«Chi­na muss auf Atom­ener­gie set­zen»

Bun­des­rä­tin Do­ris Leuthard über die Strom­pro­duk­ti­on in Asi­en und der Schweiz, über Fort­schrit­te in der For­schung und Per­spek­ti­ven für die So­lar­in­dus­trie im In­land

Finanz und Wirtschaft - - PRAKTIKUS/PORTRÄT - ERNST HERB,

Der Aus­stieg aus der Atom­ener­gie in der Schweiz ist er­klär­tes Ziel des Bun­des­rats. An­ders sieht das in auf­stre­ben­den Schwel­len­län­dern aus. In Chi­na, In­di­en oder auch In­do­ne­si­en sind ge­gen­wär­tig Dut­zen­de von neu­en Nu­kle­ar­kraft­wer­ken im Bau oder be­fin­den sich in ei­ner vor­ge­rück­ten Pla­nungs­pha­se. Das schürt Ängs­te, die Schweiz ver­lie­re mit ih­rem frei­wil­li­gen Ver­zicht auf güns­ti­ge Atom­ener­gie auf den in­ter­na­tio­na­len Märk­ten an Wett­be­werbs­fä­hig­keit.

Es stellt sich die Fra­ge, ob die Schweiz oder Chi­na den rich­ti­gen Weg ge­wählt hat. Bun­des­rä­tin Do­ris Leuthard, Vor­ste­he­rin des Eid­ge­nös­si­schen De­par­te­ments für Um­welt, Ver­kehr, Ener­gie und Kom­mu­ni­ka­ti­on (Uvek), hält die Fra­ge für ir­re­füh­rend. Ein Ver­gleich las­se sich an­ge­sichts des un­ter­schied­li­chen Ent­wick­lungs­stands der Volks­wirt­schaf­ten nicht ma­chen, sagt die Ener­gie­mi­nis­te­rin im Ge­spräch mit «Fi­nanz und Wirt­schaft».

Rasch stei­gen­de Nach­fra­ge

«Chi­na muss so­wohl zur Si­cher­stel­lung sei­ner schnell stei­gen­den Ener­gi­e­nach­fra­ge als auch zur Re­du­zie­rung der gros­sen Ab­hän­gig­keit von Im­por­ten vor­der­hand al­le Mög­lich­kei­ten der Ener­gie­ge­win­nung aus­nut­zen. Die­ses Vor­ge­hen ist aber kein Be­leg da­für, dass die Nut­zung der Atom­ener­gie, wie wir sie heu­te ken­nen, ei­ne Tech­no­lo­gie der Zu­kunft ist», sagt sie. Für Bun­des­rä­tin Leuthard, die ver­gan­ge­ne Wo­che auf Ar­beits­be­such in Pe­king und Hong­kong war, ist die Aus-

Die Kos­ten­vor­tei­le der Atom­ener­gie sind nicht gleich wie vor vier­zig Jah­ren.

del­ten Land wie der Schweiz gross.» Chi­na als aus­ge­dehn­ter Flä­chen­staat ver­fü­ge über un­gleich mehr Land­re­ser­ven.

Die Schwei­zer Ener­gie- und Um­welt­mi­nis­te­rin er­öff­ne­te an der Hong­kon­ger Chi­ne­se Uni­ver­si­ty ein Se­mi­nar über die Rol­le um­welt­freund­li­cher Tech­no­lo­gi­en in ur­ba­nen Ge­sell­schaf­ten. Da­bei rich­te­te sie ei­nen Ap­pell an die Wis­sen­schaft­ler, die For­schung über zu­kunfts­träch­ti­ge Ener­gie­for­men zu ver­stär­ken. Es stellt sich in­des die Fra­ge, wie rea­lis­tisch der Wunsch nach ei­nem wis­sen­schaft­li­chen Durch­bruch auf die­sem Ge­biet ist.

Leuthard ist über­zeugt, dass die Zu­kunft heu­te be­reits teil­wei­se Rea­li­tät ge­wor­den ist. «Im Trans­port­be­reich sind die tech­no­lo­gi­schen Lö­sun­gen be­reits vor­han­den. Schwei­zer Kon­su­men­ten kau­fen gern ver­brauchs­ar­me Au­tos, da sie da­mit Kos­ten spa­ren», sagt sie im Ge­spräch. Es sei nur ei­ne Fra­ge der Zeit, bis auch in den Schwel­len­län­dern der Ver­brauch zu ei­nem wich­ti­ge­ren Kauf­kri­te­ri­um wer­de. Der tech­ni­sche Fort­schritt zur Re­du­zie­rung des Aus­stos­ses von CO2 sei ein stets fort­lau­fen­der Pro­zess. Hier sei ein wis­sen­schaft­li­cher «Durch­bruch» kaum mehr nö­tig. Das­sel­be trifft ih­rer Mei­nung nach auch auf den Hoch­bau zu, wo kli­ma­neu­tra­le Lö­sun­gen be­reits be­stün­den.

In der So­lar- und Wind­ener­gie sei­en auch gros­se tech­ni­sche Fort­schrit­te ge­macht wor­den. «Hier ist die ge­wich­tigs­te Her­aus­for­de­rung die Spei­che­rung des Stroms. Um die For­schung vor­an­zu­trei­ben, hat die Eid­ge­nös­si­sche Tech­ni­sche Hoch- schu­le im Rah­men des Wis­sen­schafts­pa­kets mehr Geld er­hal­ten», führt sie aus. Kon­kret ge­he es dar­um, den im Som­mer im Über­schuss pro­du­zier­ten Strom zu spei­chern, um ihn dann im Win­ter, wenn der Ver­brauch stei­ge, zu nut­zen. «Hier be­steht Hand­lungs­be­darf, doch hof­fe ich, dass die For­schung Ant­wor­ten lie­fern wird. Die Wis­sen­schaft­ler sind gu­ten Mu­tes, dass es bald schon ei­nen Durch­bruch bei der Spei­che­rung gibt», sagt die Bun­des­rä­tin. Für die kom­mer­zi­el­le Nut­zung die­ser Tech­no­lo­gie hält sie ei­nen Zeit­ho­ri­zont von zehn Jah­ren für rea­lis­tisch.

Das wür­de wohl auch der So­lar­in­dus­trie, die ge­gen­wär­tig we­gen grös­se­rer Über­ka­pa­zi­tä­ten ein zy­kli­sches Tief durch­läuft, fri­sche Im­pul­se ge­ben. Die Ver­zer­run­gen auf dem Pho­to­vol­ta­ik­markt be­las­ten die Wirt­schafts­be­zie­hun­gen Chi­nas mit der

Trends in der Strom­pro­duk­ti­on Eu­ro­päi­schen Uni­on und den USA. In den Au­gen Brüs­sels und Wa­shing­tons kom­men chi­ne­si­sche Pro­du­zen­ten von Son­nen­kol­lek­to­ren in den Ge­nuss von un­fai­ren Sub­ven­tio­nen. Bil­li­ge chi­ne­si­sche Ex­por­te ha­ben der eu­ro­päi­schen und der ame­ri­ka­ni­schen Kon­kur­renz schwer zu­ge­setzt.

Ex­port­ori­en­tier­te Po­li­tik

Das ha­be für die End­ab­neh­mer we­gen der tie­fen Prei­se zwar an­ge­neh­me Fol­gen und er­hö­he wie ge­wünscht auch die Quo­te der So­lar­ener­gie, meint die Uvek-Vor­ste­he­rin. Den­noch ist sie aus ord­nungs­po­li­ti­schen Über­le­gun­gen ge­gen die­se staat­li­chen Markt­ein­grif­fe. «Sol­che mas­si­ven Sub­ven­tio­nen sind ein fal­scher An­satz. Da­her un­ter­stüt­zen wir ihn nicht.»

Schwei­zer Un­ter­neh­men be­fin­den sich in die­sem Han­dels­streit in ei­ner be­son­de­ren Si­tua­ti­on, bie­ten sie doch ent­lang der gan­zen Wert­schöp­fungs­ket­te Solar­tech­nik an. Ent­spre­chend gross war in den ver­gan­ge­nen Jah­ren die Nach­fra­ge nach Ma­schi­nen und An­la­gen. Bun­des­rä­tin Leuthard ver­gleicht es mit ei­nem Stroh­feu­er, das nun ab­ge­brannt sei. Es ge­he jetzt dar­um, dass Chi­na we­ni­ger auf den Ex­port set­ze, son­dern ver­mehrt So­lar­zel­len im Land selbst in­stal­lie­re. «Die­se Ent­wick­lung ha­ben wir in Pe­king the­ma­ti­siert. Sie ist Teil der in der lau­fen­den Fün­fjah­res­pla­nung fest­ge­leg­ten Ener­gie­po­li­tik der neu­en Re­gie­rung.» Wenn das zum Tra­gen kom­me, se­he es auch für die Schwei­zer So­lar­in­dus­trie wie­der bes­ser aus.

Für Ener­gie­mi­nis­te­rin Do­ris Leuthard ist die Spei­che­rung von Strom aus So­lar- und Wind­parks ein zen­tra­les For­schungs­the­ma.

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