Fra­ge der Staats­haf­tung stellt sich

SCHWEIZ Bun­des­rat darf sich um Lö­sung des Us-steu­er­streits be­mü­hen, aber nicht mit dem DOJ über Stra­fen ver­han­deln

Finanz und Wirtschaft - - FINANZ - THO­MAS WYSS

Der US-Steu­er­streit ist in Bern und Zü­rich nach wie vor das gros­se The­ma – aus­ser am of­fi­zi­el­len Teil der 78. Mit­glie­der­ver­samm­lung der Ver­ei­ni­gung Schwei­ze­ri­scher Pri­vat­ban­kiers am Frei­tag in Zü­rich. Im in­of­fi­zi­el­len Teil der Ver­an­stal­tung, an der sich Jahr für Jahr die mass­geb­li­chen Mit­spie­ler des Fi­nanz­plat­zes tref­fen, sorg­te das Pro­blem je­doch für viel Ge­sprächs­stoff.

Die Wirt­schafts­kom­mis­si­on des Stän­de­rats hat ih­ren Ent­scheid in die­ser Sa­che auf Mon­tag ver­tagt. Der Un­mut über das Ver­steck­spiel des Bun­des­rats mit dem Par­la­ment ist gross.

Kom­pe­ten­zen über­schrit­ten

Das un­ter­streicht auch die Re­de von FDPNa­tio­nal­rä­tin Do­ris Fia­la vor den Pri­vat­ban­kiers, die deut­li­che Wor­te ge­brauch­te und an die Pri­vat­ban­kiers ap­pel­lier­te, sich wie­der ver­mehrt in die Po­li­tik ein­zu­brin­gen. Sie sag­te es nicht, aber es darf ver­mu­tet wer­den, dass die jet­zi­ge Si­tua­ti­on nicht ent­stan­den wä­re, wenn sich in der Ver­gan- gen­heit mehr Ban­ker per­sön­lich in die Po­li­tik ein­ge­bracht hät­ten.

Doch wor­um geht es im US-Steu­er­streit? Und was ist der ak­tu­el­le Stand der Din­ge ge­mäss Ge­sprä­chen mit Po­li­ti­kern so­wie Ver­tre­tern der Wis­sen­schaft und der Ban­ken? Der Bun­des­rat streb­te mit den USA ei­ne «Glo­bal­lö­sung» an, weil er es leid war, im­mer wie­der mit den Pro­ble­men des Rechts­kon­flikts zwi­schen der Schweiz (Bank­ge­heim­nis) und den USA (Mög­lich­keit, Schwei­zer Ban­ken zu zwin­gen, sämt­li­che In­for­ma­tio­nen, auch Ban­kin­for­ma­tio­nen, her­aus­zu­ver­lan­gen) kon­fron­tiert zu wer­den. Er woll­te das Pro­blem ein für al­le Mal vom Tisch ha­ben.

Dass sich der Bun­des­rat um die Lö­sung ei­nes sol­chen Rechts­kon­flikts be­müht, ist le­gi­tim. Aber sei­ne Kom­pe­ten­zen be­schrän­ken sich auf die Amts­hil­fe­ge­wäh­rung. Der Bun­des­rat hat ins­be­son­de­re kei­ner­lei Kom­pe­ten­zen, mit dem ame­ri­ka­ni­schen Jus­tiz­de­par­te­ment DOJ über die Hö­he und Mo­da­li­tä­ten von straf­recht­li­chen Sank­tio­nen zu ver­han­deln. Beim Dut­zend Schwei­zer Ban­ken, das sich schon seit Län­ge­rem im Fo­kus der ame­ri­ka­ni­schen Be­hör­den be­fin­det, hat er das nicht ge­tan. Es geht so­mit le­dig­lich um die Ban­ken in der so­ge­nann­ten Ka­te­go­rie 2.

Als der Bun­des­rat sah, dass die US-Be­hör­den nicht zu ei­ner Glo­bal­lö­sung Hand bie­ten, hät­ten die Ver­hand­lun­gen ab­ge­bro­chen wer­den müs­sen. Dass sich die USA nicht kon­zi­li­ant zei­gen, ist ver­ständ­lich: Es kann nicht sein, dass man von den USA ver­langt, ei­nen Per­sil­schein der Nicht­ver­fol­gung von Ban­ken und Mit­ar­bei­tern aus­zu­stel­len, die sich ge­mäss US-Recht straf­bar ge­macht ha­ben.

Das – den Ver­hand­lungs­ab­bruch – hat der Bun­des­rat je­doch nicht voll­zo­gen. Er hat die US-Be­hör­den aber ge­wis­ser­mas­sen an­ge­stif­tet, von den Ban­ken in der Ka­te­go­rie 1 «Leaver-Lis­ten» zu ver­lan­gen. Das hat das DOJ we­der von der UBS noch von We­ge­lin ver­langt. Da­mit soll­te ei­ne Glo­bal­lö­sung her­bei­ge­führt wer­den. Die Glo­bal­lö­sung gilt nun aber nicht im ur­sprüng­li­chen Sinn, son­dern im Sin­ne ei­nes um­fas­sen­den Ein­be­zugs al­ler Ban­ken, die Gel­der von steue­run­ehr­li­chen ame­ri­ka­ni­schen Steu­er­pflich­ti­gen ent­ge­gen­ge­nom­men ha­ben.

Zu­sätz­lich hat der Bun­des­rat gleich den Bus­sen­rah­men fest­ge­legt und da­mit sei­ne Kom­pe­ten­zen in zwei­fa­cher Hin­sicht über­schrit­ten: Ers­tens ex­po­niert er die Ban­ken der Ka­te­go­rie 2. Und zwei­tens hat er Bus­sen­hö­hen ver­han­delt, wo­bei die Be­mes­sungs­grund­la­ge der Bus­sen frag­lich ist. Die Zah­lun­gen an die US-Be­hör­den set­zen sich rich­ti­ger­wei­se zu­sam­men aus drei Ele­men­ten: die Rück­ga­ben des Ge­winns aus den il­le­gi­ti­men Ge­schäf­ten. Die Be­zah­lung der Steu­ern und Steu­er­bus­sen der be­trof­fe­nen US-Kun­den, wenn kei­ne Amts­hil­fe ge­leis­tet wer­den kann und die US-Be­hör­den des­halb nicht in der La­ge sind, die Steu­ern und Steu­er­bus­sen von den Steu­er­pflich­ti­gen selbst ein­zu­kas­sie­ren. Und ei­ne Bus­se für das Fehl­ver­hal­ten der Ban­ken.

Mit­ge­gan­gen, mit­ge­fan­gen

Die As­sets un­der Ma­nage­ment je­doch kön­nen kei­nen In­di­ka­tor bil­den, ins­be­son­de­re nicht für die Fra­ge, wie hoch der un­recht­mäs­si­ge Ge­winn der ein­zel­nen Ban­ken war, den sie jetzt er­stat­ten müs­sen. Die nun kol­por­tier­ten Bus­sen­hö­hen von 30 oder 40% der As­sets un­der Ma­nage­ment sind zu­dem ex­or­bi­tant, wie der Fall We­ge­lin zeigt: Dort mach­te die Bus­se (zwar nicht da­nach be­mes­sen, aber im Er­geb­nis) rund 6% der As­sets aus.

Falls es zu­trifft, dass der Bun­des­rat rechts­wid­rig ge­han­delt hat, stellt sich die Fra­ge der Staats­haf­tung ge­gen­über den Ban­ken, die von den Bus­sen be­trof­fen sind und kei­ne Mög­lich­keit ha­ben, in­di­vi­du­ell ge­mäss ih­rer wirt­schaft­li­chen Si­tua­ti­on und ih­rem kon­kre­ten Ver­schul­den be­straft zu wer­den.

Das von Bern vor­ge­brach­te Ar­gu­ment, das Pro­gramm sei frei­wil­lig, trägt nicht. Die Ban­ken mö­gen in ei­nem ers­ten Schritt zwar selbst ent­schei­den kön­nen, in wel­che Ka­te­go­rie sie sich ein­tei­len. In ei­nem zwei­ten Schritt müs­sen sie aber die ei­ge­ne Ein­schät­zung von ei­ner Re­vi­si­ons­ge­sell­schaft be­stä­ti­gen las­sen. Zu­dem ist da­von aus­zu­ge­hen, dass die Fin­ma da­für sor­gen wird, dass je­de Bank, die die Vor­aus­set­zun­gen er­füllt, ge­zwun­gen ist, in die Ka­te­go­rie 2 zu ge­hen und die ex­or­bi­tan­ten Bus­sen zu be­zah­len.

Wenn sich das Par­la­ment zu stark hin­ein­zie­hen lässt, ris­kiert es den Vor­wurf, für ei­ne all­fäl­li­ge Staats­haf­tung mit­ver­ant­wort­lich zu sein. Das ist im Ur­teil von Po­li­ti­kern ein wei­te­rer Grund für das Par­la­ment, den Bun­des­rat im US-Steu­er­streit die Sup­pe selbst aus­löf­feln zu las­sen, die er sich ein­ge­brockt hat.

In Be­we­gung: Der Steu­er­streit mit den USA for­dert die Na­tio­nal­bank (links) und die po­li­ti­schen Ak­teu­re im Bun­des­haus (rechts).

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