Fi­nanz­platz muss Good­will schaf­fen

Das Aus­land will glaub­wür­di­ge Si­gna­le er­hal­ten, dass sich der Fi­nanz­platz Schweiz ver­än­dert – er muss in die Ge­gen­of­fen­si­ve ge­hen. Ge­lingt das nicht, dann wer­den auch an­de­re Ver­hand­lun­gen nicht bes­ser en­den als die­je­ni­gen mit den USA. TEO­DO­RO D. COC­CA

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG -

Der Steu­er­de­al mit den USA zeigt auf fast schon un­er­träg­li­che Art und Wei­se, wie schwie­rig sich der ver­zwei­fel­te Ver­such des Fi­nanz­plat­zes Schweiz ge­stal­tet, ei­nen al­ter­na­tiv­lo­sen Pa­ra­dig­men­wech­sel zu voll­zie­hen. Die Bot­schaft an die in der Ver­mö­gens­ver­wal­tung mit aus­län­di­schen Kun­den tä­ti­gen Ban­ken ist un­miss­ver­ständ­li­cher denn je: Der Bun­des­rat lei­tet den in­ter­na­tio­na­len Druck un­ge­fil­tert an die fehl­ba­ren Schwei­zer Ban­ken wei­ter und ist nicht mehr be­reit, sich über Mass po­li­tisch zu ex­po­nie­ren. Die­se neue po­li­ti­sche Hal­tung ist am Fi­nanz­platz Schweiz zur Kennt­nis zu neh­men.

Ex­plo­siv ist der Um­stand, dass durch die Da­ten­lie­fe­rung an die USA in­ter­ne Bank­struk­tu­ren wie auch ex­ter­ne Netz­wer­ke von An­wäl­ten und Treu­hän­dern, die rund um Steu­er­lö­sun­gen ei­ne all­fäl­li­ge Rol­le ge­spielt ha­ben, den USA zu neu­en Schlüs­sen ver­hel­fen könn­ten. Wie die USA auf mög­li­che neue Ein­sich­ten re­agie­ren wer­den, bleibt ein un­kal­ku­lier­ba­res Ri­si­ko. Es er­scheint fahr­läs­sig, dass die Schweiz ei­ne sol­che Da­ten­lie­fe­rung zu­lässt, oh­ne sich ir­gend­wel­che Zu­si­che­run­gen dies­be­züg­lich ge­ben zu las­sen. Ei­ne Es­ka­la­ti­on des Streits ist da­mit eher pro­gram­miert als ge­bannt.

Wei­ter­hin un­halt­bar ist der Um­stand, dass ei­ne Schwei­zer Bank le­dig­lich durch An­kla­ge­er­he­bung ei­ner aus­län­di­schen Be­hör­de fak­tisch in den Kon­kurs ge­trie­ben wer­den kann. Dies stellt grund­le­gen­de ju­ris­ti­sche Prin­zi­pi­en auf den Kopf. Was wä­re, wenn in Zu­kunft ei­ne Schwei­zer Bank auf­grund ei­nes ob­jek­tiv um­strit­te­nen Miss­ver­hal­tens durch die US-Jus­tiz an­ge­klagt wür­de und sich auf ge­richt­li­chem We­ge nicht weh­ren könn­te? Es be­steht die drin­gen­de Not­wen­dig­keit, dar­über nach­zu­den­ken, wie man ei­ne an­ge­klag­te – aber noch nicht ver­ur­teil­te – Bank schüt­zen könn­te.

Zu ge­ord­ne­ter «Be­stra­fung» bei­tra­gen

Es wur­den in der Welt des Pri­va­te Ban­king Feh­ler ge­macht, vie­le Feh­ler – das steht aus­ser Fra­ge. Die fehl­ba­ren In­sti­tu­te sol­len zur Ver­ant­wor­tung ge­zo­gen wer­den. Es liegt aber trotz­dem im In­ter­es­se der Schweiz, dem Ban­ken­platz auf dem in­ter­na­tio­na­len Par­kett zu ei­ner ge­ord­ne­ten «Be­stra­fung» zu ver­hel­fen. Al­les an­de­re wür­de die Sou­ve­rä­ni­tät und das Image des Lan­des auf­grund der Es­ka­la­ti­ons­ri­si­ken wei­ter ge­fähr­den. Nach der Be­deu­tung des Ge­schäfts ist das­je­ni­ge mit ame­ri­ka­ni­schen Kun­den weit­aus klei­ner als das Vo­lu­men der ver­wal­te­ten Gel­der eu­ro­päi­scher Kun­den. Die Ver­hand­lun­gen mit den USA wa­ren so­mit das Vor­spiel.

Rich­tig ernst wer­den die nun an­ste­hen­den Ver­hand­lun­gen mit der EU und der OECD sein. Der Druck von­sei­ten der EU bzw. der OECD wird noch die­ses Jahr mit vol­ler Kraft auf die Schweiz ein­wir­ken – der au­to­ma­ti­sche In­for­ma­ti­ons­aus­tausch (AIA) ge­gen­über der EU wird un­aus­weich­lich sein. Falls die im Rah­men ei­nes AIA ge­lie­fer­ten Da­ten Rück­schlüs­se in Be­zug auf ver­gan­ge­ne Ver­hal­tens­mus­ter von Schwei­zer Ban­ken zu­las­sen, wä­re ein Es­ka­la­ti­ons­sze­na­rio wie mit den USA nicht aus­zu­schlies­sen. Der Steu­er­de­al mit den USA (wie auch da­mals mit der UBS) ba­siert auf der Er­kennt­nis, dass Ban­ken für ih­re ver­gan­ge­nen Hand­lun­gen ge­büsst wer­den sol­len. Dies ist ein Grund­satz, der et­wa in den Ab­gel­tungs­steu­er­ab­kom­men mit eu­ro­päi­schen Län­dern nicht vor­ge­se­hen ist. Bank­kun­den gel­ten in die­sen Ab­kom­men be­kannt­lich nur die ver­kürz­ten Steu­ern ab, Ban­ken selbst wer­den für ihr all­fäl­li­ges Da­zu­tun je­doch nicht be­langt.

Es ist zu er­grün­den, wie ei­ne an­ge­klag­te – aber noch nicht ver­ur­teil­te – Bank zu schüt­zen ist.

Die prä­ju­di­zie­ren­de Wir­kung des Re­sul­tats der Ver­hand­lun­gen der Schweiz mit den USA hat­te be­reits zur Fol­ge, dass in der OECD die da­ma­li­ge Lö­sung für die UBS zu ei­ner Dis­kus­si­on und in­zwi­schen zu völ­li­ger Auf­wei­chung der Kri­te­ri­en für Grup­pen­an­fra­gen ge­führt hat. Es wür­de nicht er­stau­nen, wenn auch die­ses Mal die in­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft im Wind­schat­ten des US-Er­folgs den In­halt ih­rer For­de­run­gen aus­wei­ten und die­se Art von Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung vor­schla­gen wür­de.

Die Schwei­zer Po­li­tik darf aber auch nicht über­se­hen, dass sich die Pri­va­te-Ban­king-Bran­che – zu­min­dest ge­mäss ei­ge­nem Ge­schwin­dig­keits­emp­fin­den – schnell ver­än­dert. Es gibt zu­ge­ge­be­ner­mas­sen auch be­deu­ten­de Ge­gen­kräf­te, die in al­ten Denk­mus­tern ver­har­ren. Ei­ne po­li­tisch or­ches­trier­te Lö­sung für die in na­he­zu je­der Pri­va­te-Ban­king-Ein­heit vor­han­de­nen Alt­las­ten wür­de die pro­gres­si­ven Kräf­te stär­ken. Al­lein kön­nen die Ban­ken die Alt­las­ten rea­lis­ti­scher­wei­se nicht lö­sen. Die Stim­mung in vie­len eu­ro­päi­schen Zi­el­län­dern ist so weit fort­ge­schrit­ten, dass sich Ban­ken, Kun­den­be­ra­ter und Kun­den selbst nichts sehn­li­cher wün­schen als die Re­gu­la­ri­sie­rung der Ver­gan­gen­heit.

Wo es hier­zu sinn­vol­le Mög­lich­kei­ten gibt, wird dies der­zeit auch in er­heb­li­chem Mas­se ge­nutzt. Die­ser Weg der Selbst­an­zei­ge ist al­ler­dings nicht für al­le re­le­van­ten Märk­te be­geh­bar, wes­halb es kol­lek­tiv aus­ge­han­del­te Lö­sun­gen braucht. Die Re­gu­la­ri­sie­rung der Ver­gan­gen­heit – ban­ken- wie kun­den­sei­tig – ist die bes­te Ga­ran­tie für ei­nen in Zu­kunft in­te­gren Fi­nanz­platz.

Gleich­zei­tig ist ein Ap­pell an die Ban­ken­welt selbst zu rich­ten. Da­mit die schwei­ze­ri­sche Di­plo­ma­tie und Po­li­tik in den an­ste­hen­den Ver­hand­lun­gen glaub­wür­dig und stark auf­tre­ten kann, darf es kei­ne Zwei­fel dar­über ge­ben, dass sich der Fi­nanz­platz ver­än­dert hat. Da­zu ist es un- er­läss­lich, end­lich un­ter den Ban­ken ei­ne ein­heit­li­che und vor al­lem glaub­wür­di­ge Po­si­ti­on zur ge­gen­wär­tig völ­lig dif­fu­sen Hal­tung zur Steu­er­kon­for­mi­tät zu fin­den. Der Bran­chen­ver­band zeich­net sich in die­ser Dis­kus­si­on seit Jah­ren lei­der durch ei­ne kom­plet­te Pa­ra­ly­se aus, die un­trag­bar ist. Dass die un­ter­schied­li­chen In­ter­es­sen der ver­schie­de­nen Ban­ken­grup­pen ei­ne Er­klä­rung für die­sen Miss­stand sind, darf nicht als Aus­re­de für die­sen Still­stand gel­ten. Nö­ti­gen­falls ist über neue Struk­tu­ren nach­zu­den­ken.

Zu­dem be­darf es der Sen­si­bi­li­tät al­ler Ak­teu­re, dass al­lein mit der Be­glei­chung von Geld­stra­fen das Pro­blem nicht zu lö­sen sein wird. Oh­ne die Schaf­fung von Good­will im Aus­land wer­den die an­ste­hen­den Ver­hand­lun­gen nicht bes­ser en­den als der De­al mit den USA. Es be­darf ei­ner kräf­ti­gen Ge­gen­of­fen­si­ve des Fi­nanz­plat­zes. Das Aus­land will ko­hä­ren­te Si­gna­le er­hal­ten, dass sich der Fi­nanz­platz ver­än­dert.

Es wä­re fa­tal zu glau­ben, man kön­ne den Weg zur Steu­er­kon­for­mi­tät mit er­war­tungs­vol­ler Pas­si­vi­tät be­schrei­ten. Der Weg in Rich­tung ei­nes steu­er­kon­for­men Ge­schäfts­mo­dells ist nicht ei­ne Fra­ge von aus­zu­fül­len­den For­mu­la­ren und ein­zu­for­dern­den Be­stä­ti­gun­gen, son­dern ei­ne Fra­ge der Ve­rän­de­rung von Wert­vor­stel­lun­gen und Denk­hal­tun­gen – nö­ti­gen­falls ver­bun­den mit per­so­nel­len Än­de­run­gen, wo sich chro­ni­sche Um­den­kens­re­sis­tenz oder Glaub­wür­dig­keits­de­fi­zi­te zei­gen.

Wert­hal­tun­gen im Wan­del

Wenn pri­va­te Kun­den kein Kon­to mehr bei Schwei­zer Ban­ken er­öff­nen wol­len, weil der al­lei­ni­ge Um­stand, ein sol­ches Kon­to zu be­sit­zen, be­reits ein Ver­dachts­mo­ment für Steue­run­ehr­lich­keit be­deu­tet, dann ist der Mar­ke­tin­gSu­per-GAU Rea­li­tät. Ein deut­scher Kun­de braucht der­zeit viel Mut, um ein Kon­to in der Schweiz zu er­öff­nen. Fer­ner ist aus Ban­ken­sicht kri­tisch zur Kennt­nis zu neh­men, dass ver­gan­ge­nes Ver­hal­ten in­zwi­schen aus Wert­hal­tun­gen der Ge­gen­wart be­ur­teilt wird. In­so­fern ist auch jeg­li­ches heu­ti­ge Agie­ren kri­tisch zu hin­ter­fra­gen.

Die heu­ti­ge Pra­xis wird in ein paar Jah­ren aus Wert­vor­stel­lun­gen her­aus be­ur­teilt wer­den, die sich wei­ter­ent­wi­ckelt ha­ben wer­den. Mit der Pro­jek­ti­on die­ses rück­wir­ken­den mo­ra­li­schen (und ju­ris­ti­schen) Ur­teils tut sich die Fi­nanz­welt in vie­len Be­rei­chen schwer, weil häu­fig schon in der Ge­gen­wart die fei­ne Un­ter­schei­dung zwi­schen Le­ga­li­tät und Le­gi­ti­mi­tät stra­pa­ziert wird. Soll­te der Schwarm der Un­tu­gend­haf­ten nun auf Län­der aus­wei­chen, in de­nen der Druck zur Steu­er­kon­for­mi­tät noch nicht an­ge­kom­men ist, dürf­te dies im Lich­te der ak­tu­el­len Er­kennt­nis­se ei­ne letzt­lich ins Ver­der­ben füh­ren­de Stra­te­gie sein. Teo­do­ro D. Coc­ca ist or­dent­li­cher Pro­fes­sor für As­set Ma­nage­ment an der Jo­han­nes-Ke­p­ler-Uni­ver­si­tät Linz und Ad­junct Pro­fes­sor am Swiss Fi­nan­ce In­sti­tu­te.

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