Der Wind wur­de 2009 ge­sät

Dem Par­la­ment wird mit dem vom Bun­des­rat vor­ge­schla­ge­nen Ge­setz zum Us-steu­er­streit ei­ne un­ge­mein häss­li­che Krö­te vor­ge­setzt. Ei­ne ver­wei­gern­de Re­ak­ti­on wä­re ver­ständ­lich. Trotz­dem wä­re es ein Feh­ler, wenn das Par­la­ment das Ge­setz ab­lehn­te.

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG -

Es ist ei­ne un­ge­mein häss­li­che Krö­te, die die Eid­ge­nös­si­schen Rä­te vor­ge­setzt er­hal­ten. Im Eil­ver­fah­ren müs­sen sie über das «Bun­des­ge­setz über Mass­nah­men zur Er­leich­te­rung der Ber­ei­ni­gung des Steu­er­streits der Schwei­zer Ban­ken mit den Ver­ei­nig­ten Staa­ten» be­fin­den, das es den Ban­ken er­lau­ben soll, mit der USJus­tiz­be­hör­de in ein Ver­hand­lungs­pro­gramm zu tre­ten und da­bei Un­ter­la­gen aus­zu­hän­di­gen, oh­ne schwei­ze­ri­sches Recht zu bre­chen. Die Par­la­men­ta­ri­er er­hal­ten kaum De­tails, was das Pro­gramm für die Schwei­zer Ban­ken ge­nau be­deu­ten wird und wie hoch de­ren Bus­sen­zah­lun­gen sein wer­den. Es gibt nicht ein­mal ei­ne Ga­ran­tie, dass, wenn sie zu­stim­men, nie mehr ei­ne Schwei­zer Bank von der US-Jus­tiz an­ge­klagt wird.

Von ei­ner ver­han­del­ten Glo­bal­lö­sung des Steu­er­streits kann kei­ne Re­de mehr sein. Das Pro­gramm ist ei­ne uni­la­te­ra­le For­de­rung der USA. Of­fen­bar war der Ge­dulds­fa­den in Wa­shing­ton dem Zer­reis­sen nah. Es wä­re mit wei­te­ren Kla­gen ge­gen Schwei­zer Ban­ken zu rech­nen ge­we­sen, wenn sich der po­li­ti­sche Ent­schei­dungs­pro­zess in Bern über Mo­na­te hin­ge­zo­gen hät­te. Ins­ge­samt: ein wahr­lich üb­ler Hö­he­punkt der seit fünf Jah­ren schwe­len­den Af­fä­re. Was nun? Es mag ei­ne ver­ständ­li­che Re­ak­ti­on sein, den bra­chia­len Me­tho­den Wa­shing­tons mit Ver­wei­ge­rung zu be­geg­nen. Doch es wä­re ein gros­ser Feh­ler, wenn Na­tio­nal- und Stän­de­rat das Ge­setz ab­lehn­ten.

Bi­nä­re Si­tua­ti­on

Zwei We­ge ste­hen of­fen. Das Par­la­ment kann, ers­tens, dem An­trag des Bun­des­rats fol­gen und das Ge­setz schaf­fen. Die Ban­ken kön­nen dann be­gin­nen, ei­nen Schluss­strich un­ter ih­re Ver­gan­gen­heit in der Ver­wal­tung un­ver­steu­er­ter Gel­der ame­ri­ka­ni­scher Steu­er­pflich­ti­ger zu zie­hen. Es wird ein un­ge­mein teu­rer Schluss­strich sein, der mög­li­cher­wei­se ein­zel­ne In­sti­tu­te an den Ab­grund bringt. Je­de Bank wird ih­ren Weg wäh­len müs­sen.

Na­tio­nal- und Stän­de­rat könn­ten, zwei­tens, das Ge­setz ab­leh­nen. Sie tä­ten das im vol­len Wis­sen, dass das – so­fern der Bun­des­rat nicht per Not­recht ei­ne Ver­ord­nung schafft – wei­te­re Kla­gen ge­gen ein­zel­ne Ban­ken be­deu­te­te. Ein Fi­nanz­haus, das von ame­ri­ka­ni­schen Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den an­ge­klagt wird, wird am In­ter­ban­ken­markt um­ge­hend von den Fi­nan­zie­rungs­strö­men ab­ge­schnit­ten: ein To­des­ur­teil, wie der Fall We­ge­lin ge­zeigt hat.

In ei­ner bi­nä­ren Si­tua­ti­on, in der der ei­ne Pfad Un­ge­mach und der an­de­re den Tod ver­heisst, ist die Ent­schei­dungs­fin­dung klar: Das Par­la­ment soll­te das Ge­setz durch­win­ken. Par­tei­en, die für die Rück­wei­sung an den Bun­des­rat plä­die­ren und von ihm dann Not­recht ver­lan­gen, agie­ren fei­ge: Sie se­hen ein, dass das Ge­setz nö­tig ist, wol­len sich aber nicht die Hän­de be­schmut­zen.

Man mag als Schwei­zer da­bei durch­aus wet­tern. Über das im­pe­ria­le Ge­ha­be der USA, ihr Recht ex­tra­ter­ri­to­ri­al ein­zu­for­dern. Über die Ka­no­nen­boot­po­li­tik Wa­shing­tons, über die Dop­pel­mo­ral der Ame­ri­ka­ner im Um­gang mit ih­ren ei­ge­nen Steu­er­oa­sen. Nur nützt das am En­de bloss der ei­ge­nen Psy­cho­hy­gie­ne, die Fak­ten der Re­al­po­li­tik ver­än­dert es nicht: Staa­ten ha­ben kei­ne Freun­de, sie ha­ben In­ter­es­sen. Und es war von Be­ginn weg klar, dass die USA in die­ser Sa­che am viel län­ge­ren He­bel sit­zen.

Im­mer­hin ist an­zu­mer­ken, dass der Bun­des­rat ver­sucht, ord­nungs­po­li­tisch sau­ber zu blei­ben: Die of­fi­zi­el­le Schweiz hat kei­nen Staats­ver­trag aus­ge­han­delt, in dem sie sich zur Zah­lung ei­ner be­stimm­ten Bus­se ver­pflich­tet. Der Bund be­zahlt nichts, der Steu­er­zah­ler steht nicht di­rekt – al­len­falls über «sei­ne» Kan­to­nal­bank – im Ri­si­ko.

Was ist vom Vor­wurf zu hal­ten, eu­ro­päi­sche Län­der war­te­ten nur dar­auf, zu se­hen, wie die Schweiz ein­knickt, um dann das Vor­ge­hen und den Bus­sen­rah­men zu ko­pie­ren? Dar­aus die Emp­feh­lung ab­zu­lei­ten, die Par­la­men­ta­ri­er soll­ten dem Bun­des­rat die Ge­folg­schaft ver­wei­gern, wä­re falsch, denn das Ar­gu­ment sticht nicht: Die Po­si­ti­on der USA ist ein­zig­ar­tig, weil ei­ne Kla­ge ih­rer Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den fak­tisch den Un­ter­gang der be­trof­fe­nen Bank be­deu­tet. We­der in Deutsch­land noch in Frank­reich hät­ten Kla­gen die­se fa­ta­le Wir­kung. In Eu­ro­pa kann die Schweiz in stär­ke­rer Po­si­ti­on ver­han­deln.

Trotz al­ler Un­schön­hei­ten, trotz des Zorns über die dür­re In­for­ma­ti­ons­po­li­tik des Bun­des­rats: Es ist für den Fi­nanz­platz von vi­ta­lem In­ter­es­se, ei­nen Schluss­strich un­ter den Kon­flikt mit den USA zie­hen zu kön­nen.

Das Schick­sals­jahr

Was bleibt, ist die gros­se Fra­ge: Hät­te es an­ders kom­men kön­nen? Es ist müs­sig, zu de­bat­tie­ren, ob ein an­de­rer Ver­hand­lungs­füh­rer mehr hät­te her­aus­ho­len kön­nen. Wenn dem ab­tre­ten­den Micha­el Am­bühl ein Vor­wurf ge­macht wer­den kann, dann der, dass er wie­der­holt zu ho­he Er­war­tun­gen ge­schürt hat. Al­les, was er am En­de tun konn­te, war das Aus­han­deln ei­ni­ger­mas­sen ak­zep­ta­bler Ka­pi­tu­la­ti­ons­be­din­gun­gen.

Was die Schweiz in den kom­men­den zwölf Mo­na­ten er­war­tet, ist der Schluss­akt ei­ner Sa­ga, die 2008 be­gon­nen hat­te. Wer al­so ei­ne ehr­li­che Ant­wort sucht auf die Fra­ge, ob ein güns­ti­ge­rer Ge­schichts­ver­lauf mög­lich ge­we­sen wä­re, muss fünf Jah­re zu­rück­blen­den: Die UBS liess sich da­mals er­wi­schen, wie sie ame­ri­ka­ni­schen Bür­gern sys­te­ma­tisch ge­hol­fen hat­te, ih­re Steu­er­pflicht zu um­ge­hen. Sie hat­te auf US-Bo­den ame­ri­ka­ni­sches Recht ver­letzt; ein un­ent­schuld­ba­res Ver­ge­hen. Die grösste Bank der Schweiz lag in Wa­shing­ton auf dem Scha­fott, ein Ul­ti­ma­tum der US-Jus­tiz tick­te. Im Fe­bru­ar 2009 ent­schied der Bun­des­rat – ab­so­lut rich­tig –, dass er das Ri­si­ko nicht ein­ge­hen konn­te, den Bluff der Ame­ri­ka­ner her­aus­zu­for­dern.

Es ist be­kannt, was da­nach ge­schah: Per Not­recht lie­fer­te die UBS am 18. Fe­bru­ar 2009 Kun­den­da­ten nach Wa­shing­ton, ein Staats­ver­trag und ei­ne Buss­zah­lung der UBS in Hö­he von 780 Mio. $ be­sie­gel­ten die Sa­che spä­ter. Par­al­lel da­zu, in ei­ner has­ti­gen Ak­ti­on, die zwar im Licht, aber nicht di­rekt im Zu­sam­men­hang mit dem UBS-Fall stand, ak­zep­tier­te die Schweiz am 13. März 2009 die OECD-Stan­dards für Steu­er­amts­hil­fe. Im Som­mer 2009 lief so­dann ein Am­nes­tie­pro­gramm der US-Steu­er­be­hör­de: Ame­ri­ka­ni­sche Steu­er­sün­der konn­ten sich selbst an­zei­gen, sie muss­ten ih­re Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se der sechs zu­rück­lie­gen­den Jah­re de­kla­rie­ren und ei­ne Bus­se ent­rich­ten. Dann wa­ren sie «cle­an», mit sich und ih­rem Hei­mat­staat im Rei­nen.

Wis­sent­lich und wil­lent­lich ins Ri­si­ko

Spä­tes­tens ab den Jah­ren 2008 und 2009 muss­te je­de Schwei­zer Bank wis­sen, dass die Ver­wal­tung un­ver­steu­er­ter Ver­mö­gen ame­ri­ka­ni­scher Steu­er­pflich­ti­ger hoch ris­kant war. Und trotz­dem gab es of­fen­sicht­lich meh­re­re In­sti­tu­te, die ein Ge­schäft wit­ter­ten. Just zu der Zeit, als die Schweiz den USA mit den Ver­hand­lun­gen zum Staats­ver­trag glaub­haft ma­chen woll­te, dass sich ihr Fi­nanz­platz re­for­miert ha­be, über­nah­men meh­re­re Ban­ken ame­ri­ka­ni­sche Kun­den von der UBS und ver­si­cher­ten ih­nen, ihr Ver­mö­gen sei hin­ter dem Bank­kun­den­ge­heim­nis ge­schützt. Ei­ni­ge hiel­ten sich für be­son­ders schlau: Weil sie, im Ge­gen­satz zur UBS, kei­ne Ver­mö­gens­wer­te in den USA be­sas­sen, er­ach­te­ten sie sich als nicht er­press­bar.

Al­le Schwei­zer Ban­ker hat­ten ge­se­hen, wo­zu die USBe­hör­den fä­hig und wil­lens wa­ren. Trotz­dem gab es ei­ni­ge, die den Ent­scheid fäll­ten, wei­ter­hin auf die Ver­wal­tung un­ver­steu­er­ter Ver­mö­gen ame­ri­ka­ni­scher Kun­den zu set­zen. Wis­sent­lich und wil­lent­lich bo­ten sie wei­ter­hin Hand da­zu, US-Recht zu bre­chen. All die Ban­ken, die da­mals ak­tiv US-Pri­vat­kun­den von der UBS auf­nah­men, han­del­ten tö­richt. Sie wa­ren es, die den Wind ge­sät ha­ben.

Jetzt ern­ten al­le den Sturm. Bun­des­rä­tin Wid­merSchlumpf hat klar kom­mu­ni­ziert, dass die Ame­ri­ka­ner in der Ver­an­la­gung von Bus­sen be­rück­sich­ti­gen wer­den, wie sich ei­ne Bank nach 2009 ver­hal­ten hat. Gut mög­lich, dass die Ge­schich­te an­ders ver­lau­fen wä­re, wenn al­le Schwei­zer Ban­ken da­mals die Zei­chen der Zeit er­kannt hät­ten.

Wer sich heu­te er­ei­fert, das Bank­kun­den­ge­heim­nis wer­de auf Druck des Aus­lands de­mon­tiert, un­ter­liegt ei­ner Il­lu­si­on: Was die grenz­über­schrei­ten­de Ver­mö­gens­ver­wal­tung mit Kun­den aus west­li­chen In­dus­trie­län­dern be­trifft, ist das Bank­kun­den­ge­heim­nis in je­nen schick­sals­haf­ten Früh­jahrs­mo­na­ten 2009 ge­stor­ben. Vor mehr als vier Jah­ren. Wir mer­ken’s bloss erst heu­te.

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