«Weck­ruf für Er­do­gan»

RA­MI SIDAMI Der Schro­ders-fonds­ma­na­ger sieht wei­ter gros­ses Wachs­tums­po­ten­zi­al für die Tür­kei

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - ALEXANDER TRENTIN

Die po­li­ti­sche Ent­wick­lung in der Tür­kei sei schwie­rig vor­her­zu­sa­gen, meint Ra­mi Si­da­ni. Er lei­tet das Ak­ti­en­fonds­ma­nage­ment für den Na­hen Os­ten und Nord­afri­ka bei Schro­ders. Von Du­bai aus ver­wal­tet der Ab­sol­vent der HEC Lau­sanne die Fonds ISF Midd­le East und ISF Fron­tier Mar­kets. Mit «Fi­nanz und Wirt­schaft» sprach er über die La­ge in der Tür­kei und im Na­hen Os­ten.

Die ge­walt­tä­ti­gen Pro­tes­te in der Tür­kei hal­ten an. Pre­mier Re­cep Tay­yip Er­do­gan will die Be­bau­ung des Ge­zi-Parks, die Aus­lö­ser der De­mons­tra­tio­nen war, wei­ter vor­an­trei­ben. Er­do­gan mein­te am Frei­tag, die De­mons­tra­tio­nen hät­ten ih­re de­mo­kra­ti­sche Be­rech­ti­gung ver­lo­ren und sei­en nur noch als Van­da­lis­mus zu be­zeich­nen.

«Die Tür­kei ist ei­ne der gröss­ten Er­folgs­ge­schich­ten un­ter den Schwel­len­län­dern», be­tont Sidami. «Er­do­gan hat das Land trans­for­miert: Das Brut­to­in­land­pro­dukt pro Kopf hat sich seit 2003 mehr als ver­dop­pelt.» In der Ver­bes­se­rung des Le­bens­stan­dards sei das Land ein Mus­ter­bei­spiel. Die Ge­walt der letz­ten Ta­ge macht dem Fonds­ma­na­ger trotz­dem Sor­gen, «doch noch ist es zu früh, über Aus­wir­kun­gen zu spe­ku­lie­ren». Er­do­gan wer­de zwar vom Gros der Be­völ­ke­rung un­ter­stützt, aber die Sä­ku­la­ris­ten wür­den von ihm nicht ernst ge­nug ge­nom­men. «Da hat er sich ver­kal­ku­liert», glaubt Si­da­ni. «Die De­mons­tra­tio­nen sind ein Weck­ruf für Er­do­gan.» Zwar hand­le es sich bei den Teil­neh­mern um ei­ne Min­der­heit – doch auch die­se kön­ne ei­ne Men­ge Lärm ver­ur­sa­chen.

Die un­ter­stüt­zen­den Fak­to­ren für das Wachs­tum in der Tür­kei sei­en in­takt, meint der Ak­ti­en­spe­zia­list. Die­se Fak­to­ren sei­en «die gros­se Be­völ­ke­rung von 85 Mio. Ein­woh­nern mit ei­nem ho­hen Bil­dungs­stan­dard, ei­ne gut aus­ge­bau­te In­dus­trie, die Nä­he zu Eu­ro­pa und die Neu­ori­en­tie-

Auch ei­ne Min­der­heit kann je­de Men­ge Lärm ma­chen.

rung des Lan­des Rich­tung Os­ten – auch zur Golf­re­gi­on». Das Land pfle­ge gu­te Be­zie­hun­gen zur ara­bi­schen Re­gi­on wie zum Wes­ten. Wäh­rend der Fi­nanz­kri­se ha­be es sich sehr ro­bust ge­zeigt: «Die Ban­ken sind gut re­gu­liert, kein Fi­nanz­in­sti­tut war auf staat­li­che Hil­fe an­ge­wie­sen.» Auch die Tren­nung von Re­li­gi­on und Staat in der Tür­kei ha­be sich als er­folg­rei­ches Mo­dell er­wie­sen. «Hof­fent­lich bleibt die­se Tren­nung in Kraft», sagt der Fonds­ma­na­ger.

Wird der Ein­bruch der Ak­ti­en­kur­se die­se Wo­che nur kurz­zei­tig sein? Si­da­ni zeigt sich bul­lish – «in der lang­fris­ti­gen Per­spek­ti­ve» –, aber es kom­me dar­auf an, wie die Re­gie­rung die Span­nun­gen meis­te­re. «Der Bör­sen­ab­sturz war über­trie­ben, An­le­ger nut­zen die tie­fe­ren Kur­se nun als Ein­stiegs­mög­lich­keit.» Doch es sei zu früh, zu sa­gen, ob die Tür­kei von ih­rem Wachs­tums­kurs ab­wei­che.

Die De­mons­tra­tio­nen in der Tür­kei, der Bür­ger­krieg in Sy­ri­en, der Iran­kon­flikt und im­mer noch Ter­ror im Irak – die rei­chen Golf­staa­ten schei­nen da­mit zu­recht­zu­kom­men. «In­ter­es­san­ter­wei­se ist die Golf­re­gi­on po­li­tisch ge­se­hen ei­ne der sta­bils­ten Re­gio­nen der Welt, trotz all der Kon­flik­te, die sich um die­se Re­gi­on her­um ab­spie­len», er­klärt Si­da­ni. Vom Ara­bi­schen Früh­ling hät­ten die Golf­staa­ten so­gar pro­fi­tiert. Kon­flik­te in Nord­afri­ka und der Bür­ger­krieg in Sy­ri­en wür­den sich nicht auf die Golf­re­gi­on aus­brei­ten. «Der Net­to­ef­fekt ist eher po­si­tiv: Rei­che Sy­rer brin­gen ihr Geld nach Du­bai in Si­cher­heit», denn: Dank der Sta­bi­li­tät und der gu­ten In­fra­struk­tur wer­de Du­bai als si­che­rer Ha­fen in der Re­gi­on ge­se­hen – «als ei­ne Schweiz des Na­hen Os­tens». Die Golf­staa­ten könn­ten sich mit ih­rem Reich­tum aus Kri­sen her­aus­kau­fen, Ar­beits­plät­ze für ih­re Bür­ger ga­ran­tie­ren und Wachs­tum schaf­fen. «Da­zu do­mi­niert dort ei­ne Stam­mes­kul­tur, da­her spielt der Ruf nach De­mo­kra­tie kul­tu­rell kei­ne so gros­se Rol­le.»

Der Streit über Atom­an­la­gen im Iran sei kein spe­zi­fi­sches Ri­si­ko für die Golf­re­gi­on, son­dern ei­ne glo­ba­le Ge­fahr. Durch den Ein­fluss auf den Öl­preis könn­te ei­ne Es­ka­la­ti­on des Kon­flikts der Welt­wirt­schaft scha­den. «Von ei­nem hö­he­ren Öl­preis wür­den die Golf­staa­ten eher pro­fi­tie­ren.»

Ra­mi Si­da­ni sieht Du­bai als Ge­win­ner.

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