Von der Ab­zo­cke­rei zur schäd­li­chen «Ge­rech­tig­keit»

Soll­ten Volks­in­itia­ti­ven wie «1:12», Min­dest­lohn und Erb­schafts­steu­er an­ge­nom­men wer­den, wä­ren die Fol­gen hö­he­re Ar­beits­lo­sen­quo­ten, Wachs­tums­pro­ble­me, Ab­wan­de­rung qua­li­fi­zier­ter Ar­beits­kräf­te und nied­ri­ge­re ver­füg­ba­re Ein­kom­men. PE­TER BERN­HOLZ

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG -

Vie­les hat sich in der Schweiz ge­än­dert in den ver­gan­ge­nen vier­zig Jah­ren. In den Sieb­zi­ger­jah­ren wä­re ei­ne Mass­lo­sig­keit des Ma­nage­ments, wie wir sie in den letz­ten Jah­ren be­ob­ach­ten muss­ten, schlicht nicht denk­bar ge­we­sen. Man wur­de gut be­zahlt, aber dach­te nicht an mil­lio­nen­schwe­re For­de­run­gen. Kein Wun­der, dass ein sol­ches Ver­hal­ten von der Be­völ­ke­rung als ab­stos­send und un­trag­bar emp­fun­den und die Min­der-Initia­ti­ve von ei­ner brei­ten Mehr­heit der Wäh­ler an­ge­nom­men wur­de.

Nun aber schlägt das Pen­del in der um­ge­kehr­ten Rich­tung aus. Die So­zi­al­de­mo­kra­ten, an­ge­führt von den Jung­so­zia­lis­ten, ha­ben meh­re­re Volks­in­itia­ti­ven er­grif­fen, die al­le un­ter dem ver­füh­re­ri­schen Schlag­wort der Ge­rech­tig­keit se­geln, die aber bei ei­ner Ver­wirk­li­chung ge­ra­de den­je­ni­gen Per­so­nen scha­den wür­den, de­nen sie an­geb­lich nut­zen sol­len.

Nach­dem die ver­such­te Ver­ein­heit­li­chung der Ver­mö­gens­steu­er der Kan­to­ne über ei­nen ho­hen Min­dest­satz für grös­se­re Ver­mö­gen ge­schei­tert ist, wer­den nun in drei Initia­ti­ven ein welt­weit ein­ma­li­ger Min­dest­lohn von 4000 Fr. pro Mo­nat, ei­ne Be­schrän­kung der höchs­ten Ge­häl­ter im Ver­hält­nis von 12:1 zum nied­rigs­ten Ge­halt in Un­ter­neh­men und ei­ne Erb­schafts­steu­er von 20% auf Ver­mö­gen von 2 Mio. Fr. oder mehr von Erb­las­sern an­ge­strebt.

Fle­xi­bi­li­tät ist Vor­teil

Ein Ver­gleich mit den Wohl­fahrts­staa­ten in Eu­ro­pa, die die Schweiz um­ge­ben, lehrt be­reits, mit wel­chen Kon­se­quen­zen bei ei­nem Er­folg die­ser Initia­ti­ven zu rech­nen wä­re: hö­he­re Ar­beits­lo­sen­ra­ten be­son­ders bei we­ni­ger Qua­li­fi­zier­ten, Wachs­tums­pro­ble­me, Ab­wan­de­rung qua­li­fi­zier­ter Ar­beits­kräf­te, nied­ri­ge­re ver­füg­ba­re Ein­kom­men und wo­mög­lich hö­he­re staat­li­che De­fi­zi­te und Schul­den.

Ein Lohn von 4000 Fr. je Mo­nat wä­re na­tür­lich je­der­mann zu gön­nen. Aber lässt er sich in der Schweiz an­ge­sichts der Kon­kur­renz aus den auf­stre­ben­den Län­dern mit noch we­sent­lich nied­ri­ge­ren Löh­nen oh­ne ei­ne Er­hö­hung der Ar­beits­lo­sen­ra­te ver­wirk­li­chen? Und dies zu ei­ner Zeit, in der eben ein Frei­han­dels­ab­kom­men mit Chi­na ab­ge­schlos­sen wird?

Denn es ist ge­ra­de die Fle­xi­bi­li­tät des Ar­beits­mark­tes der Schweiz, die die­se vor ei­ner ho­hen Ar­beits­lo­sen­quo­te (ein­schliess­lich noch schlim­me­rer Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit) wie in Frank­reich und Ita­li­en be­wahrt. Wel­ches Un­ter­neh­men kann es sich leis­ten, Ar­beit­neh­mer (und be­son­ders Ju­gend­li­che) ein­zu­stel­len, die auf-

Die An­nah­me der Erb­schafts­steu­erinitia­ti­ve wür­de be­son­ders den Ar­beit­neh­mern scha­den.

grund ih­rer feh­len­den oder ge­rin­gen Qua­li­fi­ka­ti­on we­ni­ger an Wert als 4000 Fr. pro Mo­nat für ihr Un­ter­neh­men schaf­fen?

Auch hier ist ein Blick aufs Aus­land lehr­reich. Die rot-grü­ne Ko­ali­ti­on des Kanz­lers Schrö­der brach­te es fer­tig, durch ei­ne Fle­xi­bi­li­sie­rung des Ar­beits­mark­tes die deut­sche Ar­beits­lo­sen­quo­te dras­tisch zu sen­ken, ei­ne Tat­sa­che, von der die bei­den fol­gen­den Re­gie­rungs­ko­ali­tio­nen pro­fi­tier­ten. Aber auch dort stre­ben jetzt nicht nur die So­zi­al­de­mo­kra­ten ein Rück­gän­gig­ma­chen die­ser Re­for­men an, mit vor­aus­sicht­lich lang­fris­tig ne­ga­ti­ven Wir­kun­gen auf den Ar­beits­markt.

Aber muss man nicht zu­ge­ben, dass Löh­ne deut­lich un­ter 4000 Fr. für ei­ne nor­ma­le Le­bens­hal­tung in der Schweiz nicht aus­rei­chen? Doch selbst wenn das zu­trifft, blei­ben die oben an­ge­führ­ten Ar­gu­men­te gül­tig. In die­sem Fall soll­te man sich da­her eher fra­gen, ob ei­ne ge­wis­se staat­li­che Zu­satz­un­ter­stüt­zung ähn­lich wie bei den Zu­schüs­sen zur Kran­ken­ver­si­che­rung selbst für die Be­trof­fe­nen nicht ei­ne bes­se­re Lö­sung wä­re als hö­he­re Ar­beits­lo­sen­ra­ten.

Die 1:12-Initia­ti­ve wird meist un­ab­hän­gig von der Min­dest­lohninitia­ti­ve ge­se­hen. Aber neh­men wir ein­mal an, dass Letz­te­re vom Sou­ve­rän und von den Kan­to­nen an­ge­nom­men wür­de. Dann wür­de der höchs­te er­laub­te Jah­res­lohn für Mit­glie­der des Ma­nage­ments sich u. U. – drei­zehn Mo­nats­ge­häl­ter vor­aus­ge­setzt – auf 12 mal 13 mal 4000 Fr. sum­mie­ren, al­so auf 624 000 Fr. Das ist si­cher­lich ein statt­li­ches Ein­kom­men, aber wür­de es an­ge­sichts des in­ter­na­tio­na­len Wett­be­werbs aus­rei­chen, um die fä­higs­ten und in­no­va­tivs­ten Kräf­te in der Schweiz zu hal­ten?

Hät­ten un­ter sol­chen Vor­schrif­ten ein Al­f­red Escher, ein Tho­mas Edi­son, ein Carl Dietrich Benz, ein Hen­ry Ford, ein Ste­ve Jobs, ein Bill Ga­tes, ein Er­nes­to Bert­arel­li oder ein Ni­co­las Hay­ek nicht nur bahn­bre­chen­de Er­fin­dun­gen ge­macht, son­dern ih­re Un­ter­neh­men zur Grös­se ge­führt? Was wä­re zu er­war­ten, wenn un­ter sol­chen Um­stän­den et­wa Ro­che oder No­var­tis kei­ne ent­spre­chen­den Füh­rungs­kräf­te mehr ge­win­nen könn­ten? Was wür­de auf dem Bas­ler Ar­beits­markt ge­sche­hen, wenn die­se Ge­sell­schaf­ten ih­re we­sent­li­chen Tä­tig­kei­ten oder ih­ren Sitz ins Aus­land ver­le­gen wür­den?

Auch die An­nah­me der Erb­schafts­steu­erinitia­ti­ve wür­de be­son­ders den Ar­beit­neh­mern scha­den, ob­wohl ih­nen vor­ge­gau­kelt wird, dass da­durch das Ren­ten­al­ter in der Zu­kunft nicht we­gen der stei­gen­den Le­bens­er­war­tung her­auf­ge­setzt wer­den müss­te, da ih­re Er­trä­ge zur Fi­nan­zie­rung der AHV ver­wen­det wer­den sol­len. Aber ge­ra­de das wä­re ei­ner der schwers­ten Nach­tei­le die­ser Steu­er. Denn das wür­de be­deu­ten, dass in der Pro­duk­ti­on in Form von Ma­schi­nen, An­la­gen und Roh­stof­fen tä­ti­ges Ka­pi­tal nun für Kon­sum­zwe­cke ab­ge­zo­gen wür­de, was wie­der­um die Pro­duk­ti­vi­tät der Ar­beit sen­ken und da­durch die Ar­beits­lo­sen­ra­te er­hö­hen wür­de.

Um­la­gern in Un­pro­duk­ti­ves

Da hilft es auch nur we­nig, dass Er­leich­te­run­gen für Un­ter­neh­men vor­ge­se­hen sind, die sich in der Erb­mas­se be­fin­den, denn der Be­sitz von Ak­ti­en fällt nicht un­ter die Er­leich­te­run­gen. Aus­ser­dem kennt die Schweiz be­reits ei­ne Be­las­tung des frag­li­chen Ka­pi­tals durch pro­gres­si­ve Ver­mö­gens­steu­ern, die es z. B. in Deutsch­land mit sei­ner Erb­schafts­steu­er nicht gibt. Gleich­zei­tig wür­de auf die­se Wei­se das Steu­er­sub­strat der die Ver­mö­gens­steu­ern er­hal­ten­den Kan­to­ne ver­min­dert.

Selbst weist die Initia­ti­ve ver­schie­de­ne Män­gel auf. Die ab­rup­te Schwel­le von 2 Mio. Fr. wird vie­le mög­li­che Erb­las­ser da­zu mo­ti­vie­ren, ih­ren Ver­brauch vor­zei­tig zu er­hö­hen und ihr Ver­mö­gen in un­pro­duk­ti­ven Kunst­wer­ken und steu­er­lich nicht zu er­fas­sen­den Samm­lun­gen, Schmuck und Wert­ge­gen­stän­den an­zu­le­gen. Das Feh­len ei­nes In­fla­ti­ons­aus­gleichs wird im Lau­fe der Zeit im­mer klei­ne­re rea­le Ver­mö­gen der Steu­er un­ter­wer­fen.

Ins­ge­samt kann man sich al­so nur wun­dern, dass die So­zi­al­de­mo­kra­ten sich zur Stei­ge­rung ih­res po­li­ti­schen Ein­flus­ses un­ter dem Man­tel der Ge­rech­tig­keit da­zu ver­an­lasst se­hen, lang­fris­tig ih­rer ei­ge­nen Kli­en­tel zu scha­den. Sie wä­ren bes­ser be­ra­ten, wenn sie ih­re po­li­ti­schen An­stren­gun­gen auf die För­de­rung der Chan­cen­gleich­heit und die Qua­li­tät ih­rer Aus­bil­dung kon­zen­trie­ren wür­den. Pe­ter Bern­holz ist eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor für Na­tio­nal­öko­no­mie der Uni­ver­si­tät Basel.

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