Staat­li­che Kon­junk­tur­hil­fen sind längst Lu­xus ge­wor­den

Die Rol­le der öf­fent­li­chen Hand in Zei­ten der Aus­te­ri­tät – Lohn- und Ge­halts­kür­zun­gen be­las­ten das Brut­to­in­land­pro­dukt dop­pelt – Schweiz läuft ge­gen den Trend

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - ANDRE­AS NEIN­HAUS

Öf­fent­li­che Aus­ga­ben Frank­reich

Öf­fent­li­cher Di­enst Spa­ni­en Die kürz­lich ver­öf­fent­lich­ten Hoch­rech­nun­gen des Brut­to­in­land­pro­dukts (BIP) vie­ler In­dus­trie­län­der le­gen of­fen, wie sich der Staat aus der wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on zu­rück­zieht. Nur noch sel­ten trägt die öf­fent­li­che Hand zum Wirt­schafts­wachs­tum bei und stützt die Nach­fra­ge. «Die meis­ten Län­der kön­nen sich staat­li­che Di­enst­leis­tun­gen kaum noch leis­ten. Sie schei­nen ein Lu­xus­gut ge­wor­den zu sein», sagt Bru­no Par­ni­sa­ri.

Er weiss, wo­von er spricht. Seit vie­len Jah­ren ist er ver­ant­wort­lich für die BIPQuar­tals­schät­zun­gen des Eid­ge­nös­si­schen Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums in Bern. In die­ser Rol­le hat­te er Ge­le­gen­heit, zahl­rei­che kon­junk­tu­rel­le Auf- und Ab­schwün­ge zu ana­ly­sie­ren. Was der­zeit ge­schieht, ist in­des ein No­vum. Die Schweiz ge­hört mit Lu­xem­burg in­zwi­schen zu den Aus­nah­me­län­dern, in de­nen der staat­li­che Kon­sum for­ciert wird und der öf­fent­li­che Sek­tor die Kon­junk­tur stützt (vgl. Gra­fik). Dass die Schweiz zur letz­ten Bas­ti­on der Keyne­sia­ner wer­den wür­de, hät­ten wohl nur we­ni­ge Öko­no­men für mög­lich ge­hal­ten.

Keynes auf schwei­ze­risch

Als die Welt­wirt­schaft 2008/09 ein­brach und die füh­ren­den In­dus­trie­na­tio­nen mit gi­gan­ti­schen Kon­junk­tur­pa­ke­ten der Wirt­schaft zu Hil­fe ka­men, hielt sich die Schweiz zu­rück. Kei­ne teu­ren Ab­wrack­prä­mi­en, um die Au­to­ver­käu­fe zu sti­mu­lie­ren, wie an­ders­wo, son­dern fi­nan­zi­ell mög­lichst neu­tra­le und trotz­dem ef­fek­ti­ve Mi­ni­mal­mass­nah­men wur­den da­mals be­schlos­sen. Ge­gen­wär­tig trägt der Schwei- zer Staat vor al­lem dank sei­ner Re­kru­tie­rungs­po­li­tik zum BIP-Wachs­tum bei. Al­lein im vier­ten Quar­tal 2012 lies­sen sich fast 40% des Be­schäf­ti­gungs­wachs­tums bei Di­enst­leis­tun­gen auf ei­nen Zu­wachs in der öf­fent­li­chen Ver­wal­tung, bei Er­zie­hung und Un­ter­richt so­wie in Ge­sund­heits- und So­zi­al­we­sen zu­rück­füh­ren.

Die Re­kru­tie­rung treibt den Staats­kon­sum in die Hö­he. Die­se wich­ti­ge Nach­fra­ge­kom­po­nen­te des BIP – ne­ben pri­va­tem Kon­sum, In­ves­ti­tio­nen oder Ex­port­nach­fra­ge – wird näm­lich pri­mär über die Löh­ne und Ge­häl­ter be­rech­net, die im öf­fent­li­chen Di­enst ge­zahlt wer­den. Ver­län­gert sich die Lohn­lis­te des Staa­tes, wei­tet sich der sta­tis­tisch ge­mes­se­ne Staats­kon­sum aus und steigt der Wachs­tums­bei­trag zum BIP.

Um­ge­kehrt be­las­tet die Strei­chung von Stel­len di­rekt das na­tio­na­le Wirt­schafts­wachs­tum. Die­ses De­tail der BIP-Be­rech­nung ist von Be­deu­tung, um die Wir­kung der Aus­te­ri­täts­po­li­tik zu in­ter­pre­tie­ren. In Grie­chen­land sind die Löh­ne im öf­fent­li­chen Di­enst seit 2009/10 um 30% ge­sun­ken, in Por­tu­gal 10%, in Spa­ni­en 6 und in Ita­li­en 3%. Zu­dem wur­den Ent­las­sun­gen vor­ge­nom­men, die sich we­gen des ver­gleichs­wei­se aus­ge­präg­ten Kün­di­gungs­schut­zes der Be­am­ten auf Tem­po­r­är­be­schäf­tig­te kon­zen­trier­ten (vgl. Gra­fik). Die Re­gie­run­gen setz­ten die­se fi­nan­zi­el­len Ein­spa­run­gen durch, um den Staats­haus­halt zu sa­nie­ren. Sie nah­men da­bei in­di­rek­te Wachs­tum­s­ein­bus­sen für die Ge­samt­wirt­schaft in Kauf, wenn vie­le Fa­mi­li­en an­ge­sichts des Ein­kom­mens­rück­gangs we­ni­ger Geld aus­ge­ben.

Zu­sätz­lich hat die re­strik­ti­ve Lohn­po­li­tik auch den di­rek­ten sta­tis­ti­schen Ef­fekt auf das BIP, weil sie den Staats­kon­sum dros­selt. Ein dop­pel­ter Schlag für die Ge- samt­nach­fra­ge al­so und ei­ne der Ur­sa­chen für den über­ra­schend schar­fen Ein­bruch der Kon­junk­tur.

Frank­reich in­ves­tiert we­ni­ger

Aus­läu­fer der Aus­te­ri­täts­po­li­tik ha­ben auch Ker­n­eu­ro­pa er­reicht. Frank­reich be­schrei­tet da­bei ei­nen un­ge­wöhn­li­chen Weg. Die staat­li­chen Kon­sum­aus­ga­ben wer­den kaum ge­dros­selt, zum Aus­gleich zieht sich die öf­fent­li­che Hand als In­ves­tor zu­rück (vgl. Gra­fik). Das ist spe­zi­ell für die Gran­de Na­ti­on kon­tra­pro­duk­tiv. Denn staat­li­che In­ves­ti­ti­ons­aus­ga­ben spie­len dort tra­di­tio­nell ei­ne wich­ti­ge Rol­le. Sie ma­chen rund 16% der Ge­samt­in­ves­ti­tio­nen aus. In Deutsch­land bei­spiels­wei­se trägt der Staat we­ni­ger als 10% zu den In­ves­ti­tio­nen bei.

Der öf­fent­li­che Sek­tor wird noch lan­ge kei­ne po­si­ti­ven Im­pul­se lie­fern. Die EUKom­mis­si­on kün­digt in ih­ren Früh­jahrs­pro­gno­sen an, dass die Kür­zun­gen bei den Löh­nen und Ge­häl­tern des Staa­tes so­wie den öf­fent­li­chen In­ves­ti­tio­nen noch min­des­tens die­ses Jahr an­hal­ten wer­den. Dass der Staat Per­so­nal auf­stockt, ist rei­ne Il­lu­si­on. Ein­zig die letz­ten Mo­nat ge­währ­te Frist­ver­län­ge­rung beim De­fi­zit­ab­bau für sechs Staa­ten (in­klu­si­ve Frank­reichs und Spa­ni­ens) dämpft den Ab­wärts­trend. Die OECD schätzt, dass der fis­ka­li­sche Spar­druck nächs­tes Jahr nur noch halb so gross aus­fal­len wird wie 2010.

Üb­ri­ges Geld ha­ben die Re­gie­run­gen des­halb trotz­dem nicht. Auf die Fra­ge, ob Rom an­ge­sichts des Ein­bruchs der ita­lie­ni­schen Au­to­käu­fe im Mai an staat­li­che Hil­fen den­ke wie frü­her, ant­wor­te­te Wirt­schafts­mi­nis­ter Fla­vio Za­no­na­to am Mon­tag glas­klar: «Nein, si­cher nicht.»

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