Die Vor­sor­ge­säu­le wie­der ins Lot brin­gen

SCHWEIZ Tie­fer Um­wand­lungs­satz ver­langt zu­sätz­li­ches An­spa­ren

Finanz und Wirtschaft - - INDUSTRIE/FINANZ - THO­MAS HENGARTNER

Im BVG-Um­wand­lungs­satz für die Be­rech­nung der Ren­te ist nicht nur die Le­bens­er­war­tung, die für Men­schen in der Schweiz rund zwan­zig Jah­re ab Pen­sio­nie­rung im Al­ter 65 be­trägt, be­rück­sich­tigt. Ein­be­zo­gen in den ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­nen mi­ni­ma­len Ren­ten­satz ist auch die Er­war­tung, dass jähr­lich rund 4% Zins auf das je­weils nach den Ren­ten­aus­zah­lun­gen ver­blei­ben­de in­di­vi­du­el­le Pen­si­ons­ka­pi­tal zu­ge­schrie­ben wird. Die­se Zins­er­war­tung bleibt je­doch seit Jah­ren un­er­füllt, schreibt der Think Tank Ave­nir Suis­se in ei­ner neu­en Stu­die.

Weil ein dau­er­haft hö­he­rer An­la­ge­er­trag we­nig rea­lis­tisch ist, müs­sen die Pen­si­ons­kas­sen und sons­ti­gen Ein­rich­tun­gen der be­ruf­li­chen Vor­sor­ge ihr In­vest­ment­re­sul­tat un­gleich auf die in­di­vi­du­el­len Pen­si­ons­kon­ten der Rent­ner und der Be­schäf­tig­ten auf­tei­len – Ers­te­ren mehr, den Zwei­ten we­ni­ger. Ave­nir Suis­se be­zif­fert den Er­trags­trans­fer von den Jün­ge­ren zu den Äl­te­ren auf ei­nen Be­trag von jähr­lich wie­der­keh­rend 600 Mio. bis 1500 Mio. Fr. und spricht des­halb da­von, dies sei der «wah­re Ren­ten­klau». Die hö­he­re Zahl gilt, falls das Zins­ni­veau auf vie­le Jah­re hin­aus auf dem ak­tu­ell ge­rin­gen Ni­veau blie­be.

1 Mrd. Fr. Er­trags­trans­fer

Um den sys­tem­frem­den Er­trags­trans­fer zu be­en­den und die schief ge­wor­de­ne zwei­te Vor­sor­ge­säu­le ins Lot zu brin­gen, emp­fiehlt das Ana­ly­se­un­ter­neh­men ei­ne dring­li­che An­pas­sung des ge­setz­li­chen BVG-Min­de­stum­wand­lungs­sat­zes. Zwar hat die Stimm­be­völ­ke­rung der Schweiz vor drei Jah­ren ei­ne ent­spre­chen­de Ge­set­zes­än­de­rung ab­ge­lehnt. Die Si­tua­ti­on sei je­doch in der kur­zen Zeit seit­her so es­ka­liert, dass ei­ne er­neu­te Vor­la­ge zur Ab­stim­mung ge­bracht wer­den müs­se.

Der Um­wand­lungs­satz des BVG-Ob­li­ga­to­ri­ums ist ge­mäss Ave­nir Suis­se rasch zu sen­ken – nicht wie vom Bun­des­rat ge­plant erst En­de des Jahr­zehnts. Drei Sze- na­ri­en, de­nen un­ter­schied­li­che Markt­zins­er­war­tun­gen zu­grun­de lie­gen, sol­len die Di­men­sio­nen auf­zei­gen (vgl. Ta­bel­le). Das mitt­le­re Sze­na­rio geht von ei­ner Sen­kung des BVG-Min­de­stum­wand­lungs­sat­zes von 6,8% (ge­setz­lich gül­tig ab 2014) auf 6% aus. Um trotz An­pas­sung no­mi­nell gleich ho­he Mo­nats­ren­ten zu pro­du­zie­ren, müss­ten sich die in­di­vi­du­el­len Altersguthaben durch Bei­trä­ge auf ei­ne rund 13% grös­se­re Sum­me ent­wi­ckeln.

Je­de Kas­se selbst zu sa­nie­ren

Die da­für not­wen­di­gen zu­sätz­li­chen Spar­ein­la­gen soll­ten in je­der Vor­sor­ge­ein­rich­tung von den So­zi­al­part­nern ge­mein­sam be­schlos­sen wer­den. Ei­ne de­zen­tra­le un­ter­neh­mens­spe­zi­fi­sche Lö­sung ent­spre­che dem Grund­ge­dan­ken der schwei­ze­ri­schen be­ruf­li­chen Vor­sor­ge. Ab­leh­nend be­ur­teilt Ave­nir Suis­se des­halb die Ein­füh­rung ei­nes neu­en Aus­gleichs- bzw. Sub­ven­ti­ons­me­cha­nis­mus über die AHV oder den BVG-Si­cher­heits­fonds.

Die Stu­di­en­ver­fas­ser wei­sen zu­dem dar­auf hin, dass es in ei­ner vor­ur­teils­frei­en Be­trach­tung ei­nen «rich­ti­gen» Um­wand­lungs­satz gar nicht ge­ben kann. Weil sich un­se­re Le­bens­er­war­tung wie auch der am Fi­nanz­markt er­ziel­ba­re In­vest­menter­trag dau­ernd ver­än­der­ten, ver­al­tet je­de fi­xe Fest­le­gung der Ren­ten­be­rech­nung rasch. Fle­xi­bi­li­tät wür­de ge­schaf­fen, in­dem die Al­ters­ren­te in ei­ne fi­xe und ei­ne va­ria­ble Kom­po­nen­te zer­legt wird. Der va­ria­ble Teil wür­de sich in je­der Vor­sor­geinsti­tu­ti­on an der über meh­re­re Jah­re ge­glät­te­ten An­la­ge­per­for­mance ori­en­tie­ren.

Si­cher­ge­stellt wä­re da­mit, dass kei­ne Ge­ne­ra­ti­on sys­te­ma­tisch be­vor- bzw. be­nach­tei­ligt wür­de. Die Sys­te­man­pas­sung hät­te den Vor­teil, der Be­völ­ke­rung den li­mi­tier­ten Ein­fluss auf be­stimm­te Fak­to­ren des Sys­tems ka­pi­tal­ge­bil­de­ter Ren­ten auf­zu­zei­gen. Rea­lis­ti­scher wür­de dann wohl auch, das Stimm­volk gar für ei­nen Über­gang zu ei­ner de­zen­tra­len Ren­ten­satz­fest­le­gung durch die Ver­ant­wor­tungs­trä­ger je­der Vor­sor­ge­ein­rich­tung zu ge­win­nen.

Fi­nan­zi­el­le Aus­wir­kung ei­ner Ren­ten­satz­sen­kung

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