Lu­kra­ti­ve Ni­sche für Phar­ma­mul­tis

IN­TER­NA­TIO­NAL No­var­tis und Ro­che do­mi­nie­ren mar­gen­star­kes Ge­schäft mit Or­phan Drugs – Über­durch­schnitt­li­che Wachs­tums­ra­ten

Finanz und Wirtschaft - - GESUNDHEIT - DO­MI­NIK FELD­GES

Mor­bus Pom­pe ist mit welt­weit 5000 bis 10 000 Be­trof­fe­nen ei­ne sehr sel­te­ne Krank­heit. Kran­ken­ver­si­che­rer und Ge­sund­heits­be­hör­den las­sen sich die me­di­ka­men­tö­se Be­hand­lung die­ses ge­ne­ti­schen Stoff­wech­sel­lei­dens mit schlim­men Fol­gen für die Be­we­gungs­tä­tig­keit und die At­mung gleich­wohl viel kos­ten. In We­st­eu­ro­pa be­tra­gen die jähr­li­chen Aus­ga­ben bis zu 700 000 € pro Pa­ti­ent, was dem Her­stel­ler des ein­zi­gen ver­füg­ba­ren Me­di­ka­ments, Sa­no­fi, zu ei­nem lu­kra­ti­ven Ge­schäft ver­hilft.

Die Pom­pe’sche Krank­heit ist nur ei­ne von rund 7000 so­ge­nann­ten sel­te­nen Krank­hei­ten (Or­phan Di­sea­ses). De­fi­ni­ti­ons­ge­mäss sind da­von in­ner­halb der Eu­ro­päi­schen Uni­on we­ni­ger als fünf von 10 000 Ein­woh­nern be­trof­fen. In den USA, wo die Her­stel­ler neu­er Me­di­ka­men­te ge­gen Or­phan Di­sea­ses seit 1983 in der Ver­mark­tung be­son­de­re Rech­te ge­nies­sen (in der EU seit 2000, vgl. Glos­sar), er­reicht die ge­schätz­te An­zahl der Pa­ti­en­ten zu­sam­men­ge­rech­net den­noch rund 30 Mio. oder fast 10% der Be­völ­ke­rung.

Mit Me­di­ka­men­ten ge­gen sel­te­ne Krank­hei­ten, zu de­nen auch di­ver­se Krebs­ar­ten und Mul­ti­ple Sk­le­ro­se zäh­len, nahm die Phar­ma­in­dus­trie 2012 Schät­zun­gen des Markt­for­schungs­un­ter­neh­mens Eva­lua­tePhar­ma zu­fol­ge 83 Mrd. $ ein. Die bei­den gröss­ten Or­phan-Dru­gHer­stel­ler wa­ren mit ei­nem ge­mein­sa­men Markt­an­teil von 24% No­var­tis und Ro­che, ge­folgt von den US-Kon­zer­nen Pfi­zer und Cel­ge­ne (vgl. ers­te Bal­ken­gra­fik). Ac­te­li­on brach­te es mit 2% des Mark­tes knapp un­ter die zwan­zig füh­ren­den An­bie­ter.

Vie­le Be­hand­lungs­lü­cken

Auf­fal­lend ist, dass das Ge­schäft mit Or­phan Drugs in den ver­gan­ge­nen Jah­ren stär­ker ge­wach­sen ist als die Ein­nah­men aus dem üb­ri­gen Ver­kauf von re­zept­pflich­ti­gen Me­di­ka­men­ten (oh­ne Ge­ne­ri­ka). Es leg­te seit 2004 pro Jahr um über 14% zu, wäh­rend die sons­ti­gen Ein­künf­te jähr­lich le­dig­lich gut 4% stie­gen. Eva­lua­tePhar­ma, die erst­mals Pro­gno­sen für den Or­phan-

Grösste Or­phan-Drug-Her­stel­ler

AADrug-Markt ver­öf­fent­licht hat, hält die Ex­pan­si­ons­chan­cen wei­ter­hin für über­durch­schnitt­lich. Das er­war­te­te Um­satz­wachs­tum mit Or­phan Drugs dürf­te sich dem­nach bis 2018 zwar auf 7,4% pro Jahr ver­lang­sa­men, aber noch im­mer mehr als zwei­mal so viel wie im Ge­schäft mit sämt­li­chen re­zept­pflich­ti­gen Me­di­ka­men­ten (+3,7% p. a.) be­tra­gen (vgl. zwei­tes Bal­ken­dia­gramm).

Rü­cken­wind ver­schaf­fen den Her­stel­lern die in in vie­len The­ra­pie­ge­bie­ten wei­ter­hin be­ste­hen­den Be­hand­lungs­lü­cken. Weil oft noch gar kei­ne Kon­kur­renz­prä­pa­ra­te – ge­schwei­ge denn Ge­ne­ri­ka – auf dem Markt sind, ha­ben die An­bie­ter von Or­phan Drugs deut­lich mehr Spiel­raum in Preis­ver­hand­lun­gen als die Pro­du­zen­ten von Wirk­stof­fen ge­gen gän­gi­ge Lei­den wie Blut­hoch­druck, Dia­be­tes und Rheu­ma.

Ent­wick­lung Or­phan-Drug-Markt

A«Da die Be­trof­fe­nen pro Land oft we­ni­ge Dut­zend Per­so­nen und nicht sel­ten Kin­der sind, wä­re es un­ethisch, ih­nen die Be­hand­lung aus Kos­ten­grün­den zu ver­wei­gern», bringt Ru­di van den Eyn­de, Bio­tech­no­lo­gie­spe­zia­list und Fonds­ma­na­ger bei De­xia, im Ge­spräch mit FuW die Preis­fest­set­zungs­macht auf den Punkt.

Nach Ein­schät­zung von Eva­lua­tePhar­ma spre­chen auch hö­he­re In­ves­ti­ti­ons­er­trä­ge für die Or­phan-Drug-Her­stel­ler. Die Markt­for­scher schät­zen die Ren­di­te – be­zo­gen auf Wirk­stof­fe in Pha­se III oder im Zu­las­sungs­ver­fah­ren – rund 1,7mal hö­her ein als im Fall der In­ves­ti­tio­nen in sons­ti­ge re­zept­pflich­ti­ge Me­di­ka­men­te. Der Ren­di­te­vor­teil be­ruht vor al­lem auf nied­ri­ge­ren Ent­wick­lungs­kos­ten, die ge­mäss Eva­lua­tePhar­ma für Or­phan Drugs we­gen der deut­lich ge­rin­ge­ren Zahl von Pro­ban­den durch­schnitt­lich 85 Mio. $ in Pha­se III be­tra­gen – ver­gli­chen mit 186 Mio. $ im Fall der üb­ri­gen Me­di­ka­men­te.

Auf Ver­tex und Ale­xi­on set­zen

Auch um­satz­mäs­sig müs­sen sich Or­phan Drugs trotz ei­ner deut­lich klei­ne­ren Pa­ti­en­ten­po­pu­la­ti­on nicht ver­ste­cken: Die zehn um­satz­stärks­ten Pro­duk­te, die 2012 in den USA zu­ge­las­sen wur­den, kön­nen nach Er­war­tung von Eva­lua­tePhar­ma in fünf Jah­ren mit ei­nem Durch­schnitts­um­satz von 392 Mio. $ rech­nen (ver­gli­chen mit 911 Mio. $ für die Top­neu­hei­ten un­ter den üb­ri­gen Me­di­ka­men­ten).

Vor al­lem dank ih­res reich­hal­ti­gen Porte­feuilles an Krebs­me­di­ka­men­ten ha­ben No­var­tis und Ro­che Aus­sicht, 2018 wei­ter­hin den Or­phan-Drug-Markt an­zu­füh­ren. Al­ler­dings trau­en ih­nen die Eva­lua­tePhar­ma-Ana­lys­ten nur ein Um­satz­wachs­tum von je 1% pro Jahr zu. Die bes­ten Wachs­tums­chan­cen wer­den den bei­den US-Bio­tech-Ge­sell­schaf­ten Ver­tex (+53% p. a.) und Ale­xi­on (+22%) ein­ge­räumt. Ri­si­ko­fä­hi­ge An­le­ger ma­chen sich das zu­nut­ze und po­si­tio­nie­ren sich ent­spre­chend. Al­ler­dings hat die Schlag­kraft ih­ren Preis. Die Ale­xi­on-Ak­ti­en wer­den zum dreis­sig­fa­chen für 2013 er­war­te­ten Ge­winn ge­han­delt, Ver­tex dürf­te erst ab 2016 die Ge­winn­schwel­le über­schrei­ten.

In der Be­hand­lung sel­te­ner Krank­hei­ten lockt ein jähr­li­ches Markt­wachs­tum von gut 7%.

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