Tür­kei scho­ckiert An­le­ger

Über­trie­be­ne Furcht vor Tür­ki­schem Früh­ling – Wirt­schaft ab­hän­gig von aus­län­di­schem Ka­pi­tal

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - ALEXANDER TRENTIN

Bis ver­gan­ge­ne Wo­che wa­ren aus­län­di­sche In­ves­to­ren auf die Tür­kei meist gut zu spre­chen. Das Land liegt beim Wirt­schafts­wachs­tum der letz­ten zehn Jah­re auf Platz eins in der OECD. Seit 2002 ist das Brut­to­in­land­pro­dukt pro Kopf von 3500 auf 10 500 $ ge­stie­gen. Der ge­mäs­sigt is­la­mis­ti­schen AKPRe­gie­rung un­ter Pre­mier­mi­nis­ter Re­cep Tay­yip Er­do­gan schien die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung wich­ti­ger als Ideo­lo­gie.

Mit Stolz wur­de im Mai die Rück­zah­lung der letz­ten Tran­che ei­nes Kre­dits des In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds ver­mel­det. Der im März ver­kün­de­te Frie­dens­plan mit der kur­di­schen PKK schien den letz­ten Ma­kel der tür­ki­schen Ge­sell­schaft ver­schwin­den zu las­sen. Im No­vem­ber 2012 gab die Ra­tin­ga­gen­tur Fitch den Staats­an­lei­hen das be­gehr­te Sie­gel In­vest­ment Gra­de (An­la­ge­qua­li­tät), Mit­te Mai folg­te Moo­dy’s.

Schock für Ka­pi­tal­märk­te

Dann das: Die ge­walt­sa­me Nie­der­schla­gung ei­nes Pro­tests ge­gen die Über­bau­ung des klei­nen Ge­zi-Parks beim Tak­simPlatz in Istan­bul hat ei­nen Flä­chen­brand ent­facht. Op­po­si­tio­nel­le Grup­pen nutz­ten die Pro­tes­te, um ih­rer Frus­tra­ti­on über die Re­gie­rung Luft zu ma­chen. Ab Sonn­tag ka­men Kund­ge­bun­gen in der Haupt­stadt Ankara und an­de­ren Städ­ten hin­zu.

Die Ka­pi­tal­märk­te re­agier­ten scho­ckiert. Der Istan­bu­ler Bist Na­tio­nal 100 In­dex ver­lor am Mon­tag 10,4%. Seit dem Jah­res­hoch vom 22. Mai hat er gar über 15% ein­ge­büsst und ei­nen Gross­teil sei­nes Vor­sprungs auf die an­de­ren Schwel­len­märk­te ver­lo­ren (vgl. Gra­fik). Die tür­ki­sche Va­lu­ta kos­te­te am Mon­tag mit 1.9010 Li­ra/$ so we­nig wie seit sieb­zehn Mo­na­ten nicht mehr. Das ent­spricht ei­ner Ab­wer­tung von 4,6% seit An­fang Mai. Die An­le­ger ver­lang­ten für tür­ki­sche zehn­jäh­ri­ge Staats­an­lei­hen nach dem Wo­che­n­en­de über 0,7 Pro­zent­punk­te mehr Ren­di­te – ein re­kord­schnel­ler Zins­an­stieg. Am Di­ens­tag er­hol­te sich der Ak­ti­en­in­dex mit ei­nem Plus von 3,5% ein we­nig.

Wäh­rend Pre­mier Er­do­gan ex­tre­mis­ti­sche Grup­pen, «die in den Wah­len ge­gen uns nicht ge­win­nen konn­ten», für die Aus­schrei­tun­gen ver­ant­wort­lich macht, zeigt sich Prä­si­dent Ab­dul­lah Gül ver­söhn­li­cher. «Wir ha­ben die Bot­schaft ver­stan­den», ver­kün­de­te er. Die Tür­kei sei ei­ne plu­ra­lis­ti­sche De­mo­kra­tie, in der Re­gie­rungs­of­fi­zi­el­le ler­nen müss­ten, Leu­ten mit an­de­ren An­sich­ten bes­ser zu­zu­hö­ren. «De­mo­kra­tie be­deu­tet nicht nur Wah­len. Wir soll­ten fried­li­che De­mons­tra­tio­nen re­spek­tie­ren», mahnt Gül.

Die meis­ten po­li­ti­schen Be­ob­ach­ter er­war­ten kei­nen re­vo­lu­tio­nä­ren Tür­ki­schen Früh­ling – als Ara­bi­scher Früh­ling ist die Pe­ri­ode vor zwei Jah­ren be­kannt, in der ei­ne gan­ze Rei­he von Re­gimes im ara­bi­schen Raum stürz­te. Viel­mehr wird von ei­ner kom­ple­xen La­ge mit vie­len Ein­fluss­fak­to­ren ge­spro­chen. Die Über­bau­ung des Ge­zi-Parks ver­är­gert Um­welt­schutz­grup­pen eben­so wie Tra­di­tio­na­lis­ten. Aber die Wut ge­gen den au­to­ri­tä­ren Kurs der Re­gie­rung ist wohl der Haupt­trei­ber. Doch selbst Op­po­si­tio­nel­le müs­sen an­er­ken­nen, dass die AKP-Re­gie­rung vom Gross­teil der Be­völ­ke­rung un­ter­stützt wird. Al­ler­dings fühlt sich ei­ne ur­ba­ne Schicht durch die kon­ser­va­ti­ve Re­gie­rungs­po­li­tik – et­wa bei der Ein­schrän­kung des Al­ko­hol­ver­kaufs – nicht ver­tre­ten.

So­zia­le Span­nun­gen

Da­zu kom­men so­zia­le Span­nun­gen, die das ho­he Wirt­schafts­wachs­tum der ver­gan­ge­nen Jah­re nicht be­rei­ni­gen konn­te. Die Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit liegt bei 30%. Ein Vier­tel al­ler Kin­der lebt un­ter der Ar­muts­gren­ze – mehr als in al­len an­de­ren Mit­glied­staa­ten der OECD. Eben­so ran­giert das per­sön­li­che Glücks­emp­fin­den der Tür­ken auf der Rang­lis­te ganz hin­ten.

Ver­gan­ge­nes Jahr hat­te sich der wirt­schaft­li­che Auf­wärts­trend spür­bar ver­lang­samt. Das Brut­to­in­land­pro­dukt wuchs mit ei­ner Ra­te von nur noch 2,2%, nach 8,8% im Jahr da­vor. Für die­ses Jahr wird nur ei­ne lang­sa­me Ver­bes­se­rung er­war­tet. Haupt­sor­ge ist die schwa­che Nach­fra­ge aus Eu­ro­pa. Das chro­nisch ho­he Leis­tungs­bi­lanz­de­fi­zit von 6% der Wirt­schafts­leis­tung macht das Land ab­hän­gig vom Im­port aus­län­di­schen Ka­pi­tals.

Ein ra­scher Ab­zug aus­län­di­scher In­ves­to­ren­gel­der wä­re für die tür­ki­sche Wirt­schaft fa­tal. Die Re­gie­rung wird wohl schon al­lein des­we­gen wei­ter wirt­schafts­freund­lich agie­ren. Da­bei muss sie ei­nen bes­se­ren so­zia­len Aus­gleich schaf­fen und de­mo­kra­ti­schen Prin­zi­pi­en mehr Be­ach­tung schen­ken. Falls ihr dies nicht ge­lingt, droht zwar kein Tür­ki­scher Früh­ling – aber ein wirt­schaft­li­cher Win­ter.

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