Von Frei­wil­lig­keit kann kei­ne Re­de sein

SCHWEIZ Ab­schlei­cher­lis­ten und der Druck der Auf­sichts­be­hör­den, das An­kla­ge­ri­si­ko zu be­en­den, dürf­ten fast al­le Ban­ken in die Ar­me der Us-jus­tiz­be­hör­den trei­ben

Finanz und Wirtschaft - - FINANZ - MO­NI­CA HEGG­LIN UND THO­MAS WYSS

Der Rah­men, in­ner­halb dem die Schwei­zer Ban­ken ei­ne Ver­ein­ba­rung su­chen kön­nen, ist we­der fer­tig noch fix. Das US-Jus­tiz­de­par­te­ment könn­te im Lau­fe des Jah­res die Spiel­re­geln än­dern. So ist kei­nes­wegs ge­sagt, dass die Ban­ken nur im Zu­sam­men­hang mit dem Ver­mö­gen zur Kas­se kom­men, das sie nach 2009 von der UBS über­nom­men ha­ben. In sach­li­cher Hin­sicht dürf­te es Bus­sen für al­le un­ver­steu­er­ten Gel­der von USPer­so­nen ge­ben. Si­cher scheint aber, dass prak­tisch al­le Ban­ken in ei­nen De­al mit den USA ge­zwun­gen wer­den.

Je­de Schwei­zer Bank soll den Steit mit den US-Steu­er­be­hör­den in­di­vi­du­ell re­geln. Der Bun­des­rat hat die­se Wo­che zu­han­den des Par­la­ments ein neu­es Ge­setz «über Mass­nah­men zur Er­leich­te­rung der Ber­ei­ni­gung des Steu­er­streits der Schwei­zer Ban­ken mit den Ver­ei­nig­ten Staa­ten» vor­ge­stellt. Das mit dem Zweck, den Ban­ken die Lie­fe­rung von Da­ten zu er­lau­ben. Der In­halt des US-An­ge­bots ist ge­heim. Trotz­dem soll das Par­la­ment im Eil­ver­fah­ren dar­über ent­schei­den.

Bun­des­rat kann ent­schei­den

Mit Aus­nah­me der Aus­füh­run­gen zum Schutz des Per­so­nals steht nichts im Ent­wurf, das un­be­dingt auf Ge­set­zes­stu­fe ge­hört. Die Ban­ken zu er­mäch­ti­gen, ag­gre­gier­te Da­ten und Leaver Lists zu lie­fern, kann der Ge­samt­bun­des­rat oder so­gar ein De­par­te­ments­vor­ste­her in ei­ge­ner Kom­pe­tenz ent­schei­den. Das sagt dem Ver­neh­men nach ein neu­es Gut­ach­ten. Soll­te das Par­la­ment die Vor­la­ge zu­rück­wei­sen, wä­re das al­so kein Pro­blem.

Das Pro­blem ist, dass nie­mand ge­nau weiss, was das US-An­ge­bot um­fasst. Das «Pro­gramm» ist in­so­fern glo­bal, als der ge­sam­te Fi­nanz­platz, mit Aus­nah­me der Ban­ken, die über­haupt kei­ne US-Kun­den hat­ten, in die Af­fä­re hin­ein­ge­zo­gen wird, und zwar in vier Ka­te­go­ri­en. Es ist zu be- fürch­ten, dass sich die Ban­ken nur mit ei­ner ex­or­bi­tan­ten Bus­sen­zah­lung frei­kau­fen kön­nen. Die ge­wöhn­lich gut in­for­mier­te «New York Ti­mes» will von glo­bal 7 bis 10 Mrd. $ wis­sen. Der Be­trag sol­le mög­li­cher­wei­se vom Bund vor­ge­schos­sen oder ga­ran­tiert wer­den. Das Fi­nanz­de­par­te­ment de­men­tiert. Nur: Die NYTJour­na­lis­tin Lynn­ley Brow­ning hat­te be­reits im UBS-Steu­er­streit die kor­rek­ten In­for­ma­tio­nen je­weils im Vor­aus.

Si­cher ist, dass es im­mer teu­rer wur­de. Die UBS lie­fer­te im Rah­men des Amts­hil­fe­ver­fah­rens ge­mäss Staats­ver­trag Na­men und be­zahl­te ver­gleichs­wei­se we­nig. We­ge­lin lie­fer­te kei­ne Na­men und be­zahl­te et­was mehr (näm­lich auch die Steu­ern der Kun­den, de­ren Na­men nicht ge­lie­fert wor­den sind), ins­ge­samt rund 6% der Ver­mö­gen von ame­ri­ka­ni­schen Steu­er­pflich­ti­gen. Im Rah­men der «Glo­bal­lö­sung» spricht man von Bus­sen, die bis zu 40% der ma­xi­mal vor­han­de­nen un­ver­steu­er­ten US-Ver­mö­gen be­tra­gen. Mit an­de­ren Wor­ten: Nun sol­len die Ban­ken viel be­zah­len und die Na­men letz­lich trotz­dem lie­fern. Der Fi­nanz­platz könn­te ins­ge­samt mehr Bus­se zah­len, als er un­ver­steu­er­te US-As­sets ver­wal­te­te.

Wie geht es wei­ter? Bun­des­rat Schnei­der-Am­mann sag­te am Ran­de des OECDMi­nis­ter­tref­fes in Pa­ris, das Par­la­ment wer­de al­les se­hen. Kon­kret heisst das wohl, dass die Wirt­schafts­kom­mis­sio­nen des Na­tio­nal- und Stän­de­rats die De­tails des Pro­gramms zu se­hen be­kom­men: Un­ter­la­gen könn­ten zu Be­ginn der Sit­zung aus­ge­teilt und an­schlies­send wie­der ein­ge­sam­melt wer­den.

Ei­ne Schlüs­sel­rol­le bei der kon­kre­ten Um­set­zung des «Pro­gramms» könn­te der Fin­ma zu­kom­men. Zwar be­ruht das Mit­ma­chen beim «Pro­gramm» auf Frei­wil­lig­keit, wie Fi­nanz­mi­nis­te­rin Eve­li­ne Wid­mer-Schlumpf er­klär­te. Aber die Fin­ma weiss, wel­che Ban­ken mit wie viel im Ri­si­ko ste­hen. Mit Ver­weis auf die­ses Ri­si­ko könn­ten Ban­ken fak­tisch ge­zwun­gen wer­den, sich dem US-Jus­tiz­ap­pa­rat zu stel­len und ein Schuld­ein­ge­ständ­nis mit Ablass­zah­lung (De­fer­red Pro­se­cu­ti­on Agree­ment) zu ak­zep­tie­ren. Dass die Ban­ken auch Leaver-Lis­ten (Ab­schlei­cher) an die USA wer­den lie­fern müs­sen, wird zu­dem da­für sor­gen, dass Ban­ken, die von an­de­ren In­sti­tu­ten US-Kun­den über­nom­men ha­ben, sich stel­len wer­den. Dies, um dem Ri­si­ko zu ent­ge­hen, spä­ter Ge­gen­stand ei­ner Un­ter­su­chung bzw. ei­ner An­kla­ge zu wer­den. Das Pro­gramm ist nur dem Na­men nach frei­wil­lig.

Op­ti­on Li­qui­da­ti­on

Die Ban­ken ste­cken in ei­ner heik­len La­ge. Sie ken­nen das Pro­gramm nicht und ha­ben auch kei­ne Zu­si­che­rung, dass es wäh­rend der auf ein Jahr an­ge­setz­ten Gül­tig­keits­dau­er nicht ver­än­dert wird. In­so­fern blei­ben sie der Will­kür der US-Jus­tiz aus­ge­lie­fert, die ge­le­gent­lich in drei un­ver­steu­er­ten Kun­den­de­pots ein kri­mi­nel­les Mus­ter er­kennt. Man­che Ban­ken spie­len jetzt mit dem Ge­dan­ken ei­ner vor­sorg­li­chen Li­qui­die­rung: Lie­ber jetzt aus­stei­gen als nach ei­ner US-Bus­se Plei­te ge­hen.

Ent­ge­gen der usprüng­li­chen Pro­ble­ma­tik, die sich vor al­lem auf Ban­ken be­zog, die steu­er­flüch­ti­ge UBS-Kun­den auf­nah­men, die die­se im Rah­men ih­rer Ver­ein­ba­rung mit der US-Jus­tiz los­wer­den muss­te, be­zieht sich die Of­fer­te der USBe­hör­den an­schei­nend auf al­le un­ver­steu­er­ten Gel­der von US-Per­so­nen. Es muss ge­zahlt wer­den, selbst wenn die Bank erst mit den neu­es­ten Fatca-Ab­klä­run­gen er­fah­ren ha­ben soll­te, dass ein Kun­de (auch) US-Bür­ger ist.

Mit an­de­ren Wor­ten: Die Bus­se wird hö­her. Auch scheint über­haupt nicht ge­si­chert, dass Ver­mö­gen vor 2009 nicht be­trof­fen sind, wie Clau­de-Alain Mar­ge­lisch von der Ban­kier­ver­ei­ni­gung sagt. Bö­se Zun­gen be­haup­ten des­halb, es ge­he der US-Sei­te dar­um, ei­nen be­stimm­ten, fest­ge­leg­ten Geld­be­trag vom Fi­nanz­platz her­ein­zu­ho­len; dar­an wür­den die Ban­ken ge­mes­sen – und nicht am Ver­schul­den.

Der lan­ge Schat­ten der UBS: Fast al­le Fi­nanz­in­sti­tu­te wer­den sich der US-Jus­tiz stel­len.

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