«Selbst­an­zei­ge nut­zen»

MICHA­EL NOR­DIN Der Steu­er­an­walt for­dert Am­nes­tie­re­geln

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG - INTERVIEW: RUE­DI KEL­LER

Steu­er­an­walt Micha­el Nor­din, Part­ner der Zürcher Kanz­lei Schel­len­berg Witt­mer und Lei­ter des dor­ti­gen Steu­er­be­ra­tungs­teams, ana­ly­siert die Aus­wir­kun­gen der vom Bun­des­rat an­ge­stos­se­nen Ver­schär­fung des Steu­er­straf­rechts. Die gel­ten­de Re­ge­lung für Selbst­an­zei­gen hält er für un­zu­rei­chend. Herr Nor­din, hebt der Vor­schlag des Bun­des­rats die Un­ter­schei­dung zwi­schen Steu­er­hin­ter­zie­hung und Steu­er­be­trug für Steu­er­pflich­ti­ge in der Schweiz auf? Das «Ne­ben­ein­an­der» von Steu­er­hin­ter­zie­hung und Steu­er­be­trug ist nicht un­um­strit­ten. Es birgt das Ri­si­ko ei­ner dop­pel­ten Be­stra­fung. Mit der Re­vi­si­on des Steu­er­straf­rechts soll er­reicht wer­den, dass ein be­stimm­ter Sach­ver­halt un­ab­hän­gig von der be­trof­fe­nen Steu­er nach mög­lichst ein­heit­li­chen Grund­sät­zen be­ur­teilt wird. Als Grund­tat­be­stand ist die Steu­er­hin­ter­zie­hung vor­ge­se­hen. Sie wird de­fi­niert als vor­sätz­li­che oder fahr­läs­si­ge Hand­lung oder Un­ter­las­sung, die be­wirkt, dass der Steu­er­pflich­ti­ge kei­ne oder zu we­nig Steu­ern be­zahlt. Was kon­kret wird sich än­dern? Neu soll der Steu­er­be­trug ei­ne qua­li­fi­zier­te Form der Steu­er­hin­ter­zie­hung sein. Wäh­rend nach gel­ten­dem Recht für das Vor­lie­gen ei­nes Steu­er­be­trugs noch die Ver­wen­dung ei­ner ge­fälsch­ten Ur­kun­de nö­tig war, soll mit der neu­en Vor­la­ge ei­ne «arg­lis­ti­ge» Vor­ge­hens­wei­se be­reits aus­rei­chen für die Qua­li­fi­ka­ti­on als Steu­er­be­trug. Das Straf­mass ist zu­dem er­höht, wenn ei­ne qua­li­fi­zier­te Steu­er­hin­ter­zie­hung da­zu führt, dass Steu­er­fak­to­ren von min­des­tens 600 000 Fr. nicht de­kla­riert wer­den. Steu­er­hin­ter­zie­hung ins Vi­sier der Steu­er­be­hör­den ge­lan­gen. Die ver­an­la­gen­de Be­hör­de stellt re­gel­mäs­sig Rück­fra­gen, wenn bei­spiels­wei­se der Ver­gleich mit dem Vor­jah­res­ver­mö­gen ei­nen Zu­wachs er­gibt, der sich nicht durch Kurs­ge­win­ne an den Bör­sen er­klä­ren lässt, oder wenn sie Grund zur An­nah­me hat, dass nicht al­le Ein­künf­te aus ei­ner selb­stän­di­gen

Wün­schens­wert wä­re ei­ne Am­nes­tie, die nicht nur auf Bus­sen, son­dern auch auf Nach­steu­ern ver­zich­tet.

Tä­tig­keit de­kla­riert sind. Es ist zu hof­fen, dass der­ar­ti­ge Rück­fra­gen wei­ter­hin in ei­nem ers­ten Schritt im Auf­la­ge­ver­fah­ren er­le­digt wer­den und nicht bei je­dem Ver­dacht Ein­sicht in die Bank­da­ten der Steu­er­pflich­ti­gen ver­langt wird. Was ra­ten Sie mög­li­chen Be­trof­fe­nen? Aus Prin­zip ra­ten wir je­dem Kli­en­ten, der über un­ver­steu­er­te Ein­künf­te oder Ver­mö­gens­wer­te ver­fügt, zur Selbst­an­zei­ge. Braucht es ei­ne Er­wei­te­rung der be­ste­hen­den Re­geln für Selbst­an­zei­gen? Ei­ne um­fas­sen­de Steu­er­am­nes­tie ist rechts­po­li­tisch wün­schens­wert. Wich­tig wä­re, dass bei ei­ner erst­ma­li­gen Selbst­an­zei­ge nicht nur auf ei­ne Bus­se ver­zich­tet wird, son­dern auch auf die ge­schul­de­te Nach­steu­er plus Zin­sen. Ge­ra­de äl­te­re Per­so­nen se­hen von ei­ner Selbst­an­zei­ge ab, da sie die Steu­ern rück­wir­kend für ei­nen Zei­t­raum von zehn Jah­ren er­stat­ten müss­ten, wäh­rend ih­re Er­ben ei­ne Steu­er­nach­zah­lung le­dig­lich für die letz­ten drei Jah­re schul­den. Zu­dem ist das Recht zur straf­frei­en Selbst­an­zei­ge ver­wirkt, wenn der Steu­er­be­hör­de die Hin­ter­zie­hung be­kannt ist. Kann nun die Steu­er­ver­wal­tung Bank­da­ten oh­ne Wis­sen des Steu­er­pflich­ti­gen ein­ho­len, wird das Recht zur straf­lo­sen Selbst­an­zei­ge der Steu­er­pflich­ti­gen ein­ge­schränkt.

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