi­nis­ter den Kre­dit­hahn auf, um die Kon­junk­tur zu be­le­ben.

Haus­halt aus­glei­chen, um lang­fris­tig Schul­den ab­zu­bau­en und die Kre­dit­wür­dig­keit zu er­hö­hen: Kei­ne Prio­ri­tät für Bra­si­lia, an­ti­zy­kli­sche Aus­ga­ben­po­li­tik zur Kon­junk­tur­be­le­bung hat Vor­rang. Un­ab­hän­gi­ge Re­gu­lie­rungs­be­hör­den oder Wett­be­werb zwi­schen staat­li­chen und pri­va­ten Un­ter­neh­men: Kein In­ter­es­se, die Re­gie­rung wählt aus, wel­che Bran­chen zu för­dern sind, was Un­ter­neh­men künf­tig ver­die­nen sol­len, wenn sie Stras­sen, Hä­fen, Kraft­wer­ke usf. bau­en. Was sie dann eben nicht tun. Des­we­gen ist die In­ves­ti­ti­ons­ra­te mit 18% des BIP his­to­risch nied­rig. Wo­durch je­de Kon­junk­tur­be­le­bung di­rekt zu mehr In­fla­ti­on führt, denn die Nach­fra­ge über­steigt schnell das An­ge­bot.

Bra­si­lia ver­spielt Ver­trau­en

Schuld an dem im­mer schwä­che­ren Ab­schnei­den der Wirt­schaft sind wahl­wei­se «der Wäh­rungs­krieg», «die Li­qui­di­täts­schwem­me», «die fal­sche Spar­po­li­tik» (et­wa Deutsch­lands) oder «gie­ri­ge Un­ter­neh­mer» – nicht das ei­ge­ne Un­ver­mö­gen, kla­re Vor­ga­ben für den Haus­halt oder die In­fla­ti­on zu er­fül­len. Bra­si­li­ens In­ves­to­ren und Re­gie­rungs­öko­no­men konn­ten lan­ge be­haup­ten, dass in Bra­si­li­en Re­geln be­folgt und nicht über Nacht ge­än­dert wür­den. Das hat Ver­trau­en ge­schaf­fen, das die jet­zi­ge Re­gie­rung ge­ra­de ver­spielt.

Fa­tal ist: Die Re­gie­rung von Dil­ma Rousseff wird sich nicht än­dern. In ein­ein­halb Jah­ren sind Wah­len, bei de­nen die Prä­si­den­tin gu­te Chan­cen auf Wie­der­wahl hat; ih­re Zu­stim­mungs­ra­te be­trägt 75%, vor al­lem we­gen der nied­ri­gen Ar­beits­lo­sen­ra­te von 6% und der staat­li­chen So­zi­al­pro­gram­me. Für Bra­si­li­ens Wirt­schaft sind das kei­ne gu­ten Aus­sich­ten.

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