Früch­te des Zorns

Die di­rek­te De­mo­kra­tie kann auch di­rek­ten We­ges ins Un­heil füh­ren. Soll­te das Volk Initia­ti­ven wie «1:12», Min­dest­lohn oder Erb­schafts­steu­er an­neh­men, be­gin­ge es – aus be­grün­de­ter Em­pö­rung – Feh­ler, die dem Par­la­ment nicht un­ter­lie­fen.

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG -

Mehr Schweiz wa­gen: Da­von schwärm­ten Pro­mi­nen­te der deut­schen Par­tei «Die Lin­ke» nach dem deut­li­chen Ja zur so­ge­nann­ten Ab­zo­ckerInitia­ti­ve. Das muss die hie­si­gen Min­der-Be­für­wor­ter – So­zia­lis­ten aus­ge­nom­men – nach­denk­lich stim­men. Der Bei­fall kommt von su­spek­ter Sei­te: Hone­ckers Epi­go­nen ha­ben nicht et­wa ur­plötz­lich ihr Herz für die De­mo­kra­tie ent­deckt, son­dern bau­en die­ses pas­sen­de Vo­tum in ih­re ku­sche­lig ver­pack­ten Klas­sen­kampf­sze­na­ri­en ein.

Nach dem nüch­ter­nen Nein des Schwei­zer Volks zu ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­nen sechs Wo­chen Fe­ri­en da­ge­gen war das Aus­land noch per­plex, selbst in da und dort zag­haft bür­ger­li­chem Rest-Am­bi­en­te. Wo­her kommt, bin­nen bloss ei­nes Jah­res, ein sol­cher Schwenk von – bis da­to lan­des­ty­pisch – küh­ler Kopf­las­tig­keit zu ei­nem heiss­blü­ti­gen Bauch­ent­scheid? Und geht’s nun in die­sem po­ten­zi­ell ge­mein­ge­fähr­li­chen Heim­zahl­mo­dus wei­ter?

Ein deut­scher Be­ob­ach­ter an­de­rer Pro­ve­ni­enz, Pro­fes­sor Micha­el Wohlgemuth von der li­be­ra­len Denk­fa­brik Open Eu­ro­pe Ber­lin, ana­ly­siert das Ja zur Min­der-Vor­la­ge viel skep­ti­scher als «Die Lin­ke» in sei­ner Hei­mat oder die Lin­ken hier­zu­lan­de: «Bis­her galt die di­rek­te De­mo­kra­tie in der Schweiz als ein pro­ba­tes Mit­tel, das es Bür­gern er­laubt, sorg­fäl­tig ab­zu­wä­gen, wie ihr ei­ge­nes Steu­er­geld ver­wen­det wer­den soll. Das ist et­was völ­lig an­de­res als wenn ei­ne Mehr­heit dar­über ent­schei­det, wie viel Geld an­de­re ver­die­nen dür­fen.» Das sag­te Wohlgemuth jüngst an der Gott­fried-von-Ha­ber­ler-Kon­fe­renz (zu Eh­ren ei­nes Öko­no­men der Ös­ter­rei­chi­schen Schu­le) in Va­duz.

Vor ei­ner Um­ver­tei­lungs­or­gie

In der Schweiz ste­hen Ab­stim­mun­gen be­vor, in de­nen es ge­nau dar­um geht: das Geld an­de­rer Leu­te. Just des­halb üb­ri­gens kam der hie­si­gen Lin­ken die Initia­ti­ve des Un­ter­neh­mers Tho­mas Min­der so kom­mod – in iro­ni­schem Kon­trast zum be­zweck­ten Ei­gen­tü­mer­schutz. Nicht zum ers­ten Mal be­sor­gen Bür­ger­li­che mit­un­ter das Ge­schäft der Lin­ken. Letzt­lich we­ni­ger der Initi­ant selbst als, ur­säch­lich, ein paar un­se­li­ge Raff­kes.

Nächs­tes Wo­che­n­en­de wird die Be­völ­ke­rung des Kan­tons Zü­rich über die so be­ti­tel­te «Bon­zen­steu­er» der Jung­so­zia­lis­ten ab­stim­men, der Re­tro-Jün­ger des St. Marx. Das ist nur ein Auf­takt, denn im No­vem­ber wird das Schwei­zer Volk be­fin­den über die Ju­so-Initia­ti­ve «1:12 – Für ge­rech­te Löh­ne». Hän­gig sind wei­ter Be­geh­ren wie «Mil­lio­nen-Erb­schaf­ten be­steu­ern für un­se­re AHV (Erb­schafts­steu­er­re­form)» von christ­li­chen Krei­sen, SP und Ge­werk­schafts­bund, dann «Für den Schutz fai­rer Löh­ne (Min­dest­lohninitia­ti­ve)» des Schwei­ze­ri­schen Ge­werk­schafts­bunds, fer­ner, oh­ne An­spruch auf Voll­stän­dig­keit, die Initia­ti­ven zur Ab­schaf­fung der Pau­schal­be­steue­rung, für den Aus­bau der AHV oder – eso­te­risch – für ein «be­din­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men».

Soll­ten et­wa «1:12» oder «Min­dest­lohn» an­ge­nom­men wer­den, dann wä­re die Markt­wirt­schaft in Ge­fahr, wenn nicht pas­sé, denn die Schweiz hät­te oh­ne Not de­ren Kern kor­set­tiert: den bis­her vor­teil­haft fle­xi­blen Ar­beits­markt. Dass sich die Ge­werk­schaf­ten mit der Zeit selbst über­flüs­sig ma­chen, wenn sie al­les und je­des ins Ar­beits­recht schrei­ben wol­len, sei nur ne­ben­bei be­merkt.

De­tail­lier­te Scha­den­ab­schät­zun­gen für den Stand­ort Schweiz wer­den sich im Vor­feld der Ab­stim­mun­gen häu­fen. Hier da­her nur zur War­nung, wo­hin so was führt, am Bei­spiel Frank­reichs: Der Nach­bar ist nicht we­gen neo­li­be­ra­len Markt­wü­tens maro­de und für Di­rekt­in­ves­to­ren Ana­the­ma, son­dern we­gen des Re­gu­lie­rungs­mo­lochs.

Die an­geb­lich «ent­fes­sel­ten» Märk­te» mit ent­fes­sel­ter Po­li­tik zu kon­tern, wä­re ei­ne fa­ta­le Über­re­ak­ti­on; wenn so das vom Main­stream ge­for­der­te Pri­mat der Po­li­tik aus-

In der Schweiz war bis da­to das Volk wei­se ge­nug, den Staat zu zü­geln. Vor­bei?

schaut, dann gu­te Nacht. Be­denk­lich ist eben: Im sonst häu­fig glanz­lo­sen Ber­ner Par­la­ment hat der­glei­chen grob­schläch­ti­ger In­ter­ven­tio­nis­mus kei­ne Chan­ce. Doch nun macht es den An­schein, als ob der di­rek­te Weg über Ple­bis­zi­te zu ein­deu­ti­gen Fehl­ent­schei­den of­fen­stün­de, das «Volk», in Ab­kehr von be­währ­ter Tra­di­ti­on, plötz­lich mut­wil­li­ger agier­te als die Po­li­ti­ker, die di­rek­te De­mo­kra­tie von der Lö­sung zum Pro­blem de­ge­ne­rier­te.

Re­fe­ren­dum und Initia­ti­ve lies­sen sich bis­lang ge­ra­de­zu als Ex­port­gut emp­feh­len, denn in Eu­ro­pa ha­ben ein­deu­tig die mehr oder we­ni­ger re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­ti­en ver­sagt bzw. tun es noch. In der Schweiz da­ge­gen war bis da­to das Volk, will heis­sen die Mehr­heit der je­weils ab­stim­men­den Min­der­heit, wei­se ge­nug, den Staat zu zü­geln, et­wa in­dem es ei­ne Schul­den­brem­se in die Ver­fas­sung schrieb. Vor­bei? Wenn ja, wie­so nur?

Es hat sich of­fen­kun­dig et­was ver­scho­ben an der Ba­sis, pa­ra­dox ge­nug in ei­nem der – ab­so­lut und re­la­tiv – be­nei­dens­wer­tes­ten Län­der des Kon­ti­nents, ja der Welt. Die Vox-Ab­stim­mungs­ana­ly­se 2012 des Ber­ner For­schungs­in­sti­tuts GfS kommt zur we­nig er­mu­ti­gen­den The­se, dass «ei­ne ten­den­zi­el­le Ver­schie­bung der Prä­fe­ren­zen zwi­schen Wett­be­werb und Staats­ein­grif­fen» statt­fin­de; «Staats­ein­grif­fe wer­den häu­fi­ger als wün­schens­wert be­schrie­ben als vor Aus­bruch der Wirt­schafts­kri­se 2008».

Oh­ne mo­no­k­au­sal ar­gu­men­tie­ren zu wol­len: Die Ret­tung der UBS durch die Eid­ge­nos­sen­schaft hat ge­sell­schaft­li­chen Flur­scha­den hin­ter­las­sen; dem Staat wird nun mehr, der Wirt­schaft we­ni­ger ver­traut als zu­vor. Der Be­ginn der Ero­si­on lässt sich wo­mög­lich be­reits auf den Zu­sam­men­bruch der Swis­sair 2001 zu­rück­da­tie­ren.

Oder der Grund liegt noch tie­fer, ganz wett­be­werb­lich ge­dacht: Mit dem «En­de der Ge­schich­te», dem Mau­er­fall von 1989, war die Sys­tem­kon­kur­renz be­sei­tigt. Das hat das Mo­dell De­mo­kra­tie plus Markt­wirt­schaft zu selbst­ge­fäl­lig ge­macht (Chi­na ist wirt­schaft­lich ein Kon­kur­rent, das po­li­ti­sche Sys­tem je­doch, we­nigs­tens im Wes­ten, un­at­trak­tiv). Er­schwe­rend kam das Ba­n­au­sen­tum ein­zel­ner Ex­po­nen­ten aus den Ma­na­ge­reli­ten hin­zu; ih­re ge­dan­ken­lo­sen Lohn­ex­zes­se und/oder In­kom­pe­tenz ha­ben in der Schweiz, in der durch­aus noch ein kor­po­ra­tis­ti­sches Ge­mein­schafts­ver­ständ­nis wirkt, für Groll ge­sorgt.

Nun ist die Ge­schich­te der ra­di­ka­len Lin­ken – wo­zu die hie­si­gen Ab­le­ger gros­so mo­do zu rech­nen sind – im Kern ei­ne der Em­pö­rungs­be­wirt­schaf­tung. Der Phi­lo­soph Pe­ter Slo­ter­di­jk be­schreibt die­se Be­we­gun­gen als «po­li­ti­sche Af­fekt­sam­mel­stel­len»: Sie hor­ten in­stinkt­si­cher die ge­ne­rö­sen Spen­den der Ge­gen­sei­te und hal­ten den Topf der Er­grimmt­heit am Ko­chen, se­kun­diert von vie­len Me­di­en. Die­ses an­ge­häuf­te po­li­ti­sche Ka­pi­tal wird nun in­ves­tiert, mit be­denk­lich gu­ter Ren­di­teaus­sicht.

Es ist der Lin­ken kon­kret be­reits ge­lun­gen, durch agi­ta­to­ri­schen Dau­er­be­schuss ihr Schmäh­vo­ka­bu­lar («Bon­zen», «Ab­zo­cker», «Heu­schre­cken», «Ren­ten­klau», «Steu­er­ge­schen­ke», «Tur­bo­ka­pi­ta­lis­mus» usf.) in sprach­li­ches All­ge­mein­gut zu über­füh­ren. Eben­so un­hin­ter­fragt sind mitt­ler­wei­le ih­re Heils­for­meln («ge­recht», «so­li­da­risch», «so­zi­al»). Die­se In­dok­tri­na­ti­on ver­än­dert das öf­fent­li­che Be­wusst­sein, we­nigs­tens das ver­öf­fent­lich­te. Dass en pas­sant un­ap­pe­tit­li­che Ge­füh­le des Neids («die­ser gros­sen Stoss­kraft al­ler Re­bel­lio­nen», Fried­rich Dür­ren­matt) sub­til an­ge­spro­chen wer­den, ver­steht sich von selbst.

Emo­tio­na­le Aus­nüch­te­rung – su­bi­to

Den eta­tis­ti­schen Ver­füh­rern nach­zu­ge­ben aus – im An­satz nach­emp­find­ba­rem! – Be­dürf­nis, noch mehr Dampf ab­zu­las­sen, wä­re ein selbst­zer­stö­re­ri­scher Spur­wech­sel: vom markt­wirt­schaft­li­chen Er­folgs­pfad auf den­je­ni­gen plan­wirt­schaft­li­cher Un­tu­gend. Ein klas­si­scher Tri­umph der Hoff­nung über die Er­fah­rung. Es ist eben nicht ein­fach die (zum Teil) di­rek­te De­mo­kra­tie per se, die für Mass und Ver­nunft sorgt. Sie ist nicht au­to­ma­tisch ein Kor­rek­tur­or­gan zu über­spann­tem Be­rufs­po­li­ti­ker­tum. Das leis­tet di­rek­te De­mo­kra­tie of­fen­kun­dig nur, so­fern die Ge­sell­schaft mit sich selbst ei­ni­ger­mas­sen im Lot ist.

Es spricht Bän­de, dass Eco­no­mie­su­is­se heu­te oft mit Hohn über­zo­gen wird, wäh­rend ado­les­zen­te Ideo­lo­gieAlt­wa­ren­händ­ler fast schon Re­spekt ge­nies­sen, trotz ih­rer au­gen­fäl­lig kar­gen In­si­der­kennt­nis­se des Er­werbs- und Steu­er­le­bens. Die be­son­ne­nen Kräf­te im Land wir­ken ver­dat­tert und tre­ten dem ag­gres­si­ven Zeit-Un­geist nur len­den­lahm ent­ge­gen. Sie müs­sen sich schleu­nigst auf­raf­fen und für emo­tio­na­le Aus­nüch­te­rung sor­gen, die Ba­sis eben­so sehr zur Ord­nung ru­fen wie die an­ge­stell­ten Gross­ver­die­ner. Miss­lingt das, dann wird das Schwei­zer Volk der­einst bit­te­re Früch­te des Zorns ern­ten.

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